In dieser Hausarbeit werde ich untersuchen, wie es innerhalb der Hungersnot in Russland, zwischen 1921-1922, zum Kannibalismus kam. Außerdem werde ich darlegen, wie die Sowjetunion den Hunger maßgeblich förderte und versuchte die Requisitionsverordnungen mit dem sogenannten „Kriegskommunismus“ zu rechtfertigen. Als Quelle dient das Protokoll der Vernehmung des „Leichenessers Muchin“ aus dem Jahre 1922 und weitere Berichte aus den Dokumenten zur Agrarpolitik und zur Entwicklung der Landwirtschaft während des "Kriegskommunismus" von Stephan Merl.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kannibalismus
3. Einfluss der Sowjetunion auf die Hungersnot
4. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung von Kannibalismus während der russischen Hungersnot in den Jahren 1921-1922 und analysiert, inwieweit die staatlichen Requisitionsmaßnahmen der Sowjetunion unter dem Deckmantel des "Kriegskommunismus" diese Katastrophe maßgeblich forcierten.
- Ursachen und Auswirkungen der russischen Hungersnot 1921-1922
- Dokumentation und Hintergründe von Kannibalismusfällen am Beispiel von Petr Kapitonovic Muchin
- Die Rolle der sowjetischen Agrarpolitik und Getreideabgaben
- Das Konzept des "Klassenkampfes" gegen die Bauernschaft ("Kulaken")
- Staatliche Repressionen und die bewusste Inkaufnahme des Hungertodes
Auszug aus dem Buch
2. Kannibalismus
Ein solcher dokumentierter Kannibalismusvorfall ist die des Kannibalen Petr Kapitonovic Muchin. Der Ort des Geschehens ist in Samara an der Wolga. Wie oben erwähnt ist dieser Ort eine der Gegenden, die am stärksten von den Missernten betroffen waren. Petr Kapitonovic Muchin wurde beschuldigt die Leiche eins siebenjährigen Jungen gegessen zu haben. Am 12. Januar 1922 wurde er deswegen in den Räumlichkeiten des lokalen Sowjets vom Untersuchungsrichter Balter verhört. Als Quelle dient das Protokoll dieses Verhörts. Das Ziel des Richters, ist nicht nur ein Geständnis des Zeugen und die Kannibalismusvorfällen und deren Verbreitungen zu dokumentieren, sondern auch den Einfluss der Dorfsowjets zu ermitteln.
Am Ende des Protokolls wird bestätigt, dass ihm seine Antworten vorgelesen worden sind und er dieses bestätigt habe, weil Petr Kapitonovic Muchin ein Analphabet sei. Dieses ist problematisch, da dadurch Verfälschungen seiner Worte nicht ausgeschlossen sind. Außerdem erschwert die fehlende Protokollierung seiner Mimik und Gestik, als auch die des Untersuchungsrichters die genauen Rekonstruktionen der emotionalen Reaktionen auf die Fragen und der Intentionen der Fragen und Antworten.
Petr Kapitonovic Muchin war zum Zeitpunkt des Protokolls 56 Jahre alt und stammte aus dem Dorf und Volost Efimovka, Uezd Buzuluk, Gouvernment Samara. Die Familie des Verhörten bestand aus fünf Personen, seiner Frau und drei Kinder. Die ersten Fragen des Richters sind folglich übliche Befragung nach der Personalie. Daraufhin fragte Balter ihn, seit wann die Familie kein Brot mehr habe und wie sie sich ernähren würden. Petr Kapitonovic Muchin antwortete, dass er und seine Familie seit Ostern kein Brot mehr habe und sich von Ersatznahrungsmitteln wie Gräser und Fleisch von Tieren wie Pferd, Hunde und Katzen ernähren würden. Er würde auch Knochen sammeln und mahlen, um sich davon zu ernähren. Nun nähert sich der Untersuchungsrichter langsam dem schwierigen Thema, dem Kannibalismus und dem genauen Tatvorgang, an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der russischen Hungersnot 1921-1922 ein und stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen des Kannibalismus sowie der Rolle der sowjetischen Politik.
2. Kannibalismus: Dieses Kapitel analysiert anhand des Verhörprotokolls von Petr Kapitonovic Muchin die Lebensbedingungen und die Verzweiflung der Bevölkerung, die zum Kannibalismus führte.
3. Einfluss der Sowjetunion auf die Hungersnot: Hier wird dargelegt, wie die bolschewistische Agrarpolitik und die Zwangsentnahme von Getreide durch den sogenannten "Klassenkampf" gegen die Bauern den Hunger verschärften.
4. Ausblick: Der Ausblick fasst zusammen, dass der Hunger kein zufälliges Naturereignis war, sondern durch politisch motivierte Requisitionsmaßnahmen einkalkuliert und gefördert wurde.
Schlüsselwörter
Hungersnot, Russland, 1921-1922, Kannibalismus, Sowjetunion, Kriegskommunismus, Bauernschaft, Kulaken, Getreideabgaben, Requisition, Klassenkampf, Bolschewiki, Samara, Agrarpolitik, Verhörprotokoll
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den verheerenden humanitären Folgen der russischen Hungersnot in den Jahren 1921-1922, mit einem besonderen Fokus auf dem Auftreten von Kannibalismus unter der hungernden Bevölkerung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Missernten, die Verzweiflung der ländlichen Bevölkerung, die sowjetische Agrarpolitik der damaligen Zeit sowie die ideologische Rechtfertigung staatlicher Eingriffe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, wie es zur Ausbreitung von Kannibalismus kam und inwieweit die sowjetische Regierung durch den "Kriegskommunismus" und gezielte Getreideabgaben den Hunger maßgeblich mitverursacht hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine historische Dokumentenanalyse, insbesondere auf die Auswertung eines Verhörprotokolls sowie zeitgenössische Berichte und agrargeschichtliche Dokumente.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die extremen Lebensbedingungen der Bauern, beschreibt konkret den Fall des Kannibalen Petr Kapitonovic Muchin und erörtert die politische Strategie der Bolschewiki zur Zerschlagung der bäuerlichen Eigentumsstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hunger, Kannibalismus, Sowjetunion, Bolschewiki, Getreideabgaben, Kulaken, Klassenkampf und staatliche Repression.
Warum wird im Buch das Verhör von Petr Kapitonovic Muchin so detailliert analysiert?
Das Protokoll dient als zentrales Zeitzeugnis, um die unmittelbare Notlage der Bevölkerung zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie staatliche Akteure auf extreme Überlebensstrategien reagierten.
Welche Rolle spielten die sogenannten "Kulaken" in diesem Kontext?
Die Bolschewiki konstruierten die Figur des "Kulaken" als feindliches Element, um die Zwangsenteignung von Getreide zu legitimieren und die Dorfgemeinschaft ideologisch zu spalten.
Kam die staatliche Hilfe bei der Bevölkerung an?
Laut den Quellen war die staatliche Hilfe völlig unzureichend; Verpflegungsstellen konnten nur einen Bruchteil der Kinder versorgen, während Getreidereserven gewaltsam aus den Dörfern abtransportiert wurden.
War der Kannibalismus nur ein Einzelfall?
Nein, die Arbeit macht deutlich, dass Kannibalismus in den am stärksten betroffenen Gebieten, wie dem Gouvernement Samara, kein Einzelfall war, sondern als Symptom einer tieferen sozialen Katastrophe vielfach dokumentiert wurde.
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- Anonym (Autor), 2019, Kannibalismus im russischen Bürgerkrieg (1921-1922), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489904