Bildungssprachliche Kompetenzen. Erwartungen an Schülerinnen und Schüler

Das Phänomen "Bitte im ganzen Satz!"


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 11
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bildungssprache und Schulsprache

3. Schülerantworten – „Bitte im ganzen Satz!“

4. Umfrage: Schulsprachliche Erwartungen an Schüler und Schülerinnen
4.1 Umfragemodalitäten
4.2 Auswertung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Zeiten wie diesen hört man immer wieder vermehrt die Begriffe „Bildungssprache“ und „Schulsprache“. Doch ist es wirklich ein neues Phänomen? Soviel sei gesagt: Der Begriff der Bildungssprache wurde bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen Moses Mendelssohn in abgewandelter Form verwendet und auch die Schulsprache wurde bereits 1902 in einer Abhandlung von Christian Zimmermann thematisiert.

Auch stellt sich die Frage wie sich diese Begriffe definieren und voneinander abgrenzen lassen, denn gerade von Schülern und Schülerinnen wird die angemessene Verwendung der Schulsprache verlangt und die Lehrer konstruieren und modellieren die Zwecke der Sprache stetig um, um sie an das Umfeld Schule anzupassen.

Besonders die Aufforderung „Bitte im ganzen Satz!“ ist ein zentraler Aspekt des Unterrichtsgeschehens, wenngleich auch im Laufe der Zeit unterschiedliche Beweggründe eine Rolle spielten. Mittlerweile soll den Schüler und Schülerinnen wieder eine explizite und grammatikalisch korrekte Satzkonstruktion näher gebracht werden, da sie in der Zeit der neuen Medien vermehrt zu Abkürzung, Halbsätzen und Ein-Wort-Antworten greifen. Dahingegen lag früher der Fokus darauf die Hochdeutsche Sprache gerade in den Gebieten mit stark ausgeprägtem Dialekt zu vermitteln.

In dieser Seminararbeit soll das Hauptaugenmerk ganz auf der Aufforderung „Bitte im ganzen Satz!“ liegen. Hierzu soll zunächst ein kurzer Überblick und eine Definition der Begriffe „Bildungssprache“ und „Schulsprache“ erfolgen. Daran anschließend soll näher auf letzteres eingegangen werden und die Funktion der schulsprachlichen Erwartungen an Schüler und Schülerinnen näher erläutert wird.

Daran anschließend erfolgt eine Auswertung einer von mir durchgeführten Umfrage, die aufzeigen soll inwieweit Lehrer und Lehrerinnen sich mit der Aufforderung „Bitte im ganzen Satz!“ beschäftigen, ob sie ähnliche Funktionen der Schüleraufforderung benennen oder sich eventuell sogar ganz von den davor thematisierten Meinungsbildern distanzieren.

2. Bildungssprache und Schulsprache

Der Begriff „Bildungssprache“ wurde bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen Moses Mendelssohn in abgewandelter Form („Büchersprache)“ verwendet. Man verstand unter „Büchersprache“ eine Sprache, die gekennzeichnet war durch einen „gehobenen Wortschatz in Form von zum Beispiel abstrakten Begriffen („Aufklärung“, „Kultur“, „Bildung“)“1 und überwiegend von dem Bildungsbürgertum verstanden wurde.2

Während nun mehr seit 80 Jahren der Begriff „Bildungssprache“ in der deutschen Sprache Verwendung findet, existiert noch immer keine festgelegte Definition. Erich Drach, der deutsche Sprecherzieher, verbindet mit dem Begriff „die (Aus-) Sprache der Gebildeten“ und grenzt diese „von der Hochsprache […] und der Mundart der gesellschaftlichen Unterschicht ab.“3

1959 führte der britische Soziologe Basil Bernstein die Begriffe „formal language“ und „public language“ ein. Laut ihm definiert sich die „formal language“ aus „grammatikalisch komplexen Satzstrukturen, dem häufigen Gebrauch von kausalen und temporalen Präpositionen sowie von unpersönlichen Personalpronomen.“4 Die soziale Sprache („public language“) hingegen weißt als Merkmal einfache Satzstrukturen, kurze Anweisungen und Fragen sowie eine begrenzte Verwendung von Adjektiven und Adverbien auf.5 Hergerührt von dieser These führte Bernstein drei Jahre später die Begriffe „restricted code“ und „elaborated code“ ein, um die Sprachunterschiede zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht zu verdeutlichen. Ausgehend von dieser Annahme erkannte man, dass „Kinder der Mittel- und Oberschicht Fähigkeiten in beiden Sprachcodes erlangen und effektiv und flexibel zwischen diesen wechseln können, während Kinder der Unterschicht nur den restringierten Code erlernen.“6

Nach Jürgen Habermas unterscheidet sich die Bildungssprache allerdings vor allen Dingen durch ein hohes Aufkommen konzeptioneller Schriftlichkeit und einem fachspezifischen Wortschatz und findet vorrangig in Medien und Bildungsinstitutionen Anwendung.7

Der Begriff „Bildungssprache“ wurde jedoch das erste Mal von Ingrid Gogolin eingeführt. „Gemäß Gogolin weist der Begriff auf <<die Spezifik der im Schul- und Bildungskontext benutzten Redemittel>> hin, die <<auch in diesem Kontext erworben bzw. vermittelt werden müssen>> (Gogolin, 2012, S.162).“8 Verwendet wird diese laut Gogolin auch in anspruchsvollen Schriften oder in öffentlichen Mitteilungen. Die Merkmale, die dieses bildungssprachliche Register charakterisiert, seien ein spezifischer, ausdifferenzierter Wortschatz, umfangreiche Formen an temporalen und lokalen Ausdrücken, „sowie der Gebrauch argumentativer oder deklarativer Formen des Prädikats“.9 Darüber hinaus weise Bildungssprache auf der textuellen Ebene einen monologischen Charakter auf und „die syntaktische Struktur [sei] durch koordinierende und subordinierende Konnektoren, die logische Beziehungen zum Ausdruck bringen, gekennzeichnet“.10

„Bildungssprache“ meine nicht die Art von Sprache, die man als Kommunikation in dem Raum Schule nutze. Unter ihr versteht man, laut Prof. Dr. Helmuth Feilke, viel mehr „die besonderen sprachlichen Formate und Prozeduren einer auf Texthandlungen wie Beschreiben, Vergleichen, Erklären, Analysieren, Erörtern etc. bezogenen Sprachkompetenz, wie man sie im schulischen und akademischen Bereich findet.“11

Als besonders herauszuhebende Eigenschaft benennt Feilke, dass die Bildungssprache helfe Abstraktes expliziter darzustellen und das Erkennen und Lernen dessen unterstütze.12

Weitergehend sei die Bildungssprache auf der kommunikativen Ebene auf den konzeptionell schriftlichen Bereich bezogen, auch wenn sie medial mündlich genutzt werden würde. Außerdem zähle zu den bildungssprachlichen Indikatoren zudem Passivkonstruktionen, Partizipialattribute und Komposita. Die Bildungssprache setzt, laut Feilke, „Verstehen und abstraktes Bedeutungswissen voraus“. Jedoch betont er, dass er die Auffassung Gogolins, dass die Beherrschung der Bildungssprache einen erfolgreichen Schüler/ eine erfolgreiche Schülerin auszeichnet, kritisch betrachten würde, da „die Nichtbeherrschung des bildungssprachlichen Registers […] Schüler ausschließen [kann], die sehr wohl lernfähig und kompetent sind“.13

Um ein Gleichsetzen der Bildungssprache mit der Schulsprache zu verhindern, ist es wichtig eine genaue Unterscheidung zu vollziehen. Die Schulsprache ist „nicht einfach die in der Schule gebrauchte, sondern die durch Schule als Institution hervorgebrachte und veränderte und für schulische Zwecke gebrauchte Sprache“.14

Die Schule mache es sich zu eigen auf den außerschulischen Sprachalltag vorzubereiten, obwohl die Schule selbst eine Umgebung sei, die eigenen Regeln folge und somit „genug damit zu tun [habe], die Lernenden sprachlich für sich selber, für den <<Lebensraum Schule>> vorzubereiten“, so Rico Cathomas.15

Auch Feilke betont in seinem Artikel „Bildungssprachliche Kompetenzen – fördern und entwickeln“: „Unter Schulsprache i.e.S verstehe ich auf das Lehren bezogene und für den Unterricht zu didaktischen Zwecken gemachte Sprach- und Sprachgebrauchsformen, aber auch Spracherwartungen.“16 Sie diene gleichermaßen als Lehr- und Lernform. Im Gegensatz zur historisch einzelsprachlich entwickelten Bildungssprache, die dem Sprachsystem angehöre, zählt die Schulsprache durch ihre Konstruktion von Sprachverhalten zur Schulgeschichte.17

Vollmer und Thürmann verdeutlichen, dass sich die Schulsprache mit einem spezifischen Sprachregister von der Alltagssprache unterscheidet. Sie sei wesentlich prägnanter, komplexer und präziser, was sich aus der Verwendung einer konkreten Wahl sprachlicher Mittel ergibt. Darüber hinaus setze das Erlernen der Schulsprache voraus, sich in Alltagssituationen verständigen zu können. Diese Grundlage sei essentiell wichtig, um die Schulsprache zu erweitern bzw. darauf aufzubauen. Im Unterricht werde dann der Erwerb und Gebrauch der Sprache vermittelt und eine Weiterentwicklung der Schulsprache angestrebt. Zudem sei sie notwendig für die Handlungsfähigkeit und Kommunikation innerhalb der Schule.18

Die Schulsprache werde laut Vollmer und Thürmann als Grundlage für die Kommunikation im Unterricht verstanden. Daher gelte sie auch als „Geheimsprache“ oder „geheimes Curriculum“ der Schule, welche bisher allerdings „kaum transparent und eindeutig kodifiziert ist“.19

3. Schülerantworten – „Bitte im ganzen Satz!“

„Bitte im ganzen Satz“ diese Aufforderung durfte wohl schon vielen Schülern und Schülerinnen zu Ohren gekommen sein und auch Frau Freitag erzählt in ihrem Buch „Chill mal, Frau Freitag“ Situationen, in denen sie vollständige Sätze von ihren Schüler und Schülerinnen einfordert:

„Frau Freitag, Bleistift?“

„Bleistift?“

„Frau Freitag, kann ich Bleistift?“

„Klar, wenn du den Satz korrekt sagst, mit Artikel und allem drum und dran.“20

An diesem Beispiel lässt sich die bereits oben erwähnte Modellierung des Sprachverhaltens eines Schülers/einer Schülerin nach Feilke und die schulsprachliche Erwartung, die damit einhergeht, erkennen.

Diese Anforderungen an Schülerantworten mögen vielleicht auf den ersten Blick modern und aktuell erscheinen, allerdings beschäftigte sich bereits im Jahr 1902 Christian Zimmermann mit diesem Phänomen. Er fordert stets das Antworten in vollständigen Sätzen ein, da „die Sprache als Mittel des Gedankenaustausches“ gelte und die Schüler und Schülerinnen dadurch lernen würden ihre Gedanken darzustellen.21 Sie seien ein „[…]vortreffliches Mittel zur Schulung in der Sprache[…]“ und daher habe man als Lehrer die Pflicht diese mit „Konsequenz“ und „peinlichster Genauigkeit" einzufordern.22

[...]


1 Karin Berendes, Nina Dragon, Sabine Weinert, Birgit Heppt & Petra Stanat (2013) Hürde Bildungssprache? Eine Annäherung an das Konzept „Bildungssprache“ unter Einbezug aktueller empirischer Forschungsergebnisse. In: Angelika Redder & Sabine Weinert (Hrsg.) Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann, 18.

2 Vgl. Ebd., S.18.

3 Ebd., .S.18.

4 Ebd., .S.18.

5 Vgl. Ebd., .S.18.

6 Berenderes,Karin:Hürde Bildungssprache? Eine Annäherung an das Konzept „Bildungssprache“ unter Einbezug aktueller empirischer Forschungsergebnisse.S.18.

7 Vgl. Ebd., S.19.

8 Ebd., S.23.

9 Ebd., S.24.

10 Ebd., S.24.

11 Feilke, Helmuth. 2012. Bildungssprachliche Kompetenzen – fördern und entwickeln. In. Praxis Deutsch 233, 5.

12 Feilke, Helmuth: Bildungssprachliche Kompetenzen-fördern und entwickeln. S.5.

13 Ebd., S.7.

14 Helmuth Feilke: Schulsprache - Wie Schule Sprache macht, in: Kommunikation und Öffentlichkeit, hg. von Susanne Günthner, Wolfgang Imo, Dorothee Meer, Berlin, Boston, Mass., 2012, S. 161.

15 Cathomas, Rico: Neue Tendenzen der Fremdsprachendidaktik – das Ende der kommunikativen Wende? Beiträge zur Lehrerbildung, Heft 2 (2007). S.180.

16 Feilke, Helmuth: Bildungssprachliche Kompetenzen – fördern und entwickeln.S.5.

17 Vgl. Ebd., S.6.

18 Vollmer, Helmut Johannes/Thürmann, Eike: Zur Sprachlichkeit des Fachlernens: Modellierung eines Referanzrahmens für Deutsch als Zweitsprache.In:Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): Fachunterricht und Deutsch als Zweitsprache.Tübingen:Gunter Narr Verlag 2010,S.109.

19 Vgl. Ebd., S.109.

20 Freitag: Chill mal, Frau Freitag. Aus dem Alltag einer unerschrockenen Lehrerin, Berlin, 2015, S.22.

21 Christian Zimmermann: Das Antworten der Schüler in ganzen Sätzen, URL: http://www.jstor.org/stable/pdf/30170627.pdf, S. 127. [23.02.2017].

22 Vgl. Ebd., S. 129.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Bildungssprachliche Kompetenzen. Erwartungen an Schülerinnen und Schüler
Untertitel
Das Phänomen "Bitte im ganzen Satz!"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
11
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V489099
ISBN (eBook)
9783668975804
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungssprachliche, kompetenzen, erwartungen, schülerinnen, schüler, phänomen, bitte, satz
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Bildungssprachliche Kompetenzen. Erwartungen an Schülerinnen und Schüler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489099

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