Das Selbstbild in der Kunsttherapie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
12 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Selbstbildes..
2.1 ...nach Stern
2.2 ...nach Piaget
2.3 ...nach Freud
2.4 ...nach Erikson

3. Störungen des Selbstbildes

4. Kunsttherapeutische Übungen zum Thema Selbstbild
4.1 Das progressiv therapeutische Spiegelbild
4.2 Selbstportraits
4.3 Körperbilder
4.4 Fotografische Herangehensweisen
4.4 Arbeit mit Masken

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individuation unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte Individuation darum auch als Verselbstung oder als Selbstverwirklichung übersetzen’’ (Jung, 1964, S.191).

Jung beschreibt in diesem Zitat die enorme Wichtigkeit für jeden Menschen, ein Selbstbild zu haben.

Im Zeitalter der Selfies und sozialen Netzwerken ist das Thema Selbstbild hoch aktuell. Auch in der Kunst ist die Selbstdarstellung und das Selbstbild ein viel bearbeitetes Thema, wie zum Beispiel in den Arbeiten von Cindy Sherman deutlich wird. Das Seminar in Modul 16.2 hat mich dazu inspiriert, mich näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In der folgenden Hausarbeit möchte ich einen Überblick über die verschiedenen Theorien zur Entstehung des Selbstbildes beim Menschen, mögliche Störungen und Variationen der kunsttherapeutischen Arbeit mit Selbstbildern geben.

2. Die Entstehung des Selbstbildes...

Das Selbstbild bezeichnet die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat. Es beruht auf der Selbstwahrnehmung der jeweiligen Person. ,,Das Selbst ist eine innerpsychische Struktur, die zwar relativ stabil ist, aber trotzdem Veränderungen zulässt. Es bildet sich auf der Grundlage von Erfahrungen und den damit verbundenen emotionalen Bewertungen, die als Erinnerungen im Gedächtnis gespeichert werden’’ (Fernandes, 2013, S.4).

Das Selbstbild und das zugehörige Selbstwertgefühl sind essenziell wichtig für das Überleben in einer Gruppe (Familie, Freunde, Gesellschaft). Wir brauchen die Gruppe um unser Überleben zu sichern und genau deshalb ist es auch so wichtig für uns in dieser Gruppe eine gute Position zu haben. Diese hängt wiederum davon ab, wie es um unser Selbstbild bestellt ist.

Wenn ein Kind geboren wird hat es noch kein Bild von sich selbst. Dieses entwickelt sich erst nach uns nach durch verschiedene Einflüsse. Zur Entstehung des Selbstbildes gibt es verschiedene Theorien und Ansätze. Die wichtigsten von Stern, Piaget, Freud und Erikson habe ich hier zusammengefasst.

2.1 ...nach Stern

Daniel Norman Stern (Psychiater und Psychoanalytiker) arbeitet mit einem Schichtmodell. Er geht davon aus, dass die verschiedenen Schichten aufeinander aufbauen und wir unsere Vergangenheit immer komplett in uns haben. Er stellt die These auf, dass es ohne Beziehung keine Selbstentwicklung gibt. Sein Entwicklungsmodell beschränkt sich auf die Kindheit und schließt nicht das gesamte Leben eines Menschen mit ein.

1. Auftauchendes Selbst (ab 0-2 Monaten): Das Selbst bildet sich durch Interaktion mit der Mutter. Zwischen vielen Einzelerfahrungen werden Verbindungen hergestellt. Ähnlichkeit und Wiederkehr bei Reaktionen der Bezugsperson sind wichtig für die sichere Bindung, sonst fühlt sich das Kind der Welt schutzlos ausgeliefert. Das Kind muss sich auf die Reaktion der Bezugsperson verlassen können. Auftauchen einer Organisation (=Entwicklung von Erwartungsmustern). Fühlen und Denken sind bei Säuglingen eng verbunden, deshalb sind möglichst vielfältige Sinneserfahrungen in den ersten Lebensmonaten wichtig für die Entwicklung.
2. Kernselbst (ab 2-6 Monaten): Das Kernselbst ist eine Empfindung, die nicht bewusst erlebt wird. Es ist die Erfahrung, dass das Selbst und Objekte nicht miteinander verschmolzen sind. Voraussetzungen für die Ausbildungen des Kernselbst sind das Erleben von Ordnung und Regelmäßigkeit sowie die Unterscheidung von eigen und fremd. Entstehung des Gefühls der Urheberschaft (Bewusstsein, dass etwas von mir ausgelöst wurde). Menschen, die sich nie als Urheber von irgendetwas erlebt haben, glauben nicht, dass sie etwas im Leben erreichen können. Unsere eigene Geschichte bildet das Rückgrat unserer Persönlichkeit.
3. Subjektives Selbst (ab 7-9 Monaten): Die Erkenntnis, dass alle bisherigen Erkenntnisse subjektiv sind. Jede Person besitzt ein eigenes Innenleben und dieses kann sich teilweise sehr stark vom eigenen Innenleben unterscheiden. Entwicklung und Auftauchen kommunikativer Absichten (affect attunement = emotionaler Austausch).
4. Verbales Selbst (ab ca. 1,5 Jahren): Die Sprache wird zu einer neuen Möglichkeit des Austauschs. Entstehung der Fähigkeit sich selbst zu objektivieren. Bis zu einem gewissen Alter sprechen Kinder nur in der dritten Person von sich.
5. Narratives Selbst (ab ca. 3-4 Jahren): Kinder lernen persönliche Erlebnisse/Motive in einer zusammenhängenden Geschichte zu erzählen. Die Abstraktionsfähigkeit und die Verwendung von Symbolen nimmt zu. Das narrative Selbst kann in der Psychotherapie gut genutzt werden. Traumapatienten können zum Beispiel lernen, ihre Lebensgeschichte neu zu erzählen (vgl. Fernandes, 2013 u. vgl. Köhler, 2013).

2.2 ...nach Piaget

Jean Piaget (Biologe) behauptet in seinem Modell, dass der menschliche Organismus ständig mit der Wahrung des Gleichgewichts beschäftigt ist. Dies nennt er Autoregulation. Er geht davon aus, dass der sich anpassende Organismus selbst sich verändert und sein Verhältnis zur Umgebung und zu sich selbst steuert und reguliert. Er spricht von Organisation als Selbstregulierung des inneren Gleichgewichts und Adaption als Selbstregulierung bezüglich des äußeren Gleichgewichts, also der kognitiven Anpassung an die Umwelt. Piaget geht davon aus, dass Entwicklung durch Krisen entsteht. Er vertritt die Theorie der kognitiven Entwicklung. Seiner These nach entwickeln sich Kinder durch Experimentieren von selbst. Sie konstruieren eine eigene kognitive Struktur von innen heraus (vgl. Köhler, 2013).

2.3 ...nach Freud

Sigmund Freud (Neurologe, Tiefenpsychologe) entwickelte seine Entwicklungstheorie im Rückblick, es ist also vielmehr eine Entwicklungspathologie, da seine Theorie sich an den Krankheitsbildern orientiert, mit der Frage: was ging bei der Entwicklung schief? Nach Freud muss erst jede Stufe seines Modells abgeschlossen und zurückgelassen werden, bevor die nächste Stufe erreicht werden kann. Der Fokus liegt auf der Dynamik in der Person, er verfolgt also eine Ein-Person-Psychologie. Bei Freud gibt es insgesamt sechs Stufen, die bis ins Erwachsenenalter hineinreichen.

1. Säuglingsalter (bis ca. 3 Jahre): Orale Phase (oral-respiratorisch, sensorisch, kinästhetisch). Bildung des Urvertrauens und erste emotionale Fundierung.
2. Kleinkindalter (ab ca. 3 Jahre): Anale Phase (anal-urethal). Kinder lernen, den Schließmuskel zu kontrollieren. Beginn der Über-Ich Bildung und Autonomieerwerb.
3. Spielalter (ab ca. 4-6 Jahre): Phallische Phase (infantil-genital, lokomotorisch). Gewinn von Stärke durch die Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Orientierung an der Realität = zentrales Ereignis der Persönlichkeitstwicklung.
4. Schulalter (ab ca. 6-10/12 Jahre): Latenzphase. Das Sachinteresse des Kindes steigt.
5. Adoleszenz (ab ca. 12 Jahre): Pubertät
6. Frühes Erwachsenenalter (ab ca. 21 Jahre): Genitale Phase. Entwicklung der Fähigkeit und Reife für die Sexualität (vgl. Köhler, 2013).

2.4 ...nach Erikson

Erik Homburger Erikson (Psychoanalytiker) baut seine Theorie auf die von Freud auf. Er dehnt sein Modell auf die Lebenszeitperspektive aus und verfolgt eine Mehr-Personen-Psychologie, das bedeutet, er bezieht Umwelt und Umfeld mit ein.

In seinem Stufenmodell unterscheidet er acht Phasen:

1. Säuglingsalter: Entstehung von Grundvertrauen und Grundmisstrauen durch primäre Bezugsperson.
2. Kleinkindalter: Entstehung von Autonomie oder Scham/Zweifel durch Elternpersonen. Zunehmende Autonomieentwicklung (basierend auf festem Vertrauen in die Bezugsperson und in sich selbst). Ausscheidung als erste eigene Leistung.
3. Spielalter: Entstehung von Initiative oder Schuldgefühl (durch Kernfamilie). Ödipaler Konflikt (vgl. Freud) möglich. Positive Reaktion auf die Herausforderungen der Welt , Phantasie und Spielen erwünscht.
4. Schulalter: Entstehung von Regsamkeit oder Minderwertigkeit durch erweiterten Beziehungsradius (Nachbarschaft, Schule, Peers etc.). Kinder müssen gesellschaftliche Erwartungen erfüllen und wollen an der Welt der Erwachsenen teilhaben.
5. Adoleszenz: Identitätsfindung oder Rollenverwirrung durch die Peergroup. Das Wissen über sich und das Leben wird zu einem Selbstbild zusammengefügt, mit dem man gut in der Gesellschaft leben kann.
6. Frühes Erwachsenenalter: Intimität ist erwünscht (Partner, Mitglied der Gesellschaft). Entstehung von Beziehungen zwischen zwei selbstständigen Persönlichkeiten. Isolation ist möglich (Selbstbezogenheit, soziale Isolierung, Selbstaufopferung).
7. Mittleres Erwachsenenalter: Die Lebensphase, die aktiv der Kindererziehung gewidmet wird. Entstehung des Bedürfnisses Spuren zu hinterlassen.
8. Alter: Ichintegrität (mit seinem Leben ins Reine zu kommen) oder Verzweiflung (man hat das Gefühl noch einmal Leben zu müssen) (vgl. Köhler, 2013).

3. Störungen des Selbstbildes

Störungen des Selbstbildes haben vielfältige Ursachen. Die Gründe können bereits in der frühen Kindheit liegen, zum Beispiel mangelnde Aufmerksamkeit durch die Eltern oder das Umfeld. Aber auch im weiteren Verlauf der Entwicklung und durch traumatische Situationen kann das Selbstbild geschädigt werden. Die Beschäftigung mit dem Thema Selbstbild ist allerdings nicht nur für Patienten / Klienten mit einer Störung des Selbstbildes sinnvoll, sondern auch für alle anderen allgemeinen Störungen der Psyche oder der Entwicklung interessant und wichtig.

4. Kunsttherapeutische Übungen zum Thema Selbstbild

Um einen Bezug zwischen der Entstehung des Selbstbildes und der kunsttherapeutischen Arbeit herzustellen, möchte ich erst noch einmal die zwei Formen der Individuation, also der Entstehung des Selbstbildes aufzeigen: ,,Jacobi (1965) benennt zum einen den natürlichen Individuationsprozess. Dieser läuft autonom und ohne Teilnahme bewusster Auseinandersetzung ab. Im Grunde ist die Individuation ein natürlicher Prozess, der jedem Lebewesen gegeben ist. Zum anderen benennt sie den künstlich geförderten Individuationsprozess, der bewusst erlebt und verarbeitet wird. Durch die Anwendung spezifischer Methoden kann die Individuation verdichtet, intensiviert und bewusst gemacht werden. Der Individuationsprozess verläuft also entweder unbewusst oder er wird auf verschiedene Arten bewusst gemacht und dadurch zu einer höheren Differenzierung gebracht. In diesem Zusammenhang unterscheidet Obrist (1987) zwischen der spontanen und der begleitenden Individuation. Die begleitete Individuation findet hauptsächlich in einer Therapie und unter Begleitung eines Therapeuten statt’’ (Glück, 2011, S.59).

In der Kunsttherapie gibt es verschiede Möglichkeiten mit dem Thema Selbstbild zu arbeiten. Die Kunsttherapie ermöglicht es, einen nonverbalen Zugang zur eigenen Identität und Persönlichkeit zu finden. ,,Indem der Patient sich selber malt, kann er sich selber gestalten’’ (Jung in Glück, 2011, S.79).

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Selbstbild in der Kunsttherapie
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen; Standort Nürtingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V490103
ISBN (eBook)
9783668977877
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstbild, Kunsttherapie, Masken, Spiegelbild, Portrait, Ich
Arbeit zitieren
Anna Köhler (Autor), 2016, Das Selbstbild in der Kunsttherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490103

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