Melderegel und Disziplinierung in der Sekundarstufe I


Hausarbeit, 2017
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hermeneutisch-methodische Fallanalyse und Interpretation

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Aufsatz Sich-Melden - Zur inhärenten Spannung zwischen individuellem Schülerinteresse und klassenöffentlichem Unterrichtsgespräch (2010) analysiert und interpretiert Thomas Wenzl zahlreiche Unterrichtsprotokolle aus der Primarstufe, sowie aus dem Sekundarbereich I in Bezug auf die Einführung und Durchsetzung der Melderegel im Unterricht. Dabei erwirke die Melderegel mit ihrer sozialisierenden Funktion eine kontinuierliche Entwicklung der SchülerInnen zur Disziplinierung innerhalb des Klassenraums. Diese Disziplinierung drücke sich darin aus, dass die SchülerInnen im Laufe der Schulzeit lernen, spontane individuelle Anliegen zurückzuhalten (vgl. Wenzl 2010: 35), um sich stattdessen an einem vorgegebenen Themenfokus zu beteiligen. Ebenso werde von den SchülerInnen verlangt, sich lediglich zu äußern, sofern der/die LehrerIn sie nach einer Meldung dazu auffordert, um das Unterrichtsgespräch lenken zu können. Während das Hauptziel der LehrerInnen in der ersten Klasse noch darin bestehe, die SchülerInnen zur Einhaltung der Melderegel zu bewegen (vgl. Wenzl: 37), sei es in der vierten Klasse das Hauptziel, begleitende Geräusche der SchülerInnen, die als Ausdruck des Bettelns und Leidens unter der Zurückhaltung der Antwort verstanden werden können, während des Meldens zu unterbinden (vgl. Wenzl: 41). Wie diese Unterbindung erfolgt, wird in Wenzls Artikel nicht näher erläutert.

Michel Foucault stellte in dem Kapitel Die Mittel der guten Abrichtung in seinem Buch Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses (1976) jedoch bereits heraus, dass

[i]m Herzen aller Disziplinarsysteme [...] ein kleiner Strafmechanismus [arbeitet], der mit seinen eigenen Gesetzen, Delikten, Sanktionsformen und Gerichtsinstanzen so etwas wie ein Justizpriveleg [sic!] genießt. (Foucault 1977: 230).

Demnach bestehe die Disziplinierung durch die Lehrkraft hauptsächlich aus der Sanktionierung der einzelnen SchülerInnen. Das Sanktionierungsverhalten sei dabei sehr individuell gestaltet und abhängig vom Typ der Lehrkraft.

Während eines vierwöchigen Schulpraktikums (ASP) war es mir möglich, zahlreiche Unterrichtsprotokolle zu erstellen, die sich ebenfalls mit der Melderegel, aber auch mit dem Umgang von Lehrkräften mit privaten Schülergesprächen innerhalb des Unterrichts befassen. Die Protokolle reichen von der sechsten bis zur achten Klasse eines niedersächsischen Gymnasiums. Dabei handelt es sich um mehrere Protokolle aus den selben Klassen bei verschiedenen Lehrkräften in den Fächern Deutsch und Englisch. Die Protokolle sollen als Fallbeispiele dazu dienen, das Meldeverhalten von SchülerInnen in der Sekundarstufe I zu analysieren und auf typische Disziplinierungsformen von Lehrkräften bezüglich des unerwünschten Meldeverhaltens und des unerwünschten Schülerverhaltens im Unterricht einzugehen. Dabei wird sowohl auf Wenzls Beobachtungen zur Primarstufe, sowie auf Foucaults oben genannte These zur Disziplinierung und Abrichtung durch Sanktionierung in der Schule Bezug genommen. Die sich daraus ableitende Fragestellung dieser Arbeitet lautet demnach: Wie drückt sich das Meldeverhalten von SchülerInnen der Sekundarstufe I im Vergleich zu dem von Wenzl beobachteten Verhalten der Primarstufe aus und wie reagieren LehrerInnen auf unerwünschtes Schülerverhalten?

2. Hermeneutisch-methodische Fallanalyse und Interpretation

Stundenprotokoll 1:

L: Ich habe auf dem Pausenhof gehört, dass einige von euch 1,5 Seiten geschrieben haben. Ihr sollt doch keine Romane schreiben.

S reden durcheinander und zeigen mit den Händen unterschiedliche Abstände, die die Länge ihrer Texte symbolisieren sollen.

S1: Ich hab’ sogar so viel...!

S2: Und ich hab’ so viel...!

S!: Wirklich! Ich lüge nicht!

L: Oh Leute! Nicht alle durcheinander! S1! !,5 Jahre habe ich nichts von dir gehört und heute hast du Sabbelwasser getrunken?! Das kann doch nicht sein.

Stundenprotokoll 2:

L: Durch welche Abenteuer und Kämpfe muss er in der ersten Sage denn durch?

S1 (sehr aufgeregt, schlecht zu verstehen, liest seinen Text vor).

L: Guck noch mal genau hin. Du hast beide Sagen schon etwas vermischt.

S1 (fällt L ins Wort): Oh, Mist!

Mehrere S melden sich laut („mhh mhhh!“).

S2 (ruft die Lösung rein).

S3 (nicht schnipsend, wird drangenommen, nennt die Lösung).

Die vorliegenden beiden Protokolle stammen aus dem Deutschunterricht einer sechsten Klasse. In Protokoll 1 leitet der Lehrer die Stunde mit den geschriebenen Texten der SchülerInnen der Klassenarbeit ein. Seine Aussage, „Ihr sollt doch keine Romane schreiben“, wird von den SchülerInnen als Einladung verstanden, stolz die Länge ihrer Texte zu präsentieren. S1 bekräftigt seine/ihre erste Aussage sogar noch mit den Worten „Wirklich! Ich lüge nicht!“, was den Stolz über die Länge des Textes verdeutlicht, da es für diese/n SchülerIn anscheinend eher ungewöhnlich ist, solch lange Texte zu verfassen.

An diesem Protokoll lassen sich zwei Aspekte besonders gut beobachten: Den SchülerInnen erscheint es sehr wichtig, individuelle Anliegen (hier die Länge ihrer Texte) zu äußern, wie es auch von Wenzl in der ersten Klasse beobachtet wurde (vgl. S. 35). Dies äußert sich vor allem in der Lautstärke (alle SchülerInnen rufen rein) und in der Gleichzeitigkeit der Ausrufe. Somit scheinen die individuellen Anliegen der SchülerInnen so groß zu sein, dass es nicht warten kann sie zu äußern, bis ein anderer Schüler seine Aussage beendet hat. Auffällig ist auch, dass die SchülerInnen einfach zu sprechen beginnen, ohne sich vorab gemeldet oder aufgerufen worden zu sein. Ein Grund dafür könnte sein, dass die SchülerInnen ihre Anliegen zu Recht als irrelevant für das eigentliche Unterrichtsthema einstufen und daher keine Berechtigung für eine Meldung sehen oder den Unterricht als noch nicht offiziell eröffnet erachten. Protokoll 2 zeigt schließlich, dass die SchülerInnen sich überwiegend durchaus an die Melderegel halten, sofern sich die Schüleraussagen auf die Lehrerfrage beziehen. Auffällig ist jedoch auch hier, dass die SchülerInnen sehr unter der Zurückhaltung der Antwort zu leiden scheinen (siehe „mhh mhhh!“). S2 leidet schließlich so sehr unter der Zurückhaltung, dass er/sie die Antwort einfach reinruft. Dies zeigt, dass obwohl Wenzl das Leiden unter der Zurückhaltung der Antwort als typologisch für SchülerInnen der vierten Klasse betrachtet (vgl. S. 41), sich dieses Verhalten durchaus auch noch in der sechsten Klasse wiederfinden lässt. Zwar scheint die Melderegel, wie auch in der vierten Klasse, bei fast allen SchülerInnen bereits verinnerlicht worden zu sein, jedoch werden die Meldungen von einigen SchülerInnen immernoch bettelnd kommentiert. Das Reinrufen von S2 wird vom Lehrer anschließend sanktioniert, indem der reingerufenen Antwort keine Anerkennung gezollt wird und ein anderer Schüler drangenommen wird, um die selbe Antwort zu wiederholen. Dass sich die anderen SchülerInnen trotz des Reinrufens von S2 weiterhin melden, verdeutlicht noch einmal, dass eine Schüleraussage ohne ‘Genehmigung des Lehrers’ keinen Bestand hat.

Im Laufe meines Praktikums war es mir möglich, diese Klasse auch in anderen Stunden näher zu beobachten. Dabei fiel auf, dass das Schnipsen, Reinrufen und Kommentieren der Meldungen für eine gewisse Schülergruppe üblich war, während sich andere stets meldeten und sich von dem Verhalten der anderen SchülerInnen mit der Zeit so gestört fühlten, dass sie diese schließlich selbst zur Ruhe ermahnten.

Dieses ermahnende Schülerverhalten fand sich auch in einer siebten Klasse wieder, die ich einige Stunden während des Unterrichts begleiten durfte. Diese Klasse war bekannt für ihr störendes Verhalten und bestand aus sehr leistungsheterogenen SchülerInnen und überwiegend männlichen Schülern. Beobachtet habe ich diese Klasse während des Deutschunterrichts bei einer Referendarin, sowie einmalig während einer Mathematikstunde bei einem erfahrenen Lehrer.

Stundenprotokoll 3:

S 1 meldet sich schnipsend.

L: S1...

S1 beginnt zu sprechen.

L (unterbricht S1): NEIN! Ich habe dich nur drangenommen, um dir zu sagen, dass ich dich nicht drannehme, wenn du dich so meldest. Du kannst dich jetzt noch mal vernünftig melden und dann nehme ich dich in zwei Minuten noch mal dran.

S1: Okay.

L nimmt einen anderen Schüler dran. S1 meldet sich vernünftig, wird anschließend drangenommen.

Protokoll 3 versprachlicht eine disziplinierende Maßnahme, die laut Aussage verschiedener LehrerInnen von jedem Lehrer angewandt werden solle, um unerwünschtes Meldeverhalten zu unterbinden. Während in Protokoll 2 diese Maßnahme bereits ohne Kommentar des Lehrers durchgeführt wurde, wird S1 in Protokoll 3 explizit auf diese Handhabung hingewiesen, welche von diesem auch akzeptiert wird. Daran, dass S1 sofort nach Nennung seines Namens zu sprechen beginnt, zeigt sich, dass ihm diese Handhabung vorher nicht bekannt zu sein schien. Andernfalls hätte S1 sich nicht schnipsend gemeldet und wäre nach der Nennung seines Namens vermutlich überrascht über das Aufrufen gewesen. Die Äußerung der Referendarin scheint hier jedoch eine gute Wirkung zu erzielen, denn S1 meldet sich anschließend auf die gewünschte Weise und wird schließlich drangenommen. Somit ist zu erkennen, dass die SchülerInnen in der siebten Klasse anscheinend noch nicht über genügend Reflektionsvermögen verfügen, um implizite Disziplinierungsmaßnahmen der LehrerInnen als solche zu erkennen. Wird die Maßnahme jedoch ausformuliert, zeigt diese eine gute Wirkung. Dies mag auch darin begründet sein, dass wie bereits in Protokoll 2 gezeigt wurde, Antworten ohne Genehmigung des Lehrers als ungültig betrachtet werden. Demnach scheint es für die SchülerInnen angemessen, ihre Antwort bis sie drangenommen werden zurückzuhalten, so lange sie anschließend die entsprechende Aufmerksamkeit und Anerkennung für Ihre Antwort erhalten. Dieser Drang nach Anerkunng scheint so stark zu sein, dass S1 sich erneut meldet und die Antwort eines anderen Schülers abwartet. Betrachtet man dieses Verhalten ganz objektiv, ist dieses sehr interessant. Nach expliziter Ermahnung einer einzelnen Person vor 30 Leuten ordnet sich diese mit einem „Okay“ der ermahnenden Person ohne Rechtfertigung unter. Dies bedeutet, dass S1 sein/ihr Verhalten durchaus als einen groben Fehler anerkennt, wofür es keine Rechtfertigung gäbe. Im außerschulischen Kontext würde man in einer solchen Situation sicherlich mit einer Entschuldigung (wenn vielleicht auch erst später) reagieren. Dies ist hier nicht der Fall. Sicherlich auch, da S1 sein Gesicht vor den anderen SchülerInnen wahren muss und nicht als ‘Streber’ gelten will. Die Bloßstellung durch die Lehrkraft ist rein objektiv betrachtet schon schädigend genug für S1. Im außerschulischen Kontext würde man nun vermutlich nach der erbrachten Entschuldigung versuchen, nicht weiter aufzufallen, um nicht noch mehr Licht auf die eigene Person zu werfen. S1 meldet sich jedoch anschließend wie gewünscht, was eine implizite Entschuldigung darstellen könnte. Schließlich symbolisiert S1’ Verhalten, dass S1 die Aussage der Lehrkraft akzeptiert und sich von nun an angemessen verhält. Dadurch entgeht S1 einer expliziten Entschuldigung, die in der Peer-Group als unangemessen gelten könne, verletzt jedoch implizit keine gesellschaftliche Etikette. Mit der Meldung zieht S1 jedoch gleichzeitig erneut Aufmerksamkeit auf sich, da nach einer solchen Bloßstellung das Interesse an dem darauf folgenden Verhalten von S1 für die anderen SchülerInnen besonders interessant ist. Trotzdessen meldet sich S1 und zeigt somit, dass der Drang seine Antwort zu äußern höher zu sein scheint als der Drang sein Gesicht vor der Klasse zu wahren und nicht als Streber zu gelten.

Insgesamt neigte diese Klasse dazu, sich den Anordnungen der Lehrkräfte zu widersetzen, wobei sich dies hauptsächlich auf private Schülergespräche bezog und weniger auf die Einhaltung der Melderegel. In einer halben Stunde wurden so beispielsweise über 30 berechtigte Ermahnungen der Lehrkraft gezahlt, die von den SchülerInnen größtenteils ignoriert wurden. Interessant ist jedoch, dass sich die SchülerInnen auch hier ab der Erreichung eines bestimmten (sehr hohen) Lautstärkepegels selbst gegenseitig ermahnten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Melderegel und Disziplinierung in der Sekundarstufe I
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Unterrichten im Kontext der Lerngruppe
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V488982
ISBN (eBook)
9783668966451
Sprache
Deutsch
Schlagworte
melderegel, disziplinierung, sekundarstufe, Thomas Wenzl, Funktion, Foucault, Sozialisation, Unterricht, Abrichtung, Mittel, Gefängnis, Geburt, Überwachen, Strafen, Sanktion, Protokoll, Meldeverhalten, hermeneutisch, methodisch, Fallanalyse, Spannung, Ausruf, Zurückhaltung, Störung, Unterrichtsstörung, Schülerverhalten, Verhalten, Reflektion, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Rechtfertigung
Arbeit zitieren
M.Ed. Isabel Kern (Autor), 2017, Melderegel und Disziplinierung in der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488982

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