Das Identitätsproblem und seine Auslegung im Roman "Stiller" von Max Frisch

Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung


Seminararbeit, 2017
11 Seiten

Leseprobe

Inhalt

0.EINLEITUNG

1.MAX FRISCH

2.STILLER

3.DIE IDENTITÄT

4.SCHLUSSFOLGERUNG

5.QUELLENVERZEICHNIS

0.EINLEITUNG

Jeder Mensch hatte bestimmt schon einmal in einem gewissen Abschnitt seines Lebens den Gedanken, aus der Rolle und Funktion seiner Existenz hinauszutreten und jemand anders zu sein. Jemand, der vielleicht ein unbekümmertes Leben führte und das ideale Dasein auf dieser Welt verkörperte. Manchmal kann die Position der eigenen Person zu viel werden und man möchte einfach von neu anfangen wollen, mit neuer Identität und neuer Aufgabe. Die eigene, nicht auszuhaltende Maske endgültig vom Gesicht zu reißen und die neue aufzutragen, wäre bei manchen Persönlichkeiten eine Gelegenheit der Zuflucht, vom alltäglichen Lebensweg zu entkommen. Es gibt einige Wissenschaften, die sich mit diesem Zustand beschäftigen darunter die Soziologie und die Psychologie. Das Identitätsproblem kann auch Gegenstand der Literatur sein. Einer der bekanntesten Autoren hierbei ist der Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Der ehemalige Architekt ging in vielen seiner Romane in die Problematik der Identität ein. Als Beispiel können „Stiller“ (1954), „Homo faber“ (1957) und „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) aufgezählt werden. In allen drei Romanen zeichnet sich im Allgemeinen das Motiv des Ichs, die Suche nach dem Sinn der Personalien und der Existenz aus. Ein Schweizer Bildhauer, der sich als einen Amerikaner mit dem Namen „James Larkin White“ ausgibt. Der Ingenieur „Walter Faber“, der eine gespaltene Identität aufweist, gibt sich selbst für einen Techniker und Rationalist aus. Dieses Bildnis aber, das er von sich selbst gemacht hat, fängt im Laufe des Geschehens an auseinander zu bröckeln und das wahre Ich tritt zum Vorschein. Und zuletzt ein Mann, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat und sich beschließt in einige Identitäten hineinzuschlüpfen. Einer davon ist ein Mann namens „Theo Gantenbein“, der nach einem Autounfall die Rolle eines Blinden spielt und sein Umfeld aus einer anderen Perspektive betrachtet. (Vgl. Bessell 2001, S.3)

Es gibt viele Unterbegriffe bezüglich des Ausdrucks „Identität“ wie z.B. „kollektive Identität“ oder „nationale Identität“ usw. auf die wir nicht eingehen möchten. Wir wollen mehr auf die personale Identität eingehen, die den Charakter des individuellen Wesens auszeichnet. Wir beabsichtigen mit dieser Arbeit die Identitätsproblematik, die von Max Frisch thematisiert wurde mit einigen Beispielen aus dem Roman „Stiller“ wiederzugeben. Warum möchte das Individuum eine andere Identität annehmen? Was könnten die Gründe für einen solchen Rollentausch sein? Das sind zwei wesentliche Fragen auf die wir eingehen werden.

1.MAX FRISCH

Ein wichtiger Schriftsteller, der sich intensiv mit der Identitätsproblematik des Menschen auseinandersetzte und ihnen mit Hilfe seiner zahlreich veröffentlichten Bücher ein Gesicht gab, war der Schweizer Dramatiker Max Frisch. Frisch wurde im Jahre 1911 in Zürich geboren und hatte zwei Geschwister. Sein Vater war Architekt und er selbst begann nach einem abgebrochenen Germanistikstudium als Architekt zu arbeiten. Er baute in den Jahren 1947-1949 ein Freibad, das zu einem seiner wichtigsten Bauwerke zählte. Der Züricher Architekt änderte sein Leben um und fing mit der Schriftstellerei an, dass er während seiner Studienzeit praktizierte, in dem er kleine Gedichte und Theaterstücke schrieb. Doch den Durchbruch schaffte er im Jahre 1954 mit dem Roman „Stiller“, der millionenfach verkauft wurde. Weitere wichtige Romane die er verfasste waren „Homo faber“ (1957) und „Mein Name sei Gantenbein“ (1964). Auch in der Theaterszene war Max Frisch tätig. Seine berühmten Theaterstücke wie „Biedermann und die Brandstifter“ (1958) und „Andorra“ (1961) wurden im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Der Schweizer Dramatiker starb im Jahre 1991 in seinem Geburtsort Zürich. (Vgl. Wunderlich 2010, www.dieterwunderlich.de) Nach dem deutschen Literaturkritiker Volker Weidermann war das Schreiben von Max Frisch sehr stark autobiographisch geprägt. (Weidermann 2011, Die deutsche Welle) Die Liebe und Beziehungen, die er im realen Leben verspürte, übertrug er in seine Werke. Vor allem aber beschäftigte und prägte Max Frisch das Thema der Selbsterkennung. Wer bin ich? Die Frage nach der Identität, die immer noch eine wichtige Themenstellung in der globalen und technischen Welt belegt.

2.STILLER

Der Roman, mit dem Max Frisch als Schriftsteller einen Durchbruch erzielen konnte war „Stiller“, der im Jahre 1954 im Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main veröffentlicht und millionenfach verkauft wurde. Der Protagonist, der sich als einen Amerikaner namens James Larkin White ausgibt, wird an der Grenze der Schweiz festgenommen, weil er angeblich mit dem vor 7 Jahren verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller identisch ist. Im Laufe der Handlung besteht die Hauptfigur beharrlich darauf, ihre wahre Identität nicht anzunehmen. Durch Aussagen der Augenzeugen, seiner Frau Julika und seinen eigenen Berichten wird am Ende des Romans das Bildnis, von dem er fliehen wollte eingeholt und als Stiller aufgedeckt.

Mit dem Wissen, dass White und Stiller identisch sind, wird offensichtlich, dass der Protagonist nicht eine physische Verleugnung, sondern die Leugnung der eigenen Vergangenheit als Teil seiner Persönlichkeit zu erzielen versucht. (Frohleiks 2005, S.6)

Stiller versuchte mit der Reise nach Amerika seine Vergangenheit, seine alte Identität zu vergessen und strebte nach einem neuen Ich. Doch seine alte Lebensgeschichte ergriff ihn trotz seiner vergeblichen Leugnungen. Seine Biographie, die in den sieben Jahren wie eine zerschmetterte Vase aufgestreut auf dem Boden lag, fügte sich bis zum Ende des Romans wieder zusammen und konnte nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.

Der Roman beginnt mit einem großen Anführungszeichen, mit einer Negation: „Ich bin nicht Stiller!“1 Wir möchten auf einige weitere Stellen eingehen, in denen der Protagonist die Personalien des Bildhauers Ludwig Anatol Stiller zurückweist. Ein Gespräch zwischen ihm und seinen Verteidiger: »Wieso«, fragt er, »wieso sind Sie nicht Stiller?« »Weil ich's nicht bin.« »Wieso nicht!«2 „Man glaubt mir überhaupt nichts, und am Ende muß ich wohl noch schwören, daß die Finger, womit ich schwöre, meine eigenen Finger sind. Es ist wirklich zum Lachen.“3

Bei einem Gespräch mit dem Verteidiger Dr. Bohnenblust beschreibt der Protagonist sich selbst und behauptet weiterhin nicht der verschollene Stiller zu sein: „Ich bin nicht Stiller. Was wollen sie von mir! Ich bin ein unglücklicher, nichtiger, unwesentlicher Mensch, der kein Leben hinter sich hat, überhaupt keines. Wozu mein Geflunker?“4

Die Hauptfigur unterhält sich öfters mit dem Wärter Knobel, den sie gut leiden kann, weil er sie im Gegensatz zu den anderen Figuren mit „Mr.White“ anspricht. Bei der Essensausgabe oder beim Putzen der Zellen plaudern sie miteinander. Während einer ihrer Gespräche macht der Protagonist die Bemerkung: „Der Mensch ist ein Raubtier.“5 Unserer Ansicht nach möchte er hier wohl auf die Grausamkeit und Unberechenbarkeit des Menschen andeuten, der eigentich im Unterschied zu den Tieren, Verstand und Vernunft besitzen sollte, diese aber nicht nutzt sondern sich das Gesetz der Tierwelt zu Nutze macht nach dem Motto „der Stärkere überlebt“.

Trotz eines Fotoalbums, das als Beweis angeführt wird, White und Stiller seien ein und dieselbe Person, weicht die Hauptfigur nicht von seinem zweiten Ich. „Es sind Fotos, zugegeben, und daß zwischen dem verschollenen Stiller und mir gewisse äußere Ähnlichkeiten vorliegen, will ich nicht bestreiten; trotzdem sehe ich mich selber sehr anders.“6

Die Diskrepanz zwischen den Äußerungen des Amerikaners und den Behauptungen der restlichen Figuren besteht bis zum Ende des Werkes. Die Rolle des White wird sehr glaubhaft gespielt, dass selbst bei der Konfrontation zwischen dem Protagonisten und seiner Ehefrau und seinem Bruder stets die Ablehnung der wahren Identität erfolgt.

Die Auseinandersetzung des Protagonisten mit seinem gespielten Ich und seinem eigentlichen Ich tauchen im Roman in der Er-Form oder in Fragen auf, die unserer Ansicht nach eine Art Reue aufweisen und das Gewohnte und Bekannte aus einer anderen neuen Perspektive gesehen wird. Als Beispiel kann die Meinung von Mr. White über die Frau des Verschollenen angegeben werden.

Ich begreife diesen verschollenen Stiller nicht! Sie ist ein heimliches Mädchen, dass da wartet in der Hülle fraulicher Reife, für Augenblicke schön, daß man einfach betroffen ist. Hat Stiller es nicht gesehen?7

Die immer größere Verzweiflung nicht im Stande zu sein die eigene Identität zu beweisen und aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden, treibt den Protagonisten in Unsicherheit und in einen Konflikt mit sich selbst. „Ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit!“8 Die Kunst des Kommunizierens und der Artikulation verhelfen dem Menschen sich auszudrücken. Seine innere Welt zu beschreiben, seine Gefühle, seine Bedrückungen, seine Schmerzen. Doch die Hauptfigur glaubt nicht, den Wortschatz, die Diktion zu haben, die Fakten der eigenen Existenz wiederzugeben. Zumindest fühlt er sich mit dieser Äußerung nicht in der Lage seine innere Welt zu charakterisieren.

An einer anderen Stelle schildert White das Leben und die Auseinandersetzungen des Ehepaares Julika und Stiller und macht dem Bildhauer gewisse Vorwürfe, was sein Verhalten anbelangt.

Was hatte Julika nicht alles versucht! Sie nahm es noch mit Humor, wenn Stiller sich darin gefiel, der unverstandene Mann zu sein, und oft, wenn er so brütete, untätig wie ein Lammer und verstockt und schweigsam, daß man vor Langeweile hätte sterben können, menschenscheu, lustlos, gleichgültig, wülenlos und alles andere als ein Mann, der eine Frau hätte glücklich machen können … .9

Da White und Stiller ein und dieselbe Person sind, macht der Protagonist sich selbst Vorwürfe, dass er nicht der ideale Ehemann sein konnte, dass er ein Verhältnis mit einer anderen Dame hatte und das er Julika während ihrer Krankheit im Stich gelassen hatte.

Bei einer weiteren Unterhaltung mit dem Werter Knobel über die Morde des Mr.Whites macht der Amerikaner die folgende Aussage:

»Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dazu genügt ein Lächeln. Haben Sie sich nie überlegt …, warum die allermeisten Leute so viel Interesse haben an einem richtigen Mord, an einem sichtbaren und nachweisbaren Mord? Das ist doch ganz klar: weil wir für gewöhnlich unsere täglichen Morde nicht sehen.10

Der Protagonist möchte unserer Meinung nach auf den Zwiespalt aufmerksam machen, den wir in uns haben. Das innere Verlangen des eigenen Ichs, das einen Menschen töten will und der reelle Gegensatz, der nicht das innere Bildnis reflektiert, bloß das Grinsen und die Grimasse. Dabei unterstreicht er vor allem den Zeit-Faktor, mit der diese Art von Mord erst bewerkstelligt wird. „…Und um so einen innerlichen Mord zu berichten …, dazu braucht man Zeit, viel Zeit!“11

[...]


1 Frisch 2010, S.6

2 Frisch 2010, S.23

3 Frisch 2010, S.36

4 Frisch 2010, S.49

5 Frisch 2010, S.52

6 Frisch 2010, S.65

7 Frisch 2010, S.69

8 Frisch 2010, S.84

9 Frisch 2010, S.113

10 Frisch 2010, S.125-126

11 Frisch 2010, S.126

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Identitätsproblem und seine Auslegung im Roman "Stiller" von Max Frisch
Untertitel
Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung
Hochschule
Çukurova Üniversitesi  (Sozialwissenschaften)
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V487488
ISBN (eBook)
9783668972421
ISBN (Buch)
9783668972438
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätsproblem, Max Frisch, Stiller
Arbeit zitieren
Bekir Özgün (Autor), 2017, Das Identitätsproblem und seine Auslegung im Roman "Stiller" von Max Frisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/487488

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