Religiöser Fundamentalismus. Betrachtung der jüdischen Siedlungsbewegung


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Fundamentalismus - Definition eines diffusen Begriffes

2 Fundamentalismus als Kategorie der Beschreibung religioser Konflikte - Das„Fundamentalism Project"

3 Exkurs: Beschreibung der judischen Siedlungsbewegung und des Nahostkonflikts

4 Analyse der judischen Siedlungsbewegung unter den Gesichtspunkten des „Fundamentalism Project"

Fazit

Quellen- und Litertaturverzeichnis

Einleitunq

„The term „fundamentalism“ probably tells us more about the views of the person using the term than about the nature of the thing that receives the negative label. In public debates and everyday conversation, the term „fundamentalism“ is used widely simply to name persons or attitudes that we do not like".1

Der Terminus Fundamentalismus erfreut sich vor allem in gegenwartig gefuhrten Debatten nach wie vor einer groGen Beliebtheit. Genauere Erklarungen des Begriffes bleiben dabei aber haufig aus. Wie der norwegische Religionshistoriker Torkel Brekke im eingangs angefuhrten Zitat beschreibt, wird er haufig dann verwendet, wenn es etwa darum geht, grausame Terroranschlage mit dem Pradikat ruckstandig und abscheulich zu versehen. Dieser Automatismus birgt die Gefahr, tatsachlichen Ursachen zu verschleiern und fur eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik hinderlich zu sein. Und obwohl dieser Fakt „in der jungeren Wissenschaft zu Tendenzen gefuhrt (hat), den Begriff zu meiden oder gar explizit abzulehnen"2 ist die Haufigkeit seiner Verwendung dennoch ungebrochen. Vor allem, wenn es sich um Anschlage im Namen des Islams handelt, wird schnell vom islamischen Fundamentalismus gesprochen, der dann auf den Islam als solches projiziert wird und letztlich die These beinhaltet, der Islam sei im Kern eine fundamentalistische Religion, die sich nicht mit westlichen Werten in Einklang bringen lieGe.Folgende Hausarbeit verfolgt das Ziel den Begriff des Fundamentalismus naher zu beschreiben. Geschehen soll dies anhand der Frage, ob die judische Siedlungsbewegung im Nahostkonflikt als fundamentalistisch bezeichnet werden kann. Trotz der Komplexitat des Konfliktes soll auch die Erkenntnis gewonnen werden, ob sich der Terminus Fundamentalismus als Konzept zur Beschreibung religioser Konflikte uberhaupt eignet. Zuallererst werden die Grundlagen und die Historie des Begriffs skizziert. AnschlieGend soll das maGgeblich auf den Ergebnissen von Martin E. Marty und R. Scott Appleby aufbauende „Fundamentalism Project" vorgestellt werden, mit dem eine genauere Einordnung der judischen Siedlungsbewegung im Nahostkonflikt moglich ist. In einem abschlieGenden Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse nochmals reflektiert.

1.) Fundamentalismus - Definition eines diffusen Begriffes

Der Begriff des Fundamentalismus gehort, trotz seiner vermeintlichen Allgegenwartigkeit, zu den am schwierigsten zu definierenden Begriffen. Vor allem die trennscharfe Abgrenzung etwa zu Konservatismus, Traditionalismus oder Ultra- Orthodoxie fallt schwer. Dabei kann es hilfreich sein, sich zunachst die Entstehungsgeschichte des Terminus Fundamentalismus vor Augen zu fuhren.

Die religionsgeschichtlichen Wurzeln des Begriffes liegen in der protestantischen Fundamentalismusbewegung in den USA. Besonders hervorzuheben ist hierbei die zwischen 1910 und 1915 erschienene Schriftenreihe „The Fundamentals: The Testimony to the Truth", welche vom Bible Institute of Los Angeles herausgegeben wurde und in Millionenauflage erschien. Die Veroffentlicherlnnen sahen die amerikanische Kultur insgesamt bedroht, lehnten eine liberale Auslegung der Bibel strikt ab und erhoben die Forderung „zu den Wurzeln der Bibelexegese zuruckzukehren Das Beispiel der amerikanischen Fundamentalismusbewegung zeigt deutlich eine der entscheidenden Grundlagen des Fundamentalismus. Alle Bewegungen eint das Gefuhl einer wahrgenommenen Bedrohung. Im Falle des Beispiels sind dies vor allem die Herausforderungen des christlichen Glaubens durch moderne naturwissenschaftliche Theorien, wie etwa die von Charles Darwin forcierte Evolutionstheorie. Diese stellen nicht etwa nur einzelne Teile der christlichen Schopfungsgeschichte in Frage, sondern den christlichen Glauben an sich. So wird Fundamentalismus auch als „ein ruckwartsgewandter Protest gegen Zumutungen der Moderne wie etwa Demokratie und Liberalitat, urbane Lebensformen und Sakularisierung gesehen"3 4. Die Fortschrittskritik wird dabei von der Strategie des Kompromisslosen, des Unbedingten und des Absoluten begleitet, was eine Argumentation mit gegenlaufigen Meinungen erschwert beziehungsweise ganzlich unmoglich macht. Die Herausforderungen der Moderne stellen fur den jeweiligen Glauben also einen Angriff auf die jeweiligen Fundamente dar, die folglich mit einer Flucht hin zu ebendiesen beantwortet wird. Fundamente dienen zugleich als Orientierungshilfe und Wertesystem in einer als unubersichtlich und tendenziell feindlich wahrgenommenen Umwelt.

Fundamentalismus kann nach Torkel Brekke somit als „a struggle of religious groups and individuals to halt and reverse what is seen as the negative side of modernity" bezeichnet werden, der aufgrund des inharenten Anspruchs der Kompromisslosigkeit auch mit den Mitteln der Gewalt gefuhrt wird.5 Dabei sei es nach Ansicht des Autors auch wichtig, eine Spezifizierung bei der Beziehung zwischen dem Begriffspaar Religion und Moderne vorzunehmen. Hierbei unterscheidet er zwischen linear changes und cyclical changes innerhalb religioser und ideologischer Organisationen. Wahrend zyklische Veranderung uber Jahre hinweg immer wieder auftreten und Veranderungen im System nach sich ziehen, sei Fundamentalismus vielmehr eine Reaktion auf lineare Veranderungen, die, ausgelost durch die Moderne, hervorgerufen werden und das System an sich in Frage stellen.6 Wichtig erscheint zudem die Frage, welche Fundamente es genau sind, die gegen die Moderne verteidigt werden mussen. Klaus Kienzler etwa sieht Religionen als Sinnsysteme mit bestimmten Gottesbildern. Sie seien daruber hinaus Offenbarungssysteme, einerseits durch schriftliche Uberlieferung (z.B. Bibel, Koran) oder andererseits durch mundliche Uberlieferung (Tradition). Orthodoxie (Rechtglaubigkeit der AnhangerInnen) sowie Orthopraxie (das rechte und autorisierte Handeln in der Religionsgemeinschaft) seien ebenfalls zu den Fundamenten zu zahlen.7 Besonders in Zeiten der Globalisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung vieler Lebensbereiche werden die Fundamente dieser Sinnsysteme zuruckgedrangt. Es gilt zudem festzuhalten, dass die bloGe Existenz dieser Fundamente noch kein Automatismus hin zu Fundamentalismus bedeutet. Anders ausgedruckt: Keine Religion ist im Kern fundamentalistisch. Erst in der Auseinandersetzung mit Phanomenen der Modernisierung und Andersglaubigen entspringt aus Religion Fundamentalismus. Fundamentalistische Bewegungen verfolgen das Ziel, totalitare Anspruche durchzusetzten und gegen die vermeintliche Gefahr des Pluralismus, wie er als Merkmal (moderner) westlicher Staaten gesehen wird, anzukampfen. Dieser Antipluralismus birgt die groGte Gefahr, die von fundamentalen Bewegungen ausgeht. 1st dieser Kampf nicht moglich, kann Religion zur „Fluchtburg" werden, in die sich Glaubige zum Schutz vor ihrer Umwelt zuruckziehen.8

Das Kapitel verdeutlicht, wie schwer es ist, den Begriff Fundamentalismus zu definieren und abzugrenzen. Fundamentalismus entsteht vor allem durch modernitatsbedingte lineare Veranderungen, welche die Fundamente einer als Sinnsystem dienenden Religion im Kern bedroht. Als Merkmale fundamentalistischer Bewegungen kann die wahrgenommene Bedrohungslage, der Antipluralismus, das geschlossene Weltbild und das damit einhergehende totalitare Potenzial gesehen werden. Eine brauchbare Definition liefern Marty und Appleby. Sie bezeichnen Fundamentalismus als „eine distinkte Richtung - eine Art Denkhabitus und Verhaltensmuster [...], die sich innerhalb moderner religioser Gemeinschaften findet und in bestimmten reprasentativen Personlichkeiten und Bewegungen verkorpert ist. Diese sehen sich im „Belagerungszustand" und „versuchen, ihre unverwechselbare Identitat als Volk oder Gruppe zu bewahren".9

2.) Fundamentalismus als Kategorie der Beschreibunq religioser Konflikte - Das „Fundamentalism Project"

Zwar genugen Definitionen wie die von Kienzler oder Marty und Appleby zur Beschreibung von Fundamentalismus im Allgemeinen. Zur Analyse von fundamentalistischen Bewegungen greifen sie jedoch zu kurz. Aus diesem Grund soll auf die Ergebnisse des „Fundamentalism Project" zuruckgegriffen werden, um eine spatere Untersuchung der judischen Siedlungsbewegung zu leisten. Das „Fundamentalism Project" wurde 1988-1995 durchgefuhrt und dabei maGgeblich von Martin E. Marty und Scott R. Appleby geleitet. Unterstutzt durch die American Academy of Arts and Sciences erklarten sich uber 150 Wissenschaftler bereit, das weltweite Phanomen fundamentalistischer Bewegungen zu untersuchen. In Bezug auf ideologische und organisatorische Charakteristika solcher Bewegungen, fasst Jens Giersdorf die Ergebnisse des „Fundamentalis Project" ubersichtlich zusammen.10 Als erstes ideologisches Merkmal fundamentalistischer Erscheinungsformen kann Reactivity gezahlt werden.

[...]


1 Vgl. Brekke, Torkel (2012): Fundamentalism. Prophecy and Protest in an Age of Globalization. Cambridge: University Press, S. 3.

2 Vgl. Prutsch, Markus J. (2007): Fundamentalismus. Das „Projekt Moderne" und die Politisierung des Religiosen. Wien: Passagen Verlag, S. 55.

3 Vgl. Jaschke, Hans-Gerd (2011): Fundamentalismus: Definition eines alten Phanomens. In: Pelinka, Haller (Hg.): Fundamentalismus. Aktuelle Phanomene in Religion, Gesellschaft und Politik. Wien: Braumuller, S. 20.

4 Vgl. Jaschke (2011), S.31.

5 Vgl. Brekke, Torkel (2012, S. 17.

6 Vgl. Brekke, Torkel (2012), S. 17f.

7 Vgl. Kienzler, Klaus (1996): Der religiose Fundamentalismus. Christentum, Judentum, Islam. Munchen: C. H. Beck, S. 20.

8 Vgl. Kienzler, Klaus (1996), S. 22.

9 Vgl. Marty, Martin E.; Appleby, R. Scott (1996): Herausforderung Fundamentalismus: Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne. New York: Campus Verlag, S. 45.

10 Vgl. Giesdorf, Jens (2002): Fundamentalismus als soziale Bewegung: Eine analytische Reflexion am Beispiel des national-religiosen judischen Siedlerfundamentalismus in Israel/Palastina. Berlin: Verlag Dr. Koster, S. 107 - 114.

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Details

Titel
Religiöser Fundamentalismus. Betrachtung der jüdischen Siedlungsbewegung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V490372
ISBN (eBook)
9783668967526
ISBN (Buch)
9783668967533
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Konflikte, Religiöse Konflikte, Fundamentalismus, Radikalisierung, Nahostkonflikt, Israel, Siedlungsbewegung, Zionismus, Palästina, Hebron
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Religiöser Fundamentalismus. Betrachtung der jüdischen Siedlungsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490372

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