Frauen in Führungsetagen internationaler Unternehmen und Wirtschaftskriminalität

Kriminalität in der globalisierten Welt


Seminararbeit, 2018
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Einführung

II. Frauen in Führungsetagen von Unternehmen
1. Definitionen der Wirtschaftskriminalität, des White Collar Crime und des Gender
2. Aktuelle Entwicklung und Erklärungsansätze
3. Versuch eines Ländervergleichs
a) USA
b) Norwegen
c) Singapur
d) vergleichendes Zwischenresümee

III. Tätermerkmale des Wirtschaftskriminellen in Führungspositionen und Auffälligkeiten nach Gender
1. Tätermerkmale
2. Genderspezifische Motivation
3. Sozialisation als Hauptursache für geringere Anfälligkeit von Frauen für White Collar Crime?

IV. Prognostische Entwicklung der White Collar Crimes

V. Fazit

Literaturverzeichnis

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I. Einführung

Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.1 Doch haben Frauen und Männer, gleichsam alle Menschen, stets dieselben Chancen? Mitnichten, wie eine seit Jahren geführte gesamtgesellschaftliche Debatte über die Emanzipation der Frau zeigt. Privilegien, die Männern, de facto dem gern zitierten „starken Geschlecht“, teilweise von Anbeginn der Zeit zustanden, mussten sich Frauen über Jahrhunderte hinweg erkämpfen. Sei es das Wahlrecht, die Möglichkeit zu studieren oder Auto fahren zu dürfen. Doch auch heutzutage, im Jahr 2018, ist eine Diskrepanz unter anderem im Berufsalltag zu sehen. In großen Unternehmen werden die verantwortungsvollsten Positionen, ob im Vorstand oder Aufsichtsrat, größtenteils von Männern bekleidet. Etwa 51 % der Gesellschaft ist weiblichen Geschlechts, doch in den Vorständen großer Unternehmen werden beispielsweise europaweit momentan leidglich 35 % der Stellen von Frauen bekleidet.2 Infolgedessen müsste man annehmen, dass auch die wirtschaftskriminelle Belastung in den Unternehmen derart ungleich verteilt ist. Hinsichtlich aller Vermögens- und Kapitaldelikte sind Frauen quantitativ deutlich seltener strafrechtlich in Erscheinung getreten als Männer. So waren 2015 nur etwa 25 % der Tatverdächtigen aller Straftaten in Deutschland weiblich.3 Dem folgend, wäre also auch die Kriminalitätsbelastung in den Unternehmen männlich geprägt. Oder handelt es sich um einen Trugschluss: Wird mit steigendem femininen Einfluss in den Führungsgremien internationaler Unternehmen auch die Wirtschaftskriminalität in Unternehmen zurückgehen, oder nutzen Frau die sich ihnen zunehmend bietenden Gelegenheiten genauso aus wie Männer?

II. Frauen in Führungsetagen von Unternehmen

1. Definitionen der Wirtschaftskriminalität, des White Collar Crime und des Gender

Zunächst bedarf es einer Definition der Begriffe der Wirtschaftskriminalität, des White Collar Crime und des Gender. Der im deutschen Sprachraum verwendete Terminus der Wirtschaftskriminalität ist weit auszulegen, um die systemischen Zusammenhänge des Gesamtkonstrukts der Wirtschaft zu erfassen.4 Der Begriff umfasst somit alle wirtschaftlich intendierten schädigenden Handlungen.5 Unter Zugrundelegung dieser Definition wird etwa der „klassische“ Ladendiebstahl zur Wirtschaftskriminalität gezählt. Bei diesem sind Frauen in Deutschland mit 35,5 % als Täterinnen klassifiziert, sodass der Ladendiebstahl im Rahmen der Wirtschaftskriminalität zusammen mit dem Waren- und Kreditbetrug mit ebenfalls 35,5 % prozentual als „weiblichste“ Delikte gesehen werden können, wenngleich der Anteil der Frauen nach wie vor deutlich unter deren Bevölkerungsanteil liegt.6 Zwar sind die in der deutschen polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Delikte nur dem Hellfeld zuzuordnen und abhängig von Parametern wie unter anderem dem Anzeigeverhalten der Bevölkerung bzw. der Geschädigten und haben somit nur einen begrenzten Aussagegehalt, doch lassen auch Dunkelfeldstudien nicht auf eine deutlich höhere Frauenquote in diesem und anderen Kriminalitätsbereichen schließen.7 Dabei sind jedoch durch weniger schwerwiegende Taten der Frauen und mithin geringerem Anzeigeinteresse seitens der Bevölkerung bzw. der Geschädigten im Vergleich zu oftmals schwerwiegenderen Taten von Männern erstere häufiger im Dunkelfeld zu verorten und nicht von der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst.8 Betrachtet man jedoch andere vom weiten Begriff der Wirtschaftskriminalität umfasste Delikte, so fällt ein weiterer Bereich ins Auge, welcher ungleich mehr von männlichen Straftätern dominiert wird: Die Berufs- und Unternehmenskriminalität. So sind in diesem Bereich nur 13 % der Tatverdächtigen weiblich.9

Im englischsprachigen Raum wird die Berufs- und Unternehmenskriminalität als White Collar Crime10 bezeichnet. Der enger gefasste Begriff des WCC wurde geprägt von Edwin Sutherland, welcher die Bezeichnung erstmals im Dezember 1939 vorstellte, um eine neue Betrachtungsweise der Forschung zu initialisieren, welche nicht mehr ausschließlich die Arbeiterkriminalität („Blue Collar Crimes“) und andere Delikte aus den sozial unteren Bevölkerungsschichten begutachten sollte, sondern auch die der wohlhabenderen Bevölkerungsteile.11 Nach seiner Definition werden die zu dieser Gruppe zuzuordnenden Straftaten von sozial angesehenen und respektierten Menschen im Rahmen ihrer Beschäftigung begangen.12 Somit sind die in den Führungsetagen von Unternehmen begangenen Straftaten wie unter anderem Betrug, Untreue oder Korruption unter diesen Begriff zu subsumieren. Allerdings sind nach einer detaillierteren Aufschlüsselung auch Bankangestellte und andere Mitarbeiter des Unternehmens aus unteren Rängen einzubeziehen.13 Zunehmend gab und gibt es Versuche, die Aufschlüsselung des WCC zu erweitern, um die von Frauen begangenen Delikte neu zu definieren. So werden die durch Frauen begangenen Delikte teilweise als „Pink Collar Crime“ bzw. die Täterinnen selbst als „Gucci Criminals“ oder „Louis Vitton Criminals“ bezeichnet.14 Die gebräuchlichste aus der von Sutherland eingeführten ursprünglichen Definition abgeleiteten Definition des WCC teilt dieses in die Bereiche des Occupational Crime und des Corporate Crime: Bei Ersterem bereichert sich der Täter als Individuum selbst, wohingegen beim Corporate Crime die Firma respektive die juristische Person die Begünstigte der Straftat ist.15 Weitere verschiedene Perspektiven eröffnen sich, sobald man wie bei Sutherland nicht die Tat, sondern den Täter mitsamt seiner Merkmale, wie seinem sozialen Status oder seiner Machtbefugnisse in den Mittelpunkt der Untersuchung stellt (Offender-Based)16 oder ob man bei der Analyse die Tat, also den Zweck und die Begehung derer, in den Mittelpunkt stellt (Offense-Based).17 Der Begriff des WCC ist demzufolge auch im Zeitgeist Veränderungen unterworfen, was bei der Anwendung der Begriffe im Hinblick auf die sich verändernde Rolle der Frau nicht unberücksichtigt bleiben darf.

Ebenso essentiell für die spezifische Betrachtung der Frauenkriminalität ist der Begriff des „Gender“. Dieser bezieht sich hier nicht auf das biologische, sondern auf das soziale Geschlecht und bezeichnet somit die Gesamtheit der Merkmale, welche in einer Kultur für Mann oder Frau als typisch angesehen werden.18

2. Aktuelle Entwicklung und Erklärungsansätze

Seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden werden die richtungsweisenden Entscheidungen von Männern getroffen: Ob in der Politik, in der Arbeitswelt oder im Privatleben – Männer führen, Frauen sollen ihnen folgen. Insofern verwundert es nicht, dass auch im Bereich der allgemeinen Kriminologie und auch der Wirtschaftskriminologie die Rolle der Frau nur vergleichsweise wenig untersucht ist, wohingegen das männliche Geschlecht als Haupttäter und somit als „gesellschaftliches Kriminalitätsrisiko“ im Mittelpunkt der Forschung steht.19 Doch mit der sozialen Emanzipation der Frau in den letzten Jahrzehnten verändert sich auch ihre Position in der Gesellschaft. Immer mehr Frauen drängten und drängen in die Arbeitswelt und streben nach Gleichberechtigung. Dies äußert sich ebenfalls durch politische Maßnahmen wie Gesetze zu Einführungen von Frauenquoten, wodurch auch der Frauenanteil in den Führungsetagen von Unternehmen zumindest in den westlichen Ländern im Steigen begriffen ist. So ist beispielsweise in Deutschland seit Einführung des zu einer 30-prozentigen Frauenquote verpflichtenden Gesetzes ebenjene in den Aufsichtsräten seit dem 14.01.2015 bis 14.01.2018 um 9,1 % auf aktuell 30,9 % gestiegen.20 Weltweit sind 2017 jedoch lediglich 22 % der mittleren Managementpositionen von Frauen besetzt gewesen nach einer in den Jahren zuvor nahezu stagnierenden Entwicklung.21 Unter Berücksichtigung dieser Situation gibt es einige kriminologische Erklärungsversuche, welche eine Entwicklung bezüglich der Kriminalität der Frau abschätzen wollen. So kann keine Straftat begangen werden, ohne die Gelegenheit dafür zu haben („ Opportunity Theory “).22 Diesem Ansatz nach werden mit zunehmender Teilhabe der Frauen am Berufsleben auch ihre Möglichkeiten zunehmen, WCC zu begehen, was Frauen vermehrt zu Straftaten verleiten könnte.23 Damit einhergehend, wäre mit zunehmender Emanzipation der Frau im Berufsleben, ergo mit steigender Frauenquote und dem folgend vermehrten Tatgelegenheiten zur Begehung von WCC, auch mit proportional steigender weiblicher Wirtschaftskriminalitätsbelastung in Unternehmen zu rechnen. Dabei kann jedoch beobachtet werden, dass Frauen gerade im Berufsleben in erheblichem Maße bei der Besetzung von Topmanagementpositionen unterrepräsentiert sind, de facto im Laufe des Erklimmens der Karriereleiter an eine gläserne Decke gelangen, welche sie nicht zu durchstoßen vermögen.24 Demnach werden ab einer bestimmten Ebene innerhalb eines Unternehmens bevorzugt Männer eingestellt, obwohl Frauen eine gleiche oder sogar bessere Qualifikation haben, jedoch mit Argumenten wie mangelnder Produktivität oder einer etwaigen Schwangerschaft in den niedrigeren Unternehmensstrukturen belassen werden.25

3. Versuch eines Ländervergleichs

Um einen Überblick über die unterschiedlichen Situationen in verschiedenen Ländern weltweit zu erlangen, möchte ich versuchen einen Vergleich zu ziehen zwischen drei beispielhaft ausgewählten Ländern. Die Schwerpunkte liegen dabei auf dem Beleg der Existenz der gläsernen Decke, dem Stand der weiblichen Emanzipation im Berufsleben und empirischen Belegen für die Begehung von WCC durch Frauen. Hier erscheinen die USA als größte Volkswirtschaft der Welt, Norwegen als liberales, europäisches Land und Singapur als asiatisches Land aus einem komplett anderen Kulturkreis als geeignet. Als maßgeblicher Index für den Vergleich der Geschlechtergleichberechtigung in gesamtgesellschaftlicher und sozialer Sicht eignet sich der vom World Economic Forum jährlich vorgestellte Gender Gap Report. Dieser bemisst sich primär anhand folgender Parameter: Wirtschaftliche Teilhabe und Karrieremöglichkeiten, Zugang zu Bildung, Zugang zum Gesundheitswesen und Lebenserwartung sowie politischer Einflussmöglichkeiten.26 Aufgrund des umfassenden weltweiten Vergleichs von 144 Ländern ermöglicht der Bericht somit einen aussagekräftigen Gesamtüberblick der drei vorgestellten Länder über deren Fortschritt bei der Erreichung der Geschlechtergleichberechtigung.

a) USA

(1) soziale Situation

Die USA stehen auf Platz 49 von 144 untersuchten Ländern hinsichtlich der Gleichberechtigung von Frauen.27 Somit sind die USA im weltweiten Vergleich im vorderen Mittelfeld zu verorten und demzufolge beispielsweise hinter Ländern wie Deutschland (Platz 12), Namibia (Platz 13) oder Weißrussland (Platz 26).28 Die USA haben die größte Volkswirtschaft der Welt und eine immense ökonomische Stärke und Innovationskraft.29 Die 10 wertvollsten Unternehmen der Welt kommen im Jahr 2017 allesamt aus den USA.30 Dabei ist auch die Wirtschaftswelt der USA männlich geprägt: 39,1 % der Stellen der Managementposten der Unternehmen waren 2016 weiblich besetzt.31 Jedoch nimmt mit steigender Hierarchie die Anzahl weiblicher Führungskräfte ab, sodass im amerikanischen Aktienindex S&P 500 in den mittleren Managementebenen noch 36,9 % der Stellen von Frauen gehalten werden, im Rang der CEOs jedoch nur 4,6 % weiblichen Geschlechts sind.32 Demzufolge kann hier sehr gut beobachtet werden, dass Frauen mit steigender Organisationsstruktur immer seltener zu finden sind, also an die bereits beschriebene gläserne Decke stoßen.

(2) Auswirkungen auf die Wirtschaftskriminalität

Wheelers umfangreiche Erhebungen aus dem Jahre 198233 untersuchten die genderspezifische Verwicklung in den USA in WCC anhand von 642 Fällen.34 Von den 1342 Tätern waren 14 % weiblich.35 Dahingehend ist jedoch zu notieren, dass die Frauenquote in den Führungsetagen der amerikanischen Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt niedriger war als heute. So war in den 100 größten Unternehmen im Jahr 1980 keine Frau im Topmanagement vertreten,36 und auch insgesamt waren die Einflussmöglichkeiten der Frau auf Entscheidungsprozesse im Berufsleben zum damaligen Zeitpunkt ungleich geringer als heute.37 1970 betrug die Frauenquote in den Managementebenen nur 16,6 %38, 1980 etwa 26 %.39 Das mit 45 % am meisten von Frauen begangene Delikt war die Veruntreuung von Bankgeldern, gefolgt von Post- (18 %) und Kreditbetrug (15 %).40 Bei der Bildung von Kartellen waren jedoch nur 0,5 % der Täter weiblich.41 Weiterhin ergibt sich bei der Datenauswertung, dass Frauen eher untergeordnete Rollen einnehmen: Bei der Untreue waren 51 der Täter auf Managementebene männlich, jedoch nur 7 weiblich. Ein ähnlich großes Gefälle findet sich auch bei anderen Delikten.42 Dieses Ergebnis wird auch durch die Gesamtberechnung der Rollen in den begangenen Delikten deutlich: 39 % der Männer waren auf Managementebene tätig, wohingegen dies bei den Frauen nur bei 7 % der Fall war.43 Diese wiederum waren größtenteils in der Rolle der Bankangestellten oder in der Buchhaltung zu finden.44 Hinsichtlich der Netzwerktätigkeit ergibt sich ein ebenfalls ungleiches Bild: Frauen handelten häufiger alleine als Männer (bei der Untreue waren 87 % der Alleintäter weiblich und 63 % männlich).45 Männer wiederum handelten dementsprechend öfter als Frauen in Gruppen und machten sich ein existentes Netzwerk zunutze: 26 % der Männer begingen ihre Untreuedelikte in einer Gruppe mit mindestens 2 Tätern, wobei dies nur 8,5 % der Frauen taten.46 Auch insgesamt nahmen Frauen bei der Untreue –sofern sie in einer Gruppe agierten- eine niedrigere Stellung ein als Männer (eine führende Rolle innerhalb der Gruppe hatten 11 % der Männer, aber nur 3 % der Frauen).47 Ein weiteres Resultat der Studie zeigt, dass Frauen deutlich weniger Profit aus einer kriminellen Handlung erlangten: Männer profitierten aus dem Untreuedelikt im Durchschnitt mit 10-25.000 $, Frauen jedoch nur mit 1-2.500 $.48 Schlussendlich ist auch eine weitere Auffälligkeit bezüglich der Motivation für die Untreuetaten ersichtlich. So gaben doppelt so viele Frauen wie Männer an, die finanzielle Bereicherung für die eigene Familie zu benötigen – wohingegen Männer häufiger für sich selbst oder ihr Geschäftsmodell handelten.49 Auf die Motivation zur Begehung von WCC wird im Rahmen dieser Arbeit beim Punkt der genderspezifischen Motivation e intensiver eingegangen.50

Demzufolge kann man schlussfolgern, dass in den USA unter Berücksichtigung des lange zurückliegenden Zeitpunktes der Studie Frauen den Männern quantitativ und qualitativ verschiedenartig bei der Begehung von WCC unterlegen sind, und dass WCC in den USA -in höheren Positionen eklatanter als in den niedrigeren Strukturen- primär von Männern begangen wird.

b) Norwegen

(1) soziale Situation

Norwegen rangiert -wie alle skandinavischen Länder- an der weltweiten Spitze hinsichtlich der Gleichberechtigung von Mann und Frau und hat Platz 2 im Global Gender Gap Report inne.51 So sind in den Vorständen der großen norwegischen Unternehmen im Jahr 2015 40 % der Stellen durch Frauen besetzt, nachdem im Jahr 2003 ein Gesetz zur Einführung dieser Frauenquote verbschiedet wurde.52 Somit ist Norwegen im Vergleich zu den anderen beiden herangezogenen Ländern hinsichtlich der Gleichberechtigung von Mann und Frau als am weitesten fortgeschritten anzusehen. Auch ist das Kriminalitätsproblem in Norwegen allgemein als vergleichsweise gering einzuschätzen: Die Mordquote pro 100.000 Einwohner liegt in Norwegen beispielsweise bei 0,6 und mithin deutlich unter der Quote von 3,6 der gesamten OECD-Länder.53

[...]


1 Albrecht, Johann Wolfgang von Goethe, Faust, S. 52.

2 Eurostat, Nur eine von drei Führungskräften in der EU ist eine Frau, im Internet abrufbar unter: http://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/7896995/3-06032017-AP-DE.pdf/b49bc03b-00be-448c-b12a-318012c61cda, (Stand 30.05.2018).

3 BKA, Polizeiliche Kriminalstatistik 2016, S. 17.

4 Bussmann, Wirtschaftskriminologie I, Rn. 1.

5 Ebd ., Rn. 2.

6 BKA, PKS 2016, S. 17; Bussmann, Wirtschaftskriminologie I, Rn. 110.

7 Neubacher, Kriminologie, 7. Kapitel, Rn. 7.

8 Ebd .

9 Bussmann/Werle in: British Journal of Crimology, Nr. 46, 2006, Addressing Crime in Companies, S.1137; PwC, Wirtschaftskriminalität und Unternehmenskultur 2013, S. 82.

10 Fortlaufende Abkürzung: WCC.

11 Sutherland, White Collar Crime, S. 3 f.; Leeper Piquero/Clipper in: Encyclopedia of Crimology and Criminal Justice, White Collar Crime, S. 5531 f.

12 Sutherland, White Collar Crime, S. 7.

13 Bussmann, Wirtschaftskriminologie I, Rn. 5, 18.

14 Gottschalk/Glaso in: International Letter of Social and Humanistic Sciences, 2013, Gender in White Collar Crime: An Empirical Study of Pink-Collar Criminals, S. 22 f.

15 Clinnard und Quinney, Criminal behaviour systems: a typology, S. 188.

16 Sutherland, White Collar Crime, S. 1.

17 Edelhertz, The Nature, Impact and Prosecution of White Collar Crime, S. 3.

18 Kunz/Singelnstein, Kriminologie, § 9, Rn. 33; Bussmann, Wirtschaftskriminologie I, Rn. 963.

19 Neubacher, Kriminologie, 7. Kapitel, Rn. 1.

20 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Feste Quote, im Internet abrufbar unter: https://www.bmfsfj.de/quote/daten.html, (Stand: 31.05.2018).

21 World Economic Forum, Global Gender Gap Report, Closing Occupational Gender Gaps, im Internet abrufbar unter: http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2017/closing-occupational-gender-gaps/, (Stand: 31.05.2018).

22 Benson/Simpson, White Collar Crime, An Opportunity Perspective, S. 76.

23 Ebd. , S. 162 f.

24 Bussmann, Wirtschaftskriminologie I, Rn. 969; Benson/Simpson, White Collar Crime, An Opportunity Perspective, S. 162 f.

25 Ganiyu/Oluwafemi/Ademola/Olatunji in: Journal of Evolutionary Studies in Business, Vol. 3, Nr. 1, 2018, The Glass Ceiling Conundrum, S. 138 f.

26 World Economic Forum, Global Gender Gap Report 2017, Measuring the Global Gender Gap, im Internet abrufbar unter: http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2017/measuring-the-global-gender-gap/?doing_wp_cron=1527189689.5324320793151855468750, (Stand: 24.05.2018).

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28 Ebd.

29 IWF, GDP Current Prices, im Internet abrufbar unter: http://www.imf.org/external/datamapper/NGDPD@WEO/OEMDC/ADVEC/WEO/JPN/FRA, (Stand: 31.05.2018).

30 Statista, Größte Unternehmen der Welt nach ihrem Marktwert im Jahr 2017, im Internet abrufbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12108/umfrage/top-unternehmen-der-welt-nach-marktwert/, (Stand 31.05.2018).

31 Torpey, United States Department of Labour, Women in Management, im Internet abrufbar unter: https://www.bls.gov/careeroutlook/2017/data-on-display/women-managers.htm, (Stand: 16.05.2018).

32 Catalyst, Women in S&P 500 Companies, im Internet abrufbar unter: http://www.catalyst.org/knowledge/women-sp-500-companies, (Stand: 31.05.2018).

33 Wheeler/Weisburd/Bode in: American Sociological Review, Nr. 47, 1982, Sentencing the white-collar offender: Rhetoric and reality, S. 641 ff.

34 Daly in: Crimonology, Volume 27, Number 4, 1989, Gender and White Collar Crime, S. 773.

35 Ebd ., S. 770.

36 Warner, Judith, Center for American Progress, The Womens Leadership Gap, im Internet abrufbar unter: https://www.americanprogress.org/issues/women/reports/2015/08/04/118743/the-womens-leadership-gap/, (Stand: 01.06.2018).

37 Goldin, Understanding the Gender Gap: An economic history of American women, S. 17.

38 Spraggins, U.S. Census Bureau, Census 2000 Special Reports, Figure 10, im Internet abrufbar unter: https://usa.usembassy.de/etexts/soc/we_men&women_2000.pdf, (Stand: 01.06.2018).

39 U.S. Census Bureau, Women in the Worforce, Percentage of Managers who are Women, S. 11, Im Internet abrufbar unter: https://www.census.gov/newsroom/pdf/women_workforce_slides.pdf, (Stand: 02.06.2018).

40 Daly in: Crimonology, Volume 27, Number 4, 1989, Gender and White Collar Crime, S. 776.

41 Ebd .

42 Ebd ., S. 780.

43 Daly in: Crimonology, Volume 27, Number 4, 1989, Gender and White Collar Crime ., S. 782.

44 Ebd.

45 Ebd., S. 783.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd.

49 Ebd ., S. 785.

50 Siehe Kapitel III, Punkt 2, S. 17 f.

51 World Economic Forum, Global Gender Gap Report 2017, Results and Analysis, Table 3, im Internet abrufbar unter: http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2017/results-and-analysis/, (Stand: 15.05.2018).

52 Benson/Gottschalk in: International Journal of Law, Crime and Justice, Nr. 43, 2015, Gender and White Collar Crime in Norway: An empirical study of media reports, S. 540.

53 OECD, Sicherheit, im Internet abrufbar unter: http://www.oecdbetterlifeindex.org/de/topics/safety-de/, (Stand 15.05.2018).

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Details

Titel
Frauen in Führungsetagen internationaler Unternehmen und Wirtschaftskriminalität
Untertitel
Kriminalität in der globalisierten Welt
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Kriminalität in der globalisierten Welt
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V489438
ISBN (eBook)
9783668974210
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pink-Collar-Crime, Gender, Geschlechtergleichberechtigung, Kriminalität
Arbeit zitieren
Till Reinholz (Autor), 2018, Frauen in Führungsetagen internationaler Unternehmen und Wirtschaftskriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489438

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