Das Konzept der kinderreichen Familie. Chancen und Risiken für die deutsche Gesellschaft


Hausarbeit, 2011
25 Seiten, Note: 1,3
Kilian Norden (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Konzept der kinderreichen Familie in Deutschland
2.1 Besonderheiten kinderreicher Familien
2.2 Familienleben
2.3 Finanzierung

3. Soziobiologischer Kontext
3.1 Reproduktionsaufnahme
3.2 Quantität/Qualität Abgleich

4. Denkbare Auswirkungen auf den Wohlfahrtsstaat

5. Möglichkeiten der Pädagogik

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einiger Zeit wird in Deutschland leidenschaftlich über die niedrige Geburtenrate diskutiert - häufig im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Finanzierung der Sozialsysteme oder dem Fachkräftemangel. Die steigende Kinderlosigkeit der Deutschen wird hierbei gemeinhin für dieses schon seit vielen Jahrzehnten anhaltende Phänomen verantwortlich gemacht. Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre haben jedoch ergeben, dass bei dieser Entwicklung die zurückgehende Anzahl der kinderreichen Familien in Deutschland eine wesentliche Rolle spielt (vgl. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im Editorial zu BMFSFJ 2007, S. 2).

Der Gedanke, dass eine steigende Anzahl kinderreicher Familien eine positive Entwicklung für die Demografie und den Wohlfahrtsstaat wäre, liegt demnach auf der Hand. Dem gegenüber stehen jedoch latente oder auch offene Vorurteile, welche weitverbreitet sind und von Teilen der Medien regelmäßig befeuert werden. In diesen Vorurteilen werden verschiedenste abwertende Begriffe wie bspw. “Asoziale“ oder auch “Schmarotzer“ gesammelt. Wer diesem Schubladendenken erliegt, wird wahrscheinlich in einer höheren Anzahl kinderreicher Familien keine Chance für die deutsche Gesellschaft sehen, was aus demografischer Sicht bedenklich wäre.

In dieser Arbeit sollen, mit objektiven Anspruch, die Chancen und Risiken des Konzeptes der kinderreichen Familie für die Gesellschaft behandelt werden, hierfür wird zu Beginn das gelebte Konzept der kinderreichen Familie vorgestellt, dabei wird auch auf Besonderheiten sowie die Finanzierung und “typische“ Konstellationen kinderreicher Familien eingegangen. Auf Basis dessen wird im darauffolgenden Abschnitt das Konzept der kinderreichen Familie aus soziobiologischer Sicht beleuchtet - soll heißen, dass die evolutionären Grundlagen für das heutige Verhalten zur Gründung einer kinderreichen Familie erörtert werden. Im vierten Abschnitt wird auf die denkbaren Auswirkungen für den deutschen Wohlfahrtsstaat eingegangen, bevor im fünften Abschnitt die Möglichkeiten der Pädagogik mit dem Konzept der kinderreichen Familie umzugehen, dargelegt werden. Schlussendlich wird in einem Resümee die Forschungsfrage dieser Arbeit erörtert: Überwiegen für die deutsche Gesellschaft und insbesondere den Wohlfahrtsstaat die Chancen oder die Risiken welche aus dem Konzept der kinderreichen Familie erwachsen?

2. Das Konzept der kinderreichen Familie in Deutschland

Gemäß dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gilt eine Familie in Deutschland ab einer Anzahl von drei Kindern als kinderreich (vgl. BMFSFJ 2007, S. 3).

Insgesamt machen diese kinderreichen Familien einen Anteil von 12% aller Familien in Deutschland aus. Dies sind in absoluten Zahlen ausgedrückt rund 1,5 Millionen Familien mit mehr als zwei im Haushalt lebenden Kindern. Hierbei bestehen innerhalb der Republik starke regionale Unterschiede, bspw. liegt der Anteil kindereicher Familien in den Neuen Bundesländern deutlich niedriger als in den Alten Bundesländern (6% gegenüber 13%). Mittlerweile als unwesentlich einzustufen ist hingegen der Zusammenhang zwischen der Größe der Gemeinde und dem jeweiligen Anteil kinderreicher Familien (Gefälle zwischen ländlichen und städtischen Gegenden). Dieser Zusammenhang der in den 1970er Jahren noch stark ausgeprägt war, verlor bereits in den achtziger Jahren seine Intensität (vgl. BMFSFJ 2007, S. 3; vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 186).

Familiengröße und Familienstand

Kinderreiche Familien werden zu ca. 90% durch ein Elternpaar und zu ca. 10% durch ein alleinerziehendes Elternteil, meist eine alleinerziehende Mutter, begründet. Die kinderreichen Elternpaare leben wiederum mit großer Mehrheit in gemeinsamer Ehe. Insbesondere gilt dies für die Alten Bundesländer, dort sind 97% der kinderreichen Paare miteinander verheiratet. In den Neuen Bundesländern liegt der entsprechende Anteil bei 86% (vgl. BMFSFJ 2007, S. 3 – 4).

Der Wunsch nach Kinderreichtum

Der Wunsch der Deutschen nach Kindern ist im europäischen Vergleich gering ausgeprägt. Dieser Zustand war auch bereits in den 1950er Jahren festzustellen, damals lag er in Deutschland bei durchschnittlich 2,4 gewünschten Kindern pro Erwachsenen, in Frankreich bei 2,9 Kindern und in den Niederlanden bei 3,5 Kindern. Folgt man repräsentativen Umfragen in denen der derzeitige Kinderwunsch von Deutschen Erwachsenen bei 1,6 Kindern festgestellt wird, hat sich an dem Zustand, dass im europäischen Vergleich in Deutschland wenige Kinder gewünscht werden, nichts verändert. Kinderreiche Familien wünschen sich 20% der westdeutschen Männer, jedoch nur 10% ihrer ostdeutschen Pendants. Bei den Frauen ist der Unterschied deutlich geringer – 15% der ostdeutschen und 16% der westdeutschen Frauen wünschen sich mehr als 2 Kinder (vgl. BMFSFJ 2007, S. 4).

Abb. 1: Kinderwunsch von Frauen und Männern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(BIB 2005, S. 36; Darstellung aus BMFSFJ 2007, S. 4; Angaben in Prozent)

Gesellschaftliche Bedingungen und Wandel des Kinderwunsches

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war eine hohe Anzahl von Geburten die Regel. Viele Kinder überlebten allerdings aufgrund der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit die ersten Lebensjahre nicht. Letztendlich haben in den meisten Familien nicht mehr als zwei oder drei Kinder zur gleichen Zeit gelebt. Mit zunehmendem gesellschaftlichem Wohlstand veränderte sich auch der Nutzen bzw. Wert der Kinder für ihre Eltern. War es in der vorindustriellen Zeit noch vorteilhaft oder sogar notwendig gewesen viele Kinder zu haben, als Arbeitskraft und besonders Fürsorger im Alter, so änderte sich dies in der modernen Gesellschaft, da nun soziale Sicherungssysteme zum großen Teil diese Funktion übernahmen. Heute liegt die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern vor allem im emotionalen Bereich – Kinder füllen das Leben der Eltern mit Sinn und machen diese glücklich. Diese spürbare Steigerung der Lebensfreude ist jedoch bei den meisten Eltern bereits mit dem ersten oder zweiten Kind erreicht (vgl. BMFSFJ 2007, S. 5).

Realisierung von Kinderwünschen

Nicht alle Elternpaare mit dem Wunsch nach einer kinderreichen Familie, bringen auch drei oder mehr Kinder zur Welt. Wichtigster differenzierender Faktor, welcher beeinflusst ob die potenziellen Eltern auch zu Eltern werden, ist der Bildungsgrad. Umso höher der erreichte Bildungsabschluss der Eltern ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass der Wunsch nach einer kinderreichen Familie umgesetzt wird. Persönliche Motive aber vor allem Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie lange Ausbildungszeiten für Akademiker und eine problembehaftete Vereinbarkeit von Familie und Beruf hindern vor allem die Gruppe der hoch Gebildeten daran, ihr erstes Kind früh zu bekommen. Je später allerdings das erste Kind geboren wird, desto geringer ist in der Regel die Gesamtkinderzahl, in der Folge sinkt somit die Wahrscheinlichkeit für eine kinderreiche Familie (vgl. BMFSFJ 2007, S. 5).

2.1 Besonderheiten kinderreicher Familien

Bildung

Zwischen dem Kinderreichtum einer Familie und der Schulbildung der Eltern ist ein deutlicher Zusammenhang erkennbar. Der Anteil von Eltern ohne Schulabschluss ist in kinderreichen Familien wesentlich erhöht. Insgesamt betrachtet lässt sich ein Trend dahingehend ablesen, dass in kinderreichen Familien die Eltern einen unterdurchschnittlichen Bildungsstatus besitzen (vgl. BMFSFJ 2007, S. 5 - 6).

Abb. 2: Familien - Anzahl der Kinder und Bildungsabschlüsse der Eltern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 56; Eigene Darstellung)

Im Bereich der beruflichen Abschlüsse setzt sich dieser Trend fort. Eltern kinderreicher Familien haben überdurchschnittlich oft keinen beruflichen Abschluss. Insgesamt lässt sich auch hier ein Trend dahingehend ablesen, dass in kinderreichen Familien die Eltern einen unterdurchschnittlichen beruflichen Bildungsabschluss besitzen (vgl. BMFSFJ 2007, S. 6).

Abb. 3: Familien - Anzahl der Kinder und berufliche Bildung der Eltern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 58; Eigene Darstellung)

Anzumerken ist hierbei jedoch, dass unter den kinderreichen Familien mit drei Kindern der Anteil von Eltern mit hoher Schulbildung ebenso wie auch bei den hohen beruflichen Abschlüssen leicht überdurchschnittlich ist.

Migrationshintergrund

Ausländische Frauen gebaren Mitte der 1970er Jahre fast doppelt so viele Kinder wie deutsche Frauen. Seitdem haben sich die ausländischen Frauen in ihrem generativen Verhalten dem Verhalten der einheimischen Frauen angepasst. In der Folge gebären ausländische Frauen heute deutlich später und weniger häufig als früher. Dadurch werden Familien später und seltener gegründet. Allerdings haben sich die Veränderungen, besonders die der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, im generativen Verhalten noch nicht vollständig in den Statistiken niedergeschlagen. Daher sind ausländische Familien statistisch auch gegenwärtig wesentlich häufiger kinderreich als deutsche Familien. Insgesamt sind in 89% der Familien die Eltern deutscher Staatsangehörigkeit und in den restlichen 11% nicht. Mit zunehmender Familiengröße steigt der Anteil ausländischer Eltern – bei drei Kindern 17%, bei vier Kindern 23% und 33% bei Familien mit fünf oder mehr Kindern. Zusammengefasst ergibt dies, dass 13% der deutschen Eltern und 21% der ausländischen Eltern drei oder mehr Kinder haben. Zu Berücksichtigen ist hierbei allerdings, dass Auseinanderfallen von Staatsangehörigkeit und Herkunft bzw. Migrationshintergrund. „So können eingebürgerte Personen oder deutschstämmige Aussiedler in der Analyse nicht mehr nach ihrer Herkunft unterschieden werden; sie werden statistisch als Deutsche erfasst.“ (Eggen/Rupp 2006, S. 51). Der Anteil von Familien nicht deutscher Herkunft dürfte deshalb insbesondere bei den kinderreichen Familien höher liegen als statistisch erfasst (vgl. BMFSFJ 2007, S. 6; vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 51).

Abb. 4: Familien - Anzahl der Kinder und Staatsangehörigkeit der Eltern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 52; Eigene Darstellung; Die Unterteilung in deutsche und nicht deutsche Familien wird gemäß dem Mikrozensus nach der Staatsangehörigkeit der Bezugsperson vorgenommen. Diese Person ist bei Ehepaaren grundsätzlich der Ehemann und bei Alleinerziehenden die Person selbst.)

Typisch kinderreich

Nach Eggen und Rupp gibt es in Deutschland drei typische Konstellationen kinderreicher Familien. Die Verteilung von Bildung und Einkommen prägt hierbei die beiden ersten Typen. Charakteristisch für den ersten Typus kinderreicher Familien sind ein niedriger Bildungsstand der Eltern sowie ungünstige ökonomische Verhältnisse. Einkommen und soziale Anerkennung werden mangels alternativer Möglichkeiten über die Elternrolle erzielt. Diesem Typus gegenüber steht der zweite Typus kinderreicher Familien. In diesem sind die Eltern gut gebildet und die Familie lebt in wirtschaftlich günstigen Verhältnissen. Der Wert der Kinder wird innerhalb dieses Typus als sehr hoch eingeschätzt. Der dritte Typus kinderreicher Familien wird durch ausländische Familien bzw. Familien mit Migrationshintergrund gebildet (vgl. BMFSFJ 2007, S. 6).

2.2 Familienleben

Partnerschaft

Die Situation innerhalb der Partnerschaft bei kinderreichen Familien kann als besonders günstig bezeichnet werden. Die entsprechenden Elternpaare bewerten bereits zu Beginn der Ehe ihre Partnerschaft überdurchschnittlich oft als erfüllend bzw. glücklich. Weiterhin sind fast 75% der verheirateten Paare in kinderreichen Familien davon überzeugt, dass ihre Ehe ein Leben lang hält, dies sind 25% mehr als bei Familien mit weniger Kindern (vgl. BMFSFJ 2007, S. 6).

Alltag und Freizeit

Bei der Alltagsbewältigung stehen kinderreiche Familien vor Herausforderungen, die sich von Familien mit weniger Kindern unterscheiden. Insbesondere die Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ändern sich für viele Familien ab dem dritten Kind ausnehmend. Mit dem traditionellen Arrangement – erwerbstätiger Vater, familienarbeitende Mutter – sind Frauen mit vielen Kindern zwar deutlich öfter zufrieden als in kleineren Familien. Gleichwohl gibt es kaum einen Unterschied zwischen den Müttern aus kinderreichen Familien und denen aus nicht kinderreichen bei dem Wunsch nach Erwerbstätigkeit. Eine besondere Rolle dürfte, neben dem Bedürfnis die eigenen Qualifikationen beruflich zu nutzen, der Bedarf nach einem stabilen Familieneinkommen spielen. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielen hierbei nicht nur organisatorische Motive oder mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder eine Rolle. Insbesondere Erwartungen seitens der Gesellschaft, bspw. durch das private Umfeld, die Kollegen am Arbeitsplatz oder durch die Arbeitsvermittlung, tragen vielfach zu einer kritischen Verbindung zwischen Familie und Beruf bei. Als Konsequenz verzichten dann überwiegend die Mütter auf eine berufliche Tätigkeit. Dennoch gibt es auch eine kleinere Gruppe kinderreicher Eltern, in der beide berufstätig sind und die Mütter relativ kurz nach der Geburt in ihren Beruf zurückkehren (vgl. BMFSFJ 2007, S. 6).

Insgesamt ist die Gestaltung von Alltag und Freizeit in Familien mit drei oder mehr Kindern familienzentrierter als bei kleineren Familien, bspw. unternehmen die Eltern seltener etwas außer Haus und die Mahlzeiten werden öfter gemeinsam und zuhause eingenommen. Weiterhin ist Freizeit für Eltern kinderreicher Familien in ihrer Wertigkeit weniger wichtig und sie sind eher bereit ihre Freizeit zugunsten ihrer Kinder einzuschränken. Insgesamt wird die Bewältigung des Alltags durch kinderreiche Familien deutlich zufriedener bewertet als bei kleineren Familien, dies gilt insbesondere für die zu erledigenden Haushaltstätigkeiten und die Kinderbetreuung (vgl. Eggen/Rupp 2006, S. 66 - 67; vgl. BMFSFJ 2007, S. 7).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der kinderreichen Familie. Chancen und Risiken für die deutsche Gesellschaft
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Lernen von den Genen? – Was ist Soziobiologie und: Können Sozialwissenschaftler von ihr profitieren?
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V489585
ISBN (eBook)
9783668976436
ISBN (Buch)
9783668976443
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziobiologie, Kinderreich, Geburtenrate
Arbeit zitieren
Kilian Norden (Autor), 2011, Das Konzept der kinderreichen Familie. Chancen und Risiken für die deutsche Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489585

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