Die jüngsten Finanzkrisen in den Emerging Markets haben dazu geführt, daß vermehrt über die
Ursachen dieser Krisen nachgedacht wird: Sind sie das Ergebnis politscher Fehler, struktureller
Probleme oder werden sie gar zufällig ausgelöst, aufgrunder einer Verschiebung der Markterwartungen.
Im folgenden soll der Einfluß von Lernprozessen und Nachahmungseffekten auf die Erwartungsbildung
der Anleger untersucht werden, und in wieweit diese Finanzkrisen auslösen oder
verstärken. Hierzu werden zwei Artikel ausgewertet, die diese Prozesse beschreiben. Ausgehend
von ähnlichen Annahmen über Lern- und Nachahmungseffekte und die Evolution von Erwartungen,
legen sie unterschiedliche Schwerpunkte: Arifovic und Masson (2000) untersuchen vor
allem die Entwicklung der Erwartungen der Agenten, während Schuschny u. a. (2000) ein System
entwickeln, das anhand der Lern- und Nachahmungseffekte den Übergang infolge eines
exogenen Schocks erklärt.
Im ersten Teil des Papers wird der Aufsatz von Arifovic und Masson (2000) zusammenfassend
dargestellt. Hierzu wird ein Krugman-Modell der Währungskrise mit einem repräsentativen
Agenten erläutert und dieses für den Fall heterogener Agenten erweitert. Anschließend werden
die Zusammenhänge bei der Evolution der Erwartungsbildung erklärt. Den ersten Teil schließen
dann die Ergebnisse einer Simulation des Modells ab.
Im zweiten Abschnitt wird Schuschny u. a. (2000) erläutert. Für ein bar-attendance-Modell
wird der Lern- und Koordinationsprozeß entwickelt und danach der Nachahmungsmechanismus.
Darauf folgen die Ergebnisse einer Simulation und ihr Vergleich mit den Vorgängen in
Argentinien 1994.
Schließlich werden die Ergebnisse der beiden Aufsätze zusammengefaßt und miteinander
verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Heterogenität und Evolution der Erwartungsbildung
2.1. Modell der Währungskrise
2.1.1. Modell des repräsentativen Agenten
2.1.2. Erweiterung des Modells: Heterogene Agenten
2.2. Modell der Evolution der Erwartungsbildung
2.3. Simulationsergebnisse
3. Lern- und Nachahmungseffekte bei Finanzkrisen
3.1. Lern- und Koordinationsprozeß
3.2. Der Mechanismus lokaler Nachahmung
3.3. Simualtionsergebnisse
3.4. Bewertung
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von Lernprozessen und Nachahmungseffekten auf die Erwartungsbildung von Anlegern und deren Rolle bei der Entstehung oder Verstärkung von Finanzkrisen, indem sie zwei spezifische wissenschaftliche Modelle auswertet und vergleicht.
- Analyse der Erwartungsbildung bei heterogenen Agenten
- Mechanismen von Lernprozessen und Nachahmung (Herdenverhalten)
- Modellierung von Währungskrisen und Bank Runs
- Auswertung computergestützter Simulationsergebnisse
- Untersuchung von Dynamiken in Emerging Markets
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Erweiterung des Modells: Heterogene Agenten
Diese letzte Schlußfolgerung führt zu einem Modell mit heterogenen Agenten. Es gibt n Investoren, jeder mit einem Vermögen W¯ , die Erwartungen über die Abwertungswahrscheinlichkeit πit und -höhe δe,it bilden. Solange der erwartete Ertrag gleich groß ist, sind sie indifferent zwischen einer Anlage in US-Wertpapieren oder EM-Wertpapieren, da sie risikoneutral sind. Daraus folgt, daß sie ihr gesamtes Vermögen in eine der beiden Anlagemöglichkeiten investieren, solange die erwarteten Zinssätze unterschiedlich sind.
Die Geschäftsbanken im EM setzten den Zinssatz so, daß er die Markterwartungen hinsichtlich des Ertrags der EM-Verschuldung wiederspiegelt. Es wird angenommen, daß die Geschäftsbanken selbst keine Erwartungen bilden, vielmehr nehmen sie den Durchschnitt der Erwartungen der Anleger als Maß der Höhe der erwarteten Abwertung. Das heißt, der Zinssatz auf EM-Anlagen entspricht dem US-Zinssatz plus einem gewichteten Durchschnitt der erwarteten Abwertungsrate.
Da von heterogenen Erwartungen ausgegangen wird, wird nur derjenige Anleger zutreffende Erwartungen haben, dessen Erwartungen den durchschnittlichen Erwartungen entspricht. Jeder einzelne Anleger wird seine Investitionsentscheidung von einem Vergleich mit der durch den Zinssatz ausgedrückten durchschnittlichen Erwartung abhängig machen. Wenn er optimistischer ist, in dem Sinne, daß er eine geringere Wahrscheinlichkeit für eine Abwertung annimmt als der Durchschnitt, wird er sein Vermögen im EM anlegen, ansonsten in US-Wertpapiere. In diesem Modell ist die Anleger-Heterogenität der Schlüssel, um den Betrag der EM-Wertpapiere zu ermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Motivation zur Untersuchung von Finanzkrisen in Emerging Markets und stellt die beiden ausgewerteten Artikel vor.
2. Heterogenität und Evolution der Erwartungsbildung: Dieses Kapitel erläutert ein Währungskrisenmodell, das von rationalen zu heterogenen Erwartungen der Anleger übergeht und den evolutionären Lernprozess durch Nachahmung beschreibt.
3. Lern- und Nachahmungseffekte bei Finanzkrisen: Hier wird ein Modell zur Erklärung von Bank Runs mittels genetischer Algorithmen und lokaler Nachahmungsmechanismen vorgestellt sowie anhand von Simulationsergebnissen bewertet.
4. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse über Herdenverhalten, Informationsverbreitung und die Dynamik von Finanzkrisen zusammen.
Schlüsselwörter
Finanzkrisen, Emerging Markets, Erwartungsbildung, Lernprozesse, Nachahmungseffekte, Herdenverhalten, Währungskrise, Bank Run, heterogene Agenten, genetischer Algorithmus, Simulation, Zahlungsbilanz, Risikoaversion, Finanzmarkt, Modellierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen und die Dynamik von Finanzkrisen in Schwellenländern, wobei der Fokus auf dem Einfluss von Lernverhalten und Nachahmungseffekten bei den Anlegern liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Erwartungsbildung heterogener Anleger, die Modellierung von Währungskrisen, die Entstehung von Bank Runs sowie die Bedeutung von Herdenverhalten auf Finanzmärkten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, mithilfe von zwei verschiedenen ökonomischen Modellen zu erklären, wie individuelle Lernprozesse und Nachahmungsstrategien zu makroökonomischer Instabilität und Krisen führen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und die Darstellung komplexer ökonomischer Modelle (Krugman-Modell, bar-attendance-Modell), die durch computergestützte Simulationen und statistische Verfahren validiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung von Erwartungsmodellen bei heterogenen Agenten und die Analyse von Lern- und Koordinationsprozessen in einem Bankenmodell bei exogenen Schocks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Finanzkrisen, Heterogenität der Erwartungen, Nachahmungseffekte, Simulation, Bank Run und Emerging Markets.
Wie unterscheidet sich das Modell von Arifovic und Masson von dem von Schuschny et al.?
Während Arifovic und Masson primär die Entwicklung von Erwartungen hinsichtlich Wechselkursabwertungen bei Anlegern untersuchen, konzentriert sich Schuschny et al. auf das Verhalten inländischer Wirtschaftssubjekte bei Bank Runs und Sichteinlagen.
Was bedeutet die "Ansteckungswelle" im Modell von Schuschny et al.?
Die Ansteckungswelle beschreibt den Prozess, bei dem eine kritische Masse an Agenten beginnt, ihr Geld von der Bank abzuziehen, was nachahmungsbedingt zu einer massiven und schnellen Verringerung der Einlagen führt.
- Quote paper
- Owe Jessen (Author), 2001, Erwartungsbildung, Lernen und die Dynamik von Finanzkrisen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49000