Im Jahre 1965 folgte Norbert Elias einer Einladung als Gastprofessor, von Dieter Claessens , nach Münster. Zu diesem Zeitpunkt gab Claessens die Buchreihe: „Grundfragen der Soziologie“ heraus, welche äquivalent zu einer erfolgreichen nordamerikanischen Einführungsreihe sein sollte. Als Band I dieser Reihe, sollte die Übersetzung von „What is Sociology?“ von Alex Inkeles dienen. Claessens gab Elias das gerade frisch eingetroffene Buch und erzählte ihm von seinem Vorhaben. Elias sein Kommentar war deutlich: „What is Sociology?. Das ist eine wichtige Frage, aber Herr Claessens, Sie können ganz sicher sein, Herr Inkeles weiß die Antwort nicht.“ Darauf hin überredete Claessens Elias den Band selbst zu übernehmen und Elias beantwortete diese Aufforderung mit seinem Buch: „Was ist Soziologie?“, fünf Jahre später (Hermann Korte).
Inhaltsverzeichnis
1. Leben
2. Hintergrund und Einführung
3. Was ist Soziologie?
3.1. Verflechtungen
3.2. Bewegung, Prozess und Wandel
3.3. Der Begriff der Figuration
3.4. Theorie gesellschaftlicher Entwicklung
3.5. Macht
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die zentralen Konzepte der Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias auf Basis seines Werkes "Was ist Soziologie?" systematisch vorzustellen und deren Bedeutung für das soziologische Verständnis von Gesellschaft zu erläutern. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, wie Elias die Dynamik zwischen Individuum und Gesellschaft theoretisiert und warum ein prozesssoziologischer Zugang für die Analyse sozialer Strukturen unerlässlich ist.
- Biografischer Abriss und wissenschaftlicher Werdegang von Norbert Elias.
- Kritik am statischen Gesellschaftsbild und Etablierung des Figurationsbegriffs.
- Analyse der Interdependenz zwischen Individuum und Gesellschaft als dynamischer Prozess.
- Untersuchung von Machtbalancen als Struktureigentümlichkeit menschlicher Beziehungen.
- Einordnung der Theorie in den Kontext gesellschaftlicher Entwicklung und staatlicher Verflechtungen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Begriff der Figuration
Norbert Elias hat diesen Begriff aus eigenem Recht als Gelehrter, wie er sagt, neu erfunden. Er soll dazu dienen, ein einfaches begriffliches Werkzeug zu schaffen. Mit diesem Begriff soll der Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft ausgedrückt werden.. Der Begriff der Figuration symbolisiert somit die tatsächliche Verflechtung dieser beiden Gebilde.
Als Beispiel denken wir wieder an die 4er Gruppe. Stellen wir uns vor 4 Personen sitzen an einem Tisch und spielen mit einander Karten. Diese Personen bilden mit einander eine Figuration. Ihre Handlungen sind interdependent.
Substantivistisch würde jede dieser Personen von „dem Spiel“ sprechen, als ob es eine Existenz für sich besitzt. Fakt ist aber das der Spielverlauf Ergebnis einer Handlungsverflechtung darstellt, welche interdependente Individuen miteinander bilden. Und genauso verhält es sich mit der Gesellschaft. Wir sprechen über die Gesellschaft als ob sie etwas eigenständiges wäre, ohne dabei daran zu denken, das wir selbst Akteure dieser sind.
Diesen Begriff der Figuration kann man auf kleine Gruppen, wie auch auf Gesellschaften mit Tausenden oder Millionen interdependenter Individuen anwenden. Weitere beispiele für Figurationen sind: Lehrer und Schüler in einer Klasse, Arzt und Patienten in einer Klinik, Bewohner eines Dorfes, einer Großstadt und sogar Menschen einer Nation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Leben: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg von Norbert Elias, von seiner Ausbildung in Breslau über seine akademischen Stationen in Deutschland und sein Exil bis hin zur späten Anerkennung seines Gesamtwerks.
2. Hintergrund und Einführung: Hier wird die Entstehungsgeschichte des Buches "Was ist Soziologie?" im Kontext der Zusammenarbeit mit Dieter Claessens beleuchtet und die theoretische Positionierung von Elias in der Tradition soziologischer Klassiker dargelegt.
3. Was ist Soziologie?: Das Hauptkapitel expliziert den methodischen Anspruch von Elias, soziale Zusammenhänge als dynamische Prozesse und nicht als statische Zustände zu begreifen.
3.1. Verflechtungen: Dieses Kapitel erläutert das Konzept der sozialen Verflechtung und die Kritik am egozentrischen Gesellschaftsbild durch eine netzwerkbasierte Perspektive.
3.2. Bewegung, Prozess und Wandel: Hier wird die Notwendigkeit kritisiert, Begriffe wie "Struktur" oder "soziale Klasse" zu objektivieren, und stattdessen den Menschen als fortlaufenden Prozess zu verstehen.
3.3. Der Begriff der Figuration: Dieses Kapitel definiert Figuration als grundlegendes Werkzeug zur Beschreibung der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Individuen innerhalb gesellschaftlicher Netzwerke.
3.4. Theorie gesellschaftlicher Entwicklung: Hier wird dargelegt, warum eine Analyse gesellschaftlicher Entwicklung die Interdependenz zwischen Staaten und die jeweilige "balance of power" berücksichtigen muss.
3.5. Macht: Das abschließende Kapitel analysiert Macht nicht als dinglich Besitzbares, sondern als integrales Merkmal wechselseitiger und asymmetrischer Beziehungsprozesse.
Schlüsselwörter
Norbert Elias, Soziologie, Figurationssoziologie, Prozesstheorie, Gesellschaft, Individuum, Interdependenz, Machtbalancen, Verflechtung, Sozialisation, Zivilisationsprozess, Dynamik, Handlungstheorie, Struktur, Netzwerk.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias, primär basierend auf seinem Werk "Was ist Soziologie?".
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Gesellschaft als dynamischer Prozess, die wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz) von Individuen sowie der Prozesscharakter sozialer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Elias' Konzepte – insbesondere den Figurationsbegriff – verständlich darzulegen und aufzuzeigen, wie sie ein tieferes Verständnis soziologischer Problemstellungen ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine rezipierende, komparative und interpretative Methode, um die zentralen Thesen von Elias auf Basis der Sekundär- und Primärliteratur zusammenzufassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Kernbegriffe wie Verflechtung, Prozess, Wandel, Figuration, gesellschaftliche Entwicklung und Macht systematisch erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Figuration, Interdependenz, Prozesssoziologie, Machtbalancen und gesellschaftliche Verflechtung charakterisiert.
Wie unterscheidet Elias den Begriff der Figuration vom klassischen Gesellschaftsbegriff?
Elias kritisiert, dass Gesellschaft oft als statisches, "dingliches" Objekt betrachtet wird, während Figuration die tatsächlichen, in ständiger Bewegung befindlichen Beziehungsgeflechte zwischen Individuen in den Fokus rückt.
Warum spielt der Begriff der Macht in der Figurationstheorie eine so zentrale Rolle?
Macht ist laut Elias kein Amulett, das jemand besitzt, sondern eine unvermeidliche Struktureigentümlichkeit menschlicher Interaktionen, die über die Dynamik von Beziehungen entscheidet.
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- Erik Buder (Author), 2005, Was ist Soziologie? Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48920