Die nach Aristoteles primären Dramenelemente untersucht an Samuel Becketts Stück "La dernière bande"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

9 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Handlung
2.1. Die übergeordnete Handlung
2.2. Die untergeordnete Handlung

3. Der Charakter

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Handlung und Charakter machen ein Drama aus:

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, (…). Die Nachahmung von Handlung ist der Mythos. Ich verstehe hier unter Mythos die Zusammensetzung der Geschehnisse, unter Charakteren das, im Hinblick worauf wir den Handelnden eine bestimmte Beschaffenheit zuschreiben, unter Erkenntnisfähigkeit das, womit sie in ihren Reden etwas darlegen oder auch ein Urteil abgeben.“1

So schrieb es um 335 v. Chr. Aristoteles, dessen Worte noch bis ins 20. Jahrhundert großen Einfluss haben. Die Nachahmung von Handlung, also die Zusammensetzung der Geschehnisse in einer in sich geschlossenen Abfolge sowie die Handelnden, denen ein ganz bestimmter Charakter zugeschrieben wird, sind also die Dramenelemente, denen Aristoteles die größte Wichtigkeit zuschreibt.

Doch was ist im 20. Jahrhundert aus Aristoteles´ primären Dramenelementen Handlung und Charakter geworden?

Untersuchen möchte ich dieses anhand eines Theaterstückes von Samuel Beckett „La dernière bande“, das Anfang 1958 entstanden, zum „absurden Theater“ zählt.

Zunächst werde ich mich auf die Handlung des Stückes konzentrieren, sofern Becketts Stück eine solche besitzt, da für Aristoteles die Handlung das wichtigste Dramenelement überhaupt ist. Diese teile ich auf in eine übergeordnete und eine untergeordnete Handlung, wobei ich erst einmal davon ausgehe, dass es eine „gute und in sich geschlossene Handlung von bestimmter Größe“ gibt.

Unter ´übergeordneter Handlung´verstehe ich das, was sich unmittelbar vor Augen der Zuschauer auf der Bühne an jenem Abend abspielt. Die ´untergeordnete Handlung´ sind dann also die Rückblenden in Form von Tonbandaufnahmen.

2. Die Handlung

2.1. Die übergeordnete Handlung

Die übergeordnete Handlung ist sehr einfach: Auf der Bühne passiert wenig, um genauer zu sein, fast gar nichts, was wir mit „guter und in sich geschlossener Handlung von bestimmter Größe“ betiteln könnten.

Schon immer hat Krapp Tonbänder aufgenommen, die er sich häufig anhört:

„Viens juste d´écouter une vieille année, (…), mais ça doit nous ramener à dix ou douze ans en arrière (…).“2

Und auch jetzt bespricht Krapp wieder ein neues Band, es wird vermutlich das letzte Band sein, das er bespricht, wie man aus dem Titel „la dernière bande“ folgern kann.

Nun möchte ich die übergeordnete Handlung darstellen, um zu zeigen, dass diese weder in sich geschlossen ist, noch eine bestimmte Größe besitzt:

Krapp kämpft sinnlos mit einer Banane. Krapp ist unentschlossen bezüglich der Tonbandaufnahmen:

„(…) lève la tête, r-êvasse, se penche sur l´appareil, le branche et prend une posture d´écoute, c´est-â-dire le buste incliné en avant, les coudes sur la table, (…).“3

Dem Zuschauer und dem Leser erscheinen Krapps sich ständig wiederholendes Ein- und Ausschalten bzw. Spulen des Tonbandgerätes sinnlos.

Einerseits hasst er seine Aufnahmen:

„Krapp jure, débranche l´appareil, (...)“4

„Viens d´écouter ce pauvre petit crétin pour qui je me prenais il y a trente ans, (...)“5, andererseits muss er sich auch mögen, da er sie sonst nicht so voller Genuss hören würde:

„Krapp débranche l´appareil, ramène la bande un peu en arrière, approche l´oreille de l´appareil, le rebranche - “6

Dem Zuschauer stellt sich das ganze Stück über die Frage, warum Krapp so handelt, wie er handelt.

Eine geschlossene Handlung ist in diesem Stück nicht zu erkennen, da der Zuschauer nur einen so kurzen Teil aus Krapps Leben sieht, der nicht ausreicht, um das, was er hier tut, ohne weitere Erklärung zu verstehen.

Auch der Schluss des Stückes bleibt unklar:

„La bande continue à se dérouler en silence.“7

Die Handlung, oder besser die ´Nicht – Handlung´ ist nicht in sich geschlossen, da sie fast endlos so weiterlaufen könnte wie bisher, wenn da nicht die Vermutung wäre, dass dieses das letzte Tonband war, das von Krapp besprochen wurde.

Vielleicht wird er sich nun aber noch andere Bänder anhören, vielleicht hat sich Krapp als circa 70-jähriger Mann aber auch durch das nochmalige Hören seines Tagebuches auf den kommenden Tod vorbereitet, den er also am Ende des Stückes erwarten könnte.

Klar ist auf jeden Fall, dass es keinen konkreten Schluss gibt.

„Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. (…). Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, (…), während nach ihm nichts anderes mehr eintritt.“8

Becketts Stück ist demnach nichts Ganzes, da es kein Ende hat, es hält sich nicht an die von Aristoteles genannten Grundsätze.

2.2. Die untergeordnete Handlung

Nun möchte ich auf die Tonbandaufnahmen eingehen, die ich zuvor als ´untergeordnete Handlung´ bezeichnete, um dann zu Krapp selbst zu kommen, dem Handelnden dieses Stückes.

Diese Aufnahmen gehen etwa 30 Jahre zurück, und Krapp genießt es, sie immer und immer wieder zu hören, sie zu stoppen, zu spulen und an manchen Stellen wieder anzustellen.

Für den Leser bzw. den Hörer bleibt der genaue Inhalt der Aufnahmen unklar, d.h. die Handlung seiner Aufzeichnungen ist für den Außenstehenden nicht in sich geschlossen, da die plötzlich abbrechenden oder erst in der Mitte beginnenden Sätze nur schwer zu ergänzen sind, z.B.:

„´Ce que soudain j´ai vu alors, c´était la cryance qui avait guidé toute ma vie, à savoir´ - Krapp débranche impatiemment l´appareil, fait avancer la bande, rebranche l´appareil - ´grands rocher de granit.´“9

Hier sieht man deutlich, dass dem Leser/Hörer oft ganze Tonbandabschnitte fehlen, die Krapp einfach vorspult, da er sie schon kennt und vielleicht gerade nicht hören will.

Teilweise hört er sich auch einige Sätze mehrfach an, die für ihn von großer Bedeutung sind und die er besonders zu genießen scheint, z.B.: „Passé minuit. Jamais entendu pareil silence.“10

Seine auf Tonband konservierte Vergangenheit holt er sich so zurück, erlebt sie noch einmal für sich, versteht sie teilweise nicht mehr so ganz: „Viens d´écouter ce pauvre petit crétin (...)11 und wünscht sie sich dennoch zurück: „Les yeux qu´elle avait!“12

[...]


1 Aristoteles: Poetik 1993, S. 19f.

2 Beckett: La dernière bande, 1964, S. 335

3 Ebd., S. 334

4 Ebd. S. 339

5 Ebd. S. 340

6 Ebd. S. 336

7 Beckett 1964, S. 343

8 Aristoteles 1993, S. 25

9 Beckett 1964, S. 383

10 Ebd., S. 343

11 Ebd., S. 340

12 Ebd. S. 331

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die nach Aristoteles primären Dramenelemente untersucht an Samuel Becketts Stück "La dernière bande"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Französische Literaturwissenschaft
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
9
Katalognummer
V489881
ISBN (eBook)
9783668971646
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Samuel Beckett, Aristoteles, Drama, Dramenelemente, absurdes Theater, La dernière bande, Literaturwissenschaft, französisch, Handlung und Charakter
Arbeit zitieren
Bianca Schroeder (Autor), 1996, Die nach Aristoteles primären Dramenelemente untersucht an Samuel Becketts Stück "La dernière bande", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489881

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