Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange. Ein Dialog zwischen Bild und Sprache basierend auf dem Gedichtzyklus "Atemkristall"


Seminararbeit, 2005

19 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der „kleine Ehemann“ und sein „kleines Zweiglein“: aus dem privaten Leben Paul Celans und Gisèle Celan- Lestrange

3 Paul Celan findet zur bildenden Kunst

4 Der Zyklus „Atemkristall“ aus dem Gedichtband „Atemwende“ (1967)
4.1 „Atemkristall“ als textueller Zyklus Paul Celans- Entstehung, Strukturen und Besonderheiten
4.2 „Atemkristall“ als bildlicher Zyklus Gisèle Celan- Lestranges- Technik, Wirkung und Inspiration

5 Aufzeigen des Dialoges zwischen Bild und Sprache anhand der Radierungen und der Gedichte „Du darfst“ und „Weggebeizt“

6 Fazit

7 In der Seminararbeit behandelte Gedichte

8 Quellenverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitung

Diese Seminararbeit untersucht die Beziehung Paul Celans und seiner Frau Gisèle Celan- Lestrange auf zwischenmenschlicher sowie auch auf künstlerischer Ebene. Zur Verdeutlichung der Bindung zwischen der Poetik Paul Celans und der Graphik Gisèle Celan- Lestranges werde ich aus der 1965 von den Künstlern gemeinsam publizierten Arbeit „Atemkristall“ einige Gedicht- und Graphikbeispiele miteinander vergleichen.

Ziel ist es aufzuzeigen, dass mit Paul Celan und Gisèle Celan- Lestrange ein bemerkenswerter Dialog zwischen Bild und Sprache entstanden ist, der aus vielen nennenswerten Facetten des Lebens dieser Künstler besteht. Eine genaue textuelle und bildhafte Untersuchung von „Atemkristall“ sowie die Beschäftigung mit der privaten Beziehung der Eheleute und dem Interesse Paul Celans zur bildenden Kunst werden Bestandteil dieser Seminararbeit sein und helfen, die komplexe Bindung der Künstler zu entschlüsseln.

2 Der „kleine Ehemann“ und sein „kleines Zweiglein“: aus dem privaten Leben Paul Celans und Gisèle Celan- Lestrange

Im Dezember 1951, einen Monat nach der ersten Begegnung von Paul Celan und Alix Marie Gisèle de Lestrange schrieb die Graphikerin und Malerin in einem Brief an Paul: „Es muss sehr schwierig sein, einen Dichter zu lieben (…)“[1]. Dieses doch sehr wahre Bedenken hinderte Gisèle jedoch nicht daran, Paul im Dezember 1952 zu heiraten und ihn trotz der verschiedenartigen Herkunft, Religion und Muttersprache, jahrelanger Depressionen, dem mit Ingeborg Bachmann im Oktober 1957 begangenen Ehebruch, einem Mordversuch im November 1965 und der räumlichen Trennung 1967 ihr Leben lang zu lieben und zu ihm zu stehen. „Ich bin so sicher, dass ich auf dem Weg mit dir, einem schwierigen aber wahren Weg in der Wahrheit bin. Auf diesem Weg kämpfe ich, falle ich, stolpere ich, verliere ich mich unaufhörlich mon chérie (…). Aber es ist auch der Weg auf dem ich mich wieder finde.“[2] Diese sonderbare Liebe definierte sich vor allem über das gegenseitige Verständnis und die Bewunderung der Kunst des jeweils anderen, die eine lebenslange Wechselbeziehung von Mut, Inspiration und Energie bedeutete.

Die Zusammenarbeit der Eheleute auf künstlerischer Basis begann schon mit Titeln, die sich Celan für die Radierungen seiner Frau ausdachte, die ihm wiederum Anregung für neue Gedichte seinerseits gaben. „(…) der Lyriker lernte von der Visualität der Bildkunst für seine Gedichte, die Graphikerin (…) sensibilisierte sich für das poetische Potential von Bildern.“[3]. Auch Lesungen mit Ausstellungen gekoppelt (z.B. 1964 in Hannover und Frankfurt) waren Bestandteile des anfänglichen Zusammenwirkens. Im Herbst 1963 entstanden die Planungen für „Atemkristall“, was als erstes wirkliches Projekt gesehen werden kann, gefolgt von „Schlafbrocken“ (1967), „Portfolio VI“ (1968) und „Schwarzmaut“ (1969).

Der Briefwechsel (insgesamt 737 Briefe) spielte ebenfalls eine zentrale Bedeutung im Leben des Ehepaares. Vor allem wenn die Familie durch Klinikaufenthalte Celans, getrennt verbrachte Urlaube oder Reisen nicht zusammen war, wurden geistige Nähe und Gemeinsamkeit durch Briefe vermittelt. Im Laufe der Zeit änderte sich der Ton der Briefe jedoch erheblich. Am Anfang standen noch Liebkosungen im Vordergrund; später Unterhaltungen über den gemeinsamen Sohn Eric, Gesundheitliches, Seelisches und Berufliches, wie z.B. Vorankommen in einer Arbeitsphase oder Stagnation. Dinge, die das Eheleben eigentlich überschatteten blieben meist unbenannt (wie z.B. der Mordversuch). Stattdessen wurde immer sehr viel Verständnis und Zuversicht in schwierigen Zeiten (z.B. Goll- Affäre) vermittelt. Erst als sich Gisèle im April 1967 dazu entschied, sich zumindest räumlich von Paul zu trennen, gab es eine unüberschaubare Veränderung: Nun ersetzten oft Gedichte von Paul und kleine Graphiken von Gisèle das Wort an sich, das beide nicht mehr glaubten füreinander finden zu können:“ Ich schicke Dir meine besten Wünsche für 1969, möge diese kleine Radierung sie Dir besser übermitteln, als ich es tun kann.“[4] Gisèle machte sich schwere Vorwürfe, Paul angesichts seiner Depressionen nicht helfen zu können und nannte als Trennungsgrund:“ Wenn ich beschlossen habe, nicht mehr mit dir zusammen zu leben, wie vorher, dann deshalb, weil ich auch meine, daß ich dir nicht nur nicht habe helfen können, sondern weil ich auch meine, daß wir uns so nahe beisammen, weh taten.“[5]

Der so oft, besonders im Briefwechsel erwähnte Satz: „Wir sind es noch immer!“[6], kann wohl als Leitspruch und Grund gesehen werden, warum das Künstlerpaar immer wieder über alle Krisen hinweg zueinander fand und bis zum letzten Atemzug an der gemeinsamen Liebe festhielt und für diese Liebe kämpfte. Inwieweit „Atemkristall“ als erste gemeinsame Arbeit für die Beziehung eine Rolle spielte und auf welche Art und Weise ein Dialog zwischen Graphik und Gedicht entstand, der dazu beitrug, dass Gisèle und Paul „es noch immer“ waren, soll nun Hauptbestandteil der Untersuchung werden.

3 Paul Celan findet zur bildenden Kunst

Das Interesse an der bildenden Kunst signalisierte Paul Celan schon 1945, als er sich einem surrealistischen Künstlerkreis anschloss und mit Edgar Jené mehrere Projekte erarbeitete, die Poetik und bildende Kunst vereinten. Außerdem übersetzte er Picassos Drama „Le désir attrapé par la queue“ und Jean Bazaines Buch „Notes sur la peinture d´ aujourd´ hui“ wodurch er Künstlerkontakte fand, die ihm neben Beschäftigungen mit einzelnen Bildern von z.B. Van Gogh Denkanstöße für seine dichterische Arbeit gaben und seine Horizonte erweiterten. Eine rasche Abwendung vom Surrealismus erfolgte jedoch, als Jené Celans Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ illustrierte, das heißt vielmehr „konkret verbildlicht(e)“[7], wodurch der Dichter seine Gedichte mit „unerträglich „geschmacklosen“ Illustrationen Jenés“[8] als geradezu entstellt empfand.

So musste es doch eine ganz neue Erfahrung für Paul Celan gewesen sein, Gisèle arbeiten zu sehen und zu erkennen, dass sich seine Frau auf eine sehr intelligente und sensible Art und Weise in seine Gedichte hineindenken konnte[9] und das Talent besaß, diese in Radierungen zu „übersetzten“, die wie kein anderer Künstler und keine andere Kunst das ausdrückten, was Celan mit seiner Poesie auszudrücken vermochte: „In Deinen Stichen erkenne ich meine Gedichte wieder, sie gehen in sie ein, um in ihnen zu bleiben.“[10]

4 Der Zyklus „Atemkristall“ aus dem Gedichtband „Atemwende“ (1967)

Mit der Zusammenarbeit an „Atemkristall“ (1963 – 1966) war nicht nur ein hervorragendes Beispiel für gegenseitiges künstlerisches Verständnis und Einfühlungsvermögen, sondern auch eine „kunstvolle Buchform des 20. Jahrhunderts, (…) in der (…) Texte (…) der zeitgenössischen Dichtung mit graphischen Beiträgen“[11] enthalten waren, entstanden: ein so genanntes Livre d´Artiste. Der Standpunkt der Kritiker dieses Genres, Bilder und Graphiken in Büchern würden die Losgelassenheit und individuelle Interpretation des Lesers von Texten einschränken, konnte bei „Atemkristall“ allerdings nicht zutreffen, weil in diesem Band nichts direkt von Text in Bild übersetzt wurde. Das hätte die Absicht beider Künstler sehr verfehlt. Diese Korrespondenz beschränkte sich vielmehr auf die Bemühung mit „Prägnanz und Sensibilität“ in den Gedichten und „scharfer Genauigkeit und exakter Konturierung“ in den Radierungen zu arbeiten und trotzdem „eine Vielzahl von Deutungsvarianten“[12] offen zu halten.

Die nun folgende getrennte Untersuchung der Gedichte und Graphiken aus „Atemkristall“ zunächst in Hinblick auf Strukturen, Besonderheiten und Herangehensweisen soll an die besondere Form der Zusammenarbeit heranführen.

4.1 „Atemkristall“ als textueller Zyklus Paul Celans- Entstehung, Strukturen und Besonderheiten

„Atemkristall“ ist der erste von sechs Zyklen des Gedichtbandes „Atemwende“, welcher im Herbst 1967 erscheint. Die Gedichte waren zum Zeitpunkt der Planung des gemeinsamen Bandes Ende 1963 bis auf drei schon verfasst worden. Keines der Gedichte ist gereimt oder trägt eine Überschrift. Die meisten Gedichte bestehen nur aus wenigen Zeilen (eine Ausnahme bilden „Weggebeizt“ und „Wortaufschüttung“)

Obwohl jedes einzelne Gedicht in „Atemkristall“ Bedeutung in sich selbst findet und nicht erst in Zusammenhang mit den anderen Gedichten, spricht man bei Celans Band von einem lyrischen Zyklus. Die Deutung der Gedichte ergibt sich in der „Sukzession der Anordnung, (…) in Bezug auf die Simultaneität des Ganzen“[13] und vor allem in der Interpretation des einzelnen Gedichtes. Trotzdem setzt Celan, wenn auch nur sehr bedacht verbindende Klammern, deren Erläuterung in den später folgenden Gedichtinterpretationen aufgegriffen wird.

Für den Zyklus allein, aber auch in Zusammenhang mit den Radierungen ist die symbolische, religiöse und auch geschichtlich oft erwähnte Zahl sieben (und auch drei und vier) bestimmend: Das erste Gedicht „Du darfst“ besteht aus drei plus drei Zeilen und enthält 33 Silben; das elfte, also mittlere Gedicht „Schläfenzange“ besteht aus drei plus vier Zeilen und aus 34 Silben und das letzte Gedicht „Weggebeizt“ enthält drei mal sieben Zeilen. Auch das Gedicht „Fadensonnen“ enthält sieben Zeilen, 37 Silben und drei mal sieben Worte. Der ganze Zyklus besteht aus drei mal sieben Gedichten. Die Zahl sieben erlangt zwar oft in christlichen Zusammenhängen Bedeutung (z.B. die sieben Vater- unser- Bitten, die sieben Sakramente der katholischen Kirche, sieben Schöpfungstage, die göttliche Zahl 777, sieben Werke der Barmherzigkeit), ist aber auch in der Religion Celans, dem Judentum verankert (z.B. durch den sieben-armigen Leuchter). Die Untersuchung der Zusammenhänge von Celans Gedichten und Zahlen wird jedoch in dieser Seminararbeit in den Hintergrund gerückt.

4.2 „Atemkristall“ als bildlicher Zyklus Gisèle Celan- Lestranges- Technik, Wirkung und Inspiration

Gisèle Celan- Lestranges Radierungen waren nachdem die Idee zum gemeinsamen Band im Herbst 1963 entstand im Januar 1964 fertig gestellt. „Eine Radierung, ein Gedicht, dann alle Gedichte, die ich las, mit denen ich lebte, und nach und nach sind daneben, ganz nahe, auch die anderen Radierungen entstanden, und es war wirklich ein Ganzes.“[14]

Die Technik, mit der die Künstlerin arbeitete zeigt eine wichtige Korrespondenz zu manchen Worten, die Celan in seinen Gedichten gebrauchte, und soll nun kurz erläutert werden:

Eine homogene Metallplatte wird mit einer Firnisschicht (säurefest) überzogen und eine Zeichnung wird spiegelverkehrt mit der Radiernadel aufgebracht, wobei die Platte an sich unverletzt bleibt. Im Säurebad entsteht dann ein graviertes Strichbild. Durch Abdecken geätzter Partien und Weiterätzen der übrigen entstehen deutlich voneinander abgesetzte Tonabstufungen. Ein Auftragen der erwärmten Druckerschwärze erfolgt; die Druckpresse quetscht die Farbe in die Vertiefungen. Völlig freies Zeichnen bzw. Radieren und verschiedene Grauabstufungen sind mit diesem Verfahren möglich.

[...]


[1] Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD1, Track3.

[2] Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD1, Track 15.

[3] Ute Allmendinger: « Wege im Schatten- Gebräch deiner Hand ». In: Gisèle Celan- Lestrange, Paul Celan: À l´image du temps. Ausstellungskatalog Tübingen. Tübingen 2001, S.59.

[4] Barbara Wiedemann: Sur la trace de tes mains. Ausstellungskatalog, Goethe Museum. Frankfurt 2001, S.37.

[5] Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD 3, Track 15.

[6] Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD 2, Track 15.

[7] Christine Ivanovic: Celans Dialog mit der bildenden Kunst. In: Gisèle Celan- Lestrange und Paul Celan, Ausstellungskatalog Museum Schloss Moyland. Malden 2000, S.23.

[8] Christine Ivanovic: Celans Dialog mit der bildenden Kunst. In: Gisèle Celan- Lestrange und Paul Celan, Ausstellungskatalog Museum Schloss Moyland. Malden 2000, S.23.

[9] Paul Celan gab seiner französisch- sprachigen Frau Deutschunterricht, der sich (auch) an seinen Gedichten orientierte.

[10] Wolfgang Emmerich: Paul Celan. Hamburg 2004, S.134.

[11] Sabine Könnecker : „Sichtbares, Hörbares“ Die Beziehung zwischen Sprachkunst und bildender Kunst am Beispiel Paul Celans. Bielefeld 1995, S.144.

[12] Sabine Könnecker : „Sichtbares, Hörbares“ Die Beziehung zwischen Sprachkunst und bildender Kunst am Beispiel Paul Celans. Bielefeld 1995, S.149.

[13] Edith Ihekweazu: Goethes West- östlicher Divan. Hamburg 1971, S.32. IN: Claudia Bockholt: Dialogische Ich-Du-Relationen in Paul Celans Gedichtzyklus „Atemkristall“. Magisterarbeit an der FAU Erlangen 1991, S.85.

[14] Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD 3, Track 19.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange. Ein Dialog zwischen Bild und Sprache basierend auf dem Gedichtzyklus "Atemkristall"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Philologische Fakultät I, Neue deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Paul Celan. Sämtliche Werke
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V48843
ISBN (eBook)
9783638454339
ISBN (Buch)
9783638750721
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul, Celan, Gisèle, Celan-Lestrange, Dialog, Bild, Sprache, Gedichtzyklus, Atemkristall, Proseminar, Sämtliche, Werke
Arbeit zitieren
Anna-Lena Henkel (Autor), 2005, Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange. Ein Dialog zwischen Bild und Sprache basierend auf dem Gedichtzyklus "Atemkristall", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48843

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