Strategische Netzwerke als interorganisatorische Kooperationsform - Darstellung und kritische Würdigung


Seminararbeit, 2005

33 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Ausgangssituation und Problemstellung

Kapitel 2 Formen der interorganisatorischen Zusammenarbeit: Definition und Abgrenzung einiger grundlegender Begriffe
2.1 Zum Begriff der Unternehmenskooperation
2.2 Zum Begriff des strategischen Netzwerkes
2.3 Strategisches versus regionales Netzwerk

Kapitel 3 Motive und Erklärungsansätze für die Entstehung strategischer Netzwerke
3.1 Allgemeine Motive für die Bildung von Netzwerken
3.2 Theoretische Erklärungsansätze für die Herausbildung strategischer Netzwerke
3.2.1 Der Transaktionskostenansatz
3.2.2 Der Ressourcen-Abhängigkeits-Ansatz
3.2.3 Der Interaktionsorientierte Netzwerkansatz

Kapitel 4 Strategische Netzwerke in der Praxis
4.1 Vorteile und Chancen, Nachteile und Risiken aus der Sicht der beteiligten Unternehmen
4.2 Management in strategischen Netzwerken

Kapitel 5 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Kapitel 1 Ausgangssituation und Problemstellung

In der Vergangenheit wurden im Rahmen mikroökonomischer Untersuchungen einzelne Unternehmen vielfach isoliert von ihrer Umwelt als unabhängig auf Märkten agierende Akteure dargestellt. Während Richardson (1972) eine Unternehmung noch als „an island of planned coordination in a sea of market relations“ sah, konnte in der Wirtschaftspraxis in den Folgejahren eine zunehmende Abkehr von dieser Modellvorstellung empirisch beobachtet werden. Zunehmend setzte sich die Ansicht durch, dass Unternehmen weniger als im Marktgeschehen individuell und isoliert agierende Marktteilnehmer zu betrachten seien, vielmehr ihr Handeln auch stets im Kontext mit ihrer Umwelt zu bewerten sei. „No business is an island“ konstatierten schließlich Håkansson und Snehota (1989) und sahen Unternehmen damit nun nicht mehr als „klar abzugrenzende Inseln im weiten Ozean“ des sie umgebenden Marktumfeldes. Während Perrow (1989, S. 173) darauf hinwies, dass für die meisten Unternehmen gerade andere Organisationen einen fundamentalen Teil der relevanten Umwelt ausmachen, unterstrich Håkanson (1987, S. 10) die herausragende Bedeutung der Beziehungen zu anderen Unternehmen mit dem Hinweis „realtionsships are one of the most valuable resources that any company possesses“.

So haben seit den 1980er Jahren kooperative Wettbewerbsstrategien und die Bildung von Unternehmensnetzwerken erheblich an Bedeutung gewonnen. Bei vielen Großunternehmen konnten Restrukturierungsmaßnahmen beobachtet werden, durch die eine Reduzierung der Wertschöpfungstiefe und eine Konzentration auf die eigenen Kernkompetenzen angestrebt werden sollte (vgl. Prahalad/Hamel 1991). Die für die Produktionsprozesse entscheidenden Ressourcen wurden von anderen Organisationen bezogen, internationale Märkte zunehmend über strategische Partnerschaften bzw. strategische Allianzen erschlossen.

Dieser Entwicklungstrend ist in verschiedenen Branchen sowohl der produzierenden Industrie als auch im Dienstleistungsgewerbe zu finden. War die Ausbildung netzwerkartiger Strukturen zwischen Herstellern und Zulieferern sowie Herstellern und Händlerorganisationen schon früh in der Automobilindustrie auszumachen (vgl. Jürgens/Reutter 1989, Sabel et al. 1991), konnte sie vor allem in Form von Lizenzvereinbarungen auch in der stark auf Forschung & Entwicklung ausgerichteten biotechnologischen und pharmazeutischen Industrie beobachtet werden (vgl. Weisenfeld/Chakrabari 1990, Powell et al. 1996, Baum et al. 2000). Weitere Beispiele finden sich in der Computerindustrie (Kooperation japanischer Halbleiter-Unternehmen bei der Silikonchipentwicklung; vgl. Ouchi/Bolton 1988, Tulder/Junne 1988), der Bauindustrie (Netzwerkbildung zwischen Bauunternehmern, Architekturbüros und dem Bauhilfsgewerbe) sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe (Franchising-Netzwerke mit rechtlich selbständigen Unternehmungen, die einem zentralen Kontrollsystem verpflichtet sind; vgl. Tietz 1988, Kriependorf 1988).

Ein grundlegendes Stufenmodell der Strategieentwicklung von Unternehmen wurde von Chandler (1962) vorgestellt und später von Bühner (1989) erweitert. So zeichnen sich Unternehmen auf einer ersten Stufe zunächst durch eine Ausweitung ihrer Produktiontätigkeiten und eine vertikal orientierte Integration weiterer Unternehmen aus, während sie auf einer zweiten Stufe eine Diversifikationsstrategie, d. h. eine Ausweitung ihrer Produktlinien, verfolgen. Im Rahmen einer dritten Stufe konzentrieren sich Unternehmen dann verstärkt auf die eigenen Kernkompetenzen, was vielmehr eine Abkehr von vertikaler Integration und Diversifikation darstellt (vgl. Bühner 1989, S. 225).

Vor dem Hintergrund der empirischen Beobachtung des ungebrochenen Trends zur Ausbildung von Unternehmensnetzwerken ist der Ausgangspunkt dieser Überlegung die Fragestellung, aus welchem Grund – ausgehend von individuell auf Märkten agierenden Organisationen bzw. Unternehmen des modernen Wirtschaftslebens – eine zunehmende Interaktion zwischen den Akteuren des Marktes zu beobachten ist und sich im Laufe der Zeit strategische Netzwerke als eine Form der interorganisatorische Zusammenarbeit zuvor unabhängiger Marktteilnehmer herausbilden. Gerade strategische Netzwerke sind hierbei von zunehmender Relevanz für die an die Grenzen ihrer Wettbewerbsfähigkeit stoßenden Unternehmen bzw. deren langfristiges Überleben auf dem Markt. Sie bieten den beteiligten Unternehmen eine verbesserte Anpassungsfähigkeit an die sich schnell ändernden Umweltbedingungen des Marktes, eine strategisch flexiblere Ressourcenbeschaffung, Vorteile im Hinblick auf die Abstimmung mit der Leistungs- und Produkterwartung der Kunden und bei den komplexer werdenden Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, aus welchem Grund strategische Netzwerke als interorganisatorische Kooperationsform entstehen und welche Erscheinungsformen der Zusammenarbeit möglich sind. Daneben sind die Vorteile und Chancen sowie mögliche Nachteile und Risiken zu diskutieren, die sich für einzelne Unternehmen im Rahmen einer Beteiligung an einem strategischen Netzwerk – das gewissermaßen ein Gegenmodell zur vertikal tief integrierten und/oder breit diversifizierten Unternehmung darstellt – ergeben können. Auch Ansätze des Managements in strategischen Netzwerken sind zu untersuchen.

Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst eine Begriffsdefinition des strategischen Netzwerks vorgestellt und eine Abgrenzungen von anderen Formen der interorganisatorischen Zusammenarbeit vorgenommen. In Kapitel 3 werden diejenigen Bestimmungsfaktoren und Motive untersucht, die in der Wirtschaftspraxis für die Entstehung von strategischen Netzwerken entscheidend sind. In diesem Zusammenhang werden die wichtigsten theoretischen Erklärungsansätze für die Herausbildung strategischer Netzwerke vorgestellt. Darüber hinaus befasst sich Kapitel 4 mit denjenigen Faktoren und Bedingungen, die in der Wirtschaftspraxis bestimmend für die Stabilität oder Instabilität bzw. den Erfolg oder Misserfolg eines herausgebildeten Netzwerkes sind. Die sich aus der Sicht des einzelnen an einem strategischen Netzwerk beteiligten Unternehmens ergebenden Vorteile und Chancen sowie Nachteile und Risiken werden kritisch gewürdigt. Auch Ansätze des Managements in strategischen Netzwerken werden erörtert. Die gewonnenen Ergebnisse werden schließlich in Kapitel 5 zusammengefasst.

Kapitel 2 Formen der interorganisatorischen Zusammenarbeit: Definition und Abgrenzung einiger grundlegender Begriffe

Zur Beschreibung des Phänomens der interorganisatorischen Zusammenarbeit wird in der Literatur eine Vielzahl von Begriffen mit zum Teil fließenden Übergängen und inhaltlichen Überschneidungen verwendet. Die Begriffe Unternehmensnetzwerk, strategisches Netzwerk, strategische Allianz, Kooperation, Interessengemeinschaft, Konsortium, Joint Venture, Keiretsu oder virtuelle Unternehmung stellen dabei nur einige der verwendeten Begriffe dar, die eine Form der interorganisatorischen Zusammenarbeit beschreiben (vgl. Backhaus/Meyer 1993, Sydow 1993, Mertens/Faisst 1995, Wildemann 1997, Edwards/Samini 1997, Sjurts 1998, Gerum 1999, Mohr 2003).

Auf Grund der Vielzahl der unterschiedlichen Terminologien besteht die Notwendigkeit, einleitend einige der verwendeten Begriffe zu erläutern und gegeneinander abzugrenzen.

2.1 Zum Begriff der Unternehmenskooperation

Für das Phänomen der Bildung von interorganisatorischen Kooperationen existieren zahlreiche Definitionen. Sieht Marr (1992) Kooperationen als „jede Form der Zusammenarbeit mit dem Ziel der gemeinschaftlichen Erfüllung einer Aufgabe“, spezifizieren Maaß und Wallau (2003, S. 4) diese weiterführend als Zusammenschlüsse, die zwischen rechtlich und wirtschaftlich selbständigen Unternehmen zum Zwecke einer strategischen Zusammenarbeit gebildet werden und dabei auf eine längere Zeitperspektive angelegt sind. Da sie auf einer freiwilligen Basis erfolgen sind sie grundsätzlich auch beendbar. Balling (1997, S. 12) verweist im verstärkten Maße auf die Besserstellung des einzelnen Unternehmens als Teil einer Kooperation, indem eine Kooperation beschrieben wird als „freiwillige Form der Zusammenarbeit zwischen zwei oder mehr rechtlich und wirtschaftlich weitgehend selbständigen Unternehmen (...), bei der zum Zwecke einer besseren Zielerreichung der Beteiligten bestimmte Funktionen gemeinsam realisiert werden“. Insgesamt werden die Kriterien der rechtlichen und wirtschaftlichen Selbständigkeit und die Steigerung der gemeinsamen Wettbewerbsfähigkeit mit einem höheren Zielerreichungsgrad von zahlreichen Autoren als fundamentale Merkmale einer Kooperation herausgestellt (vgl. Müller 1990, Backhaus/Meyer 1993, Wildemann 1997, Gabler 1997, Henke 2003).

Zur weiterführenden Einteilung von Kooperationen wurden verschiedene Merkmale beschrieben und dabei die Richtung, Ausdehnung, Bindungsintensität und Zeitdauer von Kooperationen berücksichtigt (vgl. Killich 2005, S. 18ff.). Die Charakterisierung der Kooperationsrichtung kann über eine Betrachtung der Positionierung beteiligter Unternehmen in der Wertschöpfungskette und deren Branchenzugehörigkeit erfolgen. Stehen im Rahmen einer Kooperation beide Unternehmen auf derselben Wertschöpfungsstufe, so liegt eine horizontale Kooperation vor, beispielsweise im Falle einer Koalition zweier Automobilherstellern auf dem Weltmarkt (vgl. Backhaus/Meyer 1993, S. 330, Maaß/Wallau 2003, S. 6). Hingegen wird von einer vertikalen Kooperation gesprochen, wenn die Zusammenarbeit zweier Unternehmen auf unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen erfolgt, wenn also Unternehmen aus vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen miteinander kooperieren. Als hierfür typisches Beispiel kann die Kooperation eines Automobilherstellers mit einem Teilezuliefererbetrieb gesehen werden. Als weitere Form liegt eine diagonale Kooperation vor, wenn die Kooperationspartner in verschiedenen Branchen und auf verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette arbeiten, als neutrale Kooperation wird schließlich eine Zusammenarbeit bezeichnet, bei der die kooperierenden Unternehmen zuvor keinerlei erkennbare Beziehung zueinander hatten und in verschiedenen Branchen oder Geschäftsfeldern tätig waren (vgl. Hammes 1994, S. 42).

Als Unterscheidungskriterium für die Untersuchung der räumlichen Ausdehnung des Netzwerkes wird die räumliche Distanz der beteiligten Unternehmen herangezogen, dabei wird zwischen lokal begrenzten, regionalen, nationalen und internationalen Kooperationen differenziert. Die zwischen den beteiligten Unternehmen herrschende Bindungsintensität kann gering, moderat oder hoch ausgeprägt sein. Wird hingegen die Zeitdauer der Zusammenarbeit betrachtet, so ist zwischen lediglich temporären oder zeitlich unbegrenzten Kooperationen zu differenzieren. Dabei ist eine Abgrenzung auch bezüglich der kooperierenden Abteilungen in den beteiligten Unternehmen möglich. Beispielsweise kann sich eine Zusammenarbeit auf die Abteilung für Forschung & Entwicklung, den Vertrieb oder das Marketing erstrecken (vgl. Killich 2005, S. 18ff.).

2.2 Zum Begriff des strategischen Netzwerkes

Eine umfassende Begriffsdefinition strategischer Netzwerke findet sich vor allem bei Jarillo (1988) und Sydow (1992). So bezeichnet Jarillo (1988, S. 33) ein strategisches Netzwerk als ein langfristiges, zielorientiertes Arrangement zwischen verschiedenen, miteinander in Beziehung stehenden, gewinnorientierten Organisationen, das es diesen Unternehmen ermöglicht, Wettbewerbsvorteile gegenüber Mitbewerbern außerhalb des Netzwerks zu erzielen und zu erhalten. Sydow (1992, S. 82) stellt ein strategisches Netzwerk dar als „eine auf die Realisierung von Wettbewerbsvorteilen zielende, polyzentrische, gleichwohl von einer oder mehreren Unternehmen strategisch geführte Organisationsform ökonomischer Aktivitäten zwischen Markt und Hierarchie, die sich durch komplex-reziproke, eher kooperative denn kompetitive und relativ stabile Beziehungen zwischen rechtlich selbständigen, wirtschaftlich jedoch meist abhängigen Unternehmungen auszeichnet“. Allerdings sei anders als im Fall der vertikalen und horizontalen Integration bei der Netzwerkorganisation auf eine hierarchische Kontrolle durch vollständige Eingliederung der ökonomischen Aktivitäten zu verzichten, jedoch nicht auf hierarchische Elemente in diesen interorganisationalen Beziehungen (vgl. Sydow 1999, S. 1).

Nach Sydow nehmen strategische Netzwerke damit eine intermediäre Position zwischen einer rein marktlichen und einer rein hierarchischen Organisationsform ökonomischer Aktivitäten ein (siehe Abbildung 1). Strategische Netzwerke entstehen dabei entweder durch eine Quasi-Internalisierung, d. h. einer Intensivierung der zwischenbetrieblichen Zusammenarbeit, bei der die Beziehungen allerdings nicht vollständig hierarchisch integriert, sondern in Form einer losen Kopplung organisiert werden. Demgegenüber ist eine Netzwerkbildung auch durch eine Quasi-Externalisierung möglich, also einer begrenzten Funktionsausgliederung durch die Lockerung hierarchisch koordinierter Austauschbeziehungen (vgl. Sydow, 1992, S. 105ff.).

Das strategische Netzwerk stellt auf dem Kontinuum zwischen den Extrempolen „Markt“ und „Hierarchie“ somit eine Mischform dar, die Elemente sowohl der marktlichen als auch der hierarchischen Koordination sowie kompetitive und kooperative Elemente miteinander kombiniert (vgl. Siebert 1991, Sydow 1992, S. 102, siehe auch Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Organisationsformen ökonomischer Aktivitäten, aus: Sydow 1992, S. 104

Backhaus/Meyer (1993, S. 332f.) stellen insbesondere eine weitere Abgrenzung des Netzwerkbegriffes von anderen Formen der Kooperation heraus. Bleiben die „klassischen“ Formen der Kooperation wie langfristige Verträge, das Franchising oder die Lizensierung zunächst unberücksichtigt, verbleiben mit dem strategischen Netzwerk und der strategischen Allianz zwei Kooperationsformen, zwischen denen zunächst zu differenzieren ist. Die Begriffserläuterung nach Backhaus/Meyer (1993) basiert dabei auf der Kooperationsrichtung zwischen zwei Kooperationspartnern, die Autoren sehen strategische Netzwerke demnach als vertikal oder diagonal ausgerichtete Kooperationsformen, also als Kooperationen zwischen Unternehmen, die auf jeweils unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen tätig sind. Charakteristisch ist hierbei, dass eine Zusammenarbeit von zwei oder mehr Unternehmen entsteht, die in einem Kunden-Lieferanten-Verhältnis zueinander stehen, und sich diese als Leistungsaustausch über den Markt darstellt. Die Unternehmen erbringen eine gemeinsame Leistung, sie stehen damit in Konkurrenz zu anderen Unternehmen außerhalb des Netzwerks.

In Abgrenzung hierzu stellen strategische Allianzen horizontal ausgerichtete Kooperationen dar, die zwischen Unternehmen derselben Wertschöpfungsstufe ausgebildet werden. Als entscheidend wird dabei gewertet, dass mindestens zwei Unternehmen bestimmte Aktivitäten miteinander verknüpfen, der Leistungsaustausch jedoch gerade nicht über eine Transaktion am Markt stattfindet, sondern sich die Unternehmen am Markt vielmehr als direkte Konkurrenten gegenüber stehen (vgl. Backhaus/Meyer 1993, Henzler 1992, Backhaus/Piltz 1990).

2.3 Strategisches versus regionales Netzwerk

Neben einer Abgrenzung des Netzwerkbegriffs von anderen Formen interorganisatorischer Kooperation sind auch diejenigen Formen, die ein Netzwerk prinzipiell einnehmen kann, differenzierter zu betrachten. In der industriesoziologischen Forschung werden vor allem zwei verschiedene Erscheinungsformen industrieller Netzwerke unterschieden: strategische und regionale Netzwerke. Beispiele für beide Netzwerkformen finden sich einerseits innerhalb bestimmter Brachen – wie beispielsweise in der Automobilindustrie –, sie konnten jedoch gerade auch in bestimmten Wirtschaftsregionen beobachtet werden, insbesondere für die Mikrochip- und Softwareindustrie im Silicon Valley Kaliforniens (vgl. Rogers/Larsen 1984, Scott 1988, Saxenian 1990), für die Textilindustrie in der Emila Romagna (einer Region im Zentrum Norditaliens, siehe unten), in Baden-Würtemberg (vgl. Piore/Sabel 1985, Sabel 1989, Voskamp/Wittke 1994) sowie im Ruhrgebiet (vgl. Grabher 1988, 1991). Exemplarisch werden zwei Beispiele herausgegriffen, um auf die Differenzierung zwischen regionalen und strategischen Netzwerken hinzuweisen (vgl. auch Sydow 1992, S. 38ff.).

Ein strategisches Netzwerk liegt vor allem dann vor, wenn dieses auf einem Markt von einem fokalen Unternehmen geführt wird, das die Netzwerkaktivitäten initiiert und koordiniert. Dieses Fokalunternehmen, auch als „hub firm“ bezeichnet, entscheidet über die Strategie, mit der ein Markt bearbeitet werden soll und über die Form und den Inhalt von Interorganisationsbeziehungen (vgl. Sydow 1992, S. 81). Dabei soll stets die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmensnetzwerke gesichert werden. Die einbezogenen Unternehmen sind räumlich voneinander getrennt, häufig bestehen die strategischen Netzwerke sogar aus international lokalisierten Unternehmen, zwischen denen stabile Interorganisationsbeziehungen gebildet werden (vgl. Sydow 1995, S. 630f.).

Die in der japanischen Wirtschaft schon seit Jahrzehnten in Form von sogenannten Keiretsus vorzufindenden Unternehmensbeziehungen stellen typische strategische Netzwerke dar. Diese waren in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg aus den bis dahin in Japan dominierenden „Zaibatsus“, d.h. Holding-Gesellschaften, die von jeweils einer reichen japanischen Familie dominiert wurden, hervorgegangen (vgl. auch Edwards/Samini 1997, S. 489ff.). Keiratsus stellen wirtschaftliche Verbundgruppen dar und bestehen einerseits aus einem inneren Netzwerk verbundener Keiretsu-Unternehmungen sowie mindestens einer Großbank und einem Generalhandelshaus (als „Sogo Shosha“ bezeichnet), deren Beziehungen zu den Keiretsu-Unternehmen wesentliche Charakteristika von Netzwerkbeziehungen aufweisen. Während der Großbank die Aufgabe der Fremdfinanzierung und der Geschäftsvermittlung zukommt, besteht die Hauptaufgabe des Generalhandelshauses auf Grund seiner zentralen Stellung innerhalb des Netzwerkes darin, die Produktentwicklung und Erschließung von Ressourcen zu koordinieren, z. T. die Endprodukte zu vertreiben sowie die Entwicklung und Unterhaltung interorganisationaler Beziehungen voranzubringen, es agiert somit als „organizer of other firms“ (vgl. Yoshiono/Lifson 1986, S. 6, Sydow 1992, S. 38ff.). Gerade diese Rolle des „Sogo Shosha“ als zentralem Netzwerkkoordinator bedingt die Zurechnung der Keiretsus zu den strategischen Netzwerken. Abgesehen von diesem inneren Kreis des Keiretsus existiert oftmals ein äußerer Kreis bestehend aus eher langfristig orientierten Verflechtungen mit kleineren spezialisierten Subkontraktunternehmen, die den zum Keiretsu gehörenden Unternehmen als sekundäre Zulieferbetriebe dienen.

Im Gegensatz zu den strategischen, oft international orientierten und in der Regel von einem Fokalunternehmen geführten Unternehmensnetzwerken bestehen regionale Netzwerke aus meist kleineren oder mittelgroßen Unternehmen, die konzentriert in einer Region mit geographischer Nähe angesiedelt und durch ein komplexes Gefüge von Kooperation und Konkurrenz zusammengeschlossen sind. Charakteristisch für diese Form des Netzwerkes ist das Fehlen einer Koordination durch ein zentrales Unternehmen. Wegen geringer Ein- und Austrittsbarrieren finden sich wechselnde Interorganisationsbeziehungen zwischen den beteiligten Unternehmen bei der projektförmig organisierten und durch kurzfristige vertragliche Abmachungen geregelten zwischenbetrieblichen Zusammenarbeit (vgl. Sydow 1995, S. 630f., Eichhorn 1998, S. 64). Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Unternehmen sind somit nicht sonderlich stabil, beständig ist jedoch die Mitgliedschaft in einem regionalen Netzwerk.

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Strategische Netzwerke als interorganisatorische Kooperationsform - Darstellung und kritische Würdigung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrstuhl für BWL, insbesondere Personalführung und Organisation)
Veranstaltung
Seminar im Fach "Personalführung und Organisation"
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
33
Katalognummer
V48779
ISBN (eBook)
9783638453776
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strategische, Netzwerke, Kooperationsform, Darstellung, Würdigung, Seminar, Fach, Personalführung, Organisation
Arbeit zitieren
Martin Maurer (Autor), 2005, Strategische Netzwerke als interorganisatorische Kooperationsform - Darstellung und kritische Würdigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48779

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