Kommunikationsmodelle von Niklas Luhmann und Paul Watzlawick im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kommunikationstheorien
2.1 Systemtheoretischer Ansatz nach Niklas Luhmann
2.2 Konstruktivistischer Ansatz nach Paul Watzlawick
2.2.1 Das 1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren
2.2.2 Das 2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
2.2.3 Das 3. Axiom: Die Natur einer Beziehung ist durch Inter- punktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt
2.2.4 Das 4. Axiom: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten
2.2.5 Das 5. Axiom: Zwischenmenschliche Kommunikations- abläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär

3. Diskussion

4. Fazit

1. Einleitung

Die systemtheoretische Sichtweise menschlicher Beziehungen basiert auf der These, dass zwischenmenschliche Systeme - also Gruppen, Ehepaare, Familien, oder selbst internationale Beziehungen usw. - als Rückkoppelungskreise angesehen werden können, da in ihnen das Verhalten jedes einzelnen Individuums das jeder anderen Person bedingt und seinerseits von dem Verhalten aller anderen bedingt wird.

Im Regelfall geht es dabei um ein alltagssprachliches Verständnis von Kommunikation, das die - wie auch immer bewerkstelligte - Übertragung von Informationen meint. Kommunikation kann in sozialer Hinsicht nicht einfach als Transportvorgang zwischen Alter und Ego beschrieben werden. Wer sich für Kommunikation interessiert, beobachtet vielmehr die „Hervorbringung“ von Sinn zwischen den an Kommunikation Beteiligten. Das ist so, weil Alter und Ego füreinander undurchsichtig sind, so dass Ego nicht wissen kann, was Alter aus einer Mitteilung macht, was für ihn dabei einen Unterschied machen, also zur Information werden wird und wie er diese dann versteht, d.h. sie in seine eigenen Sinnhorizonte einbaut und sie mit den eigenen Erwartungen abgleicht. Erst wenn Alter geantwortet hat, wird der soziale Sinn einer Äußerung - sprachlich, körperlich, schriftlich oder per Email - für die Beteiligten greifbar. Was in Kommunikation also geschieht, ist für beide Seiten in einem hohen Maße kontingent und durch Absichten, Motive usw. nur sehr bedingt zu steuern.

Trotzdem gibt es soziale Ordnung. Es gibt Strukturen, Handlungszusammenhänge, Institutionen, in denen Ego mit relativer Sicherheit wissen kann, wie Alter eine Information verstehen und wie er auf sie antworten wird - wie Alter dann auch weiß, was Ego von ihm erwartet. Gesellschaft kann an dieser Stelle allerdings nicht auf gute Absichten, d.h. auf das Bewusstsein der Beteiligten gebaut werden. Es wäre heillos überfordert mit dieser Aufgabe. Diese Strukturierungs- und Ordnungsleistung muss vielmehr in Kommunikation selbst erbracht werden. Das geschieht durch sprachliche Codierungen, durch Symbole, in denen Situationsdeutungen mit Erwartungen eindeutig verknüpft werden, durch Rituale und performative Gestaltung von Kommunikation. Soziale Ordnung entsteht durch die Formung von Kommunikation. Erst wenn solche Techniken der Formung von Kommunikation verfügbar sind, ist Wiederholbarkeit gesichert, werden Erwartungen erwartbar und man ist dann nicht mehr mit der Stabilisierung von Kommunikation beschäftigt, sondern kann sich anderen Dingen widmen. Gesellschaft kann komplexer werden.

Im Folgenden möchte ich die Kommunikationskonzepte des Systemtheoretikers Niklas Luhmann und des Kommunikationsforschers Paul Watzlawick vorstellen, um dann überprüfen zu können, in wie weit sie sich ausschließen oder ergänzen können. Beide, Luhmann und Watzlawick, entwickeln ihre Theorien aus der Warte des radikalen Konstruktivismus heraus, welcher eine interdisziplinäre Forschungsrichtung darstellt, die sich aus der Biologie, Psychologie, Philosophie, Mathematik, Kybernetik und Soziologie speist, aber auch empirische Anwendung in der Managementwissenschaft, Psychiatrie oder Literaturwissenschaft findet. „Grundlegend geht der radikale Konstruktivismus davon aus, dass all unser Wissen über die Welt durch unser Gehirn aus Sinneswahrnehmungen konstruiert und daß eine objektive Erkenntnis nicht möglich ist, sondern höchstens Intersubjektivität erreicht werden kann. Danach ist der Mensch auf die Daten, die ihm seine Sinnesorgane liefern, beschränkt, und jede Erkenntnis ist eine Konstruktion aus diesen Daten.“1

2. Kommunikationstheorien

2.1 Systemtheoretischer Ansatz nach Niklas Luhmann

Laut Niklas Luhmann besteht Kommunikation aus einer Synthese dreier Selektionen, also als eine Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen. Die Kommunikation ist dann realisiert, wenn das Verstehen zustande kommt. Alle drei Selektionen sind für Kommunikation konstituierend, ebenso die Wahrung der Differenz zwischen Information und Mitteilung. „Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das Verstehen zustande kommt. Alles weitere geschieht ‚außerhalb’ der Einheit einer elementaren Kommunikation und setzt sie voraus. Das gilt besonders für eine vierte Art von Selektion, für die Annahme bzw. Ablehnung der mitgeteilten Sinnreduktion. Man muß beim Adressaten der Kommunikation das Verstehen ihres Selektionssinnes unterscheiden vom Annehmen bzw. Ablehnen der Selektion als Prämisse eigenen Verhaltens. Diese Unterscheidung ist theoretisch von erheblicher Bedeutung.“2

Ob dann das, was verstanden oder missverstanden wurde, auch angenommen oder abgelehnt wird, gehört nicht mehr zur Einheit von Kommunikation. Wesentlich ist dabei auch, dass sich bei einer Kommunikation das Verständnis des Adressaten ändert. „Wenn wir sagen, daß Kommunikation eine Zustandsänderung des Adressaten bezweckt und bewirkt, so ist damit nur das Verstehen ihres Sinnes gemeint. Das Verstehen ist jene dritte Selektion, die den Kommunikationsakt abschließt. Man liest: Tabak, Alkohol, Butter, Gefrierfleisch usw. gefährde die Gesundheit, und man ist (als jemand, der das hätte wissen und beachten können) ein anderer - ob man’s glaubt oder nicht! Man kann es jetzt nicht mehr ignorieren, sondern nur noch glauben oder nicht glauben.“3

Kommunikation bedeutet indes bei Luhmann immer, dass es immer ein selektives Geschehen eines selbstreferentiellen Systems ist und dass es keine andere Wahl als das Wählen zulässt. Kommunikation und Handlung werden also eins. Sie lassen sich nicht trennen, sondern lediglich unterscheiden. Kommunikation ist ein völlig selbstständiger, autonomer, operativ geschlossener Vorgang, welcher den Prozess der Selektion beinhaltet. Kommunikation wird durch sprachgesteuerte Handlungsprogramme, also durch so genannte Themen gesteuert.

Am Kommunikationsprozess nehmen nach Luhmann die elementaren Einheiten Alter (= Mitteilender) und Ego (= Adressat) teil. Ego und Alter sind weder psychische noch soziale Systeme und ebenfalls keine Personen. Sie dienen vielmehr nur als abstrakte Vergleichspunkte für die Analyse interaktiver Situationen. Dabei kommt es darauf an, anschlussfähig an die eine Seite (Ego) oder die andere Seite (Alter) anzuknüpfen, um z.B. das Problem der doppelten Kontingenz bzw. der Möglichkeit sozialer Ordnung reflektieren zu können. Doppelte Kontingenz setzt einerseits psychische Systeme je eigener Selektivität ihres Erlebens und ihres Handelns, und andererseits die selbstreferentielle Beteiligung der psychischen Systeme an der Konstitution eines von ihnen unterschiedenen sozialen Systems voraus. Unter doppelter Kontingenz ist grundlegende und auf Dauer gestellte wechselseitige Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Beziehungen zwischen Sinnsystemen zu verstehen.4 Die Information, die gesendet werden soll, wird aus einem Pool von Möglichkeiten ausgewählt, wobei selektiert wird, nachdem was schon gewusst und was benötigt wird, um weiter zu kommen, sozusagen zum Lernen. Das menschliche Nervensystem arbeitet in einer strukturellen Kopplung innerhalb des Lebewesens und in den strukturellen Kopplungen des Milieus. Der funktionierende Organismus selektiert diejenigen Strukturveränderungen, die ihm weiteres Operieren, sozusagen zum Überleben, verhelfen. Dies bezeichnet Humberto R. Maturana als das Lernen5. Nach dieser Selektion erfolgt die Wahl des Mitteilungsverhaltens, entweder aktives Tun oder das Unterlassen6. Es wird gezielt ausgewählt, welches Verhalten am ehesten die Zielvorstellung erreicht. Kommunikation erfolgt nur dann, wenn die Differenz zwischen Information und Mitteilung, also die Unterscheidung von Mitteilung und Information im Akt des Verstehens, beobachtet, zugemutet, verstanden und mit der Wahl eines Anschlussverhaltens endet bzw. weitergeführt wird. Auch Verstehen ist kein Bewusstseinsereignis, sondern eine Komponente des Kommunikationsgeschehens. Ob die vorhergegangene Kommunikation wie auch immer verstanden wurde, wird allein dadurch signalisiert, dass eine Anschlusskommunikation stattfindet. Beispielsweise stellt sich der Adressat die Frage, ob eine Information für ihn als Empfänger bestimmt ist oder ob ihm die Botschaft eine neue Erkenntnis bringt. Diese Fragestellung findet in der Regel völlig unbewusst statt. Ein Kommunikationsprozess gilt nach Luhmann dann als abgeschlossen, wenn eine Handlung hervorgerufen wird. Diese Handlung kann dann eben eine Annahme oder eine Ablehnung sein.

Voraussetzung für Kommunikation ist die Codierung. Die Information erhält für ihre Mitteilung eine geeignete Zweitform, z.B. Sprachlich- oder Schriftlichkeit, es findet eine operative Vereinheitlichung von Information und Mitteilung statt. Nicht codierte Informationen werden als Störungen empfunden. Die Codierung bewirkt eine Ausdifferenzierung von Kommunikationsprozessen.

Aber dennoch ist Kommunikation nach Luhmann „extrem unwahrscheinlich“7. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand etwas versteht, was ein anderer meint, wenn angenommen wird, dass Sinn nur kontextgebunden verstanden werden kann und als Kontext nur das besteht, was das eigene Gehirn als Gedächtnis bereitstellt. Auch Missverstehen ist möglich, es verstärkt die Unwahrscheinlichkeit, dass Kommunikation weitergeführt wird. Es ist auch unwahrscheinlich, dass eine Kommunikation mehr Menschen erreicht, als im Moment des Kommunikationsprozesses anwesend sind. Die Unwahrscheinlichkeit wächst, wenn Kommunikation unverändert weitergegeben werden soll. Ferner ist es unwahrscheinlich, dass Kommunikation angenommen wird, selbst wenn sie verstanden wurde. Erfolg bedeutet hier die Übernahme der Information als Prämisse eigenen Verhaltens durch den Empfänger. Kommunikation wird unterlassen, wenn sie aussichtslos erscheint, entsprechend gibt es auch keine sozialen Systeme, eben aus dem Grund weil sie aus Kommunikation bestehen. Die Überwindung von Unwahrscheinlichkeit, also ihre Transformierung in Wahrscheinlichkeit, reguliert den Aufbau sozialer Systeme. Somit stellt ein System also die ins Wahrscheinliche umgeformte Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation dar.

Diese Transformierung von Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit wird durch Medien erreicht. Nach Luhmann sind sie Funktionsträger der Informationsübertragung und somit „erwartungsleitende Wahrscheinlichkeiten“8.

Sprache ermöglicht das Verstehen weit über das Wahrnehmbare hinaus und benutzt akustische und optische Zeichen, namentlich symbolische Generalisierungen für Sinn. Ferner erlauben Verbreitungsmedien wie Schrift, Rundfunk oder Druck eine Ausdehnung der Reichweite von Kommunikation, erhöhen aber auch gleichzeitig die Unwahrscheinlichkeit ihres Erfolges. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind allgemein verständliche Zeichensysteme, auch Semantiken, deren Funktion es ist, reduzierte Komplexität übertragbar zu machen und für Anschlussselektivität zu sorgen.

[...]


1 Berger, Peter L., Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Seite 123, Frankfurt a.M.: Fischer, 1980

2 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Seite 203, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987

3 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Seiten 203/204, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987

4 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Seite 217, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987

5 Vgl. Maturana, Humberto R. und Varela, Francisco J.: Baum der Erkenntnis - Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens Seite 150, München: 1987

6 Vgl. Watzlawick, Paul / Beavin, Janet H. / Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Seite 51; 10., unveränderte Auflage Palo Alto, Kalifornien: Verlag Hans Huber, 1969

7 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Seite 193, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987

8 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Seite 195, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kommunikationsmodelle von Niklas Luhmann und Paul Watzlawick im Vergleich
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Konzepte der Interaktion
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V48959
ISBN (eBook)
9783638455213
ISBN (Buch)
9783656074908
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die systemtheoretische Sichtweise menschlicher Beziehungen basiert auf der These, dass zwischenmenschliche Systeme - also Gruppen, Ehepaare, Familien, oder selbst internationale Beziehungen usw. - als Rückkoppelungskreise angesehen werden können, da in ihnen das Verhalten jedes einzelnen Individuums das jeder anderen Person bedingt und seinerseits von dem Verhalten aller anderen bedingt wird.
Schlagworte
Kommunikationsmodelle, Niklas, Luhmann, Paul, Watzlawick, Vergleich, Konzepte, Interaktion
Arbeit zitieren
Florian Link (Autor), 2005, Kommunikationsmodelle von Niklas Luhmann und Paul Watzlawick im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48959

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