'Trennung der Liebenden' in Gottfrieds von Straßburg 'TRISTAN'


Seminararbeit, 2004
25 Seiten, Note: 2,3 (gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Thema der Hausarbeit, Ziel und Vorgehensweise
1.2. Literarische Bedeutung der ‚Trennung der Liebenden’

2. Trennung der Liebenden
2.1. Kritische Analyse der Abschiedsszene
2.1.1. Tristans Abschiedsmonolog
2.1.2. Isoldes Abschiedsmonolog
2.2. Das Leben der Liebenden während der Trennung
2.2.1. Tristan auf der Flucht vor sich selbst
2.2.3. Isolde Weißhand

3. Isolde, die Göttin – Tristan, der Treuebrecher?

4. Der Fragment-Charakter bei Gottfrieds ‚Tristan’ – Absicht oder Abbruch?

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Thema der Hausarbeit, Ziel und Vorgehensweise

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die ‚Trennung der Liebenden’ bei Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan’. Vorab soll auf die Bedeutung dieses zweiten Teils von Gottfrieds Werk hingewiesen werden, das, dessen ungeachtet, in der Forschung längere Zeit nur wenig Beachtung fand. Ein Grund für das mangelnde Interesse seitens der Literaturwissenschaft könnte die – beabsichtigte oder nicht beabsichtige – Nichtvollendung des Werkes bei Gottfried sein. Einige Philologen betrachten die Baumgartenszene als Wendepunkt bei ‚Tristan’. Manche, beispielsweise Schröder, geben des Weiteren den schlechten Überlieferungszustand der Vorlagen als Ursache für das Forschungsdesinteresse an.[1] Dem widerspricht jedoch die Tatsache, dass fast alles, was vom ‚Tristan’ Thomas d’Angleterre, die Hauptquelle, auf die sich Gottfried beruft[2], erhalten ist, dem letzten Teil der Erzählung zuzuordnen ist.[3] Demzufolge ist die Trennung der Liebenden – was Thomas als Quelle betrifft – der bestüberlieferte Teil überhaupt.

Im Hauptteil wird versucht, die Abschiedsmonologe von Tristan und Isolde sowie ihr Leben während der Trennung zu entwirren und zu analysieren. Die in der Forschung zahlreich existierenden Kontroversen, die laut Haug „an der provokativen Lebendigkeit des Werkes selbst“[4] hängen, sollen neu überdacht und auf ihre Glaubwürdigkeit hin nachgeprüft werden. Verkörpert Tristan das von Gottfried im Prolog vorgestellte Minneideal oder fungiert er vielmehr als schlechtes Exempel?

Im letzten Kapitel der Hausarbeit sollen die Umstände geklärt werden, unter denen Gottfrieds ‚Tristan’ unvollendet geblieben ist – oder muss man Tristans langen Monolog[5] als von Gottfried gewünschten Höhepunkt seines ‚Tristan’ verstehen?

Ziel dieser Hausarbeit kann es nicht sein, auf all diese Fragen eine endgültige Antwort zu finden, denn, wie Lanz-Hubmann treffend formuliert hat, „es scheint so gut wie keinen Punkt zu geben, in dem über Gottfrieds ‚Tristan’ Einigkeit herrscht.“[6] Doch sollen zumindest die wahrscheinlichsten Theorien und Interpretationen herausgearbeitet sowie die ungewissen widerlegt werden.

Um der Gefahr der Überinterpretation zu entgehen, wird die Nähe zur Erzählung beibehalten. Aufgestellte Theorien werden durch Textbeispiele belegt und erläutert.

1.2. Literarische Bedeutung der ‚Trennung der Liebenden’

Im Text Gottfrieds ‚Tristan’ lassen sich mehrere Hinweise auf die Bedeutung der ‚Trennung’ für die Liebenden auffinden.

Bereits im Prolog wird die Liebe als untrennbar von Freude und Leid dargestellt.[7] Durch die Trennung wird die Liebe von Tristan und Isolde auf eine neue Bewährungsprobe gestellt. Bislang hatten sie – bis auf die kurze Phase während der Anklage – stets Gelegenheit, sich zu sehen und sich auszutauschen; lediglich die „körperliche Vereinigung“[8] war eingeschränkt. Nun jedoch müssen sie unter Beweis stellen, dass ihre Liebe auch über die Entfernung hinaus andauert: „der innecliche minnen muot/ so der in siner senegluot/ ie mere und mere brinnet,/ so er ie serer minnet.“[9] Die Trennung gibt ihnen die Gelegenheit, allen, aber vor allem sich selbst, zu beweisen, dass ihre Liebe mehr ist als nur sexuelle Begierde und körperliche Befriedigung. Sie können demonstrieren, dass sie auch in der Ferne Bestand hat.[10]

Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung liefert der Passus, an der die Trennung einsetzt. Als Marke die beiden Geliebten im Baumgarten erspäht, werden sie mit einem Kunstwerk verglichen, das nicht vollkommener sein könnte: „und waere ein werc gegozzen/ von êre oder von golde,/ ezn dorfte noch ensolde/ niemer baz gevüget sîn.“[11] Diese Beschreibung des Liebespaares erweckt den Anschein als wäre dies der Gipfel ihrer Liebesbeziehung, sie formen ein „Bild vollkommener Liebeseinheit“[12], das augenfällig nicht mehr verbesserungsfähig ist. Dass es dennoch eine Steigerung gibt, wird in dem kurz darauf folgenden Monolog Isoldes[13] dargelegt; durch die Trennung sollen Tristan und Isolde zu einer Herzenseinheit verschmelzen – die Liebe wird zu einem „geistig-sittlichen Phänomen“[14].

2. Trennung der Liebenden

Inwieweit die beiden Liebenden die Bewährungsprobe annehmen, und ob ihre Liebe diese übersteht, soll im folgenden Teil der Hausarbeit zugrunde gelegt werden.

2.1. Kritische Analyse der Abschiedsszene

2.1.1. Tristans Abschiedsmonolog

Bei seiner Abschiedsrede[15] wirkt Tristan, angesichts der drohenden Gefahr, Marke könnte jeden Augenblick mit dem Kronrat zurückkommen, gehetzt. Dennoch versucht er, seine Geliebte von der Notwendigkeit ihrer Trennung zu überzeugen: „er wirbet unseren tôt./ herzevrouwe, schoene Îsôt,/ nu müeze wir uns scheiden.“[16] Tristan stellt das Überleben in den Vordergrund. Er flüchtet vor dem betrogenen Ehemann und lässt Isolde zurück. Eine gemeinsame Flucht scheint für die beiden Protagonisten jedoch nicht in Frage zu kommen. Wie Lanz-Hubmann bereits festgestellt hat, verzichten die Geliebten zu Gunsten der Ehre auf ein gemeinsames Leben.[17] Schon auf der Fahrt weg von Irland hätten die beiden fliehen können, und auch die Minnegrotte verlassen sie, weil ihnen die Ehre am Hofe fehlt.[18] Huber dagegen sieht in der Flucht eine klare Fehlentscheidung, da Tristan dadurch in eine passive Rolle manövriert wird. Ähnlich wie Tantris mit der Moroldwunde ist er den Wellen ausgeliefert und auf Isoldes Hilfe angewiesen.[19] Spätestens bei den beiden Fortsetzungen von Gottfrieds Werk wird deutlich, dass nur Isolde ihm helfen kann.

In einer zweiten Phase des Monologs bittet er Isolde, ihre Liebe zueinander in Erinnerung zu behalten und Tristan stets im Herzen zu bewahren. Er verspricht ihr die ewige Treue und mahnt sie, ihm ebenfalls während seiner Abwesenheit treu zu sein. Tristans Aussage „nu sehet, herzevriundîn,/ daz mir vremde unde verre/ iemer hin z’iu gewerre![20]“ lässt sich – wenn man den weiteren Verlauf der Erzählung berücksichtigt – auf zweierlei Weise deuten. Einerseits kann sie als Bitte aufgefasst werden, sie solle ihm während seiner Abwesenheit nicht untreu werden. Dem entspricht die Übersetzung Krohns „Achtet darauf, geliebte Freundin, /dass die Entfernung und die Fremde/ mir bei Euch nicht schade!“[21], bei der eindeutig Isolde im Verdacht steht, einen Treuebruch zu wagen. Andererseits kann sie, gemäß der Übersetzung Hubers[22] „Nun seht zu, Herzensfreundin, dass mir Fremde und Entfernung die Beziehung zu Euch nie stören und verwirren“ auch vorausdeutend interpretiert werden, denn letztlich ist es Tristan selbst, der sich durch Isolde Weißhand verwirren lässt und zumindest an die Grenzen der Treue gelangt. Auch Mälzer versteht diesen Abschnitt als ersten Ansatz zur Differenzierung zwischen Tristan und Isolde.[23]

Der Hinweis Tristans „diz slâfen gât uns an den lîp.“[24] lässt sich ebenfalls als Vorausdeutung darlegen. Die gemeinsamen Stunden im Baumgarten führen zur Trennung und schließlich zum Tod! Da dem Publikum von Gottfrieds ‚Tristan’ die Stoffgeschichte im Allgemeinen bekannt war, kann davon ausgegangen werden, dass sie die Textstelle ebenfalls als Vorausdeutung verstanden haben.

Wolf[25] billigt dagegen Tristans Abschiedsrede überwiegend einen vorbereitenden Charakter zu. Leitwörter wie herze und lip sind wichtige Stichworte, auf die Isolde in ihrem Monolog zurückgreifen wird. Genauso wird die Thematik des ‚im Herzen wohnen’ bei Tristan eingeführt, im Folgenden jedoch von Isolde noch ausgebaut.

2.1.2. Isoldes Abschiedsmonolog

Gottfried lässt Isolde einen mehr als doppelt so langen Monolog[26] halten, der zunächst jedoch nicht besonders von dem abweicht, was Tristan schon angesprochen hat. Isolde geht auf das Gesagte ein, verspricht ewige Treue und mahnt ihn, ebenfalls Treue zu halten. Als Erinnerung ihrer Liebe und ihres Treueschwurs steckt Sie ihm einen Ring an, und prophezeit: „ob ir dekeine sinne/ iemer dâ zuo gewinnet,/ daz ir âne mich iht minnet, /daz ir gedenket derbî, / wie mînem herzen iezuo sî.“[27] Genau diese Vorausdeutung wird eintreffen: der Ring verhindert in der Hochzeitsnacht das Vollziehen der Ehe mit Isolde Weißhand, da er das einzige Materielle ist, das ihm noch von der blonden Isolde geblieben ist. Der Name, der für seine große Liebe steht, ist –wie man an Isolde Weißhand sehen kann, übertragbar. Nur der Ring als „konkretes Erinnerungszeichen“[28] ist in der Lage, den Vollzug der Ehe zu verhindern.

Eine Vorausdeutung auf Isolde Weißhand, und damit ein Beleg für die Übertragbarkeit von Namen, liefert das kurz darauf folgende Verspaar „und lât nieman nâher gân/ dan Îsolde, iuwer vriundîn!“.[29] Mit ‚Isolde’ kann die blonde Isolde gemeint sein, doch der Name kann sich auch bereits auf Isolde Weißhand beziehen. Da beide den gleichen Vornamen haben, wird Tristan, selbst wenn er sich auf Isolde Weißhand einlässt, zumindest diese Abmachung einhalten können. Er wird niemanden näher an sich lassen als Isolde.

Nach den gegenseitigen Treuebekundungen, die bei Tristans Monolog im Mittelpunkt standen, erreicht Isolde eine neue Ebene. „Si trat ein lützel hinder sich [...][30] deutet einerseits die räumliche Trennung der beiden Geliebten an, verrät aber gleichzeitig, dass Isolde sich bei ihrem Monolog von Tristan abheben wird. Sie wird gedanklich eine Ebene erreichen, die Tristan sich erst erarbeiten muss. Mälzer versteht Isoldes Schritt lediglich als Anzeichen dafür, dass sie die Zweifel ihres Geliebten erkannt hat und sich davon distanzieren möchte.[31]

Sie erklärt alle vorigen Bitten für überflüssig, mit der Begründung: „wart Îsôt ie mit Tristane/ ein herze unde ein triuwe,/ sô ist ez iemer niuwe,/sô muoz ez iemer staete wern.“[32] Tristan soll sich vielmehr um sein eigenes Leben sorgen, denn sein Leben ist auch ihr Leben. Hier spielt der dem Minnesang bereits geläufige Gedanke des Herzenstausches eine große Rolle. Tristan lebt in Isolde, Isolde in Tristan: „wan iuwer lîp und iuwer leben,/ daz weiz ich wol, daz lît an mir.“[33] Die Darstellung, dass Tristans Leben in ihrer Hand, ihr Leben in seiner Hand liegt, rückt die Flucht in ein besseres Licht. Während Tristans Abschiedsmonolog dem Leser noch den Eindruck vermittelte, es ginge einzig und allein um die Todesangst eines „ertappten Ehebrechers“[34], so ist die Trennung nun der einzige Weg, die Liebe aufrecht zu erhalten. Hätte die Flucht als primäres Ziel dem bloßen Überleben gegolten, so hätten bisherige List, Tücke, Gefahr und Betrug ihre Rechtfertigung verloren.

Die Bekundung „unser beider leben daz leitet ir[35] lässt sich als Steigerung der Ergebenheit Isoldes auslegen. Nicht nur ihr Leben liegt in seiner Hand, sondern auch sein eigenes. Tristans Gefahr zu sterben ist, angesichts der Kämpfe, an denen er teilnehmen wird, viel größer. Da, als Liebeseinheit, der Tod des einen den Tod des anderen zur Konsequenz hat, liegen beide Leben in Tristans Hand.

[...]


[1] Vgl. Schröder 1993, S.44.

[2] Vgl. V. 150. Sämtliche Versangaben beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf den Text von Friedrich Ranke. STRASSBURG, Gottfried von: ‚Tristan’. Stuttgart 20027.

[3] Vgl. Bonath 1985, S.9.

[4] Haug 1989, S.600.

[5] V.19424-19548.

[6] Lanz-Hubmann 1989, S.13

[7] Vgl. V.193-210.

[8] Schröder 1993, S.43.

[9] V. 111-114.

[10] Vgl. Schröder 1993, S.48

[11] V.18208-18211.

[12] Huber 2000, S.120.

[13] V. 18288-18358.

[14] Schröder 1993, S.47.

[15] V.18258-18285.

[16] V.18265-18267.

[17] Vgl. Lanz-Hubmann 1989, S.196.

[18] Vgl. V.16875-16877.

[19] Vgl. Huber 2000, S.127.

[20] V.18280-18282.

[21] Krohn 2002, S.499.

[22] Huber 2000, S.121.

[23] Mälzer 1991, S.229.

[24] V.18253.

[25] Wolf 1989, S.238

[26] V.18288-18358.

[27] V.18310-18314.

[28] Haug 1989, S.610.

[29] V. 18320f.

[30] V. 18286.

[31] Mälzer 1991, S.229.

[32] V.18330-18333.

[33] V.18342-18344.

[34] Wapnewski 1964, S.357.

[35] V.18350.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
'Trennung der Liebenden' in Gottfrieds von Straßburg 'TRISTAN'
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3 (gut)
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V48905
ISBN (eBook)
9783638454834
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des Motivs der Liebestrennung iin Gottfrieds von Straßburg 'Tristan'
Schlagworte
Trennung, Liebenden, Gottfrieds, Straßburg, TRISTAN
Arbeit zitieren
Jean-Claude Eichenseher (Autor), 2004, 'Trennung der Liebenden' in Gottfrieds von Straßburg 'TRISTAN', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48905

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