Die Figurendarstellungen der Maria in "Maria Stuart" von Friedrich Schiller und "Maria Stuart i Skotland" von Bjørnstjerne Bjørnson

Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung


Hausarbeit, 2018
15 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Figur der Maria
1.1 … in Schillers Maria Stuart
1.2 … in Bjørnsons Maria Stuart i Skotland

2 Vergleich der Figurendarstellungen

Fazit

Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schillers Maria Stuart ist ein historisches Stück, das im Jahre 1800 erschienen ist. Bjørnstjerne Bjørnson verfasste wenige Jahrzehnte später ebenfalls ein Geschichtsdrama über die Königin von Schottland. Sein großes Interesse an diesem Stoff und an Schillers Dramatik begann, nachdem er eine Aufführung von Maria Stuart in Hannover gesehen hatte.1 Bjørnson empfand die Figur der Maria als „uhistorisk“2 und war nicht einverstanden mit ihrer Charakterisierung in diesem Stück, sodass er angeregt wurde, sein eigenes Drama zu entwickeln. „Schillers indflydelse på Bjørnsons ’Maria Stuart i Skotland’“3 ist demnach deutlich erkennbar und die Auseinandersetzung mit seinem Werk war ein Auslöser, der Bjørnson dazu veranlasste, sich dem gleichen Stoff zu widmen.

In dieser Seminararbeit soll transparent gemacht werden, inwiefern die Darstellung der Protagonistin Maria in Schillers Werk Maria Stuart und in Bjørnsons Drama Maria Stuart i Skotland Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweist.

Zu Beginn wird das Stück Maria Stuart auf die Darstellungsweise der Maria hin untersucht. Dabei wird sowohl ihr Äußeres als auch ihre Charakterzüge und Verhaltensweisen aufgedeckt. Darüber hinaus findet eine Einordnung der Figur in Schillers Theorie der schönen Seele statt. Anschließend werden Aspekte der Darstellung der Protagonistin in Bjørnsons Maria Stuart i Skotland ermittelt. Darauf aufbauend sollen die distinktiven Merkmale gegenübergestellt werden, um sie im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren und zu einem Fazit zu gelangen.

Die Basis dieser Seminararbeit, hinsichtlich der Sekundärliteratur über Schiller, stellt unter anderem der Aufsatz von Wucherpfennig dar, der sich in seiner Thematik der Hinrichtung unter anderem auf den Aspekt der leidenschaftlichen Affekte konzentriert. Darüber hinaus diente das Schiller-Handbuch zur ersten Orientierung über das Drama. Des Weiteren sind Auszüge aus Kristina Bonns Monographie Vom Schönen: Schönheitskonzeptionen bei Lessing, Goethe und Schiller zentral für die Stützung der Argumentation. Über Bjørnstjerne Bjørnsons Historiendrama hingegen bietet die Forschung bisher wenig Anhaltspunkte. Ein allgemeines Werk zur Dramenthematik bei Bjørnson dagegen stellt Nitschke mit seiner Monographie Der Figurenaufbau in Bjørnstjerne Bjørnsons Dramen, welche zu einem wesentlichen Anteil in die Argumentation dieser Hausarbeit eingebunden wird, bereit. Außerdem erwähnt Francis Bull in seinem Aufsatz Schillers betydning for Bjørnsons historiske skuespildigting Informationen zum Kontext des Stückes, die ebenfalls in diese Arbeit einfließen.

1 Die Figur der Maria…

Dieses Kapitel soll herausstellen, wie die Figur der Maria in den Dramen Schillers und Bjørnsons dargestellt wird. Dabei wird im ersten Abschnitt auf Schillers Theorie der schönen Seele eingegangen und hauptsächlich mit Maria Stuarts Verhaltensweisen in Verbindung gesetzt. In Abschnitt 1.2 hingegen werden die Züge der Maria in Bjørnsjerne Bjørnsons Drama betrachtet.

1.1 … in Schillers Maria Stuart

Dieses Kapitel untersucht, wie die Figur der Maria in Schillers Maria Stuart dargestellt wird. Zunächst einmal kann angemerkt werden, dass Marias Äußeres in diesem Drama durch außerordentliche Schönheit gekennzeichnet wird. Mortimer beschreibt ihre Erscheinung durch einen „Schönheitsglanze“4 und „Licht und Leben“ (MS, S.29). Männer fühlen sich verstärkt zu ihr hingezogen, wie es am Beispiel von Mortimer oder Leicester deutlich gemacht wird.

Maria absolviert im Verlauf des Dramas eine Entwicklung und wird dementsprechend als dynamische Figur illustriert. Zu Beginn wird sie als ein äußerst leidenschaftlicher, später als sehr erhabener Charakter gezeichnet. Dieses Stück hat demnach „die innere Entwicklung der Charaktere [, vor allem der Maria,] zum Gegenstand“5. Dieser Wandel lässt sich am Beispiel von Schillers Ideal der schönen Seele nachvollziehen, welches in seinem Werk Über Anmut und Würde bereits angedeutet wird.6 Gabriele von Bassermann-Jordan stellt dieses Ideal differenzierter dar: „Die ‚schöne Seele‘ ist es, der innere Schönheit zukommt, denn in ihrem Charakter stimmen Sinnlichkeit und Vernunft harmonisch überein. […] Die schöne Seele ist als eine solche zuverlässig daran zu erkennen, daß sie sich unter momentaner äußerer Gewalteinwirkung (‚im Affekt‘) in eine erhabene Seele verwandelt.“7. Diese Theorie schließt sowohl das Vorhandensein von „Mitgefühl für fremdes Leid, Empfindsamkeit, Gerechtigkeitsliebe [und] soziale[n] Sinn“8 als auch die „Sanftmut des Herzens“9 mit ein. Darüber hinaus weiß eine Person, die sich durch eine schöne, beziehungsweise erhabene Seele auszeichnet, ihre sinnlichen Affekte zu kontrollieren und einzuschränken.10

Am Anfang des Dramas wird Maria als sehr schwermütig dargestellt, da sie sich selbst als Sterbende ansieht (Vgl. MS, S. 14). Die Beteiligung und damit Mitschuld am Tod ihres Ehemannes ergreift sie immer wieder (Vgl. MS, S. 18f.). Selbst nachdem ihre Amme Hanna Kennedy sie tröstet und ihr Mut zuspricht, besteht Maria auf die Schwere ihrer Schuld und gibt sich dieser Bürde hin (Vgl. MS, S. 19). Darüber hinaus wird die Figur als leichtsinnig (Vgl. MS, S. 21) und passioniert, sogar hitzig beschrieben. Sie ist eine Figur, die „ihren Affekten Ausdruck verleiht“11. Als ihr im ersten Akt der Gerichtsbeschluss verkündet wird, weigert Maria sich, diesen anzunehmen: „Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten!“ (MS, S. 43). Während des Aufeinandertreffens mit Elisabeth wird ihre Leidenschaft und Impulsivität erneut transparent.

Eh‘ mögen Feu’r und Wasser sich in Liebe

Begegnen und das Lamm den Tiger küssen -

Ich bin zu schwer verletzt – sie h a t zu schwer

Beleidigt – Nie ist zwischen uns Versöhnung! (S. 94)

Elisabeth ist Maria so sehr verhasst, dass diese sich nicht zügeln und ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Es ist ihr nicht möglich, sich während des ganzen Gesprächs gemäßigt zu verhalten. Darüber hinaus erniedrigt und beleidigt Maria sie.

Der Thron von England ist durch einen Bastard

Entweiht, der Britten edelherzig Volk

Durch eine list’ge Gauklerin betrogen.

- Regierte Recht, so läget Ihr vor mir

Im Staube jetzt, denn ich bin Euer König. (S. 104)

Diese Passage verdeutlicht, dass Maria ihr Temperament nicht zu zügeln, ihre Affekte nicht zu kontrollieren weiß. Sie agiert unüberlegt, „unklug und gegen ihre eigenen Interessen“12 und denkt nicht an die Konsequenzen ihres Handelns, sodass sie „das Bild tödlich drohender Weiblichkeit [spiegelt]“13. Diese impulsive Tat lässt keinerlei Schlüsse auf das Erhabene und Schöne ihrer Seele am Ende des Dramas zu. Vielmehr illustriert Schiller hier das Gegenteil seines Ideals. Es ist an dieser Stelle sogar Maria selbst, die „eine unheimliche Beschleunigung in den tödlichen Ausgang dieses Dilemmas bringt“14.

Dennoch findet zu Beginn der Konversation eine Andeutung des Wandels statt: „Fahr hin, oh ohnmächt’ger Stolz der edeln Seele!“ (MS, S. 97). Diese Aussage umreißt bereits die Darstellung der Figur vor ihrer Hinrichtung, dennoch neigt Maria in der Situation des Aufeinandertreffens mit Elisabeth dazu, sich vom Edlen abzuwenden und erneut ihrer Leidenschaft zu verfallen.

Ihre Entwicklung zur furcht- und selbstlosen, mit sich und anderen im Reinen stehenden Figur wird vornehmlich im fünften Akt geschildert. „Sie selber ists, Die uns das Beispiel edler Fassung giebt“ (MS, S. 150). Schon im ersten Auftritt des fünften Aufzuges verwendet Schiller den Terminus ‚edel‘. Dieser deutet bereits auf das angestrebte Ideal der schönen, erhaben und edlen Seele hin. Des Weiteren wird Maria als äußerst menschlich dargestellt. Sie kümmert sich sehr um ihre Bediensteten, segnet diese und nimmt sie in ihr Testament auf (Vgl. MS, S. 158ff.). Außerdem beinhaltet ihr letzter Wille die Entlassung ihrer Gefolgschaft aus Schottland (Vgl. MS, S. 167). Ihre Gedanken beinhalten mehr das Wohl ihrer Diener als ihr eigenes: „Kein Merkmal bleicher Furcht, kein Wort der Klage“ (MS, S. 151), denn „nicht das eigne Schicksal, [sondern] der fremde Jammer preßte sie ihr ab“ (MS, S. 151). Es wird deutlich, dass sie den bereits genannten Aspekt der Empathie, der unter anderem eine schöne Seele auszeichnet, erfüllt. Das Ideal der schönen Seele wird überdies in einer Aussage Marias transparent, in der sie anspricht, dass sie „[d]en würd’gen Stolz in [ihrer] edeln Seele“ (MS, S. 157) spürt. Zum Ende des Dramas gesteht sie Melvil all ihre Sünden und ersucht Vergebung (Vgl. MS, S. 160ff.), auf welche Weise sie die „Selbst- und Affektüberwindung“15 vollständig abgeschlossen hat und dem Leitbild der schönen Seele entspricht; sogar den Bereich des Erhabenen betritt. Anschließend wird sie, bereit für diesen Schritt und ihn als Erlösung ansehend (Vgl. MS, S. 170), hingerichtet. „Der tiefgreifende Wandel zwischen der Königinnen- Szene und der Todesstunde läßt sich [demnach] im Horizont der ästhetischen Theorie Schillers adäquat erfassen“16.

[...]


1 Francis Bull: „Schillers betydning for Bjørnsons historiske skuespildigtning”, in: Festskrift tillägnad W e r n er Söderhjelm, den 26 Juli 1919, Helsingfors 1919, S. 42-61, 50.

2 ebd.

3 ebd., S.58.

4 Nikolas Immer (Hg.): Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 9, Teil 1, Maria Stuart, Weimar 2010, S. 28. Im Folgenden werden Verweise auf diesen Primärtext in den Fließtext eingebunden und durch die Abkürzung MS gekennzeichnet.

5 Gert Vonhoff: „Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzügen (1801)“, in: Matthias Luserke-Jaqui (Hg.): S chiller-Handbuch: Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart 2005, S. 153-168, 157.

6 Vgl. ?

7 Gabriele von Bassermann-Jordan: „Schönes Leben! du lebst, wie die zarten Blüthen im Winter…“: Die Figur der Diotima in Hölderlins Lyrik und im „Hyperion“-Projekt: Theorie und dichterische Praxis, Würzburg 2004, S. 55ff.

8 Hans Schmeer: Der Begriff der „schönen Seele“. Besonders bei Wieland und in der deutschen Literatur d es 18. Jahrhunderts, Germanische Studien, Band 44, Berlin 1926, S. 57.

9 ebd., S. 60.

10 Trinidad Pineiro Costas: Schillers Begriff des Erhabenen in der Tradition der Stoa und Rhetorik, Frankfurt am Main 2006, S. 117.

11 Kristina Bonn: Vom Schönen: Schönheitskonzeptionen bei Lessing, Goethe und Schiller, Bielefeld 2008, S. 141.

12 Anton Janko: „Leidenschaft und ihre Folgen für Maria Stuart“, in: Matjaž Birk und Thomas Eicher:

S tefan Zweig und das Dämonische, Würzburg 2008, S. 122-127, 125.

13 Wolf Wucherpfennig: „Maria Stuart oder die Kunst des Sterbens“, in: Astrid Lange-Kirchheim (Hg.):

Friedrich Schiller. Freiburger Literaturpsychologische Gespräche. Jahrbuch für Literatur und

Psychoanalyse, Band 35, Würzburg 2016, S. 257-290, 277.

14 Andreas Müller: „Nur der Schatten der Maria – Identität und Krise in Schillers ‚Maria Stuart‘“, in: Oliver

Kohn und Martin Roussel (Hg.): Einschnitte: Identität in der Moderne, Würzburg 2007, S. 263-276, 275.

15 Wucherpfennig: „Maria Stuart oder die Kunst des Sterbens“, S. 277.

16 Vonhoff: „Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzügen (1801)“, S. 158.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Figurendarstellungen der Maria in "Maria Stuart" von Friedrich Schiller und "Maria Stuart i Skotland" von Bjørnstjerne Bjørnson
Untertitel
Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V487458
ISBN (eBook)
9783668970991
ISBN (Buch)
9783668971004
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figurendarstellungen, eine, bjørnson, bjørnstjerne, skotland, schiller, friedrich, stuart, maria, untersuchung
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Figurendarstellungen der Maria in "Maria Stuart" von Friedrich Schiller und "Maria Stuart i Skotland" von Bjørnstjerne Bjørnson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/487458

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