Die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen. Eine Ursachenforschung


Hausarbeit, 2019

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Präsenz der Problematik in verschiedenen Forschungsgebieten
1.3 Soziologische Relevanz der ausgewählten Problematik
1.4 Zielsetzung
1.5 Fragestellung

2 Theoretischer Hintergrund: Die soziale Ungleichheit als spezifisches Merkmal des deutschen Bildungswesens
2.1 Soziale Ungleichheit: Begriffserläuterung
2.2 Schichtspezifische Bildung: Ursachen und Mechanismen
2.3 Historischer Abriss und statistische Daten
2.4 Das deutsche Bildungswesen im internationalen Vergleich

3 Stand der Forschung

4 Fazit und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die soziale Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeit gehört zu den traditionellen Feldern der Soziologie und ist durch vielfältige „Erscheinungsformen und Ursache- Wirkungszusammenhänge geprägt.1 In den letzten Jahrzehnten steht das Phänomen im Fokus nicht nur zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge, sondern wird auch im öffentlichen Diskurs immer häufiger und heißer diskutiert. Die aktuellen Fragen sind zum Beispiel: Warum gibt es in der Politik mehr Männer als Frauen? Warum verdienen Manager mehr als andere Unternehmensbeschäftigte? Ist der Arbeitsmarkt immer noch geschlechtsspezifisch strukturiert? Haben Kinder aus den niedrigeren sozial-ökonomischen Schichten dieselben Lebenschancen im Vergleich zu Kindern der Reicheren?2

Gemäß den Angaben des Armutskongresses 2019 in Berlin ist die soziale Ungleichheit in Deutschland in den letzten Jahren wesentlich gewachsen. Die Kennzahlen sind alarmierend: 16,8 % der deutschen Bevölkerung (13,7 Millionen) befinden sich unter der Armutsgrenze. Die Forscher haben auf eine echte Ausgrenzung und Armut von Millionen Individuen hingewiesen. Man spricht über eine progrediente Bildung von Parallelwelten (die soziale Spaltung), in denen die „Privilegierten“ mit den „Unterprivilegierten“ nichts mehr zu tun haben.3

1.2 Präsenz der Problematik in verschiedenen Forschungsgebieten

Laut Kreckel ist die soziale Ungleichheit und die damit verbundene Armut „eine von Menschen gemachte und somit auch von Menschen veränderbare Grundtatsache heutigen gesellschaftlichen Lebens“.4 Die soziale Ungleichheit gibt es fast überall; gerade dies macht das Konzept so schattierungsvoll und vielseitig. Diese Vielseitigkeit hat in unterschiedlichen Forschungsgebieten Anwendung gefunden, darunter:

1) die Migrations- und Integrationsforschung (Die Migration, insbesondere heutzutage, stellt oft ein offensichtliches Ungleichheitsmerkmal dar. So wurde von einigen deutschen Gelehrten auf eine deutlich schlechtere Positionierung der Eingewanderten in der sozialen Ungleichheitsstruktur Deutschlands im Vergleich zu den Einheimischen hingewiesen)5,
2) die Bildungssoziologie (die Bildung gilt als eine der zentralen Ungleichheitsdimensionen, denn die Aus- bzw. Weiterbildung beeinflusst in großem Maße die Lebenschancen der Gesellschaftsmitglieder in diversen Bereichen, zum Beispiel, Karriere, Konsumverhalten, Freizeit, etc. Diverse Tätigkeiten und die dafür benötigten Fähigkeiten haben einen hierarchischen Gesellschaftstyp gebildet)6,
3) die Gesundheit und Medizin (Laut einigen wissenschaftlichen Studien hängt das gesundheitliche Verhalten der Kinder und Jugendlichen von deren sozial- ökonomischen Lebensbedingungen stark ab. Das niedrige Einkommen, schlechte Wohnverhältnisse, eine mangelnde Infrastruktur bedeuten weniger Chancen auf einen gesunden Lebensstil)7,
4) die Mediensoziologie (Jedes Individuum braucht und hat Recht auf einen freien Zugang zu Information und Wissen. Wenn dies nicht geschieht und die Zugangsmöglichkeiten eingeschränkt bzw. beeinträchtigt sind, kann man über die soziale Ungerechtigkeit sprechen. In diesem Fall wirken Informationen als gesellschaftliches Stratifizierungsinstrument8,
5) die Wirtschaftssoziologie (Die wirtschaftlichen Handlungen und deren Einfluss auf die sozialen Beziehungen sowie die Verteilung von Einkommen bzw. Vermögen in der Gesellschaft und die daraus resultierende sozial-ökonomische Ungleichheit bilden den Kern der Wirtschaftssoziologie).9

1.3 Soziologische Relevanz der ausgewählten Problematik

Aus den fünf oben dargestellten Forschungsgebieten stellt der bildungssoziologische Aspekt das meiste Interesse für die vorliegende Arbeit dar. Von Butterwegge wurde die Bildung ein „Allheilmittel für die Hauptübel unserer Zeit“ bezeichnet worden. Gerade die Bildung soll das Problem der sozialen Ungleichheit lösen bzw. spürbar lindern.10

Die zweite Hälfte des 20. und der Anfang des 21. Jahrhunderts können als Zeitalter des sozialen Wandels und der Bildungsexpansion genannt werden. Für die Bildungsexpansion steht eine rasante Ausdehnung des Bildungswesens: der Ausbau von Bildungseinrichtungen, die Schaffung neuer Studiengänge, das immer höhere Engagement der jungen Menschen in der Recherche, usw. Die Rückseite dieses Expansionsprozesses besteht in einer nicht proportionalen Verteilung der Bildungschancen; dabei haben die Schichtzugehörigkeit bzw. ökonomische Möglichkeiten immer häufiger eine entscheidende Bedeutung.11

Die Untersuchung konzentriert sich auf den Zusammenhang von Bildung und sozialer Teilhabe in der modernen Gesellschaft und insbesondere auf die von der Herkunft und dem sozialen Status bedingten Bildungschancen der Deutschen.

Die Aktualität und die soziologische Relevanz der untersuchten Problematik besteht darin, dass die Bildung das Fundament für die individuellen Lebenschancen darstellt. Bereits in den 60er Jahren gehörten sozial-familiäre Kontexte sowie ökonomische Ressourcen des Elternhauses zu den Schwerpunkten der soziologischen Forschung.12

Der Überblick über den Forschungsstand hat gezeigt eine „im internationalen Vergleich skandalöse“ Bildungsungleichheitssituation. Bereits 1964 hat Picht über „die deutsche Bildungskatastrophe“13 geschrieben. Die Situation hat sich seit jener Zeit trotz zahlreicher Reformen wenig verändert; heutzutage weisen viele Gelehrte auf die „Illusion der Chancengleichheit“ in der deutschen Bildung hin.14

1.4 Zielsetzung

Die Arbeit hat folgende Ziele zu erreichen:

-die Begriffe soziale Ungleichheit und soziale Bildungsungleichheit zu erläutern,
- die Korrelation zwischen der sozialen Herkunft und der sozialen Ungleichheit festzustellen,
- die Ursachen der sozialen Ungleichheit in der Bildung herauszufinden,
- die aktuelle Situation in der deutschen Bildung bezüglich der sozialen Ungleichheit zu beleuchten,
-die möglichen Lösungen bzw. Perspektiven zu identifizieren.

1.5 Fragestellung

Auf Grund der Zielsetzung ließ sich die Fragestellung der Untersuchung festlegen:

1. Worin äußern sich die soziale Ungleichheit?
2. Hat die Bildung in Deutschland eine schichtspezifische Natur? Womit ist diese Tatsache verbunden?
3. Welche Konsequenzen hat ein mangelnder Bildungszugang für ärmere
Bevölkerungsschichten?
4. Worin bestanden die von der Bundesregierung implementierten Bildungsreformen für die
Überwindung der sozialen Ungleichheit? Waren sie effektiv?
5. Wie können die sozialen Ungleichheiten in der deutschen Bildung gelöst werden?
6. Sind der Zugang und der Erwerb von Bildung in Deutschland durch den sozial- ökonomischen Status bzw. das soziale Prestige geprägt oder basieren sie auf den ausschließlich meritokratischen Prinzipien?

2 Theoretischer Hintergrund: Die soziale Ungleichheit als spezifisches Merkmal des deutschen Bildungswesens

2.1 Soziale Ungleichheit: Begriffserläuterung

Was steht unter dem Begriff soziale Ungleichheit? Für Gillen, Elsholz, Meyer bedeutet der Begriff „die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die daraus resultierenden unterschiedlichen Möglichkeiten zur Teilhabe an dieser“.15

Die soziale Ungleichheit lässt sich in diverse Dimensionen einteilen. Dazu gehören: das Einkommen bzw. Vermögen, der Bildungsgrad, die Erwerbstätigkeit, das berufliche Prestige, etc. Nicht alle Dimensionen hatten zu verschiedenen Zeiten das gleiche Gewicht. So war die Bildung im Mittelalter für die meisten Individuen nicht wichtig; im 21. Jahrhundert ist sie dagegen zur wichtigsten Dimension der sozialen Ungleichheit geworden.16

Im internationalen Vergleich gibt es bezüglich der sozialen Ungleichheit (auch soziale Ausgrenzung und Armut genannt) unterschiedliche Theorietraditionen: Im englischsprachigen Raum wird der Begriff underclass gebraucht, die französischen Gelehrten ziehen das Wort exclusion vor. Alle diese Begriffe beziehen sich auf die soziale Dimension, die sowohl materielle Herausforderungen als auch die soziale Lage der Individuen umfasst.17

Der Terminus soziale Ausgrenzung ist relativ neu und ist eher auf die politische Dimension sozialer Probleme angeknüpft. Er hat vor allem im Bereich der europäischen Armutspolitik Anwendung gefunden, insbesondere wenn es sich um Benachteiligungen im Bildungs- bzw. Gesundheitswesen handelt.18

2.2 Schichtspezifische Bildung: Ursachen und Mechanismen

Die heutige Gesellschaft ist eine Bildungsgesellschaft, in der die Bildung zu den grundlegenden Menschenrechten und den „wesentlichen Elementen der Demokratisierung“ gehört.19 Da sich im Kern des Bildungswesens das Konzept der Chancengleichheit im Sinne des meritokratischen Prinzips findet, dürfen Faktoren der sozialen Ungleichheit (Gender, Migrationshintergrund, soziale Schicht, etc.) keinen Einfluss auf den Bildungszugang bzw. – verlauf haben. Dementsprechend sollen Bildungserfolge ausschließlich auf individuelle Fähigkeiten und Leistungen angewiesen sein.20

Trotzdem haben immer noch nicht alle Gesellschaftsmitglieder einen gleich gerechten Zugang zur Bildung; die „soziale Selektivität des Bildungsgeschehens“ hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Konflikte sowie Spannungen und Ungleichheiten geschaffen.21

Wie äußert sich die soziale Ungleichheit in der Bildung ? Brake und Büchner haben eine Analogie zwischen der schichtspezifischen Bildung und der materiellen Armut bzw. dem materiellen Reichtum durchgeführt. Als „bildungsreich“ wurden die Absolventen höherer Bildungsgänge bezeichnet, die „Bildungsarmen“ sind dagegen diejenigen, die „die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen haben“. Als Folge haben die Vertreter der letzteren Gruppe niedrige bzw. keine beruflichen Kompetenzen erworben und gelten laut den PISA-Studien als „funktionale Analphabeten“.22

Auch Van Essen hat einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Schulerfolgen der jungen Menschen betont. Von mehreren empirischen Studien wurde bestätigt, dass die Kinder der ärmeren Eltern in der Regel weniger Fortschritte in der Schule machen und schlechtere Kenntnisse aufweisen als ihre „Kollegen“ aus einkommensstarken Familien.23

[...]


1 Burzan, 2010, S. 536

2 Vgl. Solga, Berger, Powell, 2009, S. 11

3 Vgl. Schneider, 2019

4 Kreckel, 2004, S. 13

5 Vgl. Pielage, Pries, Schultze, 2012, S. S. 7

6 Durkheim zitiert nach Kupfer, 2011, S. 160

7 Vgl. Sind Kinder wohlhabender Eltern gesünder?, 2009, S. 9

8 Vgl. Lenz, Zillien, 2005, S. 237

9 Vgl. Mikl-Horke, 2016, S. 89

10 Butterwegge, 2010, S. 9

11 Vgl. Geißler, 2014

12 Vgl. Becker, 2000, S. 451

13 Picht zitiert nach Geißler, Weber-Menges, 2010, S. 155

14 Geißler, Weber-Menges, 2010, S. 155

15 Gillen, Elsholz, Meyer, 2010, S. 25

16 Vgl. Soziale Ungleichheit: Grundbegriffe, 2012

17 Vgl. Huster, Boeckh, Mogge-Grotjahm, 2008, S. 13

18 Vgl. Schütte, 2013, S. 13

19 Bildungsgesellschaft, 2013

20 Vgl. Hadjar, Hupka-Brunner, 2013, S. 7

21 Brake, Büchner, 2011, S. 11

22 Brake, Büchner, 2011, S. 18

23 Vgl. Essen, 2013, S. 13

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Details

Titel
Die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen. Eine Ursachenforschung
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Soziologie)
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V490297
ISBN (eBook)
9783346025852
ISBN (Buch)
9783346025869
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ungleichheit, bildungswesen, eine, ursachenforschung
Arbeit zitieren
Fatma Degirmenci (Autor:in), 2019, Die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen. Eine Ursachenforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490297

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