Der Staat und seine Rolle als Risikoträger bei Innovationen im modernen Kapitalismus

Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung


Hausarbeit, 2019
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Unternehmerstaat
2.1 Hintergründe
2.2 Schlüsselmerkmale und Entstehung
2.3 Beispiele
2.3.1 Apple
2.3.2 Die grüne Revolution
2.3.3 Wind- und Sonnenenergie
2.4 Verteilung von Risiko und Gewinn

3. Reflexion

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Internet. Eine von vielen Basistechnologien, die in einer modernen, digitalisierten Welt unverzichtbar geworden sind und für erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt haben. Oft werden die freien Märkte, junge, dynamische Erfinder und Wagniskapital hinter Innovationen dieser Art vermutet, die Rolle des Staates hingegen wird dabei auf einen trägen, bürokratischen Apparat, der die Rahmenbedingungen schafft, reduziert. Die Frage, welche Kräfte die Wirtschaft voran bringen, ist bis heute umstritten. Mariana Mazzucato möchte mit ihrem Buch „Das Kapital des Staates – Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum“ zeigen, dass der Staat für deutlich mehr als nur Eingreifen bei Marktversagen brauchbar ist. Angelehnt daran soll diese Arbeit die Kernaussagen Mazzucatos zusammenfassen, diskutieren und um weitere Aspekte erweitern. Dazu werden zunächst Hintergründe und volkswirtschaftliche Grundannahmen zu Technologie, Innovation und Wachstum erläutert, während das Bild eines Staates vorstellt wird, in dem dieser eine aktive, unternehmerische Rolle einnimmt. Die darauffolgenden Abschnitte widmen sich dem „unternehmerisch handelnden Staat“ und seiner Schlüsselmerkmale anhand der aktuellen Industriepolitik in den Vereinigten Staaten. Anschließend sollen einzelne Unternehmen und Technologien in den Blick genommen werden, die sowohl zur IT-Revolution als auch zur bevorstehenden „grünen“ Revolution beitragen. Welche Rolle der Staat dabei spielt, wer das meiste Risiko bei Innovationen trägt und wohin die Gewinne wandern, wird im letzten Abschnitt diskutiert. Besteht eine symbiotische oder parasitäre Beziehung zwischen privatem und öffentlichem Sektor? Und welche Möglichkeiten gibt es, den Staat in die Rolle eines aktiven und unternehmerisch handelnden Akteurs zu lenken? Genannte Fragen sollen ausführlich anhand der Ausführungen Mazzucatos beantwortet werden.

2. Der Unternehmerstaat

Im Folgenden sollen auf Grundlage der ersten Kapitel des Buches Ursprünge von Technologie, Innovation und Wachstum betrachtet werden und ein Bezug auf die Rolle des Staates als Risikoträger bei Innovationen in der Telekommunikations- und Energiebranche hergestellt werden.

2.1 Hintergründe

Zu Beginn der Lektüre setzt sich die Autorin mit dem weit verbreiteten Bild eines bürokratischen, statischen Staates auseinander. Dabei geht sie auf die oft wiederholte These ein, eine Zurückhaltung des Staates würde neue Kräfte im Unternehmertum und Innovationen im privaten Sektor generieren. Der Staat sei dabei nur Hindernis für den Erfolg durch arbeitsrechtliche Vorschriften, Steuern und gesetzliche Vorgaben. Um diese zu widerlegen, geht Mazzucato zunächst auf die umstrittene Ursache und Wirkung der Finanzkrise ein. Denn entgegen vieler Aussagen entstanden Haushaltdefizite von EU-Ländern wie Italien und Portugal nicht durch staatliche Schulden oder gar einen verschwenderischen öffentlichen Sektor, sondern wurden vielmehr durch private Schuldenaufnahme verursacht (Vgl. Mazzucato 2014: S.27ff.). Bereits hier lässt sich ein Zusammenhang zwischen Stagnation und fehlender Investition in Forschung und Entwicklung beobachten. Das Problem liegt laut Mazzucato vor allem in dem verbreiteten Rollenbild des Staates. Es wird meist verkannt, dass öffentliches Kapital in Bereiche mit größerem Risiko fließt, während die Renditen in private Hände fallen. Ironischerweise wird der Staat bei Scheitern schnell angeprangert und gerät in die Kritik, was ihn schwächt und angreifbar macht. Als paradox lässt sich auch die Aussage vieler Unternehmen beispielsweise in der Pharmabranche betrachten, die angeben, sie würden unter staatlicher Regulierung leiden, während sie gleichzeitig bei Forschung und Entwicklung von staatlicher Finanzierung abhängen. Dabei wird das Vermarkten des wichtigen Beitrags des Staates überschattet von dieser Propaganda der Pharmaindustrie, die hohe Preise für Medikamente mit hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung rechtfertigt und dabei den Staat weiter zurückdrängen will. Dies hindert vor allem die Politik daran, ihre politischen Strategien zu verbessern und z.B. Gesundheitsreformen durchzubringen (Vgl. Mazzucato 2014: S.33). Bei der Rolle des Staates haben wir es mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun: Redet man dessen Rolle für die Wirtschaft zunehmend klein, so nimmt man dem Staat auch die Möglichkeiten, ein relevanter Akteur zu sein. Lösung, um das Augenmerk vom privaten auf den öffentlichen Sektor zu lenken, ist die Schaffung eines aktiv handelnden und zielgerichteten unternehmerischen Staates, der in der Lage ist, Risiken zu erkennen und einzugehen. Eine enge Vernetzung von allen beteiligten Akteuren ist unumgänglich, damit der Staat seine Rolle als Hauptinvestor und Katalysator wahrnehmen kann (Vgl. Mazzucato 2014: S.35). Wichtig für eine innovationsfreudigere Politik ist es also, anzuerkennen, dass der Staat mehr als nur letzter Retter bei Marktversagen ist. Dass dieses Konzept funktionieren kann, zeigen vergangene Erfolge wie die Idee für das Internet, welche aus einer vom amerikanischen Staat ins Leben gerufenen Institution stammt (Vgl. Mazzucato 2014: S.98ff.). Das ist nur eine von vielen Technologien, die gezielt von einer Regierung ausgewählt wurden, um den technologischen Wandel voranzubringen. Wie das Beispiel der Pharmaindustrie zeigt, steht der private Sektor eher in einer parasitären als einer symbiotischen Beziehung zum öffentlichen Sektor. Denn Bereiche, die hohes Risiko aufweisen, werden von privaten Wagniskapitalgebern eher gemieden, woraufhin staatliche Finanzierung eingreifen muss. Um das zu vermeiden, ist zunächst ein besseres Verständnis der Rollen der verschiedenen Akteure im Innovationsprozess nötig. Auch Partnerschaften sind denkbar, die zwar den Ehrgeiz privater Unternehmen nicht schwächen sollen, aber sie dennoch verpflichten, ihren Beitrag zum öffentlichen Sektor zu leisten. Ein Lernprozess auf beiden Seiten müsste dazu in Gang gebracht werden, der Entdeckergeist, Kreativität und somit Innovationen fördert, aber auch die gezielte Auswahl von Branchen und Technologien ist entscheidend. Um also zu vermeiden, dass Risiken sozialisiert und Gewinne privatisiert werden, müssen ausgewählte Bereiche umgestaltet werden, um dort Innovationen zielgerichtet voranzubringen. Im Folgenden führt die Autorin die Diskussion um die Rolle des Staates bei Innovationen fort. Sollte er nach Adam Smith lediglich die grundlegende Infrastruktur schaffen und sonst vorwiegend im Hintergrund agieren durch Befreiung der Märkte, Steuererleichterungen, und dem Schaffen guter Bedingungen oder nach Karl Polanyi kontrolliert intervenieren, „Gewinner“ auswählen und gezielt unterstützen? Um diese Frage zu beantworten, widmet sich Mazzucato zunächst grundlegenden Modellen der Wirtschaft und des Wirtschaftswachstums. Zunächst führt sie dem Leser vor Augen, dass der kapitalistischste aller Märkte, der nationale Markt, auf Drängen des Staates entstand. Die vorherrschende Wirtschaftsordnung, der Kapitalismus, sei also vom Staat geformt (Vgl. Mazzucato 2014: S.46). Die Lehre von John Maynard Keynes bezeichnet den Kapitalismus als instabiles System, das beständiger staatlicher Regulierung bedarf, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage1 im Gleichgewicht zu halten (Vgl. Mazzucato 2014: S.46). Joseph Schumpeter ging noch weiter und forderte, dass der Staat ausreichend in Forschung und Entwicklung investiert und somit in Bereiche, die die Innovationskraft eines Landes steigern. Doch führt alleiniges Wirtschaftswachstum ohne Umverteilungsmaßnahmen noch nicht zu Wohlfahrt. Um also die Vergesellschaftung der Risiken und Privatisierung der Gewinne zu stoppen, schlägt Mazzucato eine Kombination der beiden Lehren vor, um diese unerfreuliche Konsequenz des modernen Kapitalismus zu stoppen (Vgl. Mazzucato 2014: S.47-48). Um die Bedeutung der Ideen von Keynes und Schumpeter zu verstehen, untersucht die Autorin in Kapitel 2 die Theorie des Wirtschaftswachstums und die entsprechende Bedeutung von Technologie und Innovation aus verschiedenen Blickwinkeln. Grundlage der heutigen Annahmen der Ökonomen über Wachstum und Wohlstand bieten unter anderem das erste neoklassische Modell von Harrod und Domar und die exogene Wachstumstheorie von Robert Solow (Vgl. Mazzucato 2014: S.49). Letzterer bekam einen Nobelpreis für das Modell, in dem Wachstum durch die Produktionsfunktion2 dargestellt wird. Die Ökonomen erkannten jedoch kurze Zeit später, dass auch Humankapital und Technologie zunehmende Skalenerträge bringen und so wurde mit der endogenen Wachstumstheorie schließlich die Variable „Technischer Fortschritt“ in die Funktion eingefügt (Vgl. Mazzucato 2014: S.50). Die Relevanz von Investitionen in die Erzeugung von Wissen, um wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, war nun identifiziert und bildete den Grundstein für innovationsgetriebene, wachstumspolitische Strategien. Nelson und Winter argumentierten jedoch gegen das Produktionsfunktions-Modell. Um zu verstehen, wie Innovationen funktionieren, sei eine ausdifferenzierte Sicht auf einzelne Firmen nötig. Stetige Selektionsvorgänge sorgen demnach für das Fortbestehen oder Untergehen von Unternehmen, erzeugt durch dynamische Skalenerträge. Dieser evolutionäre Ansatz hat erstmals dazu geführt, dass Innovationssysteme3 betrachtet werden (Vgl. Mazzucato 2014: S.53). Da Innovationen aber in der Regel unternehmensspezifisch und hochgradig unsicher sind, ist es wichtig, die Einbettung der Unternehmen auf sektoraler, regionaler und nationaler Ebene zu erkennen. Doch können Innovationssysteme auch übernational angesiedelt sein. Starke Feedbackeffekte zwischen Innovation, Wachstum und Marktstruktur sorgen dafür, dass Innovationen nicht mit einer normalen Wahrscheinlichkeitsverteilung erfasst werden, wie in der endogenen Wachstumstheorie angenommen. Die entscheidende Rolle für die Verteilung spielt hierbei der Staat. Indem er Forschungszentren und Universitäten zur Schaffung von Wissen zur Verfügung stellt, Ressourcen mobilisiert und gezielt lenkt sowie bestehende Netze zusammenführt, kann er den Prozess der industriellen Entwicklung anführen (Vgl. Mazzucato 2014: S.58). Dabei ist es wichtig, auf unternehmensspezifische Eigenschaften einzugehen und Bedingungen für ein positives Wachstum unternehmensspezifisch zu identifizieren. Denn auf die Produktivität, nicht die Größe von Firmen kommt es an, um Wachstum voranzubringen. Demnach sollte der Staat auch junge Unternehmen fördern, die bereits Ehrgeiz bewiesen haben und Technologien zu Verfügung stellen, die Innovationen fördern. Auch die Erwartungen an Wagniskapital4 sollten nicht übertrieben werden, da dieses oft nur kurzfristig und unregelmäßig fließt (Vgl. Mazzucato 2014: S.67). Als Indikator für Wirtschaftswachstum werden oftmals Patente herangezogen, doch wird deren Bedeutung falsch eingeschätzt. Ein Anstieg von Patentanmeldungen ist zwar zu beobachten, doch haben diese Patente meist nur wenig Wert. Grund dafür ist unter anderem eine gewachsene Spannbreite an Erfindungen, die patentiert werden können (Vgl. Mazzucato 2014: S.72). Dem Mythos, weniger Steuern und Bürokratie würden Investitionen fördern, setzt Mazzucato die Aussage entgegen, es gäbe keine lineare Beziehung zwischen Forschung und Entwicklung, Innovationen und Wirtschaftswachstum. Staatliches Geld müsse in Humankapital, also das Generieren von Wissensnetzen fließen, denn Wachstumsaussichten würden weniger von der steuerlichen Situation als von dem wissenschaftlichen Umfeld beeinflusst (Vgl. Mazzucato 2014: S.76-77).

2.2 Schlüsselmerkmale und Entstehung

Das dritte Kapitel befasst sich nun mit dem nach Mazzucato größtem Mythos. Demnach ist der Beitrag des Staates zum Wirtschaftswachstum und der Förderung von Unternehmergeist und Innovation auf ein Minimum begrenzt. Doch der Staat leistet dem hingehend weitaus mehr als nur „erste Hilfe“ bei Marktversagen. Staatliche Finanzierung von langfristigen Investitionen in Forschung bietet sich durchaus an, da diese zum Teil über einen langen Zeithorizont getätigt werden und stets einen Nutzen für die Allgemeinheit haben (Vgl. Mazzucato 2014: S.79). Dabei übernimmt der Staat diverse Risiken, die sonst auf den Schultern der Unternehmer lasten würden. Um ein neues Produkt zu entwickeln und erfolgreich auf den Markt zu bringen, wird oft durch das Scheitern von Produktinnovationen zunächst genauso viel an Wirtschaftswachstum zerstört wie generiert, auch wenn im Endeffekt jede neue Technologie den allgemeinen Wohlstand gesteigert hat. Man spricht in dem Fall von einer kreativen Zerstörung. In der Pharmabranche beispielsweise kann es bis zu 17 Jahre dauern und rund 403 Millionen Dollar kosten, ein neues Medikament zu entwickeln. Die Erfolgsquote ist dabei mit 0,01 Prozent extrem gering (Vgl. Mazzucato 2014: S.82).

Zu den erheblichen Risiken eines ungewissen unternehmerischen Vorhabens gehört auch Unsicherheit. Der Unterschied zum Risiko lässt sich mit dem Fehlen einer wissenschaftlichen Grundlage, nach der sich wahrscheinliche Ergebnisse kalkulieren ließen, erklären (Vgl. Mazzucato 2014: S.81). Innovationen beruhen zwar auf langfristigen Strategien und gezielten Innovationen, die Renditen bleiben aber hochgradig ungewiss. Aus diesem Grund investieren Unternehmen, die eher auf Gewinnmaximierung bedacht sind, weniger in Grundlagenforschung und der Staat muss einspringen, da der Markt an sich nicht genug Grundlagenforschung betreiben würde. Vor allem bei der Finanzierung besonders radikaler Innovationen und sogenannten intersektoralen Basistechnologien war der Staat treibende Kraft und schafft dadurch selbst Märkte, anstatt sie nur zu reparieren (Vgl. Mazzucato 2014: S.84). Eins der besten Beispiele für eine vom Staat geschaffene Basistechnologie ist das Internet. Diese gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den USA geschaffene Innovation hatte nicht nur Auswirkungen auf die verschiedensten Sektoren, sondern wurde seitdem stetig weiterentwickelt und somit kostengünstiger für Verbraucher und erleichtere außerdem darauffolgende Innovationen. Auch im Bezug auf die Pharmaindustrie lässt sich festhalten, dass 75 Prozent der ganz neuen Wirkstoffe aus staatlichen Labors stammen, während sich Privatunternehmen eher auf Nachahmerpräparate konzentrieren (Vgl. Mazzucato 2014: S.88). Somit hat der Staat wieder in die riskanteste Entwicklungsphase investiert. Betrachtet man nun die Biotechnologie, zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. Auch hier haben Wagniskapitalgeber und große Firmen aufgrund der Ungewissheit und langwierigen Grundlagenforschung eher geringes Interesse an der risikoreichen Finanzierung von Innovationen. Das Wachstum der Branche lässt sich also wieder durch staatliche Investitionen erklären, die für eine breite Wissensbasis sorgten (Vgl. Mazzucato 2014: S.91). Da dennoch die Forderung eines passiven Staates besteht, der so wenig wie möglich in den Markt eingreifen solle, um dessen Wachstum nicht zu gefährden, entstand eine allgemeine Verwirrung über die Rolle des Staates in der Wirtschaft. Daher ist es von großer Notwendigkeit, über die Kausalität zwischen dem Wachstum und der langjährigen Attraktivität einer Branche und den vorangegangenen Investitionen des Staates aufzuklären. Wie kann es sein, dass private Unternehmen auf der einen Seite Steuererleichterungen fordern, wenn sie doch auf der anderen Seite massiv von der Finanzierung durch eben diese Steuereinnahmen abhängen? Die entscheidende Rolle des Staates bei der Förderung von Innovationen wird im darauffolgenden Kapitel 4 anhand vier erfolgreicher Beispiele aus den USA untermauert, wo der Staat aktiv Märkte schuf, um Innovationen voranzutreiben. Das sind die Defense Advanced Research Projects Acadamy der US-Regierung (DARPA), das Small Business Innovation Research (SBIR), der Orphan Drug Act(ODA), und die National Nanotechnology Initiative (NNI). Die DARPA ist eine Institution des Staates, die eine Vernetzung der verschiedenen Akteure der Wirtschaft ermöglichte und somit eine wichtige Vorbedingung für Innovationen schuf. Ihre Gründung 1958 galt vor Allem der Sicherung des technischen Vorsprungs der USA auf verschiedensten Gebieten. Ein Jahresbudget von über 3 Milliarden Dollar und 240 Mitarbeiter und eine flexible, unbürokratische Arbeitsweise verhalf der Behörde zu einer Vorreiterrolle bei der Entwicklung neuer Technologien wie Computer und Laser und Biotechnologie. Ursprung war zunächst die Forschung für militärische Zwecke, aus der sich aber auch zivil nutzbare Technologien entwickelten. Die DARPA und deren dezentralisierte Industriepolitik spielte beispielsweise bei der Entwicklung des Personal Computers eine Schlüsselrolle (Vgl. Mazzucato 2014: S.99). Es entstand ein neues Umfeld, das Start-Ups und gänzlich neuen Technologien eine Chance auf dem Markt gab und somit echte Konkurrenz innerhalb des Netzwerkes erzeugte. Der sich ständig erweiternde Pool von Wissenschaftlern der DARPA sorgte außerdem für eine bessere Kommunikation, die Sackgassen und doppelte Forschung eingrenzte und schnellere Ergebnisse hervorbrachte. Die vier Schlüsselmerkmale für den Erfolg der DARPA werden wie folgt genannt: Viele, kleine und proaktive Büros handeln autonom und verfügen über ein ausreichendes Budget, um vielversprechende Ideen zu entwickeln. Erfolgsversprechende Gruppen aus Wissenschaftlern, Start-Ups oder etablierten Firmen erreichen in besonderem Maße finanzielle Mittel. Die DARPA leistet außerdem über die Forschung und Entwicklung hinaus Hilfe bei der Vermarktung von Innovationen, nimmt aber auch stets ihre Kontrollfunktion bei der konstruktiven Vernetzung wahr (Vgl. Mazzucato 2014: S.104). Auf den Erfolgen der DARPA aufbauend, wurde 1982 mit dem Small Business Innovation Act ein Gesetz unterschrieben, das auf dem Pilotprogramm der National Science Foundation basierte und das SBIR-Programm ins Leben ruf. Demnach sollten kleine, unabhängige Firmen und Start-Ups mit Forschungsetats von den Regierungsbehörden unterstützt und Forschungsnetzwerke ausgebaut werden. Um diese Pläne umzusetzen wurden Organisationen geschaffen, die einzelstaatliche und lokale Einrichtungen zusammenbrachten. Das SBIR-Programm ist somit oftmals die erste Anlaufstelle für innovative Unternehmen für eine Finanzierung. Jährlich werden so über 2 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt und bereits hunderte neue Unternehmen gefördert und Innovationen entwickelt wurden (Vgl. Mazzucato 2014: S.105-106). Trotz der großen Erfolge und der wachsenden Bedeutung des Programms bleibt die öffentliche Diskussion und Aufmerksamkeit für deren Leistungen weitestgehend aus, was hinsichtlich der Förderung von Innovationen in einer globalisierten Welt problematisch werden könnte. In Folge des SBIR-Programms trat 1983 ein ähnliches Gesetz in Kraft, was speziell in der Biotechnologie-Branche zur Förderung von Innovationen beitragen sollte. Der Orphan Drug Act beinhaltete neben Steueranreizen und finanzieller Unterstützung für Forschung und Entwicklung beschleunigte Zulassungsverfahren und starke Schutzrechte für Produkte zur Behandlung seltener Krankheiten. Somit förderte er die Entwicklung von Medikamenten für seltene Krankheiten, die sonst aufgrund der fehlenden finanziellen Anreize gar nicht erst entstanden wären. Seitdem wurden 2364 Produkte als Orphan-Arzneimittel anerkannt und 370 davon auf dem Markt zugelassen (Vgl. Mazzucato 2014: S.107-108). Die Nanotechnologie, der nach der Entwicklung von Computern eine Rolle als neue Basistechnologie zugesagt wird, könnte noch bedeutsameres Wirtschaftswachstum für den amerikanischen Staat bringen. Auch dies wurde frühzeitig von der Regierung Clinton Ende der 1990er Jahren erkannt und mithilfe der National Nanotechnology Initiative dementsprechend gefördert. Seitdem werden jährlich rund 1,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung der Nanotechnologie vom Staat ausgegeben (Vgl. Mazzucato 2014: S.113). Bei allen Beispielen bis jetzt wird deutlich, dass der amerikanische Staat durchaus eine unternehmerische Rolle spielte und deutlich früher als private Wagniskapitalgeber in hochkarätige technische und medizinische Innovationen investierte. Dabei schafft der Staat nicht nur die Rahmenbedingungen indem er Netzwerke knüpft sondern verhängt auch aktiv Subventionen und finanziert somit die Forschung in einem frühen Stadium.

[...]


1 Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wird durch die vier Ausgabekategorien beim BIP gebildet: private sowie öffentliche Investitionen, Ausgaben der Konsumenten und der Exportüberschuss (Vgl. Mazzucato 2014: S.46).

2 Die Produktionsfunktion beschreibt einen Zusammenhang, nach dem der Output Y von der Menge an physischem Kapital K und menschlicher Arbeit L abhängt (Y = F(K,L)). Dabei werden neben Arbeit und Kapital alle anderen Faktoren als gleichbleibend angenommen (ceteris paribus), unter anderem auch der technologische Wandel.

3 Innovationssysteme lassen sich definieren als Netz von Institutionen im öffentliche und privaten Sektor, die neue Technologien entwickeln oder importieren, modifizieren und verbreiten und somit neues ökonomisches Wissen verbreiten (Vgl. Mazzucato 2014: S.53).

4 außerbörsliches Beteiligungskapital von Privatpersonen, fließt oft in einem frühen Stadium der Firmenentwicklung (Vgl. Mazzucato 2014: S.67).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Staat und seine Rolle als Risikoträger bei Innovationen im modernen Kapitalismus
Untertitel
Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Methodenmodul D
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V488998
ISBN (eBook)
9783668971271
ISBN (Buch)
9783668971288
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalismus, Innovationen Rolle des Staates, Mariana Mazzcato, Kapital des Staates
Arbeit zitieren
Ella Leicht (Autor), 2019, Der Staat und seine Rolle als Risikoträger bei Innovationen im modernen Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488998

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