Mir geht es nicht um die vollständige Wiedergabe der in der Geschichte der Pädagogik immer wieder auftauchenden Diskussion des Zusammenhangs von Anthropologie und Bildung. Dies ist in der Kürze dieser Arbeit nicht zu gewährleisten. Vielmehr möchte ich auf einige markante historische Einzelaspekte verweisen. Sinn dieser methodischen Vorgehensweise ist der Versuch, sich über das wechselseitige und durchaus nicht einfach einzuordnende Verhältnis von Menschenbild und Bildung klar zu werden. Dabei werde ich zuallererst die Bestimmungsmöglichkeiten in ihrer Allgemeinheit angeben. Danach soll durch die kurze Darstellung von anthropologischer Pädagogik und pädagogischer Anthropologie versucht werden, die Verweisungszusammenhänge aufzuklären. Im abschließenden Teil dieser Arbeit werde ich durch die kurze Wiedergabe zweier Texte zur Erwachsenenbildung versuchen, das in den vorhergehenden Teilen eher theoretisch Dargestellte, an einem Beispiel zu verdeutlichen. Dabei geht es weniger um die Unterscheidung, ob anthropologische Pädagogik oder pädagogische Anthropologie die theoretische Grundlage des jeweiligen Autors war. Vielmehr soll gezeigt werden, dass die Verbindung Menschenbild und Bildung grundlegend von Bedeutung ist und entscheidenden Einfluss auf die jeweilige Vorstellung und Verwirklichung von Bildungskonzeptionen nimmt.
Ich verwende dafür bewusst zwei zeitlich und vor allem ideologisch weit auseinanderliegende Texte, um die Unterschiede der jeweiligen Definition von Bildung noch deutlicher zu machen.
Die Schlussbemerkung dieser Arbeit möchte ich nutzen, um eine persönliche Einschätzung zum Menschenbild, beziehungsweise zur Notwendigkeit desselben, in unserer Zeit zu wagen. Dabei werde ich aus philosophiegeschichtlicher Sichtweise vor allem auf die nihilistischen Auswirkungen zu sprechen kommen, die in ihrer Konsequenz auch nicht vor den der Bildung immanenten Werten halt gemacht haben. Die Berechtigung philosophische Entwicklungslinien als signifikant für den Zusammenhang Menschenbild - Bildung zu rezitieren, gründet sich auf der Annahme, dass trotz erheblicher Einwände gegen die Fähigkeit der Philosophie, die Bestimmung des Menschen entscheidend mitgestalten zu können, dieselbe unerlässlich bleibt. Entscheidend für diese Annahme, ist vor allem die Tatsache der relativ vorhandenen Zweckfreiheit einer philosophischen Untersuchung. Auf welche Art und Weise sie dann zu verstehen ist, soll hier nur angedeutet werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Grundsatzbestimmung des Verhältnisses Menschenbild und Bildung
III. Erläuterungsversuche der Grundsatzbestimmung - Theoretische Entwürfe anthropologische Pädagogik oder pädagogische Anthropologie
III.1. Pädagogische Anthropologie – Erziehungsbedürftigkeit als bestimmendes Wesensmerkmal
III.2. Anthropologische Pädagogik - Erziehungsmöglichkeit nur durch zuvor geleistete anthropologische Bestimmung
IV. Erwachsenenbildungstexte - Blick auf die praktische Umsetzung
IV.1.Volksbildungswesen, Erwachsenenbildung
IV.2. Erwachsenenbildung
V. Vergleichende Darstellung des Menschenbild-Erwachsenenbildungszusammenhang anhand eines nationalsozialistischen Erwachsenenbildungstextes und einem aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts
V.1. Erwachsenenbildung im Lichte der nationalsozialistischen Ideologie
V.2. Erwachsenenbildung gegründet auf anthropologisch bestimmender Ich-Du-Begegnung
VI. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe und wechselseitige Verhältnis von Menschenbild und Bildung sowie dessen maßgeblichen Einfluss auf unterschiedliche Bildungskonzeptionen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie verschiedene anthropologische Annahmen die Zielsetzung und Ausgestaltung pädagogischer Ansätze, insbesondere in der Erwachsenenbildung, prägen.
- Grundlagen des Zusammenhangs zwischen Anthropologie und Bildung
- Theoretische Differenzierung: Pädagogische Anthropologie vs. Anthropologische Pädagogik
- Analyse praktischer Erwachsenenbildungstexte vor und nach dem Nationalsozialismus
- Bedeutung der Ich-Du-Begegnung für die personale Bildung
- Kritische Reflexion der Auswirkung ideologischer Menschenbilder auf die Bildungspraxis
Auszug aus dem Buch
III.1. Pädagogische Anthropologie – Erziehungsbedürftigkeit als bestimmendes Wesensmerkmal
Schon Kant stellt in der Einleitung seiner Schrift „Über Pädagogik“ fest, dass „der Mensch ... das einzige Geschöpf [ ist MJ], das erzogen werden muss“. Weiter heißt es: „Disziplin und Zucht ändert die Tierheit in die Menschheit um.“ (Kant, 1964, S. 697)
Damit wird nur zu deutlich, inwieweit „[ in MJ ] der Pädagogischen Anthropologie, ... der Mensch als erziehbares und erziehungsbedürftiges Wesen - homo educandus und educabilis – [erscheint MJ].“ (Flitner, 1963, S. 218). In Anlehnung an die Bestimmung Kants wird die Menschwerdung unlösbar mit der Fähigkeit des Lernens beziehungsweise des Bedürfnisses erzogen zu werden, verbunden. Hier möchte ich kurz auf den Artikel Roths eingehen, da er als grundlegend für die Pädagogische Anthropologie anzusehen ist.
Die Problemlage von der her Roth seinen Vorschlag entwirft, schließt sich an das oben Genannte an. Nicht die grundsätzliche Bindung der Bildung an Anthropologie wird aufgekündigt, sondern gerade die Unbestimmtheit der philosophischen, soziologischen, etc. Daseinsentwürfe, lässt Bildung als die einzige Möglichkeit erscheinen, insofern die Gesellschaft sie theoretische entwerfen und praktisch umsetzen kann, um den infiniten Regress der Selbstbestimmung des Menschen umzuwandeln, in ein fruchtbares Relationsverhältnis:
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung erläutert den methodischen Ansatz, die historische Perspektive auf das Verhältnis von Menschenbild und Bildung zu untersuchen, um dessen grundlegende Bedeutung für Bildungskonzeptionen aufzuzeigen.
II. Grundsatzbestimmung des Verhältnisses Menschenbild und Bildung: Hier wird die Notwendigkeit einer anthropologischen Fundierung bildungstheoretischer Ansätze dargelegt und die Philosophie als unverzichtbare Grundwissenschaft für die Pädagogik identifiziert.
III. Erläuterungsversuche der Grundsatzbestimmung - Theoretische Entwürfe anthropologische Pädagogik oder pädagogische Anthropologie: Dieses Kapitel arbeitet den theoretischen Gegensatz zwischen den beiden Disziplinen heraus, wobei die jeweils zugrunde liegenden Basisbestimmungen kritisch hinterfragt werden.
III.1. Pädagogische Anthropologie – Erziehungsbedürftigkeit als bestimmendes Wesensmerkmal: Der Fokus liegt auf dem Menschen als erziehbares Wesen, wobei die Erziehungsbedürftigkeit nach Kant und Roth als zentrales Moment der Menschwerdung begründet wird.
III.2. Anthropologische Pädagogik - Erziehungsmöglichkeit nur durch zuvor geleistete anthropologische Bestimmung: Es wird die These vertreten, dass erfolgreiche Erziehung zwingend auf einer vorgelagerten, klaren Wesensbestimmung des Menschen aufbauen muss.
IV. Erwachsenenbildungstexte - Blick auf die praktische Umsetzung: Dieses Kapitel prüft, wie sich unterschiedliche Menschenbilder in konkreten historischen Texten zur Erwachsenenbildung niederschlagen.
IV.1.Volksbildungswesen, Erwachsenenbildung: Eine Analyse nationalsozialistischer Texte zeigt, wie Bildung hier zur bloßen Konditionierung der Massen unter dem Diktat der Ideologie instrumentalisiert wurde.
IV.2. Erwachsenenbildung: Im Kontrast dazu steht das Bild der Erwachsenenbildung als Hilfestellung zur Persönlichkeitsgestaltung und individuellen Selbstfindung in einer pluralistischen Welt.
V. Vergleichende Darstellung des Menschenbild-Erwachsenenbildungszusammenhang anhand eines nationalsozialistischen Erwachsenenbildungstextes und einem aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts: Hier erfolgt eine direkte Gegenüberstellung der gegensätzlichen Menschenbild-Konzepte und ihrer praktischen Konsequenzen.
V.1. Erwachsenenbildung im Lichte der nationalsozialistischen Ideologie: Es wird verdeutlicht, wie eine biologistisch-rassische Anthropologie die Entmündigung des Einzelnen zugunsten der völkischen Gemeinschaft forderte.
V.2. Erwachsenenbildung gegründet auf anthropologisch bestimmender Ich-Du-Begegnung: Dieser Abschnitt beschreibt das dialogische Konzept der Erwachsenenbildung, das die personale Relationalität als Kern andragogischer Arbeit begreift.
VI. Schluss: Die Zusammenfassung betont die Unausweichlichkeit der Bindung von Bildung an ein Menschenbild und fordert eine kritische Reflexion der historischen und ideologischen Implikationen solcher Bestimmungen.
Schlüsselwörter
Anthropologie, Bildung, Pädagogische Anthropologie, Anthropologische Pädagogik, Menschenbild, Erwachsenenbildung, Nationalsozialismus, Erziehungsbedürftigkeit, Personale Bildung, Ich-Du-Begegnung, Philosophie, Volksbildung, Subjekt, Weltanschauung, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das untrennbare und wechselseitige Verhältnis zwischen dem Bild, das wir vom Menschen haben, und der Art und Weise, wie Bildung und Erziehung theoretisch sowie praktisch gestaltet werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die theoretische Abgrenzung zwischen pädagogischer Anthropologie und anthropologischer Pädagogik sowie die praktische Analyse von Erwachsenenbildungskonzepten in unterschiedlichen historischen Epochen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass jede Bildungskonzeption auf einem Menschenbild basiert. Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich dieses Menschenbild in der pädagogischen Praxis niederschlägt und welche ideologischen Gefahren mit seiner Auslegung verbunden sein können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt einen historischen und komparativen Ansatz. Er analysiert markante theoretische Entwürfe sowie konkrete historische Lexika-Einträge zur Erwachsenenbildung, um die Wirkungszusammenhänge von Anthropologie und Bildung nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Begriffe, eine historische Analyse von Bildungsansätzen im Nationalsozialismus sowie eine gegenüberstellende Betrachtung humanistischer, dialogorientierter Bildungsideale aus den 1960er Jahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern zählen Anthropologie, Menschenbild, Bildung, Pädagogische Anthropologie, Ich-Du-Begegnung und Erwachsenenbildung.
Wie unterscheidet sich die im Text analysierte "Volksbildung" der NS-Zeit von der "Erwachsenenbildung" der 60er Jahre?
Während die Volksbildung der NS-Zeit auf eine totale Eingliederung des Einzelnen in ein ideologisches System und eine biologisch-rassische Anthropologie abzielte, fokussiert die Erwachsenenbildung der 60er Jahre auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und die Freiheit der Ich-Du-Begegnung.
Warum ist die philosophische Untersuchung des Menschenbildes für die heutige Pädagogik noch relevant?
Der Autor argumentiert, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Menschenbild unumgänglich ist, um ideologische Instrumentalisierungen der Bildung zu vermeiden und die Bildungskonzeptionen in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft reflektiert neu entwerfen zu können.
- Quote paper
- M.A. Mirko Jungkunz (Author), 2002, Anthropologie und Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48616