Jesu Nachfolge, die Priesterkirche und das Zölibat


Fachbuch, 1996
48 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt :

Wie wurde aus der „Frohbotschaft“ eine „Drohbotschaft“?
Wie ist es möglich, dass solche befreiende „Frohbotschaft“ zu einer „Drohbotschaft“ wurde?
Kultische Reinheit
Zölibat und theologische Ethik
Geschichtliche Entwicklung
Katholische Hierarchie und katholisches Glaubensverständnis
Jesus und sein Standpunkt zur Reinheit
Jesus und die Kirche

Kirche und Glaube

Zölibat und Recht
Das katholische Kirchengesetz
Die wichtigsten für den Zölibat relevanten Gesetze des Codex Iuris Canonici von 1983
die Sanktionen:
Irregularität :
Das Konkubinat
Straffolgen:
Dispens
Unterhaltsanspruch
Nothilfe
Analyse der Problematik bezüglich des Ausscheidens aus dem Amt und deren Auswirkungen auf das Verhalten gegenüber Frauen als Grunderkenntnis für die Folgen
Zur wirtschaftlichen Lage nach dem Ausscheiden
Aspekte der Fortentwicklung bzw. der Veränderung

D er Zölibat in den Humanwissenschaften
Einbruch der Liebe ins Priesterleben und die damit auftretenden Probleme
-Psychologische Überlegungen-

Empirische Forschungsergebnisse zu der Thematik
Zur geistigen Schulung der Kleriker: neurotische Idealbildung
Schuldgefühle, Entstehung und Wirkung
Laisierungschancen bei Nachweis einer Triebanomalie
Zum objektiv etablierten System der sozialen Strafe
Ausblick
Kann der Zölibat abgeschafft werden?
Nachwort

Anhang: Liste der zu diesem Thema relevanten Initiativen

Wie wurde aus der „Frohbotschaft“ eine „Drohbotschaft“?

Die Jesuanische Lehre wurde im wesentlichen durch zweierlei verfälscht, durch die alttestamentarische und die antike Opfertheologie sowie durch die Reinheitsideologie. Diese Verfälschung liegt noch immer wesentlich dem katholischen Weltbild bzw. der katholischen Theologie zugrunde.

Die Jesuanische Lehre wird philosophisch als „Liebeskommunismus“ bezeichnet. Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Philosophie, d. h. Jesus konstruierte keine Gedankengebäude, sondern vermittelte seine Lehre durch Sprachbilder (Gleichnisse), Predigten, entsprechendes Handeln und konsequente Lebenshaltung bis in den Tod. Jesus ging, so kann man sagen, von einem Basisgedanken aus: Die Jesuanische Lehre gründet auf der alles umfassende Wahrheit: Gott ist Liebe .

Liebe erzeugt Leben, ist Leben in jeglicher Hinsicht. Liebe ist die Kraft des Lebens, die göttliche Eigenschaft an sich. Jesus wollte keine zu ewigen Schuldgefühlen verdammten, gebückten Menschen, sondern gerade davon wollte er befreien. Er machte klar, dass der Mensch fähig sein kann zu einer Liebe, die ihn „heilig“[1] macht, wenn er, in Rückbindung an Gott, die Geborgenheit, die Sicherheit findet, die ihn frei macht von der Angst, die unser Leben in Abhängigkeit von den Naturgewalten und anderen Menschen, ja, letztendlich durch unsere Todesgewißheit, bestimmt. In diesem Sinne ist Jesus gekommen, das Gesetz (Mosaische Gesetz) zu erfüllen. Was kann das bedeuten? Gesetze sind in sich eine Frucht des notwendigen Mißtrauens. Sie sind wichtige Regeln für die menschliche Gemeinschaft, da zu befürchten ist, dass Menschen sich gegenseitig übervorteilen und Angst vor Gewalt herrscht. Je mehr in Angst einer Gesellschaft geschürt wird, um so strenger müssen Gesetze sein. Würde der Geist der Liebe das Zusammenleben durchwirken, wären Gesetze, die vor Schaden bewahren müssen, überflüssig.

Liebe vereinbart sich nicht mit engen Strukturen und Kleingläubigkeit, mit dem Gehorsam, der Gesetzen und Hierarchien ängstlich dient, denn Liebe überwindet alle Angst. Nicht Hierarchie, oben und unten, sondern „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ herrschen in solch einem Zusammenleben. In diesem Sinne meinte Jesus einen „Liebeskommunismus“. Er dachte an keine neue Kirche, keine Abgrenzungen und Ausgrenzungen von Menschen anderer Rassen und Religionen. Er wollte das Zusammenleben aller Menschen dieser Erde. Deshalb sollten seine Jünger es aller Welt verkünden, dass der Weg zum wahren inneren Leben und damit zu Gott, die Liebe ist, die Liebe in jeglicher Form. Es sollte klar werden, was wichtig ist und was unwichtig ist. Wichtig ist, dass die Liebe unsere tiefste Verbindung, unser Einswerden mit Gott ist. Nochmal: Seine Lehre will nichts anderes, als, dass Menschen leben, von innen heraus in die Welt hinein leuchtend durch ein von Liebe durchdrungenes Wesen. Eine solche Welt wäre das ‘Reich Gottes’, was er mit „Himmel“ bezeichnet, im Gegensatz zur „Hölle“, die ein Leben in der Abwesenheit Gottes bedeutet.Wir sehen, es kommt hier auf keinerlei Kult, keine Liturgie, keine bestimmte Form der Anbetung Gottes und schon gar nicht auf philosophische Konstruktionen an.

Wie ist es möglich, dass solche befreiende „Frohbotschaft“ zu einer „Drohbotschaft“ wurde?

Eine neue Theologie, ein neues Gottesbild, hat mit Christus begonnen. Das bedeutet, eine Veränderung der Jesuanischen Lehre trat bereits schon durch den Glauben an den Auferstandenen, den Christus ein. Dass Christus von nun an der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, wird nach dem Neuen Testament, Schwerpunkt christlichen Glaubens. Erst diese Verkündigung, dass dieser Gekreuzigte auferstanden ist, dass Jesus als Christus von Gott ausgewiesen wurde, ermöglichte die Kirchenbildung. Die Lehre Jesu wurde neu interpretiert und zur Theologie. Bereits in der zweiten Generation nach Christus entwickelte sich ein asketisches Reinheitsbedürfnis - auf die Hintergründe dieser Entwicklung werde ich noch näher eingehen -, das durch das philosophische Gedankengut der Griechen (vor allem Plotin - Stoische Schule -) stark beeinflusst wurde und wie wir aus der Geschichte entnehmen werden, zur Wurzel des Zölibats gehört. Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle vorwegnehmen, dass der Rückfall in das kultische Reinheitsdenken zunächst etwas mit den jüdischen Wurzeln der ersten Christenheit zu tun hatte und mit der patriarchalischen Struktur der orientalischen Gesellschaft.

Kultische Reinheit

Religiös sein heißt, dem Heiligen verpflichtet sein. Heiligkeit und Reinheit sind zwei sehr wichtige Schlüsselbegriffe[2], wenn man an die Wurzeln des Zölibats und zum zentralen Verständnis des katholischen Glaubens gelangen will. Mit dem Phänomen des Heiligen verbinden die Menschen gleichzeitig Ängste und Hoffnungen. Der Begriff ‘Reinheit` entspricht einem tiefen menschlichen Verlangen nach Ganzheit, Wahrheit, Gutheit, Echtheit, das wiederum den Vorstellungen vom Heiligen entspricht. So gibt es im eigentlichen eine mentale und affektive Verbindung zwischen diesen Begriffen. Auch das Bedürfnis, heil zu sein, frei von Schuld und körperlichen Gebrechen, sauber und schön dem Vollkommenen gegenüberzutreten, seiner würdig zu sein, schwingt da mit. Dieses allzu menschliche Verlangen ist der Hintergrund für archaische Reinheitsgebote in den Religionen. Im Alten Testament nehmen die Reinheitsvorschriften in den mosaischen Gesetzen einen zentralen Platz ein, weil die Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen gesehen wurden. Da die Reinheitsgebote des mosaischen Gesetzes sich auch auf die Sexualität bezogen - weil nach jüdischem Glauben alle Körperabsonderungen unrein machten (3. Mo. 15: 16-18) - war einem Leviten (Priester) der Geschlechtsverkehr an Tagen und in Nächten bevor er priesterliche Dienste zu tun hatte nicht erlaubt, da er trotz rituell vorgegebener Waschungen noch bis zum folgenden Abend unrein blieb (Lev 15,18).

Drei der häufigsten Ursachen, durch die Menschen verunreinigt wurden, werden in Mose 5:2 aufgezählt: 1. Aussatz, 2. Ausfluss und 3. die Berührung einer verstorbenen Seele. Auch der Genuss von bestimmten Speisen machte unrein.

Zu biblischen Zeiten galten die Reinheitsgebote für das ganze Volk Israel. Nur wer rein war im Sinne des Mosaischen Gesetzes, der durfte in die Nähe des allerheiligsten Gottes kommen. Ein Jude riskierte andernfalls sein Leben.(3. Mo. 15:31)

Diese Reinheitsgebote gelten heute noch für Juden und Moslems.

Heilige Dinge können aber nur heilig sein, wenn sie außerordentlich behandelt werden. „Wo die Gegenwart des Heiligen so kraftvoll verdichtet ist wie in der geweihten Hostie des Christentums, muss es Regeln geben, die den Zugang reglementieren und verhindern, dass das heilige Objekt kompromittiert wird . Nur die Reinen dürfen sich dem Reinen nähern.“[3]

Der große mystische Gegensatz zwischen menschlicher Sünde und göttlicher Heiligkeit hat viele Arten christlicher Reinheitsvorschriften hervorgebracht, was auch zu schlimmen Auswüchsen führte.[4]

Zölibat und theologische Ethik

Um den Geist des Zölibats zu verstehen, will ich versuchen ihn ethisch zu beurteilen.

„Alle höchsten Lebensformen der Kultur entspringen den beiden Trieben Weltangst und Weltsehnsucht.“[5]

Der Mensch nimmt intuitiv wahr, dass er in einer Wirklichkeit lebt, die er von ihrem Ursprung und vom Sinn her nicht verstehen und nicht durchdringen kann. Nur auf sinnlicher, intuitiver Ebene ist er fähig, mit dieser unsichtbaren Wirklichkeit in Verbindung zu treten.

Das Unbegreifliche, dessen Anwesenheit durch das Walten der Natur spürbar und sichtbar wird, lässt ihn erkennen, wie ohnmächtig er ist. Das macht ihm angst.

Je mehr sinnliche Wahrnehmungsgabe ein Mensch entwickelt hat und je mehr geistige Fähigkeiten vorhanden sind, mit denen sich das sinnliche Gespür verbinden kann, um so mehr Demut wird der Mensch vor diesem Mysterium verspüren.

Aus der Lebensangst erwächst Religiosität, das Bedürfnis zu beten.

Auch aus der Erkenntnis seiner Seinsposition erwächst dem Menschen Religiosität und Bedürfnis nach Gebet.

Es gibt also den intuitiven und den intellektuellen Weg zur Religion.

Das Gebet ist einerseits ein Ausdruck der Demut, die andererseits auch eine Folge von Ergebenheit in eine nicht änderbare Schicksalhaftigkeit ist, gleichzeitig stellt es auch einen Kampf gegen diese dar.

Der Mensch, ein sich seiner geistigen Kräfte bewusstes Wesen, befindet sich in einem Zustand zwischen der Einsicht seine natürlichen Grenzen zu akzeptieren und dem Drang, Wege zu finden, diese Grenzen zu überschreiten. Diese Grundposition des menschlichen Lebens ist zugleich auch der Antrieb zur Vervollkommnung, und zwar zur Erkenntnis dessen, was dem Leben dient und dessen, was dem Leben abträglich ist. Außerdem ist diese Polarität, die die ganze Schöpfung durchwirkt, der Urgrund menschlicher Freiheit, ohne die die Entwicklung des Seins nicht möglich wäre.

In der natürlichen Angst liegt eine doppelte Funktion, die Lebenserhaltung und die Fortentwicklung. Das heißt., die Angst erhält unser Leben, weil sie zur Vorsicht oder zur Flucht antreibt; die Angst ist gleichzeitig der Motor der Fortentwicklung, denn das Bedürfnis und der Wille, sie zu überwinden, machen erfinderisch. So ist sie der Grund für die Entstehung der Kultur. In der Angst liegt gleichzeitig das Bewusstsein einer Einheit des Ganzen, damit bietet sie den Urgrund der Ethik.

Im Gebet schreit die Seele ihre Angst in das Unbekannte hinein und erwartet ein Echo. Das Gebet ist also eine Kampfhaltung einerseits und andererseits ein Ventil.

Zur Ich-Erkenntnis des Menschen gehört das ‘Du`. Das heißt, der Mensch kann sich nicht als ‘Ich` definieren, ohne ein Gegenüber, ein ‘Du’ zu erkennen.

Um die Lebensangst zu ertragen, braucht der Mensch die Hoffnung auf Veränderung seiner naturgegebenen Seins-Misere, das ‘Du’, das größer und mächtiger ist als er selbst, ja im eigentlichen das göttliche ‘Du’, damit die Seinsangst vergehen kann.

So entstand das Bild vom allmächtigen Gott.

Im Vertrauen auf solche Hilfe kann der Mensch sich von der Lebensangst befreien und ein ‘Ich’ entwickeln.

Aber er braucht mehr, so er die beschränkte Form von Harmonie erfahren durfte, die im Irdischen Ahnung gibt von einer Vollkommenheit, die das Leben in der Welt nicht erreichen kann, strebt er danach, diese irgendwie zu erringen.

Ein tieferes Seinsbewußtsein, eine gleich bleibende Harmonie der Seele und des Geistes kann der Mensch durch Konzentration auf das Geistliche und das Gebet finden. Diese Konzentration ist um so eher möglich, wenn ihn die alltäglichen Sorgen um Brot und Familie nicht ablenken. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund für die Ehelosigkeit der Mönche; sie wurde zur Wurzel des Zölibats.

Wenn wir aber das menschliche Dasein ganzheitlich betrachten, so ist unbedingt die andere existentielle Seite der Schöpfung einzubeziehen, die der Weitergabe des Lebens. Was anderes kann aber damit gemeint sein als die Sexualität.

Die Sexualität ist der Urgrund menschlicher Kommunikation und das Faktum menschlicher Entwicklung im speziellen und im allgemeinen. Was das Dasein der Individuen aber im doppelten Sinne ‘erhellt` und ‘erhält`, ist die Liebe. Die Liebe ist die Anwesenheit Gottes im Menschen.

In der Liebe erkennt das ‘Ich’ sein innerstes Bedürfnis im ‘Du’, das heißt, die Liebe ist immer auch Projektion der eigenen Bedürfnisse auf das Gegenüber. Je mehr ‘Befriedung’ das ‘Ich’ durch das ‘Du’ findet, um so mehr ist es bereit zu entäußern.

Der Sinn der Liebe ist das Geben bis zur Hingabe des Selbst, was in der körperlichen Hingabe mit dem Höhepunkt der Vereinigung und Verschmelzung in der Zeugung gipfelt. Dieser Moment heiliger Einheit ist gleichzeitig Verschmelzung mit dem Göttlichen und findet in Ekstase, im Abheben, in Glückseligkeit statt. Dieser Höhepunkt gebiert das neue Leben.

Das ist die Wirklichkeit, die das menschliche Leben durchdringt, und wo ist Gott - wenn nicht hier- ist Gott anwesend und erfahrbar.

Insofern ist die Sexualität die heiligste Handlung des Menschen, und sie allein führt in unvergleichlicher Weise zum Allerheiligsten, zu Gott.

Eine solche Betrachtung des Ursprungs menschlichen Daseins kann den Zölibat nur ad absurdum führen. Leben muss fließen. Wo es gestaut wird, verdorrt es. Ewige Askese ‘verwüstet’ die Seele.

Wer die existentielle Seite menschlichen Lebens der Ideologie eines einseitigen und egoistischen Bedürfnisses nach vermeintlicher Heiligkeit opfert, stellt sich Gottes Willen, durch uns und in uns zu wirken, entgegen. Hiermit ist nicht nur die Weitergabe des Lebens im sexuellen Sinne gemeint, sondern auch das Einander-Geben von innerem Leben durch konkretes Lieben. Wer aber durch den unfreiwilligen Zölibat blockiert wird, kommt selbst nicht zur Erfüllung seines Wesens und bleibt leer. Wer aber leer bleiben muss, kann kein Quell der Liebe sein, auch nicht der Agape. Liebe findet nicht in der Abstraktion statt, sondern in der Praxis. (Jesus liebte so konkret, dass die gläubigen Juden daran Anstoß nahmen).

Inneres Leben kann nur im ganzheitlichen Sein zur Vollkommenheit gelangen.

Der Zölibat steht nach diesen ethischen Erwägungen auf der Seite, die dem Leben entgegenwirkt, und das ist im theologischen Sinne ‘Sünde’.

Da Jesus in jedem Sinne für das Leben eingetreten ist, kann er ein Leben in ewiger Askese nicht empfohlen haben.

Ethik ist ein grundsätzliches Denken. Das ist zu erwähnen, weil jedem vernünftigen Menschen natürlich auffällt, wie weit doch Ideal und Wirklichkeit hier auseinanderklaffen. Dass das so ist, verursacht das psychische Leiden in der Welt.

Dieser Text hier wirft Fragen auf., z.B. die Frage nach der Empfängnisverhütung, da wir in einer Welt der Überbevölkerung und des Hungers wohl kaum die unendliche Vermehrung empfehlen können. Weiterhin wird die Frage nach der Existenz Gottes berührt.

Die Empfängnisverhütung soll im Rahmen dieses Essays nur deshalb erwähnt werden, weil die Einstellung, die die von mir proklamierte Ethik zur Lebenserneuerung vermittelt, der Enzyklika Humanae Vitae zugrunde liegt. Sie ist ethisches Grundsatzdenken. Die katholische Kirche vertritt dieses Denken ohne jegliche Einschränkung, und das macht sie zur ideologischen Institution. Es ist hierzu klarzustellen, dass der Grundsatz der Menschenwürde nicht nur das ungeborene Leben betrifft, sondern vor allen Dingen die, die ihr Leben auf dieser Welt bereits unter lebensunwürdigen Umständen fristen müssen, deren Verhältnisse durch uneingeschränkte Geburten noch armseliger würden oder deren Gesundheit weitere Schwangerschaften nicht duldet. Außerdem sind da diejenigen, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind und die Frucht dieses Traumas dann austragen müssten. Es muss der Sinn dieser beschriebenen, göttlichen Liebe erfüllt sein, und es ist eine verantwortliche Zeugung gemeint, um diese Ethik in vollem Umfange anwenden zu können.

So wie nicht gesagt werden kann, dass jede Ehe von Gott gefügt ist, weil Ehen aus allen möglichen Gründen entstehen und auch wieder enden, so entspricht auch nicht jeder Geschlechtsakt ethischen Bedingungen, eher im Gegenteil. Es genügt also nicht, sich auf das Ideal der Ethik zu berufen und als einzig erlaubte Empfängnisverhütung, die ‘heilige Enthaltsamkeit’ zu erlauben. Damit ist der Würde und dem Grundbedürfnis des Menschen nach Liebe, auch nach körperlicher, nicht Rechnung getragen.

Auch sollte dieser Text nicht aussagen, dass Gott eine Projektion des Menschen ist, sondern eher - und da widerspreche ich den materialistischen Philosophen, insbesondere Feuerbach -, dass der Mensch durch seine Urangst dahin geführt wird, nach etwas zu suchen, das ihm diese Angst zu nehmen fähig ist, und zwar muss es etwas Wesenhaftes sein, das das Gute an sich und alle Kraft und Herrlichkeit verkörpert, die er sich vorstellen kann, die aber seine Denkschablonen auch weit überragt. Da nur kann wirkliche Geborgenheit für ihn existieren. Geborgenheit und Liebe sind ein Paar. Das heißt, dass die Bedürfnisse „Gott und Liebe“ und das lebenserhaltende Ganzheitliche „Geist und Körper“ als eine Einheit zu verstehen sind und diese auch versinnbildlichen.

Gott ist dann nicht nur in mir, sondern auch Geist außer mir, der mich und alles durchwirkt. Projektion ist folglich der Spiegel des ‘Ich’ im ‘Du’, sowohl in der Gott-Menschbeziehung als auch in der Mensch-zu-Mensch-Beziehung, beides ist Liebe.

Die Liebe ist der Spiegel des ‘Ich’ im ‘Du’, was das ‘Ich’ besonders liebt und braucht findet es beim ‘Du’, deshalb beginnt es zu lieben, und diese Ergänzung des ‘Selbst’ ergibt den idealen Seinszustand. In der Ergänzung des ‘Ichs’ durch das ‘Du’ liegt die Ganzheit. Aus dem Gespaltensein wird Harmonie in der Zweiheit, weil Gott den Menschen als Mann und Frau schuf, als harmonische Ergänzung, und in dieser Zweiheit liegt die Einheit.

Der Mensch, der Gott außerhalb des Menschen in einer nicht zu definierenden Abstraktheit sucht, findet weder sich selbst noch Gott. Er findet eine Projektionsfigur seiner Angst und verbleibt in ihr, weil die Erlösung zutiefst erlebt werden muss. Der Mensch, der Liebe nicht erlebt hat, kann Christus nicht wirklich verstehen. Da Liebesfähigkeit in unserer Gesellschaft aber scheinbar von Generation zu Generation mehr reduziert wird, ist auch Glaubensfähigkeit immer weniger anzutreffen.

Liebe zu Gott Liebe zum Menschen Liebe zum Leben

(ist auch eine) Dreieinigkeit versinnbildlicht durch die des

Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Der Zölibat kann vor dem Hintergrund der Ethik nur ein tragischer Irrtum von Seinsangst verblendeter Menschen sein und dürfte in der christlichen Erlöserreligion eigentlich gar nicht existieren. Er ist ein Zeichen von der verzweifelten Suche nach dem Angenommensein durch Gott. Christus aber hat uns das Gotteskindsein zugesichert durch die Taufe, also ein uneingeschränktes Angenommensein mit all unserer Schuld, die wir immer wieder auf uns laden. Der Zölibat ist aus dieser Sicht wiederum ein Irrtum, denn er glaubt Gott nicht, der Auferstehung nicht, Christi letztem Opfer zur Erlösung der Menschheit nicht, sondern will sich den Himmel gerade durch das Opfer dessen verdienen, was den Menschen mit Gott am tiefsten verbinden kann.

Opfer bringen macht den Menschen selbst zum Opfer. Es ist dabei auch zu beachten, dass der Mensch, als Opfer, eine ganz spezielle narzisstische Befriedigung erfährt. Man schenkt ihm Aufmerksamkeit, eine spezielle Anerkennung und Sympathie. Er ist enthoben von der Verantwortung für sein Tun, darf klein und hilflos sein; und mit all dem hat er eine ganze Menge Macht über seine Umwelt.

Der Zölibat hat vor dem Hintergrund einer neurotischen Einstellung zur Sexualität, Eitelkeit und Überheblichkeit hervorgebracht, die sich in einer Hierarchie „Klerus-Laien“, aber auch innerkirchlich äußert. Christi Anliegen - alle Menschen seien Brüder und nur einer sei ihr Vater, der im Himmel -, wird hier ganz und gar geleugnet.

Der Zölibat kann deshalb nicht nur als ein tragischer menschlicher Irrtum abgetan werden, sondern er wird auch zum vorsätzlichen, gefährlichen Mittel der Machtausübung und Unterdrückung, nicht nur um die Priester abhängig zu halten von der Kirchenobrigkeit, sondern er prägt ein Kirchenbild, das einer Zweiständekirche, welches mit Jesu Anliegen, dass alle Menschen Brüder seien, wirklich nichts gemein hat.

Geschichtliche Entwicklung

Nach dem Tod der Apostel und Propheten, die das Fundament der Kirche genannt werden, wurden charismatische Männer zu Episkopen (Verkündern). Weitere kirchliche Ämter (Presbyter (Gemeindeältester) und Diakon (Kirchendiener) entstanden in bezug auf die Aufgaben in den Gemeinden. Es kam zur Ämterbildung. Die Gemeindeleiter konnten ohne Weihe oder Ordination im heutigen Sinne auch Leiter der Eucharistiefeier sein.

Im neutestamentlichen Sinn ist das Amt kein Status, sondern eine diakonale Funktion, die aber als „Gabe des Geistes“ bezeichnet wird. Die apostolische Struktur der Gemeinde hat nichts mit der hierarchischen Struktur der Kirche zu tun. Die Entwicklung zur allmählichen zentralen Stellung des Amtes ist nicht zuletzt dem sozialen Kontext zuzuschreiben. In den ersten beiden Jahrhunderten waren die kirchlichen Ämter nebenberuflich ausgeübt worden.

Einen Wandel brachten u. a. die Entstehung des Mönchtums im 3. Jh. in Alexandria, sowie gnostische und neuplatonische Einflüsse. Die Zweiteilung Ägyptens in Alexandria und in das eigentliche Ägypten, in die Stadt der hochkultivierten Theoretiker und in das Land der verzweiflungs- und hoffnungsvollen Beter und Büßer, das Beieinandersein der griechischen Eindringlinge, die sich hochmütig gaben und der uralt eingesessenen ägyptischen Bevölkerung, brachte sozialpolitische Spannungen. Griechisch war die Eintrittskarte für die Schulen. Die koptisch sprechende ägyptische Bevölkerung war der Verdummung ausgeliefert.

Der Landbevölkerung saß der Fiskus an der Gurgel. Sie wurde ausgepresst und sollte weit mehr geben, als sie konnte, während die plutokratischen Alexandriner müßig durchs Leben schlenderten. Hier blühte die Griechische Philosophie; hier sammelten sich die geistigen Ströme der Zeit;, hier rangen Gnosis und Mani-chäismus sowie Neuplatonismus miteinander und formierten sich kräftig zum Kampf mit dem aufkommenden Christentum.

Alexandria, Stätte wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, Mittelpunkt von Schulen, Lehranstalten und Bibliotheken, war eine unabhängige Metropole allen geistigen und politischen Zentren der damaligen Welt überlegen. Sie schwappte über von Geist und Geld. Aber sie litt auch an Überkultur, Überbewusstheit und Übersensibilität. Sie war inmitten überfeinerten Geistes geistig-sittlich entwurzelt, im brodelnden Gewoge religiöser Vielfalt bar eines haltgebenden Glaubens.

Verlassenheitsgefühl gehörte zum Grundbefinden und provozierte schamloses Sich-Ausleben. Nicht Krieg, nicht Not, vielmehr die Nadelspitzenturniere überzüchteter Rhetoriker, deren Welt auf das Komplizierteste durchrationalisiert und intellektualisiert war, haben schließlich zu der Krise geführt, aus der asketische Lebensform (Mönchtum) sowie die Einfachheit und Naivität innerlich verwandelter, wenn auch vielfach ungeschlachter Menschen herausgeführt hat: der hingebende Glaube der frühen Christen.

Das frühe Christentum war wenig orthodox im späteren Sinne. In Alexandria wirkten Basilides und Valentin z.B., namentlich bekannte Ketzer. Clemens, sowie der ihn weit überragende Origenes, in der folgenden Generation, mühten sich, den neuen Glauben zu profilieren und gegen die Gnostiker und das Heidentum zu verteidigen. Origenes brachte aber auch neuplatonisches Denken bzgl. der menschlichen Körperlichkeit in die Katechetenschulen. (Plotin: Ich schäme mich, dass ich einen Körper habe.) So wie christliche Existenzweisen bei den Alexandinern exemplarisch vorgelebt wurden und der frühen christlichen Kirche ihre Prägung gaben, so wirkte, wiederum aus ihrem Kontext heraus, auch, vieles verfälschend auf das Urchristliche ein.

Wir sollten zunächst in Betracht ziehen, dass die frühkatholische Kirche eine aus der Diasporasituation abzuleitende Ekklesiologie der Vorläufigkeit hatte, die sich auf ein ekklesiologisches Konzept berief, das auf die „Wiedervereinigung aller Vertriebenen im Lande der Väter (Palästina) wartete und ein 1000jähriges Friedensreich auf Erden vor der Endverwirklichung des Heils (Off.20) verkündete. Von ihrer Form her war sie eine spätjüdisch-synagogisch orientierte Glaubensgemeinschaft, die in gleicher Weise von der Synagoge lebte wie auch aus dem Gegensatz zu ihr. Durch die allmähliche Loslösung von der Synagoge, die das zwangsläufige Ergebnis des Wachstumsprozesses war, mussten sich in der frühkatholischen Kirche Schwächen zeigen. Nach dem Todes der Apostel kamen sicherlich auch deshalb starke Zweifel auf, weil die Naherwartung des Reiches Gottes, die Paulus und auch Jesus selbst verkündet hatten, nicht zutraf. Das und folgende Fakten bewirkten die fundamentale, allgemeine Glaubenskrise: Viele hielten nun den urchristlichen Glauben für naiv, nicht zufällig machte die intellektuelle Bewegung der Gnosis, die das Hineinwachsen des frühkatholischen Christentums in die griechisch römische Kulturwelt signalisierte, die Ohnmacht des Christentums gegenüber den neuen Ansprüchen offenbar. Die Heidenchristen in Rom entwickelten z. B. Kulte, die dem Alten Testament entnommen wurden (Priesterverständnis: Reinheitskult und Opferkult wurden mit der Eucharistie verbunden), um als religiöse Gemeinschaft von ihrer Umgebung, die dem Vestalenkult huldigte, anerkannt zu werden.

Diese und andere Bedrohungen der reinen Lehre brachten mit sich, dass eine neue Strukturierung der Gemeinden vorgenommen werden musste. Das bedeutete eine neue Ämter- und Kirchenordnung zu schaffen.

Es ist zunächst zu unterscheiden, dass mit ‘Presbyter’ die Gemeindeältesten der Judenchristen bezeichnet wurden, die im Bereich patriarchalischen Denkens im kleinasiatischen Raum, die Unterordnung der Gemeinde unter ihre Leitung beanspruchten. Die Heidenchristen richteten sich nach dem 1. Korintherbrief (12,14.) Die Begriffe ‘ Bischof ’ und ‘ Diakon’ waren daherrührend, zunächst eine rein technische Amtsbezeichnung. Die presbyteriale Gemeindeordnung und die episkopale Ämterordnung standen sich zunächst gegenüber. Im 2. Jh. durchdrangen sie sich jedoch gegenseitig. Episkopen und Presbyter wurden nach der Kirchenordnung, die Hippolyt Ende des 3. Jh. fertig stellte, zu Bischöfen im Sinne einer Position an der Spitze einer klerikalen Hierarchie.[6]

[...]


[1] Heiligkeit im Sinne von qadhäsch = hell, neu, rein sein. Das hebräische Verb ist mit dem griechischen haglios verwandt, das heilig, geheiligt, heilig gemacht und abgesondert bedeutet.

[2] Es gibt mehrere hebräische und griechische Wörter, die sowohl das, was rein und sauber ist, als auch den Akt des makellosen, fleckenlosen Zustandes, das Freiwerden von allem, was beschmutzt, verfälscht und verdirbt, aussagen. Diese Wörter umschreiben manchmal die physische Reinheit, häufiger aber die sittliche und geistige. Oft überschneiden sich physische und rituelle Reinheit. Das hebräische Verb „tahér“ (rein sein, reinigen) bezieht sich gewöhnlich auf rituelle oder sittliche Reinheit. Ein hebräisches Synonym von „taher“ ist „barar“, und dieses Wort mit seinen verschiedenen Formen bedeutet „ausscheiden“, „auslesen“, „sich reinhalten“, „sich als rein erzeigen“, „säubern“. Wir finden die entsprechenden Begriffe in Hes. 20:38; Prediger 3:18; Ps 18:26; Jr. 4:11. Das griechische Wort „katharos“, das „rein“ bedeutet, wird im physischen, sittlichen und religiösen Sinn angewandt (s. Mt 5:26; 5:8; Tit. 1:15). „Unreinheit“ ist die Wiedergabe des hebräischen Wortes „tamé“ und des griechischen „akatharsia“ (s. 3. Mos.5:2; Mt.5:27; Gal.5:19)

[3] Schillebeeckx, Edward: Christliche Identität und kirchliches Amt, S.146.

[4] Paden, W.E.: Am Anfang war Religion, S.177.

[5] Oswald Spengler in: Karl Heim: Die christliche Ethik- Tübinger Vorlesungen- Katzmann Verlag Tübingen 1955, S.149.

[6] Vgl. Andresen, Carl: Die Kirchen der alten Christenheit, .Kohlhammer, Stuttgart,S.59-66

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Details

Titel
Jesu Nachfolge, die Priesterkirche und das Zölibat
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Veranstaltung
WIR SIND KIRCHE
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
48
Katalognummer
V48763
ISBN (eBook)
9783638453646
ISBN (Buch)
9783638708425
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Komprimierung zur Diplomarbeit: "Der Zolibat und seine Folgen", der Text ist als Broschüre 1996 und 1998 (in 2 Auflagen) erschienen im Publik Forum Verlag, Oberursel. Es wird keine weiteren Auflagen geben und die Broschüre ist seit Jahren vergriffen.
Schlagworte
Jesu, Nachfolge, Priesterkirche, Zölibat, KIRCHE, WsK
Arbeit zitieren
Dipl.Soz.päd. Antje-Marianne Di Bella (Autor), 1996, Jesu Nachfolge, die Priesterkirche und das Zölibat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48763

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