Die Risiken der Knabenliebe aus der Anklage gegen Timarchos


Hausarbeit, 2019

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Päderastie – Theoretischer Hintergrund

3. Risiken der Knabenliebe – Aischines' Argumentation gegen Timarchos
3.1 Käuflichkeit und Gier
3.2 Anzahl der Partner
3.3 Dominanz und Unterwerfung des Timarchos
3.4 Auswahl der Partner

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Im Gegensatz zu der althistorischen Gender-Forschung wurde das Feld der antiken Sexualität wesentlich früher durch die Wissenschaft beleuchtet, wobei sich vor allem herausstellte, dass insbesondere homoerotische Beziehungen hierbei in den Vordergrund rückten.1 Dabei wurde immer wieder der Fokus darauf gelegt, Aussagen über bestimmte antike Praktiken treffen zu können, jedoch ebenfalls Thesen darüber aufzustellen, welche gesellschaftlichen Wertungen und Empfindungen dieser Art der Sexualität möglicherweise zu Grunde gelegen haben und inwiefern diese mit heutigen Anschauungen verglichen werden können.2 Eine innerhalb der Forschung besonders elaborierte Form der Homosexualität ist die sogenannte ,,Päderastie“, bei der ein erwachsener Mann mit einem heranwachsenden Jungen Umgang pflegte, was, wie nachfolgend noch ausreichend thematisiert wird, ebenfalls eine sexuelle Komponente einschloss. Dass dies in Bezug auf die praktische Umsetzung nicht ganz unproblematisch war, soll die vorliegende wissenschaftliche Arbeit zeigen, die es sich zum Ziel setzt, das Themengebiet der Päderastie anhand eines recht bekannten Beispiels, bei dem es sich um eine Gerichtsrede handelt, näher zu beleuchten. Insbesondere soll dies in Bezug auf die Risiken der ,,Knabenliebe“3, womit Päderastie übersetzt werden kann, erfolgen. Bei dem zuvor erwähnten Beispiel handelt es sich um eine Quelle, die vermutlich aus dem Jahr 345/346 v. Chr. stammt und sich in den Kontext des Philokratesfriedens von 346 v. Chr. einordnen lässt.4 Aischines, ein attischer Politiker, dem ein recht makedonienfreundliches Konzept zugrunde lag, wurde von Demosthenes und Timarchos, ebenfalls politisch Aktive und Ratskollegen, mit dem Vorwurf angeklagt, Gesandtschaftsverrat begangen zu haben und bestechlich gewesen zu sein, um Philipp II. zu unterstützen und die Interessen Athens zu vernachlässigen.5 Die erste Anklage, die Timarchos erhoben hatte, schlug jedoch fehl, was an dieser Stelle unmittelbar in das hier behandelte Thema überleitet. Der fehlende Erfolg war darauf zurückzuführen, dass Aischines durch eine eigene Anklage gegen Timarchos diesem das Recht absprach, überhaupt einen Prozess führen zu dürfen, weil er sich in seiner Jugend prostituiert habe.6

Das Entscheidende an diesem Vorwurf ist, dass die Ausübung von Prostitution offensichtlich ein Grund für die attische Gesellschaft war, dem Beteiligten seine Bürgerrechte, als auch seine politische Betätigung abzusprechen7 - die Päderastie hingegen war eine weitestgehend akzeptierte Form der Sexualität.8 Die vorliegende Arbeit definiert somit zunächst den Begriff der Päderastie, um die eigentliche Problematik, nämlich die zum Teil kaum vorhandenen Abgrenzungen zwischen Päderastie und Prostitution, besser nachvollziehen zu können. Die Quelle wurde dementsprechend bewusst ausgewählt, weil diese Rede, unabhängig vom Wahrheitsgehalt, das Potential des Prostitutionsvorwurfs zeigt und verdeutlicht, welche Gefahren ein päderastisches Verhältnis inkludieren konnte. Zudem ist, wie Tanja Scheer bereits betont, die Quellenlage in Bezug auf den Bereich der Päderastie relativ unzureichend, da primär bildliche Darstellungen auf Vasen existieren, die nach Scheer jedoch nur bedingt die antike Realität wiedergeben bzw. als solche interpretiert werden können.9 Nachdem also versucht wird, den Begriff selbst zu definieren, wird sich im Anschluss primär auf die genannte Quelle ,,Against Timarchos“ bezogen und verschiedene Kategorien gebildet, anhand derer überprüft wird, durch welche Kriterien der Vorwurf der Prostitution gegen Timarchos gestützt wird, sodass mögliche Schlüsse gezogen werden können, welches Verhalten in der päderastischen Praxis einen Vorwurf der Prostitution begünstigte. Diese Kriterien10 wurden primär anhand des Quelleninhalts ausgewählt, greifen jedoch zusätzlich Inhalte der bereits bestehenden Sekundärliteratur auf.

Besonders prägend in diesem Bereich sind die Publikationen von Autoren wie Carola Reinsberg, Tanja Scheer, Verena Espach und Kenneth Dover, die die Päderastie in ihren definitorischen Ansätzen und Problemen detailliert evaluiert haben und ebenfalls zum Teil die Anklage des Aischines gegen Timarchos in ihre Überlegungen einbezogen haben.11 Die Inhalte der Gerichtsrede werden insbesondere bei Reinsberg, als auch vor allem bei Dover ausgiebig aufgegriffen, allerdings wird hier meist lediglich ein besonderer Vorwurf, auf den nachfolgend genauer rekurriert wird, als eigentliches Problem betrachtet, weshalb die vorliegende Arbeit die Rede des Aischines genauer analysieren wird, um weitere wichtige ,,Risiken der Knabenliebe“ herauszuarbeiten.

2. Der Begriff der Päderastie – Theoretischer Hintergrund

Im Folgenden soll somit zunächst auf den Begriff selbst eingegangen und gezeigt werden, dass allein bereits die Definition und die der Päderastie zugeschriebenen Eigenschaften problematisch in Bezug auf die praktische Umsetzung gewesen sein könnten. Wie bereits einleitend erwähnt, meint der Begriff eine Form der homoerotischen Sexualität, dessen Ursprünge sich primär in den dorischen Staaten, wie beispielsweise Kreta und Sparta finden lassen.12 In der Forschung besteht nach wie vor Uneinigkeit darüber, ob diese praktizierte Form der Homosexualität eher als ,,[...] erotisch gefärbte Erziehung [...]“13 oder vielmehr als ,,[...] pädagogisch verbrämte sexuelle Beziehung [...]“14 bewertet werden kann. Dieser Antagonismus wird spätestens dann nachvollziehbarer, wenn weitere Rahmenbedingungen, wie vor allem die ausführenden Personen näher betrachtet werden. Die männlichen Partner waren nämlich nicht gleichen Alters, sondern in der Regel war der ,,eromenos“, also der ,,Geliebte“ und somit jüngere Partner zwischen zwölf und 18 Jahren, der Liebhaber (erastes) war häufig bereits über 30 Jahre alt.15 Das Phänomen der Knabenliebe sollte praktisch auf einem Konzept beruhen, bei dem der ältere Partner zum einen die Rolle des Erziehers, zum anderen die des Liebhabers einnahm, den eromenos ,,[...] zu kriegerischer Tüchtigkeit […]“16 ausbildete und ihn ebenfalls auf seine Rolle als Polisbürger vorbereitete bezüglich der Lehre von bestimmen Wertmaßstäben.17 Nach Carola Reinsberg liegt der Kern der Knabenliebe in einer ,,[...] menschlich sittlichen Hinwendung zueinander [...]“18, die sich durch eine ,,[...] geistig seelische Verbundenheit [...]“19 ausgezeichnet und sekundär ebenfalls sexuellen Kontakt oder erotische Interaktion mit sich gebracht habe.20 Wie Reinsberg ebenfalls hervorhebt, war von besonderer Bedeutung, dass diese Form der sexuellen Beziehung der Liebe gegenüber des weiblichen Geschlechts nahezu vorgezogen wurde, da zum einen die ,,[...] Veredelung des sinnlichen Triebes [...]“21, zum anderen das besonders von den Griechen unterstrichene Wohlgefallen an körperlicher Ästhetik nur von der Knabenliebe selbst bedient habe werden können.22 Das ,,[...] Streben[] nach dem Schönen [...]“23 scheint somit häufig als Rechtfertigungsstrategie der päderastischen Praxis zu dienen, wobei vor allem zwischen der griechischen und römischen Form der Päderastie Unterschiede verzeichnet werden müssen. Während in Athen beide Partner in der Regel freie Bürger waren, inkludierte die römische päderastische Praxis ebenfalls sexuelle Beziehungen zu Sklaven oder gar bereits in Feldern der Prostitution. Die Athener hingegen duldeten es nicht, Unfreie wie Metöken oder Sklaven an der Gunst der Päderastie teilhaben zu lassen, was somit im Gegensatz zur römischen Praxis eher den pädagogischen Hintergrund hervorhebt.24 Doch wo genau liegt der entscheidende Unterschied zwischen der ausgeübten Päderastie und bloßem erotischen Verlangen, also einer reinen Prostitution? In Anlehnung an Carola Reinsberg lässt sich an dieser Stelle sagen, dass die beiden genannten Formen vor allem aufgrund der involvierten Güter in häufig gefährlicher Analogie miteinander standen. Geschenke spielten vor allem bei der Aneignung eines ,,eromenos“ eine wichtige Rolle, da sie insbesondere eine auf Dauer angelegte persönliche Beziehung unterstreichen sollten.25 Vor allem anhand von zeitgenössischen Bildquellen wird deutlich, dass ein ,,erastes“ offensichtlich nicht nur mondäne Güter, sondern einem Knaben ebenfalls Geldgeschenke gemacht hat. Vor allem in diesem Sachverhalt zeigt sich der bereits von Autoren wie James N. Davidson26 hervorgehobene Aspekt, dem vor allem der ,,eromenos“ unterlegen gewesen sein muss, da primär die Annahme von Geld auf die Ausübung von Prostitution hindeutete.27 An dieser Stelle gewinnt die einleitend bereits erwähnte Quelle an Bedeutung. Die von Aischines gegen Timarchos gehaltene Gerichtsrede28 zeigt detailliert, wie schmal und zum Teil ebenfalls willkürlich die Grenzen zwischen Päderastie und Prostitution waren.29 Im Folgenden soll somit detailliert überprüft werden, ob, und wenn ja wie zum einen der Vorwurf der Prostitution in dieser Quelle mit Geldgeschenken in Verbindung gebracht wird, zum anderen welche weiteren Risiken päderastischer Kontakte in dieser Gerichtsrede noch relevant sind, um den Vorwurf der Prostitution geltend zu machen.

3. Risiken der Knabenliebe – Aischines' Argumentation gegen Timarchos

3.1 Käuflichkeit und Gier

Der soeben bereits thematisierte Aspekt der Geldgeschenke tritt bei der Gerichtsrede des Aischines besonders in den Vordergrund. Aischines führt diesen Sachverhalt thematisch ein, indem er zunächst darauf hindeutet, dass Timarchos bereits in einem Alter gewesen sei, in dem er mit den Staatsgesetzen durchaus vertraut war (,,[...] he knew the laws of the city [...]“, (39), S.80), als er sich in der Baderei (,,surgery“, (40), S.80) des Euthydikos niedergelassen habe, unter dem Vorwand, er wolle diesen Beruf erlernen (,,the pretext was hat he was a student of the profession [...]“, (40), S.80). Dies sei jedoch nicht seine reale Absicht gewesen, sondern er habe dort seinen Körper verkaufen wollen (,,[...] offer himself for sale [...]“, (40), S.80). Zwar betont Aischines, er wolle bewusst keine Namen von denjenigen nennen, die von Timarchos' Körper Gebrauch gemacht haben, jedoch zählt er hier Kaufleute, andere Fremde und Stadtbewohner auf, die ihm für Liebesdienste Geld gegeben haben sollen (,,[...] earning fees for that very thing which the law forbids [...]“, (40), S.80). Detaillierter wird Aischines, als er sich auf einen Mann namens Misgolas bezieht, bei dem jedoch aus der Quelle selbst nicht klar wird, ob er selbst einen Besuch in der Baderei vorgenommen und Timarchos auf diese Weise kennengelernt hat. Aischines behauptet jedoch, Misgolas habe Timarchos' wahre Absicht durchschaut (,,[...] learning of the reasons why Timarchos was spending his time at the doctor's house [...]“, (41), S.80) und ihn durch die Auszahlung einer hohen Geldsumme (,,[...] paid him a sum of money [...]“, (41), S.80) dazu bewegen können, die Baderei zu verlassen und bei ihm zu wohnen (,,[...] got him to move and kept him to his house [...]“, (41), S.80). Auffällig ist an dieser Stelle besonders die Erwähnung, dass Timarchos von seinem Vater ein erhebliches Vermögen erhalten habe (,,[...] His father left him a very substantial property [...]“, (42), S.80), das er nicht nur, wie von Aischines betont, verschwenderisch ausgegeben habe (,,[...] which he has himself consumed [...]“, (42), S.80), sondern zudem die Tatsache gekommen sei, dass der Angeklagte die Summe des Misgolas aus diesem Grund nicht unbedingt gebraucht hätte, sich jedoch trotzdem auf dieses Angebot eingelassen habe (,,[...] he was not in need of the requirements for a reasonable life“, (42), S.80). Er habe sich Misgolas vor allem hingegeben, um ebenfalls von wie von Aischines betont ,,schämenswerten Vergnügen“, wie Freudenmädchen und Flötenspielerinnen, Würfelspielen und extravaganten Speisen zu profitieren, was dem Redner nach einen freien und gut-situierten Mann nicht beherrschen dürfe. Eine weitere Anspielung auf die von Aischines unterstellte Gier des Timarchos findet sich in der Passage, in der die Rede von einem Festzug der städtischen Dionysien ist. Timarchos habe Misgolas und Phaidros, einem Begleiter von Misgolas, zugesagt, dass er ebenfalls mit an dem Umzug teilnehmen werde, sei jedoch danach verschwunden und nicht wieder aufgetaucht (,,[...] he did not return to join them [...]“, (41), S.81). Als sich Misgolas und Phaidros auf die Suche nach ihm machten, habe er, zusammen mit einigen Fremden, in einer ebenfalls fremden Unterkunft, zu Mittag gegessen (,,[...] having lunch with some foreigners [...]“, (43), S.81). Die Runde sei aufgelöst worden, indem Misgolas und Phaidros die Fremden mit dem Vorwurf weg jagden, einen freien Mann bestochen zu haben (,,[...] because they had corrupted a free young man'', (43), S.81). Timarchos wird somit auch an dieser Stelle mit dem Vorwurf konfrontiert, von seiner Gier und seinem Profitstreben geleitet worden zu sein, auch wenn hier nicht die Rede von Geldsummen ist. Nochmals aufgegriffen wird insbesondere der Aspekt der Kaufbarkeit in der Schilderung Aischines', dass Timarchos Misgolas Haus nach einer gewissen Zeit aufgrund zu hoher Kosten habe verlassen müssen (,,[...] when Misgolas, wearied of the expense and sent him away from his house [...]“, (53), S.83), sich jedoch dann der Spielerei zugewandt habe (,,[...] spent his days in the gaming-house, where the dicing-table is set up [...]“, (53), S.83) und dort den Sklaven Pittalakos kennengelernt habe, der ihn mit sich genommen habe. Aischines betont, dass Timarchos selbst bei diesem Sklaven nicht gezögert habe (,,He did not object to this [...]“, (54), S.84), da er ausschließlich davon getrieben gewesen sei, jemanden zu finden, der sein Tun finanzierte (,,[...] he was going to acquire a financial sponsor for his foul debauchery [...]“, (54), S.84).

Der Vorwurf an Timarchos, sich zugunsten von Geld und anderen Annehmlichkeiten verkauft zu haben, scheint bei Aischines ein tragender Beweis dafür zu sein, dass Timarchos der Prostitution nachgegangen ist. Der Zwiespalt, der bereits im vorherigen Kapitel dargelegt wurde, zeigt sich hier in aller Deutlichkeit, da in der Quelle deutlich zu erkennen ist, dass für den Vorwurf der Prostitution nicht nur Geldgeschenke angeführt wurden, sondern ebenfalls ein breites Spektrum an anderen Gegenleistungen als Entlohnung für sexuelle Dienstleistungen angesehen werden konnte. Somit lässt sich bereits anhand dieses ersten Unterkapitels feststellen, dass, wie Carola Reinsberg und Michael Brinkschröder und Gundel Koch-Harnack bereits zutreffend eruiert haben, der Vorwurf der Prostitution bei nahezu jeder Gefälligkeit fundiert werden konnte.30 Zwar werden die Geldgeschenke von Aischines besonders hervorgehoben, jedoch wird der Vorwurf der Prostitution untermauert, indem die Gier des Timarchos nach anderen Privilegien ebenfalls Erwähnung findet. Der entscheidende Punkt liegt in diesem Kapitel somit in der Tatsache, dass Timarchos nicht lediglich eine gewisse Käuflichkeit unterstellt wird, sondern hinzukommt, dass diese Anschuldigungen auf seine politische Partizipation übertragen werden. Dies zeigt sich in der Quelle besonders deutlich, da Aischines bereits zu Beginn der Anschuldigungen gegenüber Timarchos betont, dass jemand, der seinen Körper gegen Bezahlung verkauft, kein Recht habe, sich an das Volk zu wenden und ein politisches Amt auszuüben (,,[...] on penalty of losing the right to adress people, those men I shall give an account of'', (40), S.80). Wie auch bereits Franz X. Eder und Carola Reinsberg hervorheben, geht es sekundär um den Vorwurf der Prostitution selbst, als vielmehr um die Implikation aus diesem Vorwurf heraus, dass jemand, der käuflich ist, ebenfalls für die Polisgemeinschaft eine Gefahr darstellt, da er so nicht mehr als vertrauenswürdig angesehen wurde und daher der Verdacht nahelag, auch interne politische Angelegenheiten gegen Bezahlung zu offenbaren, worauf in Kapitel ,,Dominanz und Unterwerfung des Timarchos nochmals eingegangen wird.31

3.2 Anzahl der Partner

Der gesamte Quellenabschnitt, in dem Aischines Anschuldigungen gegenüber Timarchos hervorbringt, ist durchgehend charakterisiert durch die Einführung unterschiedlicher Namen bzw. Persönlichkeiten, mit denen sich Timarchos eingelassen haben soll. Wie bereits geschildert, soll Timarchos seine ersten Partner gezielt in der Baderei gesucht und sich anschließend mit Misgolas eingelassen haben. Aischines schildert ebenfalls, dass Timarchos, nachdem dieser von Misgolas herausgeworfen wurde, von einem Mann namens Antikles, Sohn des Kallias, beherbergt wurde (,,[...] the next man to take him up was Antikles the son of Kallias of the deme Euonymon.“, (53), S.83). Dieser sei jedoch weit weg gewesen (,,This man is away in Samos [...]“, (53), S.83), weshalb Timarchos auch ihn wieder verlassen habe (,,[...] When the defendant Timarchos came away from Antikles and Misgolas [...]“, (53), S.83). Besonders auffällig an dieser Stelle der Quelle ist, dass der Redner Aischines deutlich schildert, er hätte über den Angeklagten Timarchos nicht so streng geurteilt, wenn dieser lediglich bei Misgolas geblieben wäre (,,If […] Timarchos there had remained with Misgolas […]'', (51), S.83) und nicht seine Partner so häufig gewechselt hätte (,,[...] and never moved on to another man's house [...]“, (51), S.83). Weiterhin wird geäußert, dass das Verhalten des Timarchos so moderater gewesen sei, fügt jedoch direkt im Anschluss hinzu: ,,[...] wenn irgendein Verhalten dieser Art überhaupt als moderat bezeichnet werden kann [...]“ ((51), S.83). Aischines hätte ihm sonst nichts weiter als die Unzucht selbst vorgeworfen (,,[...] I would not have been emboldened to bring any charge against him [...]“, (51), S.83), Timarchos jedoch auch, wenn er es lediglich mit einem Mann zutun gehabt hätte, die Verantwortung dafür hätte tragen müssen (,,[...] The man who does this thing with one man [...]“, (51), S.83), da er für seine Dienste Lohn empfangen habe (,,[...] and engages in the practice for payment [...]“, (51), S.83). Weiter heißt es jedoch, dass der Angeklagte weiterhin von Haus zu Haus gezogen sei (,,[...] moved on from him to yet another [...]“, (52), S.83), sodass er von Aischines als männliche Hure bezeichnet wird. Aischines fährt mit seiner Aufzählung der verschiedenen Partner fort, indem er den Sklaven Pittalakos nennt, der Timarchos aufgenommen habe, nachdem die beiden sich in der Spielhalle kennengelernt haben. Jedoch wird auch dieser nach einiger Zeit wieder von Timarchos für einen Mann namens Hegesandros verlassen, der ihn, wie Pittalakos und Misgolas zuvor, auch in sein Haus aufnahm.32

[...]


1 Vgl. Espach, Verena: Formen und Kontexte sexueller Gewalt gegen Männer in der Antike, München 2016 (=Münchner Studien zur alten Welt 16), S.26.

2 Vgl. Hoystad, Ole Martin: Kulturgeschichte des Herzens. Von der Antike bis zur Gegenwart, Weimar/Wien 2006, S.47; ebenso Vgl. Obermayer, Hans Peter: Martial und der Diskurs über männliche ''Homosexualität'' in der Literatur der frühen Kaiserzeit, Tübingen 1998 (=Classica Monacensia 18), S.3.

3 Vgl. Marcuse, Max: Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Enzyklopädie der natur- u. Kulturwissenschaftlichen Sexualkunde des Menschen, Berlin/New York 2001, S.534.

4 Vgl. Fisher, Nick: Aischines. Against Timarchos: introduction,translation, and commentary, Oxford Univ. Press 2001 (=Claredon ancient history series), Preface V.

5 Vgl. Engels, Johannes: < Der Streit um den unbeliebten Frieden <. Der Gesandtschaftsprozeß 343 v. Chr., in: Große Prozesse im antiken Athen, hrsg. v. Leonhard Burckhardt u. Jürgen von Ungern-Sternberg, München 2000, 174-189, S.183; ebenso Vgl. Drerup, Engelbert: Aus einer alten Advokatenrepublik (Demosthenes und seine Zeit), Paderborn 1916, S.162; ebenso Vgl. Schindel, Ulrich: Doppeltes Recht oder Prozesstaktik? Zu Aischines' erster und dritter Rede, in: Hermes (1978), Bd. 106, 100-116, S.100.

6 Vgl. Engels: Streit, S.183.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Brinkschröder, Michael: Sodom als Symptom. Gleichgeschlechtliche Sexualität im christlichen Imaginären – eine religionsgeschichtliche Anamnese, Berlin 2006 (=Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten 55), S.318.

9 Vgl. Scheer, Tanja: Griechische Geschlechtergeschichte, München 2011, S.76.

10 Käuflichkeit und Gier, Anzahl der Partner, Dominanz und Unterwerfung, Auswahl der Partner.

11 Auf die genannten Autoren wird sich in der Bezugnahme auf die herausgearbeiteten Inhalte ebenfalls häufig bezogen.

12 Vgl. Schindel, Ulrich: Art. Knabenliebe, in: Lexikon der Alten Welt, Bd.2, hrsg. v. Carl Andresen, Düsseldorf 2001, S.1553; ebenso Vgl. Hartmann, Elke: Art. Päderastie, in: Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, hrsg. v. Hubert Cancik/ Helmut Schneider, Bd.9, Stuttgart 2000, 139-141, S.139.

13 Hartmann: Art. Päderastie, S.139.

14 Ebd.

15 Nach Scheer gibt es bei dieser der Päderastie zugeschriebenen Eigenschaft jedoch ebenfalls Kontroversen (Vgl. Scheer: Geschlechtergeschichte, S.77.)

16 Ebd.

17 Vgl. Schindel: Art. Knabenleiebe, S.1553; ebenso Vgl. Hartmann: Art. Päderastie, S.139f.;

ebenso Vgl. Reinsberg, Carola: Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland, München 1989 (=Beck's Archäologische Bibliothek), S.170; ebenso Vgl. Smalls, James: Gay Art, London 2008, S.17.

18 Reinsberg, Carola: Ehe, S.163.

19 Ebd.

20 Vgl. ebd.

21 Kroll, Wilhelm: Art. Knabenliebe, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, hrsg. v. Wilhelm Kroll, Halbbd.21, Stuttgart 1921, 897-906, S.897.

22 Vgl. ebd.; ebenso Vgl. Reinsberg: Ehe, S.163.

23 Hartmann: Art. Päderastie, S.140.

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. Reinsberg: Ehe, S.199; ebenso Vgl. Hartmann: Art. Päderastie, S.139.

26 Davidson, James N.: Kurtisanen und Meeresfrüchte: die verzehrenden Leidenschaften im klassischen Athen, Berlin 1999, S.97f.

27 Vgl. Brinkschröder: Sodom, S.318.

28 Die edierte Quelle ist unter anderem in der englischen Übersetzung von Nick Fisher vorhanden, weshalb es in dieser wissenschaftlichen Arbeit vorgezogen wird, in dem folgenden dritten Kapitel die englischen Textpassagen zu zitieren.

29 Vgl. Espach: Formen, S.43.

30 Vgl. Reinsberg: Ehe, S.200; ebenso Vgl. Brinkschröder: Sodom, S.318; ebenso Vgl. Koch-Harnack, Gundel: Knabenliebe und Tiergeschenke: Ihre Bedeutung im päderastischen Erziehungssystems Athens, Berlin 1983 (=Gebr.-Mann-Studio-Reihe), S.22.

31 Vgl. Eder, Franz X.: Eros, Wollust, Sünde. Sexualität in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit, Frankfurt/New York 2018, S.72f.; ebenso Vgl. Reinsberg: Ehe, S.200.; ebenso Vgl. Stähli, Adrian: Der Körper, das Begehren, die Bilder. Visuelle Strategien der Konstruktion einer homosexuellen Männlichkeit, in: Konstruktionen von Wirklichkeit. Bilder in Griechenland des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr., hrsg. v. Ralf von den Hoff/Stefan Schmidt, Stuttgart 2001, S.197-210, 199.

32 Vgl. (55), S.84.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Risiken der Knabenliebe aus der Anklage gegen Timarchos
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Hetären in der griechischen Antike
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V488976
ISBN (eBook)
9783668967304
ISBN (Buch)
9783668967311
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Päderastie, Knabenliebe, Hetären, Timarchos
Arbeit zitieren
Marieke Ozimek (Autor:in), 2019, Die Risiken der Knabenliebe aus der Anklage gegen Timarchos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488976

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