Thomas S. Kuhns Theorie von der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen


Seminararbeit, 2004
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kuhns Modell als neuer Ansatz in der Wissenschaftstheorie

2. Das Paradigma und seine Funktion

3. Die Phase der "normalen Wissenschaft"

4. Das Auftreten von Annomalien und die Krise der "normalen Wissenschaft"

5. Die wissenschaftliche Revolution
5.1. Der Begriff der Revolution
5.2. Die Notwendigkeit wissenschaftlicher Revolutionen
5.3. Der Ablauf der Revolution
5.4. Die Durchsetzung wissenschaftlicher Revolutionen
5.5. Die Rückwirkungen der Revolution auf die Wissenschaft

6. Kuhns Modell und seine Anwendung auf die Soziologie

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Kuhns Modell als neuer Ansatz in der Wissenschaftstheorie

Als Thomas S. Kuhn im Jahr 1962 seine Monographie "The Structure of Scientific Revolutions" veröffentlichte, präsentierte er damit eine radikal neue Theorie des wissenschaftlichen Fortschritts. Sein Modell sollte das bisher in Wissenschaftstheorie und -geschichte herrschende, klassische Verständnis der Wissenschaft ablösen: dieser bisherigen Auffassung entsprechend ist wissenschaftlicher Fortschritt ein linear "kumulativer Prozess, von dem man glaubte, er habe die einzelnen Beiträge zur Wissenschaft zusammengefügt" (Kuhn, 1993: 17). In diesem Bild, das aus der pädagogisch-didaktischen Struktur resultiert, mit welcher Wissenschaft und ihre Geschichte gelehrt und gelernt wird, ist wissenschaftliches Arbeiten also die schrittweise und stetige Anhäufung oder Enthüllung von Wissen. Frühere Forschungsansätze und Theorien, die als widerlegt und veraltet angesehen werden, und nicht direkt zum momentanen Wissensstand beigetragen haben, werden daher als Irrwege betrachtet und weitgehend ignoriert (Kuhn, 1993: 16f).

In ihrem eigenen Zeitalter und vor dem Hintergrund technischer Möglichkeiten und historischer Einflüsse gesehen, sind jedoch auch die veralteten Theorien durchaus logisch und nachvollziehbar, obwohl sie sich später als falsch erwiesen haben (Kuhn, 1993: 17). Im Gegesatz zu dem Bild der Wissenschaft als kumulativem Prozess entwickelt Kuhn sein Modell von einer Entwicklung, die von revolutionären Sprüngen gekennzeichnet ist und in dem die wissenschaftliche Gemeinschaft von einem Paradigma geleitet wird.

Dieses Kuhn'sche Modell der Struktur wissenschaftlichen Forschritts soll im Folgenden in seinen Grundzügen dargestellt werden: das Konzept des Paradigmas, die sogenannte Phase der "normalen Wissenschaft" und wie diese durch eine Krise beendet werden kann. Ausführlicher behandelt wird dann der Ablauf der eigentlichen wissenschaftlichen Revolution, bevor abschließend noch die Frage untersucht werden soll, wie Kuhns Theorie – die sich im wesentlichen mit den naturwissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt – auf die Entwicklung der Soziologie angewandt werden kann.

2. Das Paradigma und seine Funktion

Als Paradigmata bezeichnet Kuhn (1993: 10) in seinem Modell "allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten maßgebende Probleme und Lösungen liefern". In einem 1969 verfassten Postskriptum zu seinem ursprünglichen Essay (Kuhn, 1993: 186-221) differenziert er dieses Konzept weiter: Paradigma im weiteren Sinne ist eine Konstellation von Grundanschauungen, Meinungen, Werten und Methoden, die von einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam vertreten wird, und die den theoretischen und methodischen Rahmen der wissenschaftlichen Tätigkeiten bildet. Im engeren Sinn ist das Paradigma ein Element dieser Konstellation, es besteht aus den konkreten Problemlösungen, die als klassische Beispiele Vorbilder für die wissenschaftlichen Problemlösetätigkeiten darstellen, den "paradigmatischen Musterbeispielen".

Bevor ein Paradigma die wissenschaftliche Gemeinschaft beherrscht, in der prä-paradigmatischen Phase, herrscht eine Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Theorien und zwischen den Schulen, welche die jeweilige Theorie verfolgen. Um schließlich zum Rang eines Paradigmas aufzusteigen muss die sich durchsetzende Theorie "neuartig genug [sein], um eine beständige Gruppe von Anhängern anzuziehen, die ihre Wissenschaft bisher auf andere Art betrieben hatten, und gleichzeitig … offen genug, um der neuen Gruppe von Fachleuten alle möglichen ungelästen Probleme zu stellen" (Kuhn, 1993: 25). Indem die Anhängerschaft des neuen Paradigmas so immer größer wird, löst sich die Konkurrenzsituation schließlich auf und die konkurrierenden Schulen sterben aus – Forschung, die sich außerhalb des Paradigmas bewegt, wird für die wissenschaftliche Gemeinschaft irrelevant.

Die Arbeit unter einem gemeinsamen Paradigma hat eine Reihe von Vorteilen für den Wissenschaftler. Der jeweilige Fachbereich ist besser abgegrenzt und strukturiert, er wird durch das neue Paradigma oftmals auch erst wirklich konstituiert. Die Forscher arbeiten auf einer gemeinsamen Basis, die nicht immer aufs neue gerechtfertigt werden muss und können auch gegenseitig auf ihren Arbeiten aufbauen, was zu Zeit- und Effiziezgewinnen führt. Damit einher geht auch der Aufbau von Kommunikations-strukturen, beispielsweise die Gründung von Fachzeitschriften (Kuhn, 1993: 33f).

Paradigmen stiften darüberhinaus auch gemeinsame Grundlagen im Sinne von in der Gemeinschaft allgemein gebräuchlichen Symbolen und abstrahierten Fachbegriffen, welche die Kommunikation untereinander erleichtern, indem sie die die Formulierung von Gesetzen und Formeln ermöglichen, die Disziplin aber gleichzeitig nach außen hin quasi abschotten. Auch die in dem gemeinsamen Paradigma enthaltenen Modellvorstellungen sind konstitutiv für die wissenschaftliche Arbeit: sie geben vor, welche Phänomene, Untersuchungsgegenstände und Fragestellungen "zulässig" sind, sowie welche Art von Problemlösungen und Erklärungen "erlaubt" sind und wie methodisch bei der Forschungsarbeit vorzugehen ist – sie lenken daher den gesamten Erkenntnisprozess, indem sie die Bereiche der Wissenschaft und in gewisser Weise auch deren Interpretation vorgeben. Schließlich bestimmt das Paradigma auch die gemeinsamen Werte einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, welche die Beurteilung von Methoden und Theorien bestimmen und emotionalen Zusammenhalt bewirken (Kuhn, 1993: 194ff).

3. Die Phase der "normalen Wissenschaft"

In der normalwissenschaftlichen Phase wird versucht zu klären, wie groß die Reichweite des Paradigmas ist: es werden Fakten beleuchtet, die unmittelbar im Zusammenhang mit der Entstehung des Paradigmas relevant waren. Bei dieser "Aufräumarbeit" geht es also zuerst darum, das Paradigma und die damit verbundenen Theorien näher auszuarbeiten und zu erklären. Erst dann wendet man sich Fakten zu, die zwar an sich nicht in den unmittelbaren Aussagebereich des Paradigmas fallen, aber unmittelbar mit Voraussagen aus dem Paradigma verglichen werden können. Die Theorie wird dabei manipuliert, um ihre präzisere Anwendung auf Einzelfälle zu ermöglichen (Kuhn, 1993: 37ff).

"Bei näherer Untersuchung ... erscheint dieses Unternehmen als Versuch, die Natur in die vorgeformte, relativ starre Schublade, welche das Paradigma darstellt, hineinzuzwängen. In keiner Weise ist es das Ziel der normalen Wissenschaft, neue Phänomene zu finden; und tatsächlich werden die nicht in die Schublade hineinpassenden oft überhaupt nicht gesehen." (Kuhn, 1993: 38)

Für die Arbeit der "normalen Wissenschaft" prägt Kuhn den Begriff des "Rätsellösens": es wird dabei nicht nach neuen Phänomenen gesucht, vielmehr ist der Weg der Lösung das Ziel der Bemühungen, die Lösung selbst bewegt sich dabei im Rahmen der Erwartungen; dieser wird bestimmt durch das Paradigma, das ja auch vorgibt, welche Kategorien von Problemen in seinem Rahmen lösbar sein dürften. Fragen, die jenseits dieses Rahmens liegen werden für später aufgeschoben, wenn theoretische oder technische Fortschritte sie lösbar machen – wenn Sie nicht gar als unwissenschaftlich völlig fallen gelassen werden (Kuhn, 1993: 50f). Wie bei einem Puzzlespiel, bei dem die Teile ohne Anwendung von Gewalt richtig zusammengefügt werden müssen, liegen die Regeln für die Lösung der normal-wissenschaftlichen Probleme dabei in der Natur der Sache, eine Abweichung von den Lösungsvorschriften würde zwangsläufig nach sich ziehen, dass keine wirkliche Lösung im Sinne des Paradigmas erzielt wird (Kuhn, 1993, 52f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Thomas S. Kuhns Theorie von der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Sozialwissenschaftliches Institut der WISO-Fakultät / Lehrstuhl für Soziologie und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
Einführung in die Logik der Forschung / Einführung in die Wissenschaftstheorie und Wissensoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V49001
ISBN (eBook)
9783638455565
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gute Zusammenfassung des wissenschaftstheoretischen Klassikers von Thomas S. Kuhn - der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Kapitel "Die wissenschaftliche Revolution", alle anderen Kapitel sind jedoch ebenfalls - aber kürzer - behandelt.
Schlagworte
Thomas, Kuhns, Theorie, Struktur, Revolutionen, Einführung, Logik, Forschung, Wissenschaftstheorie, Wissensoziologie
Arbeit zitieren
Florian Seidl (Autor), 2004, Thomas S. Kuhns Theorie von der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49001

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