Das Freiheitsversprechen im Plattform-Kapitalismus. Wird die Selbstbestimmung von heute in einer totalen Fremdbestimmung enden?


Hausarbeit, 2018
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Freiheitsversprechen als neue Legitimation des Kapitalismus
2.1 Die Legitimationsbedurftigkeit des Kapitalismus und die Rolle der Kritik
2.2 Selbstbestimmung im Berufsleben: Die „projektbasierte Polis“ als Ergebnis der uberwundenen „Industriepolis“ und als erfolgreiche Integration der Kunstlerkritik

3. Plattform-Kapitalismus: Das Geschaft mit der Freiheit
3.1 Der Mehrwert fur den Nutzer.
3.2 Kategorisierung der Plattformen und die Gefahr der Monopolbildung durch die Nutzung der User-Daten
3.2.1 Werbeplattformen
3.2.2 Schlanke Plattformen
3.2.3 Produktplattformen

4. Von kunstlicher Intelligenz und Verhaltenssteuerung

5. Die Illusion des Individualismus und die Quantifizierbarkeit der Einzigartigkeit

6. Resumee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das gegenwartige Zeitalter ist von einem MaB an individueller Freiheit gepragt, wie es in keiner vergangenen Epoche auch nur im Ansatz denkbar gewesen ware. Der Einzelne verfugt uber eine Handlungsmacht von auBergewohnlicher Qualitat, welche er auf bequeme Weise durch die Nutzung digitaler Portale ausleben kann. Plattformen wie Facebook, Google, Amazon, Airbnb, Lieferando und viele Weitere ermoglichen dem Individuum scheinbar unendliche Gestaltungsmoglichkeiten seines Arbeits-, Konsum-, Reise-, und Freizeitlebens. Der Aufwand zur Selbstverwirklichung der Menschen wurde, zumindest aus westlicher Perspektive, auf ein Minimum reduziert und der Traum einer singularen Lebensart wird der Gesellschaft auf einem digitalen Silbertablett serviert. Mittels weniger Mausklicks wird dem Einzelnen die Moglichkeit offenbart, mit Personen auf dem gesamten Erdball zu interagieren, ohne dabei auf obsolete Informationstrager, wie Briefe oder Telegrafen, zuruckgreifen zu mussen. Die Home-Sharing-Plattform „Airbnb“ gewahrleistet daruber hinaus die unkomplizierte Planung einer selbstbestimmten, individualisierten und einzigartigen Urlaubserfahrung, wodurch der autonome Globetrotter unabhangig von Reiseburos und deren Pauschalreisen die Welt entdecken kann. Zusatzlich besteht die Moglichkeit, ohne jemals einen physischen Laden aufsuchen zu mussen, das wohl groBte Warenhaus „Amazon“ zu betreten, wodurch dem Traum vom unendlichen Konsum scheinbar keine Grenzen mehr gesetzt sind. Auch das Grundbedurfnis der Nahrungsaufnahme wird durch eine der vermutlich vielfaltigsten digitalen Speisekarten namens „Lieferando“ befriedigt, sodass der reale Besuch eines Restaurants aus Mangel an kulinarischer Diversitat bald uberflussig erscheinen konnte. In Bezug auf die individuellen Handlungsoptionen klingen diese Tatsachen fast zu schon, um real zu sein. Viele dieser plattformbasierten Angebote kommen im unschuldigen Gewand einer kostenlosen Dienstleistung daher, wobei sich der User daruber bewusst sein sollte, dass er einen hohen Preis fur seine neu gewonnenen Freiheiten zahlt. Das moderne Zahlungsmittel scheinen personenbezogene Daten zu sein, die nur allzu leichtfertig in die Hande der groBen Unternehmen geraten. Somit unterliegt dieser individuelle Machtzuwachs der Gefahr, durch das leichtsinnige EntauBern von personlichen Informationen, schlieBlich verloren zu gehen und in einer totalen Fremdbestimmung durch private Plattformkonzerne zu munden.

Wenn man davon ausgeht, dass wir in einer Informations- und Wissensgesellschaft leben, dann hat derjenige die besten Aussichten auf eine hohe soziale Machtposition, der es versteht, das groBtmogliche Arsenal an Wissen und Informationen zu zentralisieren und dieses gewinnbringend zu verwerten. Die von den marktorientierten Plattformen gesammelten Daten spielen somit eine wichtige Rolle, da aus ihnen okonomisch relevantes Wissen entstehen kann. Folglich haben die groBen Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon einen entscheidenden Vorteil gegenuber dem Rest der Welt, weil sie taglich Milliarden Daten sammeln und es immer besser verstehen, aus den Daten von den Menschen, Wissen uber die Menschen zu generieren. Kunstliche Intelligenz, Algorithmen und DeepLearning sind hierbei die wichtigsten Werkzeuge, um diese Macht weiter auszubauen. Nicht umsonst investieren diese Konzerne enorme Summen in die KI-Forschung. Wir leben somit in einer dichotomen Gesellschaft. Es gibt diejenigen, die Daten produzieren und diejenigen, die die Daten besitzen, analysieren, auswerten und schlieBlich fur kommerzielle Zwecke verwenden konnen.

In der folgenden Ausarbeitung gilt es herauszufinden, wie es moglich ist, dass diese Plattformen durch das Sammeln unserer Daten stetig ihre Monopolstellungen ausbauen konnen. Darauf aufbauend gilt es zu klaren, welche Gefahren fur die individuellen Freiheiten zu befurchten sind. Dazu soll eingangs der Zusammenhang des Freiheitsbedurfnisses und des Kapitalismus dargestellt werden, um zu verdeutlichen, wie diese Ideen miteinander verzahnt sind.

2. Das Freiheitsversprechen als neue Legitimation des Kapitalismus

Die Hauptthese diese Arbeit besteht darin, zu zeigen, dass die neu gewonnenen Freiheiten innerhalb des Kapitalismus als ein Produkt der „Systemkritik“ zu verstehen sind, und dass dieser Macht-, Freiheits- und Verantwortungsgewinn auf der individuellen Sphare eben durch die kapitalismusimmanente Eigenlogik selbst wieder zerstort werden kann. Somit sollen vorerst die Forschungsergebnisse der franzosischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello dargelegt werden, die davon ausgehen, dass der Kapitalismus immer einer Legitimation seitens der gesellschaftlichen Basis bedarf, um das System uberhaupt uberlebensfahig zu machen, weil der kapitalistische gesellschaftliche Uberbau von sich aus keine ausreichende Legitimation erzeugen kann (vgl. Boltanski; Chiapello 2001: 468). Gegenwartig scheint die erfolgreiche Bindung an das Wirtschaftssystem durch die Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung in der Berufs- als auch in der Freizeitgestaltung zu gelingen.

Zunachst soll hierbei auf den Wandel des Arbeitsmarktes eingegangen werden, um anschlieBend diese Erkenntnisse auf den „Plattform-Kapitalismus“ zu ubertragen.

2.1 Die Legitimationsbedurftigkeit des Kapitalismus und die Rolle der Kritik

Mit Verweis auf Max Webers Terminologie des „kapitalistischen Geistes“ identifizieren Chiapello und Boltanski drei historische Epochen des Kapitalismus (vgl. Boltanski; Chiapello 2001: 462). Nun stellt sich die Frage, was die beiden Autoren unter dieser Begrifflichkeit uberhaupt verstehen? Hierbei lasst sich zunachst konstatieren, dass der GroBteil der Gesellschaft nicht unbedingt als „Gewinner“ dieses Systems bezeichnet werden kann, da die meisten Teilnehmer der kapitalistischen Gesellschaft ausschlieBlich ihre Arbeitskraft entauBern konnen, weil sie nicht uber die notigen Produktionsmittel verfugen, um eigenstandig Mehrwert generieren zu konnen, was wiederum das Ziel der herrschenden Kapitalistenklasse ist. Es muss folglich eine Ideologie vorherrschen, welche die Partizipation der Majoritat am kapitalistischen Unternehmen ausreichend gewahrleistet. Dies ist der sogenannte „Geist des Kapitalismus“ (vgl. Boltanski; Chiapello 2001: 462).

Innerhalb jedes kapitalistischen Geistes kristallisieren sich stets neue Bewahrungsproben heraus, die als Statuslegitimation sozialer Ordnung verstanden werden mussen. Im gegenwartigen „Geist des Kapitalismus“ habe sich laut Boltanski und Chiapello die sogenannte „projektbasierte Polis“ oder auch „netzwerkbasierte Polis“ etablieren konnen. Die „projektbasierte Polis“ begunstigt denjenigen in Bezug auf eine hohe Position, der zu verstehen weiB, sich erfolgreich auf selbstbestimmte Weise von einem zum anderen Projekt zu hangeln (vgl. Boltanski; Chiapello 2001: 466). Laut Boltanski und Chiapello ist die „Projektlogik“ als erfolgreiche Integration der Kapitalismuskritik und somit als Antwort auf die vergangene „industrielle Polis“ zu verstehen. Inhaltlich lassen sich in diesem Kontext zwei disparate Formen der Kritik ausmachen. Zum einen handelt es sich um die sogenannte „Sozialkritik“, welche sich insbesondere auf die „sozialen Ungleichheiten, Armut, Ausbeutung und den Egoismus einer Welt bezieht, der vor allem den Individualismus im Gegensatz zur Solidaritat fordert“ (Boltanski; Chiapello 2001: 466), wohingegen eine weitere Variante der Kapitalismuskritik als „Kunstlerkritik“ deklariert wird und vorwiegend die Repression des Individuums durch die kapitalistischen Imperative anprangert. Letzteres strebt die Uberwindung der strengen und erdruckenden Hierarchien innerhalb der Gesellschaft und der Unternehmen an, welche dem Individuum jegliche Freiheiten zu rauben vermogen (vgl. Boltanski; Chiapello 2001: 466).

Die „Kunstlerkritik“ lasst sich auf die Ideen der linksliberalen Werte der „68er-Bewegung“ zuruckfuhren, die fur „individuelle Autonomie, Freiheit, Einzigartigkeit und Authentizitat kampften“, was sich nicht mit den repressiven Kapitalismuszwangen in Einklang bringen lasst. Somit scheint der Kapitalismus, in Form der „projektbasierten Polis“ diese Kritik gespeist und in das System integriert zu haben, sodass diese Kritik ebendiesem System eine neue Legimitation bereiten konnte (Boltanski; Chiapello 2001: 466). An dieser Stelle lasst sich festhalten, dass sich innerhalb des „kapitalistischen Geistes“ eine Tendenz weg von Fremdbestimmung hin zu mehr Selbstbestimmung abgezeichnet hat. Werte wie Freiheit, Authentizitat, Einzigartigkeit und Autonomie werden immer wichtiger fur die Individuen dieser Gesellschaft, sodass insbesondere die „neue akademische Mittelschicht“ diese postmaterialistischen Vorstellungen verinnerlicht hat und diese auch im Berufsleben einfordert (vgl. Reckwitz 2017: 286 f.). Im nachsten Schritt gilt es herauszuarbeiten, von welcher „polis“ sich die „netzwerkbasierte Polis“ uberhaupt abgrenzt, um schlieBlich die Eigenarten dieser „cite“ angemessen beurteilen zu konnen.

2.2 Selbstbestimmung im Berufsleben: Die „projektbasierte Polis“ als Ergebnis der uberwundenen „Industriepolis“ und als erfolgreiche Integration der Kunstlerkritik

Die „projektbasierte Polis“ stellt in der Historie des Kapitalismus ein absolutes Novum dar, weil dem arbeitenden Subjekt ein Surplus an Selbstbestimmung und Freiheit in der Gestaltung seiner Tatigkeit zukommt, wie es in keiner vergangenen Epoche jemals der Fall war. Die Chance auf einen prestigereichen sozialen Status scheint in der heutigen Zeit in der totalen Selbstverantwortung des Individuums zu liegen, da der berufliche Erfolg zunehmend davon abhangt, ob man in der Lage ist, auf autonome Weise, stets neue Projekte erfolgreich zu bewaltigen (Boltanksi; Chiapello 2003: 150).

Der Wandel des gegenwartigen Arbeitsmarktes lasst sich am besten durch eine Abgrenzung der „industriellen“ von der „netzwerkbasierten Polis“ illustrieren. Wie bereits angeklungen, ist die „projektbasierte Polis“ ein Ergebnis der erfolgreichen Integration der „Kunstlerkritik“ aus den 60er Jahren. Die „Industriepolis“ war insbesondere von der Idee der „Effizienz“ geleitet (Boltanski; Chiapello 2001: 465), wobei der Arbeiter in eine klare Unternehmenshierarchie eingebettet war. Der Angestellte fugte sich seiner vorgegebenen Rolle innerhalb dieses betrieblichen Machtgefuges und erledigte seine Aufgabe unter dem Kriterium der Effizienz (Boltanksi; Chiapello 2003: 184). Die sozialen Beziehungen und Machtverhaltnisse unter den

Mitarbeitern waren klar geregelt, weil die Ordnungsstrukturen fur jedermann evident waren. Zusatzlich lasst sich konstatieren, dass es eine strikte Separation zwischen Arbeits- und Freizeit gab, welche haufig durch eine Stempeluhr markiert wurde. Organisationssoziologisch waren die firmeninternen Herrschaftsstrukturen uberwiegend von einem „klassischen Kommandosystem“ gepragt, welches wiederum durch eine klare Befehls- und Ausfuhrungsstruktur charakterisiert war (vgl. Peters 2001: 99 f.). An genau diesem Punkt setzte die „Kunstlerkritik“ an, weil sie diese offensichtlichen Hierarchien als Unterdruckungsmechanismen anprangerten, die es zugunsten der Freiheit des Individuums zu uberwinden galt. Der Einzelne wurde als Subjekt der kapitalistischen Repression aufgefasst, der uber keine individuellen Gestaltungsmoglichkeiten hinsichtlich seiner beruflichen Tatigkeit verfugte.

Diesem Phanomen wurde scheinbar in der „projektbasierten Polis“ Rechnung getragen, was in der sozialen Tatsache zum Vorschein kommt, dass das moderne Arbeitssubjekt von Werten wie Autonomie, Authentizitat, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung gepragt ist.

Im heutigen Zeitalter muss das zunehmend emanzipierte Individuum ein enormes MaB an Aktivitat an den Tag legen, da es in der „netzwerkbasierten Polis“ darum geht, dass man standig neue Kontakte knupft, sein Netzwerk immer weiter ausbaut, um letztendlich die Beteiligung an neuen luktrativen Projekten sicherstellen zu konnen (vgl. Boltanski; Chiapello 2003: 184). Die einengenden und festen Unternehmenshierarchien der „industriellen polis“ sind fur das moderne, selbstbestimmte Arbeitssubjekt nur hinderlich, da sie die individuelle Mobilitat einschranken wurden, die notig ist, um erfolgreich an neuen Projekten partizipieren zu konnen.

Eine beispielhafte modern-flexible Arbeitsform bildet in diesem Zusammenhang das sogenannte „Cloud-Working“, welches unmittelbar als Produkt der Digitalisierung zu verstehen ist und die Merkmale der Arbeitsanforderungen einer „projektbasierten Polis“ aufweist. Unternehmen, die vom Modell des „Cloud-Working“ Gebrauch machen, setzen immer weniger auf fest angestellte Beschaftigte, sondern bedienen sich der Ideen der „Open- Source-Bewegung“ und profitieren hierbei von der „flexible[n] Nutzung weltweit verfugbarer Arbeitskrafte, die ohne feste Buros oder Arbeitsvertrage uber die Cloud je nach Bedarf in Wertschopfungsprozesse integriert werden konnen“ (Boes; Kampf et al. 2016: 38).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Freiheitsversprechen im Plattform-Kapitalismus. Wird die Selbstbestimmung von heute in einer totalen Fremdbestimmung enden?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Zeitdiagnosen der digitalen Gesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V488974
ISBN (eBook)
9783668947696
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitalisierung, Kapitalismus, Freiheit
Arbeit zitieren
Jonas Heuten (Autor), 2018, Das Freiheitsversprechen im Plattform-Kapitalismus. Wird die Selbstbestimmung von heute in einer totalen Fremdbestimmung enden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488974

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