„diktieren“: unter diktieren versteht man das Vorlesen oder Vorsprechen eines Textes, welcher dann nach Gehör schriftlich festgehalten wird. „Diktat“: die gesamte Veranstaltung des Diktierens und Niederschreibens samt ihrem Ergebnis Das Diktat ist „einer der schwierigsten Fertigkeiten“ in der Schule „da es sich dabei um einen Systemwechsel- und Transkodierungsprozess handelt, bei dem bestimmte sprachliche Einheiten von der auditiv-phonetischen in die optisch-praphemische und schließlich in die schreibmotorische Ebene transportiert werden müssen. Außerdem ist der Schreibende genötigt, vor allem von den individuellen, dialektalen und bis zu einem gewissen Grade auch von den prosodischen und sonstigen verboakustischen Färbungen des Diktats zu abstrahieren.“ 1 Das Diktat ist eine besondere Form des Niedergeschriebenen von Gehörtem. Es ist eine absolute Sonderform, die der Handlung von niedergeschriebenem Gedankengut nicht nachkommt. Es wird beim Diktat weder die Sensibilisierung von Fehlerwahrnehmung geschult, noch Rechtschreibsicherheit aufgebaut. Rechtschreibfähigkeit definiert sich durch folgende Punkte2:
1. Möglichst viele verschiedene im Unterricht bereits gelernte Wörter in Textzusammenhängen richtig schreiben zu können.
2. Möglichst viele verschieden noch nicht gelernte Wörter durch orthographisches Denken ableiten zu können.
3. Möglichst viele nicht durch Rechtschreibstrategien in ihrer Schreibung ermittelbare Wörter in einem Wörterbuch rasch aufzufinden und dann richtig schreiben zu können.
Das Diktat liefert nach o.g. Kriterien für Rechtschreibfähigkeit keine objektive Beurteilung der Rechtschreibsicherheit, da:
1. Das Wortmaterial so begrenzt ist, dass die Ermittlung der verschiedenen Wörter, die ein Mensch richtig schreiben kann, niemals erbracht werden kann.
2. Diktate Auskunft darüber geben, was vorher im Unterricht erlernt wurde und somit eine Beurteilung der angewandten Strategie unmöglich wird.
3. Der Prozess des Nachschlagens überhaupt nicht angewandt wird.
4. Diktate keine Auskunft darüber geben, über welchen Schreibwortschatz der Schreibende verfügt, über welche eine solch orthographische Messung überhaupt verglichen werden kann.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Fachdidaktische Kritik an Diktat und Aufsatz
1.1. Diktatkritik
1.2. Aufsatzkritik
2. Alternativen
2.1. Alternativen zur gängigen Rechtschreibdidaktik
2.2. Zur gängigen Aufsatzdidaktik
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit analysiert kritisch die herkömmlichen Leistungsüberprüfungsformen im Fach Deutsch – namentlich Diktat und Aufsatz – und stellt alternative, prozessorientierte Unterrichtsmodelle vor, um eine ganzheitlichere Kompetenzentwicklung zu fördern.
- Kritische Analyse der Diktatdidaktik und ihrer Defizite bei der Rechtschreibförderung.
- Untersuchung der Schwächen aktueller Aufsatzpraxis und deren fehlender Realitätsnähe.
- Vorstellung alternativer Rechtschreibübungen (z.B. Zwei-Stufen-Diktat).
- Konzeptentwicklung für den "mehrstufigen Aufsatz" mit Fokus auf Prozessbegleitung.
- Förderung überfachlicher Kompetenzen wie Teamarbeit und Selbstorganisation.
Auszug aus dem Buch
1.2. Aufsatzkritik
Der Aufsatz ist eine nur in der Schule vorkommende Schreibaufgabe, die innerhalb einer bestimmten Zeit ohne zulässige Hilfsmittel bewältigt werden muss. Der Aufsatz, wie er in der Schule praktiziert wird, hat nichts zu tun mit der außerschulischen Praxis. Dort hat jeder Autor die Möglichkeit zu recherchieren, sein Script mehrfach zu überarbeiten, Abstand zu dieser gewinnen, indem man diese mehrere Tage oder Wochen „links liegen“ lässt.
Vor allem liegt jedem Niederschrieb eine vorausgegangene Wissengenerierung vor, aus Magazinen, Fachzeitschriften, dem Internet oder bei entsprechenden Spezialisten. Kein Autor außerhalb der Schule schreibt einen Text unvorbereitet, welcher dann später dem breiten Publikum unterbreitet werden soll.
Dieses bleibt Schülern in der gängigen Aufsatzpraxis vorenthalten. So werden dann auch kontroverse Themen stereotyp und pauschal abgehandelt, ohne Hintergrundwissen wird ein Thema erörtert, die Folge: das Niveau liegt selten über dem des „Stammtischgeschwätzes“.
Auch muss die Bewertung des Aufsatzes kritisch betrachtet werden, da mehrere Faktoren die Bewertung durch den Lehrer beeinflussen können: Halo – Effekt / Pygmalion – Effekt (Vorurteile / festgefahrenes Erwartungsprofil), persönliche Vorlieben des Bewerters, das Ansetzen einer zu hohen Meßlatte (intersubjektive Maßstab), Form des Aufsatzes blendet/verdeckt (mögliche Qualitäten) → Überbewertung von Oberflächenmerkmalen, Reihenfolge bei der Korrektur.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fachdidaktische Kritik an Diktat und Aufsatz: Dieses Kapitel legt die theoretischen Schwachstellen klassischer Prüfungsformate offen, indem es aufzeigt, dass Diktate und traditionelle Aufsätze den tatsächlichen Schreibprozess nur unzureichend abbilden.
2. Alternativen: Hier werden prozessorientierte Methoden vorgestellt, die den Schülern mehr Raum für eigenständige Strategien, Überarbeitung und den Erwerb überfachlicher Kompetenzen bieten.
Schlüsselwörter
Fachdidaktik, Diktatkritik, Aufsatzkritik, Rechtschreibdidaktik, Prozessorientierung, Schreibaufgabe, Leistungsbeurteilung, Kompetenzentwicklung, Mehrstufiger Aufsatz, Lernzielkontrolle, Zwei-Stufen-Diktat, Schreibstrategien, Fehleranalyse, Unterrichtsmethoden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Defizite traditioneller Leistungsüberprüfungen im Deutschunterricht und plädiert für methodische Alternativen, die den Schreibprozess in den Mittelpunkt stellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Kritik an der Diktatpraxis, die Analyse der schulischen Aufsatzdidaktik sowie die Entwicklung innovativer, kompetenzorientierter Unterrichtsverfahren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass herkömmliche Diktate und Aufsätze oft nur produktorientiert sind, und durch prozessorientierte Alternativen eine fundiertere und realistischere Leistungsbewertung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf fachdidaktische Argumentationsketten und die Analyse bestehender Konzepte, ergänzt durch Verweise auf einschlägige fachwissenschaftliche Basisartikel und Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Kritik an Diktaten und Aufsätzen sowie die Vorstellung spezifischer Alternativen wie das "Zwei-Stufen-Diktat" oder den "mehrstufigen Aufsatz".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Fachdidaktik, Prozessorientierung, Schreibstrategien und Kompetenzentwicklung geprägt.
Wie unterscheidet sich der "mehrstufige Aufsatz" vom klassischen Aufsatz?
Der mehrstufige Aufsatz integriert Recherche, Vorbereitung, Überarbeitung und Prozessbegleitung, während der klassische Aufsatz als isolierte, meist unvorbereitete Prüfungssituation angelegt ist.
Warum wird die Fehlerzählung beim Diktat kritisiert?
Die Fehlerzählung wird kritisiert, da sie lediglich quantitativ erfolgt, die Qualität der Fehler und die dahinterliegenden Lernprozesse jedoch ignoriert.
Welche Rolle spielt die Gruppenarbeit im vorgestellten Konzept des mehrstufigen Aufsatzes?
Die Gruppenarbeit dient der gemeinsamen Wissensgenerierung und Strukturierung, wobei durch Checklisten und Arbeitsberichte sichergestellt werden soll, dass der Lernprozess konstruktiv und zielgerichtet verläuft.
- Quote paper
- Diplom-Pädagoge Kai Strepp (Author), 2000, Die fachdidaktische Kritik an Diktat und Aufsatz im Fach Deutsch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49029