Web-TV ist ein Zwitter: Es besitzt Eigenschaften von Web-Videos und von traditionellen Fernsehsendungen. Die Dissertation klärt, wie dieser Doppelcharakter des Web-TV entsteht, was er beinhaltet und was das ästhetisch bedeutet. In einem ersten Schritt wird bestimmt, welches die wesentlichen Eigenschaften des traditionellen Fernsehens sind. In einem zweiten Schritt werden diese Eigenschaften als notwendige Kriterien auf Bewegtbildinhalte im World Wide Web angewendet. Der Schlüsselgedanke dabei ist, dass sich das Konzept Fernsehen erweitern lässt, dass das traditionelle Fernsehen nur noch eine Realisierungsmöglichkeit von Fernsehen ist und es daneben weitere Formen geben kann, wie eben das Web-TV. Es geht um die Charakteristika Serialität, Massenmedialität und Welthaltigkeit. Gemeinsam zeichnen sie ein Bewegtbild als fernsehartig aus.
Serialität im Fernsehen entsteht aufgrund des andauernden Programmflusses. Bei der Massenmedialität geht es um eine Abgrenzung zu individuell und interaktiv genutzten Artefakten. Fernsehartige Bewegtbilder sind öffentlich zugänglich, werden räumlich und/oder zeitlich distanziert übermittelt und richten sich an ein disperses Publikum. Das dritte Kriterium ist die Welthaltigkeit. Ein Artefakt gilt als welthaltig, wenn es einen Gehalt von Welt erkennen lässt, der dem einzelnen Zuschauer einen Anschluss an die Gesellschaft ermöglicht. Dieser Anschluss ist gegeben, wenn eine intersubjektive Interpretation möglich ist, im Bewegtbild angelegt ist. Wenn diese drei Fernsehkriterien von Web-Videos erfüllt werden, handelt es sich jedoch noch nicht um Web-TV. Denn Web-TV verlangt nach etwas Neuem, soll es ein eigenständiger, abgrenzbarer Bereich sein, also mehr als nur der Import von traditionellen Fernsehinhalten. Dieses Neue lässt sich als Webartigkeit bezeichnen.
Das Ergebnis ist eine Typologie der Web-Videos mit drei Hauptkategorien: Nutzergenerierte Videos, Web-Sendungen und Importe von traditionellen Fernsehsendern. Beispeilhaft erfolgt die Bestimmung des Web-TV anhand der drei Web-TV-Sendungen: EHRENSENF (D), REBELL.TV (CH) und BUSCHKA ENTDECKT DEUTSCHLAND (D). Die Schlussbetrachtung der Arbeit orientiert sich an den anfangs aufgestellten Thesen. Es zeigt sich, dass das Web-TV eine neue Fernsehform ist, die das Konzept des Fernsehens verändert. Web-TV besitzt das Potenzial, unsere Vorstellung von Fernsehen zu verändern. Web-TV ist ein Indikator und wissenschaftlicher Impulsgeber für das traditionelle Fernsehen.
Inhaltsverzeichnis
1 „Fernsehen war gestern?“ – Einführung
1.1 Eingrenzung des Themas
1.2 Vorgehen und Zielsetzung
1.2.1 Die ästhetische Perspektive
1.2.2 Struktur der Arbeit und Darstellung der Thesen
2 „How will we know ,television’ when we see it?“ – Kriterien zur Bestimmung von Fernsehartigkeit im World Wide Web
2.1 Mediale Struktur
2.1.1 Programmfluss versus Hypertext
2.1.2 Serialität als Strukturprinzip
2.2 Mediale Kommunikation
2.2.1 Massenmedialität
2.2.2 Welthaltigkeit
2.3 Fazit: die Fernsehkriterien
3 „Online is the New Primetime?“ – Audiovisuelle Gattungen im World Wide Web
3.1 Typologie der Web-Videos
3.1.1 Webcam-Aufnahmen
3.1.2 Private-Cams
3.1.3 Videoblogs
3.1.4 Traditionelle Fernsehsender im World Wide Web
3.1.5 Web-TV-Sender
3.1.6 Webisodes
3.1.7 Videosendungen
3.2 Bestimmung des Web-TV
3.2.1 Übersicht der Web-Video-Gattungen
3.2.2 Der Web-TV-Wert
4 „TV you won't see on TV.“ – Ästhetik der Videosendung
4.1 Ehrensenf
4.1.1 Formatierung
4.1.2 Strategien der Komikgenerierung
4.1.3 Zwischen Boulevardisierung und politischer Schärfe
4.1.4 Orientierung im World Wide Web
4.1.5 Fazit
4.2 rebell.tv
4.2.1 Struktur der Website
4.2.2 Formatierung
4.2.3 Interview als Darstellungsform
4.2.4 Die Rollen des Interviewers
4.2.5 Fazit
4.3 Buschka entdeckt Deutschland
4.3.1 Struktur der Website
4.3.2 Formatierung
4.3.3 Stand-up-Reportage
4.3.4 Authentizierende Form
4.3.5 Funktionen des Reporters
4.3.6 Fazit
5 Schlussbetrachtung
5.1 Zusammenfassung
5.1.1 Die Fernsehkriterien
5.1.2 Gattungen und Genres des Web-TV
5.2 Diskussion der Thesen
5.2.1 Ästhetik des Web-TV
5.2.2 Das Verhältnis von Web-TV und traditionellem Fernsehen
5.2.3 Ein Dispositiv im Wandel
5.2.4 Zwei Fernsehformen – kurzer Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern audiovisuelle Inhalte im World Wide Web als „Web-TV“ bezeichnet werden können und ob diese eine Konkurrenz zum traditionellen Fernsehen darstellen. Im Zentrum steht die ästhetische Perspektive, mittels derer die Machart und Funktionsweise spezifischer Web-Video-Artefakte erforscht wird, um deren Potential als eigenständige Fernsehform oder Weiterentwicklung des traditionellen Fernsehens zu bestimmen.
- Analyse der Fernsehartigkeit von Web-Videos anhand der Kriterien Massenmedialität, Serialität und Welthaltigkeit.
- Typologie und ästhetische Kategorisierung verschiedener Web-Video-Genres (z.B. Videoblogs, Webisodes, Videosendungen).
- Detaillierte ästhetische Fallanalysen der Web-TV-Sendungen „Ehrensenf“, „rebell.tv“ und „Buschka entdeckt Deutschland“.
- Untersuchung des Verhältnisses von Web-TV zu traditionellen Sendeformen und Finanzierungsstrukturen.
- Reflexion über die Rolle der Zuschauer als aktive Mitgestalter im digitalen Produktionsraum.
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Strategien der Komikgenerierung
Formal und inhaltlich wird in der Sendung mit verschiedenen Strategien der Komikgenerierung gearbeitet. Komik meint dabei
[j]ede Art übertreibender Sichtbarmachung von Konflikten einander widersprechender Prinzipien, die, weil sie die Nichtübereinstimmung von Ideal und Wirklichkeit oder von gesellschaftlicher Norm und individuellem Handeln aufdeckt, zum Lachen reizt und dadurch dem Zuschauer das Gefühl von Überlegenheit vermittelt.
(Metzler Kabarett Lexikon 1996: 199).
Bewusst setzt EHRENSENF nicht auf eine Art Trashfernsehen (vgl. Hickethier 1999: 212), also auf Beschimpfen, Blödeln und Verulken, sondern auf Komik, auf das Dahinterblicken und Sichtbarmachen, mal mittels Ironie, mal mittels extremer Vergleiche. Bereits der einfache, achtsekündige Vorspann mit altmodischem Fernsehshow-Jingle und die Wahl des Anagramms „Ehrensenf“ als Sendungstitel offenbaren das Referenzmedium – das traditionelle Fernsehen – und die humorvolle Haltung der Macher_innen. Buchstaben purzeln auf ein schlichtes, computeranimiertes Senftütchen und ergeben das Wort „Fernsehen“. Schließlich, nach dem Einblenden von drei Kronen und dem Schriftzug „extra scharf“, endet der Vorspann mit dem Sendungstitel „Ehrensenf“ (Abb. 31). Die einfachen grafischen Trenner innerhalb der Sendung sind an den Trailer angelehnt und zusätzlich mit einem Löwengebrüll unterlegt, das Assoziationen zur Marke LÖWENSENF weckt, aber vor allem zur in den 1940er Jahren
Zusammenfassung der Kapitel
1 „Fernsehen war gestern?“ – Einführung: Dieses Kapitel führt in die Thematik des Web-TV ein, definiert den Gegenstand aus ästhetischer Perspektive und skizziert den Forschungsstand sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2 „How will we know ,television’ when we see it?“ – Kriterien zur Bestimmung von Fernsehartigkeit im World Wide Web: Hier werden die konstitutiven Kriterien (Massenmedialität, Serialität, Welthaltigkeit) entwickelt, die Bewegtbilder im Web als „fernsehartig“ klassifizierbar machen.
3 „Online is the New Primetime?“ – Audiovisuelle Gattungen im World Wide Web: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über verschiedene Web-Video-Genres und prüft diese auf ihre Fernsehartigkeit sowie ihren ästhetischen Mehrwert.
4 „TV you won't see on TV.“ – Ästhetik der Videosendung: Im Hauptteil werden die Formate Ehrensenf, rebell.tv und Buschka entdeckt Deutschland einer detaillierten ästhetischen Einzelanalyse unterzogen.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, überprüft die zentralen Thesen und reflektiert über die zukünftige Entwicklung des Dispositivs Fernsehen im Kontext von Web-TV und Konvergenz.
Schlüsselwörter
Web-TV, Fernsehen, Internet, Web-Video, Ästhetik, Medialität, Massenkommunikation, Serialität, Welthaltigkeit, Videosendung, Webisode, Videoblog, Konvergenz, Medienwissenschaft, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen „Web-TV“ als ästhetisch definierten Gegenstand und analysiert die Konkurrenzsituation zwischen Bewegtbildinhalten im Internet und dem traditionellen Fernsehen zwischen 2005 und 2010.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die ästhetischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Web-Videos und dem traditionellen Fernsehen, die Rolle der Web-Infrastruktur sowie die veränderte Rolle der Nutzer als Produzenten und Rezipienten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Dissertation?
Ziel ist es, den Begriff „Web-TV“ wissenschaftlich zu präzisieren und Kriterien zu entwickeln, anhand derer sich fernsehartige Bewegtbilder im Web als eigenständige Form oder Konkurrenz zum Fernsehen identifizieren lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen phänomenologischen und hermeneutischen Ansatz, um die Ästhetik und Machart audiovisueller Artefakte zu analysieren, wobei bewusst keine empirische Medienwirkungsforschung betrieben wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Einzelanalyse dreier ausgewählter Web-TV-Formate („Ehrensenf“, „rebell.tv“, „Buschka entdeckt Deutschland“), um deren Formensprache und Funktionen beispielhaft zu untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Fernsehartigkeit, Serialität, Massenmedialität, Welthaltigkeit, Web-Video, Interaktivität und die Ästhetik des Bewegtbilds im digitalen Raum.
Wie unterscheidet sich Web-TV von IPTV?
Web-TV zeichnet sich durch die freie Verfügbarkeit im World Wide Web und die Nutzung mittels Webbrowser aus, während IPTV in der Regel ein kostenpflichtiges, an ein Fernsehgerät gebundenes Abonnement-Modell mit technischer Infrastruktur des Telekommunikationsanbieters ist.
Warum reicht der bloße Begriff „Web-TV“ nicht aus, um Web-Videos zu beschreiben?
Der Begriff ist diffus und wird für verschiedenste Formate genutzt. Die Arbeit verdeutlicht, dass nicht jedes Web-Video „fernsehartig“ ist; Web-TV erfordert zusätzlich einen ästhetischen Mehrwert durch die Einbindung der spezifischen Möglichkeiten des Web-Mediums.
- Arbeit zitieren
- Jennifer Ahl (Autor:in), 2013, Web-TV. Entstehungsgeschichte, Begriffe, Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490075