Den Kern der Wunderkammern zu erfassen, erweist sich als äußerst schwierig und wird demnach nicht Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Ich möchte vielmehr die Wunderkammer als frühneuzeitliches Phänomen in Europa vorstellen und der Frage nachgehen, welche Bedeutung die Exotika für Sammler und Besucher von Wunderkammern hatten. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf die afrikanischen Exponate gelegt und untersucht werden, welches Bild die Europäer damals anhand ihrer ausgewählten Ausstellungsobjekte von Afrika hatten.
Es gibt einige wissenschaftliche Abhandlungen über die Wunderkammern im Allgemeinen. Gabriele Beßler, die sich beispielsweise mit Wunderkammern im Zeitraum von der Renaissance bis zur Gegenwart beschäftigt und Horst Bredekamp, der ebenfalls die Geschichte der Wunderkammern zusammenfasst seien hierfür unbedingt zu nennen. Allerdings herrschen große Forschungsdefizite im Bereich der außereuropäischen Exponate der Wunderkammern. Hier fehlen bislang detaillierte Untersuchungen.
Das hat zum einen damit zu tun, dass man in der kunsthistorischen Forschung vor allem die Aufmerksamkeit auf die europäischen Exponate richtete. Zudem waren die außereuropäischen Objekte in der Regel weniger dauerhaft als die europäischen, denn sie führten größtenteils nach der Auflösung der Wunderkammern im 18. Jahrhundert ein Schattendasein als Anhängsel anderer Sammlungsbereiche und gingen dort oft verloren oder wurden ausgemustert. Es erweist sich daher in meiner Arbeit als äußerst schwierig, die Darstellung Afrikas in Wunderkammern auf einen Punkt zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition der Wunderkammern
2.1 Entstehungsgeschichte
2.2 Exotika
2.3 Africana
3. Der europäische Blick auf Afrika in Wunderkammern
3.1 Der „Mohr“ am europäischen Hof
3.2 Der Schwarze in der Kunst in Wunderkammern
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rolle der Wunderkammern in der Frühen Neuzeit als Instrumente der Weltaneignung, mit einem besonderen Fokus auf afrikanische Exponate und deren Bedeutung für das europäische Fremdbild.
- Definition und Entwicklung von Wunderkammern im europäischen Kontext.
- Analyse des Umgangs mit Exotika und Africana in frühneuzeitlichen Sammlungen.
- Interpretation von afrikanischen Pagen in der höfischen Kunst und Porträtmalerei.
- Die Funktion von Sammlungsobjekten als Statussymbole und Projektionsflächen.
- Kritische Reflexion der Eurozentrik und kolonialer Legitimationsstrategien.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der „Mohr“ am europäischen Hof
Nicht nur außereuropäische Objekte, sondern auch Menschen waren an den europäischen Höfen beliebt. Im 16. Und 17. Jahrhundert waren die sogenannten „Mohren“ aus Afrika als Hofbedienstete weit verbreitet. Oft dienten sie auch in der Armee als Pauker oder Trompeter und auch Gelehrte sind überliefert. Sie erfüllten einerseits das Bedürfnis nach dem Seltenen und Außergewöhnlichen, andererseits belegten sie die weitreichenden Handelsbeziehungen der Fürsten. Sie kamen nicht direkt aus Afrika, sondern mit Fernhändlern aus osmanischen Provinzen oder sie wurden als „Geschenke“ orientalischer Fürsten von ihren Reisen mitgebracht. Die Bezeichnung „Mohr“ war damals durchaus positiv gemeint. Der Mohr repräsentierte die märchenhaft-geheimnisvolle und als beneidenswert empfundene orientalische Welt. Es galt sozusagen für Adelige als schick, sich einen Hofmohren zuzulegen. Er wurde an den Höfen durchaus hochgeschätzt, mit Respekt behandelt, war den anderen Bediensteten gleichgestellt und durfte heiraten. Bis zu seiner Volljährigkeit konnte er wie weiße Leibeigene verschenkt werden. Danach war er jedoch ein Freier, erhielt eine festgelegte Besoldung, konnte kündigen und stand unter Rechtsschutz. Voraussetzung für die Anstellung der Afrikaner an den Höfen war allerdings ihre Taufe. Ob durch die am Hof tätigen Mohren auch Informationen über Afrika an die Höfe gelangten, ist nicht belegt. Es ist aber sicher davon auszugehen, dass sie aus ihrer Heimat berichteten und danach gefragt wurden. Allerdings muss man dabei bedenken, dass die Afrikaner oft bereits im Kindesalter versklavt, freigekauft und nach Europa verschifft wurden, sodass ihre Erinnerung getrübt war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Wunderkammern als frühneuzeitliches Phänomen vor und verdeutlicht das Forschungsinteresse an afrikanischen Exponaten sowie deren Rolle bei der Konstruktion eines europäischen Afrika-Bildes.
2. Definition der Wunderkammern: Das Kapitel definiert Wunderkammern als abgeschlossene Sammlungsräume und skizziert deren Entstehungsgeschichte, Klassifizierung der Objekte sowie die Funktion der Exotika und Africana innerhalb dieser Sammlungsstrukturen.
3. Der europäische Blick auf Afrika in Wunderkammern: Hier wird untersucht, wie die Präsenz afrikanischer Menschen an europäischen Höfen und deren Darstellung in der Kunst als Ausdruck eines exotisierenden und hierarchisierenden Weltbildes zu verstehen sind.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass afrikanische Objekte und Menschen primär als entindividualisierte Stereotype genutzt wurden, um den Status und den Wissensanspruch der europäischen Oberschicht zu unterstreichen.
Schlüsselwörter
Wunderkammern, Frühe Neuzeit, Africana, Exotika, Europa, Afrika, Hofkultur, Identitätskonstruktion, Sammlungsgeschichte, Kunstgeschichte, Kolonialismus, Eurozentrik, Repräsentation, Curiositas, Porträtmalerei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Bedeutung von Wunderkammern in der Frühen Neuzeit, insbesondere unter dem Aspekt, wie das europäische Bild von Afrika durch dort ausgestellte Objekte und an Höfen präsente afrikanische Personen geformt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden in den Kapiteln behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition und Entwicklung der Wunderkammer, der Rolle von Exotika und Africana in Sammlungen sowie der Repräsentation von schwarzen Menschen in der höfischen Kunst und Gesellschaft des 16. und 17. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, wie Europäer ihre Sicht auf Afrika durch die Auswahl bestimmter Exponate und durch die Integration von afrikanischen Personen an Höfen aktiv konstruierten, anstatt eine authentische Darstellung der fremden Kultur anzustreben.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt hier zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Inventarlisten, zeitgenössischen Reiseberichten sowie eine kunsthistorische Interpretation ausgewählter Gemälde und Plastiken, um das damalige Fremdenbild zu rekonstruieren.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Sammelleidenschaft, die Einteilung in Kategorien wie Naturalia und Exotika, sowie konkret die Stellung der "Mohren" am Hof und deren Darstellung als künstlerisches Motiv.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind neben den Wunderkammern vor allem die Kategorien der Exotika und Africana, der Begriff des Mohren als gesellschaftliches und ästhetisches Konstrukt sowie die Begriffe der Repräsentation und Eurozentrik.
Was genau bedeutet der Begriff "Africana" im Kontext dieser Studie?
Africana bezeichnet in den Wunderkammern jene Exponate, die von der westafrikanischen Küste oder aus Nordafrika stammten, wie etwa Elfenbeinarbeiten oder Gewebe, wobei ihre Auswahl meist dem subjektiven Geschmack der fürstlichen Sammler folgte.
Warum wird die "Negervenus" von Alessandro Vittoria in der Arbeit thematisiert?
Diese Bronzefigur dient als Fallbeispiel für die künstlerische Darstellung des Fremden, da sie zeigt, wie man durch die Einbindung von "exotischen" Merkmalen in klassische antike Themen den Zeitgeschmack und den Wunsch nach Kuriositäten befriedigte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2013, Die Wunderkammern in der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489449