Vor dem Hintergrund der Kritik der mangelnden Ausbildungsreife an die heutigen Schulabsolventen bzw. Lehrstellenbewerber und der zum Teil scharfen Verurteilung der Übergangsmaßnahme Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und deren Ziel Förderung der Ausbildungsreife ergibt sich die Notwendigkeit, das BVJ an einer Praxisschule hinsichtlich deren Förderkonzept zur Erlangung der Ausbildungsreife zu untersuchen. Dies ermöglicht einen Vergleich zwischen den theoretischen Ansprüchen und der praktischen Umsetzung. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist somit die Ausarbeitung eines Theorie-/Praxis-Vergleiches in Bezug auf die Förderung der Ausbildungsreife an einer Praxisschule.
Nicht allen Jugendlichen gelingt heutzutage der fließende Übergang von der allgemeinbildenden Schule in das duale Ausbildungssystem. Davon betroffen sind überwiegend Absolventen der Hauptschule, denn trotz zahlreicher Bewerbungen finden sie keinen Ausbildungsplatz. Die Gründe sind, zumindest aus Arbeitgebersicht, offensichtlich: Den Jugendlichen fehlt es zunehmend an Ausbildungsreife. Insbesondere soziale und personale Kompetenzen wie beispielsweise Zuverlässigkeit, Verantwortungsbereitschaft oder Teamfähigkeit werden neben den schulischen Leistungen dabei als mangelhaft eingestuft, weshalb Unternehmen keine passenden Auszubildenden unter den Bewerbern mehr finden.
Jugendliche, die sich auf dem Lehrstellenmarkt letztendlich absolut nicht bewähren konnten und zum 1. September noch keinen Ausbildungsplatz aufweisen können, unterliegen trotzdem noch der Schulpflicht. Sie werden deshalb vom sogenannten Übergangssystem, das in den verschiedensten Varianten angeboten wird und in den Institutionen der Berufsschule integriert ist, aufgefangen. Neben dem Absitzen der Schulpflicht sollen im Übergangssystem die Wissenslücken dieser Schüler geschlossen und deren Defizite bereinigt werden, sowie eine Vorbereitung auf eine zukünftige Ausbildung erfolgen, um ihre Chancen nach einem Jahr auf dem Ausbildungsmarkt zu erhöhen.
Das wohl bekannteste Angebot des Übergangssystems ist das BVJ. Obwohl das BVJ oft dahingehend kritisiert wird, dass es für Jugendliche lediglich als Auffangbecken dient, um sie nicht sofort in die Arbeitslosigkeit zu schicken, liegt die Intention des BVJ trotzallem darin, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz auf eine berufliche Tätigkeit vorzubereiten.
1. Themenhinführung
1.1 Motivation
1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit
2. Das schulische Berufsvorbereitungsjahr
2.1 Historischer Abriss und Einordnung in das Übergangssystem
2.2 Aufbau und Ziele
3. Die Förderung der Ausbildungsreife als Gütekriterium des BVJ
3.1 Zur Problematik der mangelnden Ausbildungsreife Jugendlicher
3.2 Das schulische BVJ als Maßnahme gegen mangelnde Ausbildungsreife Jugendlicher
3.3 Das Konzept der Ausbildungsreife – Kriterienkatalog der Bundesagentur für Arbeit
4. Berufswahlreife als Dimension von Ausbildungsreife
4.1 Berufswahlreife im Kriterienkatalog
4.2 Berufswahlreife in der Literatur
4.2.1 Abgrenzung der Begriffsvielfalt
4.2.2 Das Berufswahlreifekonzept von D. E. Super
4.3 Theoretische Eingrenzungen in Bezug auf das Forschungsvorhaben
5. Das Berufsvorbereitungsjahr an der Praxisschule
6. Empirische Erhebung zur Förderung der Berufswahlreife an der Praxisschule
6.1 Methodenwahl
6.1.1 Das qualitative Interview
6.1.2 Erstellung des Interviewleitfadens
6.1.3 Sampling
6.2 Auswertung des Interviews
6.3 Ergebnisse der Untersuchung
7. Auswirkung der Ergebnisse auf die Berufswahlreife der BVJ-Schüler
8. Theorie- / Praxisvergleich und Abweichungen
9. Handlungsempfehlungen zur Förderung der Berufswahlreife von BVJ-Schülern
9.1 Förderung der Informationskompetenz
9.2 Förderung der Selbsteinschätzungskompetenz mit Realitätsorientierung
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Förderkonzept zur Erlangung der Ausbildungsreife im schulischen Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) am Beispiel einer Praxisschule in Nürnberg. Ziel ist es, durch einen Theorie-Praxis-Vergleich aufzuzeigen, inwieweit das BVJ-Angebot den theoretischen Anforderungen zur Förderung der Berufswahlreife entspricht und wo Optimierungspotenziale liegen.
- Analyse des Konzepts der Ausbildungsreife und des Kriterienkatalogs der Bundesagentur für Arbeit.
- Vertiefende Betrachtung der Berufswahlreife als zentrale Dimension der Ausbildungsreife nach Donald E. Super.
- Empirische Untersuchung der Förderinstrumente an einer beruflichen Schule mittels leitfadengestützter Interviews.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Stärkung der Informations- und Selbsteinschätzungskompetenz von BVJ-Schülern.
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Das Berufswahlreifekonzept von D. E. Super
Mit der Berufswahlreife hat sich vermehrt die angloamerikanische Wissenschaft auseinandergesetzt. Zu den Begründern gehört vor allem Donald E. Super, der aufbauend auf der Berufswahltheorie die Berufswahlreifetheorie konzipiert hat. Um ein Verständnis von Supers Konzept der Berufswahlreife zu entwickeln, ist es notwendig zunächst den theoretischen Hintergrund in Bezug auf die Berufswahltheorie und das Konzept der beruflichen Entwicklung darzustellen.
Berufswahl wurde 1951 zunächst von Ginzberg als ein Entwicklungsprozess dargestellt, der bereits in der frühen Kindheit beginnt. In Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern untersuchte dieser, in welcher Lebensphase sich welche beruflich relevanten Eigenschaften entwickeln. Ausgehend von Ginzbergs Entwicklungsmodell arbeitet Super 1975 sein 5-Stadien-Modell aus, in welches er den Begriff des beruflichen Selbstkonzeptes integrierte. Super glaubt, dass Menschen versuchen sich selbst und somit ihr Selbstkonzept durch den Beruf auszudrücken (Kaplan & Saccuzzo, 2005, S. 470-471). Ferner vertritt er die Ansicht, dass sich berufliche Entwicklung durch die Verwirklichung eines Selbstkonzeptes einstellt. Demnach unterliegt das Selbstkonzept einem lebenslangen Prozess. Es formt sich zunächst in der familiären Umgebung und wird anschließend auf die berufliche Situation übertragen und dort verwirklicht, weshalb es von Super als essentiell in der beruflichen Entwicklung gesehen wird (Credé & Daepp, 2008, S. 4-7; Mosberger, Schneeweiß & Steiner, 2012, S. 8). Er teilt die berufliche Entwicklung nach folgendem Schema in fünf Phasen ein, wobei für die Berufswahl Jugendlicher nur die ersten zwei Stadien relevant sind:
1. Stadium des Wachstums (Geburt bis 14 Jahre): Das Selbstkonzept und somit die berufliche Entwicklung wird überwiegend beeinflusst durch die Phantasie (4-10 Jahre), die Interessen (11-12 Jahre) und die Fähigkeiten (13-14 Jahre) des Individuums.
2. Stadium der Erkundung (15-24 Jahre): Vor dem Hintergrund eigener Interessen und Fähigkeiten werden die ersten beruflichen Entscheidungen getroffen und berufliche Aktivitäten erprobt. Ferner wird versucht, das Selbstkonzept in einer Beschäftigung bzw. Berufsausbildung zu realisieren und in einem ausgewählten Tätigkeitsfeld Fuß zu fassen, um zu erproben, ob dieses für das ganze Berufsleben adäquat erscheint. Insgesamt soll im zweiten Stadium eine Annäherung an das Berufsleben erfolgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Themenhinführung: Motiviert die Relevanz der Untersuchung durch die Problematik mangelnder Ausbildungsreife und definiert das Ziel, das BVJ an einer Praxisschule zu analysieren.
2. Das schulische Berufsvorbereitungsjahr: Beschreibt die historische Entwicklung, die Einordnung in das Übergangssystem sowie den Aufbau und die Ziele des BVJ in Bayern.
3. Die Förderung der Ausbildungsreife als Gütekriterium des BVJ: Diskutiert die Problematik der mangelnden Ausbildungsreife und stellt den Kriterienkatalog der Bundesagentur für Arbeit als theoretisches Fundament vor.
4. Berufswahlreife als Dimension von Ausbildungsreife: Operationalisiert den Begriff der Berufswahlreife und verknüpft das Konzept des Kriterienkatalogs mit dem wissenschaftlichen Berufswahlreifekonzept von D. E. Super.
5. Das Berufsvorbereitungsjahr an der Praxisschule: Detailliert die konkreten Förderangebote und Strukturen der untersuchten Berufsschule 6 in Nürnberg.
6. Empirische Erhebung zur Förderung der Berufswahlreife an der Praxisschule: Erläutert die methodische Vorgehensweise durch qualitative Experteninterviews zur Untersuchung der Förderpraxis.
7. Auswirkung der Ergebnisse auf die Berufswahlreife der BVJ-Schüler: Analysiert die Wirkung der identifizierten Instrumente auf die Informations- und Selbsteinschätzungskompetenz der Schüler.
8. Theorie- / Praxisvergleich und Abweichungen: Führt den Soll-Ist-Vergleich zwischen theoretischen Anforderungen und tatsächlicher Umsetzung durch.
9. Handlungsempfehlungen zur Förderung der Berufswahlreife von BVJ-Schülern: Schlägt konkrete Maßnahmen zur Schließung identifizierter Lücken im Förderkonzept der Praxisschule vor.
10. Fazit: Fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf den weiteren Handlungsbedarf bei der Konzeptentwicklung.
Schlüsselwörter
Ausbildungsreife, Berufswahlreife, Berufsvorbereitungsjahr, BVJ, Übergangssystem, Informationskompetenz, Selbsteinschätzungskompetenz, Realitätsorientierung, Kriterienkatalog, Berufsberatung, Berufliche Entwicklung, Donald E. Super, Förderkonzept, Praxisschule, Berufliche Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das schulische Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) dazu beiträgt, die Ausbildungsreife und speziell die Berufswahlreife von Jugendlichen zu fördern, die den direkten Übergang in das duale Ausbildungssystem noch nicht geschafft haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definition und Operationalisierung von Ausbildungs- und Berufswahlreife, die Analyse des deutschen Übergangssystems sowie die praktische Umsetzung von Fördermaßnahmen an einer konkreten beruflichen Schule.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist ein systematischer Vergleich zwischen den theoretischen Anforderungen an die Förderung der Berufswahlreife und der tatsächlichen praktischen Umsetzung an einer ausgewählten Praxisschule, um bestehende Defizite aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen Ansatz. Es wurde ein leitfadengestütztes Experteninterview mit einer zuständigen Lehrkraft durchgeführt, um die verschiedenen Förderinstrumente der Praxisschule zu erfassen und zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Begriffe, die Beschreibung der Praxisschule und ihrer Angebote, eine empirische Erhebung sowie einen Soll-Ist-Vergleich inklusive abgeleiteter Handlungsempfehlungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Ausbildungsreife, Berufswahlreife, Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), Informationskompetenz und Selbsteinschätzungskompetenz charakterisiert.
Welche Rolle spielt das "Schwellenmodell" in dieser Untersuchung?
Das Schwellenmodell dient dazu, das komplexe Übergangssystem strukturiert einzuordnen. Die erste Schwelle beschreibt dabei den problematischen Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsausbildung, bei dem das BVJ unterstützend eingreift.
Warum konzentriert sich die Autorin speziell auf die "Berufswahlreife"?
Da der Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife sehr umfangreich ist, wäre eine Analyse aller Dimensionen über den Rahmen dieser Masterarbeit hinausgegangen. Die Berufswahlreife wurde als essenzieller "Vorläufer" für den Erfolg beim Einstieg in das Berufsleben gewählt.
- Arbeit zitieren
- Maria Kammerer (Autor:in), 2014, Das Berufsvorbereitungsjahr. Ist die Kritik der mangelden Ausbildungsreife berechtigt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/486872