Der Einfluss von Medienkonsum auf individuelle Europäische Identität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstrakt

1. Die Rolle von Medien für europäische Identität - Einleitung

2. Literaturüberblick - europäische Identität und Medienkonsum

3. Wie Medienkonsum die Ausbildung von europäischer Identität beeinflusst - Theorie und Hypothesen

4. Empirische Analyse des Zusammenhangs zwischen Medienkonsum und europäischer Identität
4.1 Daten
4.2 Operationalisierung
4.3 Auswertung der Statistischen Analyse

5. Inwieweit beeinflusst Medienkonsum die Ausprägung von individueller europäischer Identität? - Diskussion und Konklusion

Referenzen

Abstrakt

In dieser Forschungsarbeit wird der Zusammenhang zwischen Medienkonsum und europäischer Identität betrachtet. Es wird vermutet, dass häufiger Medienkonsum das politische Wissen des Bürgers steigert, wodurch eine individuelle Identifikation mit Europa wahrscheinlicher wird. Diese erwartete Beziehung wird durch den „European Election Studies“ Datensatz aus dem Jahr 2014 gemessen. Die Analyseergebnisse der OLS-Regression bestätigen die Hypothesen, dass regelmäßiger Medienkonsum europäische Identität verstärkt und dabei Länderunterschiede auftreten.

1. Die Rolle von Medien für europäische Identität - Einleitung

Die Vorzüge einer gemeinsamen europäischen Identität erkannte die Europäische Kommission bereits in den 1980ern und führte Politikprogramme ein, die das Identifizieren mit Europa stärken sollten (Bergbauer 2018). Ebenso stellt das Entstehen einer gemeinsamen europäischen Identität ein viel untersuchtes Phänomen in der Politikwissenschaft dar (Kaina et al. 2016). Debatten über eine europäische Gemeinschaft betonen die zentrale Rolle von Nachrichtenmedien (Kanter 2004). Bürger nutzen Medien als primäre Quelle, um Neuigkeiten über politische Geschehnisse in Europa und Wissen über die Europäische Union und deren Politiken zu erhalten (Boomgaarden et al. 2010). Nachrichten über die EU haben das Potential, Bürger über europäische Angelegenheiten zu informieren und sie in diese zu involvieren (Boomgaarden et al. 2010). Vor diesem Hintergrund ist es daher wichtig, den Effekt von Medien auf die Ausbildung einer europäischen Identität genauer zu untersuchen und damit eine theoretische sowie empirische Forschungslücke zu füllen (Bergbauer 2018). Deshalb lautet die Forschungsfrage dieser Arbeit: „ Inwieweit beeinflusst Medienkonsum die Ausprägung von individueller europäischer Identität?

Diese Forschungsfrage ist auch deswegen von besonderer Relevanz, da durch ihre Beantwortung Politikempfehlungen bestimmt werden können, die die Bildung europäischer Identität unterstützen könnten. Denn eine gefestigte europäische Identität könnte durch eine verbesserte Legitimation, Verantwortlichkeit und Repräsentation demokratische Defizite in der Europäischen Union vermindern (Gattermann & Vasilopoulou 2014).

Diese Studie ist wie folgt strukturiert: Zunächst gebe ich einen Überblick über die literarischen Werke, die die essentiellsten Grundannahmen für mein Forschungsvorhaben repräsentieren. Darauf basierend entwickle ich meine Theorie, aus der drei Hypothesen formuliert werden. Im Anschluss teste ich diese auf Grundlage des „European Election Studies“ Datensatzes aus dem Jahr 2014 mit Hilfe einer OLS-Regression querschnittlich für alle 28 EU-Mitgliedsstaaten. Zuletzt folgt die Konklusion auf die Forschungsfrage und die Diskussion der Ergebnisse.

2. Literaturüberblick - europäische Identität und Medienkonsum

Der folgende Literaturüberblick vereint die wichtigsten Werke bezüglich europäischer Identität mit der Wirkung von Medien.

Angefangen mit Bakkes (1995) generellen Auffassung ist zu sagen, dass Identitäten einerseits subjektiv sind und lediglich in unserem Denken existieren und ausmachen. Dazu definieren sie, wer wir sind und zu wem wir gehören. Andererseits basieren Identitäten auf objektiven Mitgliedschaftskriterien, die unabhängig von subjektiven Bindungen bestimmen, zu welcher Gruppe das Individuum gehört. Diese beiden Eigenschaften befähigen Gruppenmitglieder dazu, auszumachen, wer zur Gemeinschaft zählt und wer nicht.

Ein weiterer allgemeiner Zugang zu sozialer Identität wurde von Tajfel und Turner 1979 innerhalb der „Social Identity Theory“ und der „Social-Categorization Theory“ formuliert. Diese bestimmen, dass soziale Identität auf der individuellen Ansicht beruht, Teil einer größeren Gruppe oder sozialem Kollektiv zu sein. Soziale Identität ist definiert durch “that part of an individual’s self-concept which derives from his knowledge of his membership of a social group (or groups) together with the value and emotional significance attached to that membership” (Tajfel & Turner 1979). Diese affektiven, kognitiven und evaluativen Komponenten werden später für die Definition von europäischer Identität aufgenommen.

Im untersuchten Forschungsfeld wird sich oftmals auf das gleichzeitige Verfügen von nationaler und europäischer Identität bezogen. Dazu erscheint der bisherige Forschungsstand gespalten. Bezüglich nationaler Identitäten wird erwartet, dass sie Produkt eines langen historischen Prozesses sind, die die nationale Gemeinschaft innerhalb von gemeinsamen Werten und Traditionen abgespeichert hat (Bergbauer 2018). Aufgrund dessen argumentieren manche Autoren dafür, dass die Identifikation mit Europa nicht auf dieselbe Weise entstehen kann, da enge kulturelle Verbindungen sowie eine Kommunikationsgemeinschaft fehlen (Kielmansegg 2003). Dazu werden nationale Identitäten meist früh in der Kindheit innerhalb der Sozialisation erworben und sind daher tief verwurzelt (Herrmann & Brewer 2004). Dagegen argumentiert Pichler (2008), dass gleiche Ansichten über soziale und politische Werte sowie ähnliche politische Erfahrungen innerhalb eines Systems dazu führen können, dass Bürger sich mit Europa identifizieren. Somit können nach ihm eine geteilte Kultur und eine geteilte politische Praxis die Basis für eine europäische Identität bilden.

Weiter sieht Turner (1987) es als möglich, dass multiple Identifikationen koexistieren können, da sie in einer hierarchischen Rangordnung zueinanderstehen. Welche Selbstkategorisierung am höchsten steht, hängt dabei von den Charakteristiken der Person und Situation ab. Diese Anordnung kann außerdem über Zeit und soziale Kontexte hinweg variieren. In einer gewissen Situation wird nur auf eine soziale Identität zurückgegriffen, und zwar die, die in dem Moment am salientesten ist (Turner 1987). Da angenommen wird, dass nationale und europäische Identität zu unterschiedlichen Situationen salient sind, sollte das Individuum keine größeren Schwierigkeiten haben, beide Identitäten zu besitzen. Dass nationale und europäische Identitäten simultan bestehen können, wird von Kaina und Kollegen (2016) ebenfalls unterstützt. Karolewski (2006) geht sogar einen Schritt weiter, indem er annimmt, dass europäische Identität nicht gegensätzlich zu nationaler Identität steht, sondern dass sie sich gegenseitig komplementieren. Aufgrund dessen nehme ich für die vorliegende Forschungsarbeit an, dass europäische Identität neben der nationalen Identifikation koexistieren kann und sie sich gegenseitig nicht ausschließen.

Hinsichtlich des empirischen Forschungsstandes über die Ausprägung von europäischer Identität sind geteilte Beobachtungen festzumachen. Einerseits wird festgestellt, dass Bürger sich mit Europa verbunden fühlen und sich selbst als europäische Bürger wahrnehmen (Fuchs & Schneider 2011). Andererseits wird erkannt, dass der Personenanteil, der sich mit Europa identifiziert, über die Zeit kaum verändert hat und dass die Intensität der europäischen Identifikation hinter der Stärke der nationalen Identifikation liegt (Bergbauer 2018). Manche Wissenschaftler stellen empirisch fest, dass europäische Identitäten vermehrt geformt werden (z.B. Bruter 2005), andere stehen skeptischer zu dieser Europäisierung von Identitäten und bemerken, dass kulturelle Unterschiede zu groß sind und nicht überkommen werden können (z.B. Kraus 2008). Die stärksten territorialen Identifikationen sind national (Hooghe & Marks 2004).

Viele Studien untersuchen, wie Bürger eine europäische Identität ausbilden. Eine Wichtige davon stammt von Bergbauer (2018), welche zwei Arten definiert, auf denen Bürger sich mit Europa identifizieren können. Bei diesen handelt es sich um den informationsbasierten und den erfahrungsbasierten Weg. Beginnend mit Ersterem ist zu sagen, dass europäische Identifikation ihre Wurzeln in der Aussetzung („exposure“) zu europäischen Informationen hat. Solche Informationen über die Europäische Gemeinschaft, deren gemeinsamen Normen und Werten und Europa generell, stammen entweder von politischen Eliten, den Massenmedien oder persönlichen Kommunikationspartnern. Währenddessen bezieht sich der erfahrungsbasierte Weg auf direkte Begegnungen mit der EU und persönlicher Erfahrung mit europäischer Integration. Aufgrund der Fragestellung dieser Forschungsarbeit wird lediglich die erste informationsbasierte Dimension für meine theoretischen Annahmen adaptiert. Hier wird speziell der Informationsfluss durch Medien betrachten, persönliche Kommunikation wird zunächst nicht berücksichtigt, wird aber später als Kontrollvariable miteinbezogen.

Forschungsarbeiten, die sich mit Medien in Europa beschäftigen, handeln von einer Reihe von Themen: Sichtbarkeit von EU-Nachrichten, Grad der Europäisierung der Nachrichten, dem Nachrichtenton oder deren „Framing“ (Boomgaarden et al. 2010). Die vorliegende Arbeit befasst sich allerdings mit der Wirkung von Medien mit europäischem Nachrichtengehalt auf die Zusammensetzung von individueller europäischer Identität. Dadurch wird ein neues Forschungsfeld eröffnet und damit begonnen, eine vorhandene Lücke zu schließen.

Bezüglich der Medienberichterstattung zeigen Boomgaarden und Kollegen (2010), dass die Sichtbarkeit von Nachrichten, die die Europäische Union thematisieren, von einem geringen Level startend über die Jahre gestiegen ist. Im Jahr 2005 erreichte die EU- Nachrichtensichtbarkeit ihren Höhepunkt, fiel in den darauffolgenden Jahren jedoch etwas ab. Die Sichtbarkeit der EU-Nachrichten erhöht sich dann, wenn bestimmte EU-politische Schlüsselereignisse, wie EU-Parlamentswahlen, Wahlkämpfe, Referenden, Gipfeltreffen oder Sitzungen, passieren. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit vorhergehender Studien (z.B. Peter & de Vreese 2004).

Weiter bestimmt Bakke (1995), dass eine europäische Gemeinschaft ein Mediennetzwerk braucht, das Sprachbarrieren überwindet und als Kommunikationsnetzwerk, das Europa als Gemeinschaft verfestigt, dient. Da kein einheitliches Mediensystem in der Europäischen Union existiert, sind nationale Medien dafür verantwortlich, die Verbindung zwischen supranationalen Eliten und Individuen herzustellen (Gattermann & Vasilopoulou 2014). Jedoch behandeln nationale Medien europäische Angelegenheiten meist im nationalen Kontext des Mitgliedslandes (Sükösd 2011). Daher vermutet Sükösd, dass Unterschiede in der Berichterstattung über europäische Ereignisse zu finden sind.

Bezüglich der Berichterstattung kreiert Tuchman (1972) die „mirror“-Theorie, die besagt dass Journalisten unparteiisch handeln und die Realität möglichst nahe abbilden, um eine informierte politische Partizipation zu ermöglichen. Auch für meine Forschungsarbeit soll diese Annahme zutreffen, sodass Nachrichten als akkurate und neutrale Reflektion der Realität gelten (McQuail1992).

3. Wie Medienkonsum die Ausbildung von europäischer Identität beeinflusst - Theorie und Hypothesen

Bevor mit der Ausarbeitung der Theorie fortgefahren wird, ist es notwendig den Begriff europäische Identität als Forschungsgegenstand genauer zu definieren.

Hierzu verwende ich die Definition von Bergbauer (2018), welche auf der “Social Identity Theory” von Tajfel und Turner (1979) basiert: “individual identification with Europe is defined as citizens’ self-categorisation as European together with their evaluations of their membership in the European collective and their affective attachment to Europe and other Europeans”. Durch diese Definition wird deutlich, dass kognitive, affektive und evaluative Dimensionen dieses Konzept ausmachen. Dies bedeutet aber nicht, dass alle drei Dimensionen für ein Gruppenmitglied jederzeit gleich bedeutsam sein müssen. Der kognitive Aspekt umfasst neben einer „in-group/out-group“ Kategorisierung den Prozess der Selbstkategorisierung, der die zwei folgenden Dimensionen begünstigen kann. Die affektive Dimension entsteht daraus, dass Gruppenmitglieder eine emotionale Bindung zu ihrer Gruppe aufbauen, welche den Loyalitätssinn und Pflichtbewusstsein gegenüber der Gruppe begünstigt. Zuletzt bezieht sich die evaluative Dimension auf die positiven oder negativen Werte, die das Individuum aus einer Gruppenmitgliedschaft zieht. Diese Wertzuschreibungen entstehen durch den Vergleich mit anderen sozialen Gruppen.

Zudem gestaltet es sich als essentiell den Begriff „europäisch“ exakter zu umschreiben. Hierbei soll er sowohl die geographische Komponente als auch den institutionellen Aspekt der Europäische Union abdecken.

Außerdem kann zwischen europäischer Identifikation auf dem individuellen Level und auf dem kollektiven Level unterschieden werden. Für diese Forschungsarbeit ist lediglich die subjektive Identifikation mit Europa Untersuchungsgegenstand.

Zusätzlich wird in meiner Theorie angenommen, dass Bürger multiple Identifikationen ausbilden können und dass sich europäische und nationale Identifikation gegenseitig nicht behindern (Turner 1987). Im Unterschied zu nationaler Identifikation wird von europäischer Identifikation erwartet, dass der kognitive Aspekt stärker ausgeprägt ist und die emotionale sowie evaluative Komponenten schwächer (Bergbauer 2018).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Medienkonsum auf individuelle Europäische Identität
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
HS Die Politisierung der europäischen Integration
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V489710
ISBN (eBook)
9783668973930
ISBN (Buch)
9783668973947
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, medienkonsum, europäische, identität
Arbeit zitieren
Maren Weiß (Autor), 2019, Der Einfluss von Medienkonsum auf individuelle Europäische Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489710

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