Die Bedeutung der semantischen Rollen für die Unterscheidung von Ergänzung und Angabe in der deutschen Sprache

Ein Methodenvergleich.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die drei Ansiitze
2.1. Der Ansatz von Meibauer et al. (2007)
2.1.1 Die Valenz bestimmen
2.1.2 Die Weglassprobe auf Grundlage der Argumentstruktur anwenden
2.1.3 Die Semantischen Rollen miteinbeziehen
2.2 Der Ansatz des SchUlerdudens Grammatik (2010)
2.2.1 Satzglieder durch die Verschiebeprobe ermitteln
2.2.2 Fakultative und obligatorische Satzglieder mithilfe von Leerstellen unterscheiden
2.3 Der Ansatz von Primus (2015)
2.3.1 Mithilfe des Kopfes Satzglieder und semantische Rollen ermitteln
2.3.2 Bei Satzgliedern zwischen Erganzungen und Angaben unterscheiden

3 Vergleich der drei Ansiitze
3.1 Leerstellen und Valenz
3.2 Satzgliedbestimmung
3.3 Die Bedeutung der semantischen Rollen fUr die Unterscheidung von Erganzungen und Angaben

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Bedeutung der semantischen Rollen fur die Unterscheidung zwischen Ergdnzung und Angabe im deutschen Satz. ln der Sprachwissenschaft existieren unterschiedliche Ansatze, wie man bei Mitspielern von Verben erkennen kann, ob es sich um Ergdnzungen oder Angaben handelt. lm Folgenden greife ich mir drei dieser Ansatze heraus: den Ansatz von Meibauer et al. (2007), den Ansatz des Schulerdudens (2010) und den Ansatz von Primus (201S). lch untersuche, auf welche Weise zwischen Erganzungen und Angaben unterschieden wird, wie effizient diese Unterscheidungsweisen sind und ob sich die Unterscheidungsweisen eignen, didaktisch eingesetzt zu werden.

Der wichtigste Unterschied der drei Ansatze besteht darin, ob die semantischen Rollen das wichtigste Klassifizierungsmittel fur die Unterscheidung sind - wie bei Primus (201S) -, oder nicht - wie bei Meibauer et al. (2007). Auch nach dem Ansatz des Schulerdudens (2010) sind die semantischen Rollen fur die Unterscheidung nicht relevant. Der Schulerduden (2010) unterscheidet sich au�erdem insofern von den beiden anderen Ansatzen, als er gar nicht von Ergdnzungen und Angaben spricht, sondern stattdessen obligatorische und fakultative Satzglieder unterscheidet - also in Satzglieder, die realisiert werden miissen und Satzglieder, die realisiert werden konnen. Die Bedeutung von Ergdnzungen und Angaben entspricht nicht exakt der Bedeutung von obligatorischen und fakultativen Satzgliedern. Damit stellt der Schulerduden (2010) zwar einen Sonderfall dar - da aber in dieser Arbeit die verschiedenen Ansatze auch auf ihre didaktische Wirksamkeit hin untersucht und verglichen werden sollen, macht es Sinn, den Schulerduden (2010) als eines der im schulischen Grammatikunterricht am haufigsten eingesetzten Werke miteinzubeziehen.

2 Die drei Ansatze

2.1. Der Ansatz von Me bauer et al. (2007)

Die Herangehensweise von Meibauer et al. (2007) an die Unterscheidung von Ergdnzungen und Angaben lasst sich in drei Schritte unterteilen. Zunachst wird die Valenz des Verbs bestimmt, aus dem die Argumentstruktur hervorgeht. Auf Grundlage dieser Argumentstruktur kann im nachsten Schritt durch die Weglassprobe zwischen Angaben und Erganzungen unterschieden werden. ln einem dritten Schritt werden die semantischen Rollen hinzugezogen, um die Argumente eines Wortes auf semantischer Ebene auseinanderzuhalten.

2.1.1 Die Valenz bestimmen

Der erste Schritt zur Unterscheidung von Erganzung und Angabe ist bei Meibauer et al. (2007: 148), die Valenz des Verbs zu bestimmen. Als Valenz bezeichnet man die Kombinationsmoglichkeiten eines Wortes. Diese Kombinationsmoglichkeiten kann man als bestimmte Stellen verstehen, die jedes Wort entweder obligatorisch oder fakultativ zu besetzen hat (vgl. Meibauer et al. 2007: 148). Das folgende Beispiel1 zeigt die Valenz des Verbes vorstellen auf:

(1) a. ... weil die Rektorin ihr den neuen Dekan vorstell

b.*... weil ihr den neuen Dekan vorstellt

c. *... weil die Rektorin ihr vorstellt

d. ... weil die Rektorin den neuen Dekan vorstellt

(Meibauer et al. 2007:148).

Vorstellen wird demnach obligatorisch mit einer Konstituente im Nominativ - jemand, der vorstellt - und einer Konstituente im Akkusativ - jemand, der vorgestellt wird - sowie fakultativ mit einer Konstituente im Dativ - jemand, dem vorgestellt wird - kombiniert. Anders formuliert eroffnet das Verb vorstellen drei Stellen, von denen zwei Stellen immer besetzt werden miissen, die dritte aber auch unbesetzt bleiben kann. Das Besondere an dieser fakultativ zu besetzender Stelle ist: auch wenn die Stelle nicht besetzt ist, wird der Satz trotzdem so verstanden, als sei sie besetzt (vgl. 1 d.).

Da es keine generellen Regeln gibt, welches Wort wie viele Stellen eroffnet und wie diese zu besetzen sind, betrachten die Meibauer et al. (2007: 148 f.) es als sinnvoll, die Valenz gemeinsam mit den anderen speziellen Eigenschaften eines Wortes2 in Lexikoneintrdgen festzuhalten. Fur das Verb vorstellen sieht ein solcher Lexikoneintrag, der die Valenz des Wortes festhalt, wie folgt aus:

(2) NPNom2,(NPDat2), NPAkk3

VORSTELL[x1, x2, x3] 3

(vgl. Meibauer et al. 2007:149).

Der Lexikoneintrag umfasst zwei Teile: Zum einen wird die Anzahl der Stellen des Wortes - VORSTELL[x1,x2, x3] - angegeben. Die Stellen werden auch Argumente genannt werden und gehoren zur Semantik (= Bedeutungsebene). Zum anderen konnen die Kategorien, die diese Argumente syntaktisch (= auf Satzbauebene) realisieren - NPNom2,(NPDat2), NPAkk34 - abgelesen werden. Die runden Klammern markieren dabei jene Argumente, die nicht unbedingt realisiert werden mussen. Beide Teile des Lexikoneintrags zusammen ergeben die Argumentstruktur des Wortes (vgl. Meibauer et al. 2007:149).

2.1.2 Die Weglassprobe auf Grundlage der Argumentstruktur anwenden

Diese Argumentstruktur ist nach Meibauer et al. (2007: 149) Voraussetzung fur den zweiten Schritt, Angaben und Ergdnzungen5 konkret voneinander zu unterscheiden. Ergdnzungen sind namlich jene Kategorien, die in der Argumentstruktur des Wortes stehen und vom jeweiligen Wort selegiert werden (vgl. Meibauer et al. 2007: 149). Erganzungen stehen also in einer Dependenzbeziehung zum jeweiligen Verb. lm Gegensatz dazu werden Angaben nicht selegiert und sind demnach auch nicht lexemspezifisch von der Valenz eines Verbs abhangig. Demzufolge konnen sie in einem Satz auch einfach weggelassen werden. Wahrend in Beispiel (1) die Rektorin, ihr und den neuen Dekan Erganzungen von vorstellt sind, konnte man Angaben - im Rahmen der semantischen Vertraglichkeit - beliebig hinzufugen: weil die Rektorin ihr gegebenenfalls iibermorgen in der Mittagspause in ihrem Biiro den neuen Dekan vorstellt, obwohl sie eigentlich keine Lust dazu hat (vgl. Meibauer et al. 2007: 149). Nach der Methode von Meibauer et al. (2007) soll also eine einfache Weglassprobe ausreichen, um zu erkennen, ob es sich bei den Mitspielern der Verben um Ergdnzungen oder Angaben handelt. Kann man sie beliebig hinzufiigen - und auch wieder weglassen -, handelt es sich bei den Argumenten um Angaben. Sind die Argumente aber vom Verb abhdngig und konnen deswegen nicht weggelassen werden, handelt es sich um Erganzungen. Allerdings gibt es Falle, in denen die Argumente eines Wortes durch verschiedenartige Kategorien realisiert werden konnen. Einen solchen Fall stellt beispielsweise das Verb wissen dar:

(3) a. ...weil Arno die Antwort weiß

b. *... weil Arno weiß

c. *...weil die Antwort weiß

d. ... weil Arno weiß, dass die Erde keine Scheibe ist

e. ... weil Arno nicht weiß, ob es morgen im Kindergarten Fruhstuck gibt

f. ... weil Arno weiß, wie viele Fahrrader ich habe

g. *... weil Arno weiß, Kartoffeln mit dem Messer zu schneiden

(Meibauer et al. 2007: 149)

Es zeigt sich, dass wissen obligatorisch zwei Stellen zu besetzen hat. Wahrend die eine Stelle mit einer Nominalphrase im Nominativ (Arno) besetzt werden muss, kann die andere entweder durch eine Nominalphrase im Akkusativ (die Antwort), einen dass-Satz (dass die Erde keine Scheibe ist), einen ob-Satz (ob es morgen im Kindergarten Friihstiick gibt), oder einen w-Satz (wie viele Fahrrdder ich habe) besetzt werden (vgl. Meibauer et al. 2007: 149). lm Lexikoneintrag notiert man diese verschiedenartigen Realisierungsmoglichkeiten der Argumente eines Wortes mithilfe von geschweiften Klammern folgendermaßen:

(4) NPNom1,{NPAkk2,CPdass2,CPob2,Cw2} WlSS[x1, x2]

(Meibauer et al. 2007: 149)

ln diesen Fallen werden somit bestimmte Argumente - obwohl sie vom Verb selegiert wurden und demnach Erganzungen sind - nicht im Satz realisiert. Grund dafur ist, dass nicht alle Kombinationsmoglichkeiten gleichzeitig im Satz auftreten konnen.

Außerdem gibt es Falle, in denen es mehr Ergdnzungen als Argumente gibt. Als Beispiel fur einen solchen Fall nennen Meibauer et al (2007: 1S0) die Verben schneien und erkdlten:

(5) a. Gleich wird es schneien.

b. *Gleich wird der Himmel schneien.

c. Arno hat sich schon wieder erkaltet.

d. *Arno hat Valentine schon wieder erkaltet.

(Meibauer et al. 2007: 1S0)

Bei den Pronomen es und sich handelt es sich um Erganzungen, da sie jeweils von den Verben schneien und erkdlten abhangen - denn schneien muss mit es und erkdlten mit einer Form von sich kombiniert werden. Dass es sich aber bei den Pronomen nicht um Argumente handelt, begrunden Meibauer et al. (2007:1S0) damit, dass sie nicht durch Nominalphrasen ersetzbar sind (vgl. (5) b., d.) und nichts zur Bedeutung der Satze beitragen.

Die Lexikonentrage fur schneien und erkalten sehen demnach wie folgt aus:

(6) a. esl

SCHNEl[ ]

b. NPNom1, sich2

ERKALT[x1]

(Meibauer et al. 2007: 149)

2.1.3 Die Semant schen Rollen m te nbez ehen

Erst in einem dritten Schritt ziehen Meibauer et al (2007: 1S0) die semantischen Rollen6 hinzu, um die Argumente danach zu klassifizieren, ,welche Rolle die Teilnehmer, die den Argumenten entsprechen, in der vom Satz beschriebenen Situation spielen" (Meibauer et al. 2007: 1S1). Durch die vorherigen Schritte konnen die verschiedenen Argumente eines Wortes namlich auf semantischer Ebene nicht unterschieden werden - dies leisten erst die semantischen Rollen. Wie wichtig es ist, die Argumente auf semantischer Ebene zu unterscheiden, zeigt sich, wenn man die Satze ,Kiep hat das Geld genommen" (Meibauer et al. 2007: 1S1) und ,Kiep hat das Geld bekommen" (Meibauer et al. 2007: 1S1) vergleicht. Zwar beschreiben die Verben nehmen und bekommen beide Vorgange, bei denen etwas den Ort wechselt - wahrend Kiep jedoch bei bekommen mit dem Ortswechsel nichts zu tun hat, ist er bei nehmen fur den Ortswechsel des Geldes verantwortlich. Kiep spielt also in der von den Satzen beschriebenen Situation eine sehr unterschiedliche Rolle, je nachdem ob er als Argument von bekommen oder von nehmen selegiert wird. Strafrechtlich wurden die beiden beschriebenen Situationen - abhangig von der Rolle, die Kiep innehat - sehr unterschiedliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Auch fur die syntaktische Struktur sind die semantischen Unterschiede der Argumente bedeutsam. So zeigt das folgende Beispiel, dass die ersten beiden Satze (vgl. 7 a., b.) bis auf das Verb dieselben Ausdrucke enthalten und dieselbe Struktur haben. Dennoch kann man nur mit einem der Verben einen Aufforderungssatz bilden (vgl. Jackendorf 1972: 2S-36, zit. nach Meibauer et al. 2007: 1S0):

(7) a. Arno nimmt einen Joghurt aus dem Kuhlschrank.

b. Arno nimmt einen Joghurt aus dem Kuhlschrank.

c. Nimm einen Joghurt aus dem Kuhlschrank

d. *Bekomm einen Joghurt aus dem Kuhlschrank

(Meibauer et al. 2007: 1S1)

Da die Struktur bei beiden Satzen dieselbe ist, muss der syntaktische Unterschied in der Semantik der Verben nehmen und bekommen liegen. Die Semantik unterscheidet sich darin, welche Rollen die Verben ihren Argumenten zuweisen. Wahrend Arno bei bekommen die Rolle eines Rezipienten - also von jemandem, der etwas erhalt - spielt, ubernimmt er bei nehmen die Rolle des Agens, das etwas macht oder verursacht. Als Rezipient, der nicht verantwortlich fur die Handlung ist, kann Arno nicht aufgefordert werden, zu handeln - als Agens, das die Handlung verursacht, aber sehr wohl.

[...]


1In allen Beispielen markiert ein * einen grammatisch inkorrekten Satz.

2Meibauer et al. (2007: 149) merken hierzu an, dass typischerweise Verben eine Valenz haben, aber auch Adjektive und Nomen mehrstellig sein konnen.

3Bei Meibauer et al. werden sind die Klammern in Zeile zwei des Beispiels rund. lch habe sie in dieser Arbeit aber durch eckige Klammern ersetzt, um eine Verwechslung mit den runden Klammern aus der ersten Zeile des Beispiels zu vermeiden, die anzeigen, welche Argumente nicht unbedingt realisiert werden mussen.

4Meibauer et al. (2007: 149) merken hierzu noch an, dass anstatt der Nominalphrasen (NP) auch Nomen oder Pronomen auftreten konnen.

5Erganzungen werden bei Meibauer et al. (2007: 149) auch Komplemente genannt; Angaben werden auch Adjunkte, Modifizierer oder Supplemente genannt. Aus Grunden der Einheitlichkeit spreche ich in dieser Arbeit immer von Erganzungen und Angaben.

6Semantische Rollen werden nach Meibauer et al. (2007: S1) auch thematische Rollen genannt.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der semantischen Rollen für die Unterscheidung von Ergänzung und Angabe in der deutschen Sprache
Untertitel
Ein Methodenvergleich.
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V488862
ISBN (eBook)
9783668964563
ISBN (Buch)
9783668964570
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, rollen, unterscheidung, ergänzung, angabe, sprache, methodenvergleich
Arbeit zitieren
Milena Bonifert (Autor), 2019, Die Bedeutung der semantischen Rollen für die Unterscheidung von Ergänzung und Angabe in der deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488862

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