Die deutsche Orthographie. Ihre Geschichte und die Prinzipien, die sie zur allgemeinen Norm machten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichte der deutschen Orthographie
2.1 Vorgeschichte bis zum 16. Jahrhundert
2.2 Das 16. Jahrhundert
2.3 Das 17. Jahrhundert
2.4 Das 18. Jahrhundert
2.5 Das 19. Jahrhundert
2.6 Das 20. Jahrhundert

3 Fazit

4 Bibliographie

1 Einleitung

Orthographie ist definiert als die graphische Repräsentation von Sprachzeichen und sichert in unserer Gesellschaft die einheitliche Schreibweise und verhindert dass es zu Kommunikationsproblemen in der Rezeption von Texten kommt. Gewisse Prinzipien haben sich im Laufe der Zeit entwickelt, damit die Orthographie ein logisches System bildet, welches für jeden nachvollziehbar ist und wodurch nicht jedes Wort einzeln orthographisch beschrieben und festgelegt werden muss. Diese angesprochenen Prinzipien lassen sich unterteilen in phonetisch-phonematisch, morphologisch, symbolisches, historisches und etymologisches Prinzip. Viele Sprachwissenschaftler argumentieren im Bezug auf die Regeln der Orthographie, dass graphemische Repräsentationen aus der Lautstruktur abgeleitet werden sollten.1

Sprache muss in diesem Kontext klar zu Schrift abgegrenzt werden, da die Schrift sich aus der gesprochenen Sprache entwickelt hat. Schrift einer Sprache ist dazu da, um den optischen Austausch von Informationen in der Gesellschaft, auch über mehrere Jahre, zu sichern und Orthographie ist dazu da, um jedem anhand der Regeln ein einwandfreies Rezipieren des Textes zu ermöglichen. Vier Entwicklungsstufen bei der Verschriftung einer Sprache sind vor allem zentral: Zu aller erst ist es wichtig, das allgemeine muttersprachliche Material einem spezifischen Schriftbild zuzuordnen (Wortschrift). Als nächstes werden wiederkehrende silbenartige Elemente analysiert, die bestimmten Schriftzeichen zugeordnet werden (Silbenschrift). Darauf folgt der Versuch mit einem begrenzten Kontingent aus Schriftzeichen lautliche Sprache zu umschreiben und voneinander zu trennen (Buchstabenschrift). In einem letzten Schritt geht es dann darum die schriftliche und lautliche Entsprechung abzugleichen (Lautschrift).2

Obwohl die Notwendigkeit einer einheitlichen Schrift von Schulen und Ämtern lange gefordert wurde, beginnt erst mit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und mit dem Aufkommen des Buchdrucks eine wahre Welle an „Rechtschreibbüchlein“ und Grammatiken.3 Dennoch wird es von da an noch einige Zeit dauern, bis sich die Politik hinter eine Vereinheitlichung der Schriftsprache stellt und bis sich die gelehrten einig werden, welche Prinzipien sie in die Reformen einfließen lassen wollen. Dies zu umreißen ist die Aufgabe dieser Hausarbeit.

2 Geschichte der deutschen Orthographie

2.1 Vorgeschichte bis zum 16. Jahrhundert

Das Wort „Orthographie“ stammt aus dem griechischen und besteht aus orthos (=richtig) und graphem (=schreiben). Orthographie ist im heutigen Sprachgebrauch auch ein Synonym zu Rechtschreibung. Der Weg zum „richtig schreiben“ war lang und wurde von Individuen (Adelung, Duden etc.), Institutionen (mittelalterliche Schreibschulen) und vor allem der immer stärker literarisierten Sprachgemeinschaft in Deutschland, Österreich und Schweiz geprägt.4 Die ältesten Texte in deutscher Sprache, auf die wir heute Zugriff haben stammen aus dem 8. Jahrhundert, wobei die Christianisierung Thema vieler Texte war und meist Mönche diese Texte in ihrer Regionalsprache verfassten. Karl der Große soll zu seiner Zeit schon für eine Vereinheitlichung der Orthographie gestanden haben und zur Zeit des Frühmittelalters hat Notker von St. Gallen schon phonetisch-phonologische Beobachtungen zum Schreiben verwendet. Im Jahr 1235 erscheint dann das erste Reichsgesetz in deutscher Sprache und bis 1300 erscheinen neben lateinischen Urkunden endlich auch Urkunden in deutscher Sprache. Neben dem anhaltenden Prinzip die Schriftsprache auf die gesprochene Sprache zu beziehen gibt es auch erste Anfänge von Satzzeichen und Großschreibung am Satzanfang bzw. am Vers- und Strophenanfang und zu Beginn von Absätzen. Der große Durchbruch für die „Verschriftlichung des sprachlichen Lebens“ war die Erfindung des Buchdrucks um 1450 von Gutenberg. Durch die günstiger und schneller produzierten Bücher wurde eine breitere Masse erreicht und nicht nur die Adeligen hatten Zugang zum geschriebenen Wort. Durch den Buchdruck begann auch der Einfluss der Drucker, die mit sogenannten Druckersprachen Einfluss auf die Rechtschreibung nahmen. Politisch-religiöse Debatten und Reformationen konnten nun eher stattfinden und das Volk wurde auch wirklich erreicht. Martin Luther prägte das Frühneuhochdeutsche durch seine Arbeiten entscheidend. So waren im Rekordjahr 1520 etwa 40% aller gedruckten Werke von Luther. Er verstand sein Handwerk gut und hatte neben einer Ausgeprägten Interpunktion, auch schon 80% aller Substantive großgeschrieben.5

2.2 Das 16. Jahrhundert

Wie bereits erwähnt war Martin Luther der Auflagenstärkste Schriftsteller des 16. Jahrhunderts und viele Bürger sahen es als eine Pflicht die Bibel nun in ihrer Muttersprache lesen zu können, wodurch Anleitungen zum richtigen Schreiben und Lesen entstanden. Trotz alledem war die vorherrschende Faustregel beim Schreiben: „Schreib, wie du sprichst!“6 Aber auch bei der Interpunktion wurde der Wunsch groß eine Vereinheitlichung durchzusetzen, um das Schreiben, Lesen und Verstehen von Texten zu erleichtern. Friedrich Riederer verfasste seiner Zeit auch schon ein Buch zur Interpunktion, doch beachtete man sein Regelwerk, wie bei vielen seiner Vorgänger, erst 100 Jahre später, da seine Regeln für die damaligen Drucker zu komplex waren. Ein erstes deutsches Regelwerk zur deutschen Orthographie, mit einem Kapitel zur Interpunktion, wurde ungefähr im Jahr 1531 von Valentin Ickelsamer veröffentlicht und konnte in der Druckerpraxis leichter übertragen werden. Ein weiteres großes Thema des 16. Jahrhunderts war die Großschreibung am Satzanfang bzw. von Substantiven. Die Regel zur Großschreibung am Satzanfang wurde sogar schon 1657 festgelegt, allerdings ist die Großschreibung im Satzinneren ein größeres Problem und zum Ende des 16. Jahrhunderts werden Titel von Schriften, Nomina sacra, geistliche Ämter/Institutionen und Themawörter großgeschrieben. Langsam zeichnete sich eine leichte Grammatikalisierung ab.7

2.3 Das 17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert tobt der Dreißigjährige Krieg und schadet der Gesellschaft auf vielen Lebensgebieten. Das Lateinische wurde stark in Frage gestellt und die deutsche Sprache wurde intensiver erforscht. Es wurde nicht nur auf der grammatikalisch-normativen Ebene geforscht, sondern auch auf der Ebene des Erhalts der deutschen Sprache. Sprachpuristische Wellen zur Entfernung der Fremdwörter aus dem deutschen Sprachgebrauch setzen ein und Sprachgesellschaften entstanden. 1612 fordert Wolfgang Ratke den „muttersprachlichen Unterricht“ und im Zuge dessen wird das Bemühen nach einem „grundlegenden“ Deutsch immer größer. In Deutschland sind zwei Richtungen für das grundlegende Deutsch ausschlaggebend: die „meißnische“ Richtung setzt sich für die Bevorzugung des Obersächsischen ein und die Richtung des „Ausgleichs“ will einen Mittelweg zwischen Mittel- und Oberdeutsch finden.8

Im Gegensatz zum 16. Jahrhundert wird im 17. Jahrhundert vor allem Wert darauf gelegt Begründungen zu finden warum ein bestimmtes Prinzip verwendet wird. Dennoch blockiert der Förderalismus in Deutschland die hochsprachliche Normfindung immens. Die „Fruchtbringende Gesellschaft“, eine der damaligen Sprachgesellschaften, gab Christian Gueintz den Auftrag ein Buch zur deutschen Grammatik zu schreiben, allerdings war er Ostmitteldeutscher und sah das Meißnische als das „richtige“ Deutsch an. Da dies offensichtlich zu Problemen führt, entbrannte ein regelrechter Gelehrtenstreit, sogar innerhalb der fruchtbringenden Gesellschaft. Heinrich Caninius war zu Beginn des Jahrhunderts dann der erste Autor, der das Etymologische Prinzip einführte, welches von Rudolf Sattler 1607 weiterentwickelt wurde. Er legte drei Regeln zugrunde, die heute noch Anwendung finden: „Die Schreibung der Derivata richtet sich nach den Primitiva, sowie umgekehrt, und die Schreibung des Singulars nach dem Plural.“9

Einer der größten Denker im Bezug auf Orthographie des 17. Jahrhunderts ist Justus Georg Schottel, welcher mit seinen ausführlichen prinzipiellen Überlegungen sieben allgemeine Lehrsätze formulierte, die in seinem Buch „Teutsche Sprachkunst“ auftauchen. Er folgte nicht mehr dem Prinzip der Aussprache als Richtungsgeber für Rechtschreibung, sondern formuliert die Prinzipien von „Grundrichtigkeit“ und „Gebrauch“. Ferner formulierte er die Verwendung von vier zentralen Satzzeichen plus bestimmten Sonderzeichen, wie z. B. Apostroph, Ausrufezeichen oder Klammern.10

Die ganze Debatte im 17. Jahrhundert bewegt sich die ganze Zeit um die drei Kriterien Aussprache, Etymologie und Sprachgebrauch und das Bestreben ist es eine normierte Sprache vor allem für den muttersprachlichen Unterricht zu erlangen. Die Frage die am Ende des 17. Jahrhunderts noch nicht beantwortet werden kann, ist, ob die deutsche Orthographie sich eher in die Meißnische oder Nicht-Meisnische Richtung entwickelt.11

2.4 Das 18. Jahrhundert

Die Schaffung einer einheitlichen geschriebenen Sprache ist die Aufgabe der ganzen deutschen Gesellschaft, vor allem, da nicht nur der muttersprachliche Unterricht durchgesetzt ist, sondern auch die Schulpflicht eingeführt wird und das Pressewesen entsteht. Lateinisch als Wissenschaftssprache und Französisch als Sprache der feudalen Oberschicht gerieten langsam in den Hintergrund. Ab dem Jahr 1722 ersetzt Hieronymus Freyer das bis dato am häufigsten verwendete Schulbuch „Grund-Sätze der deutschen Sprache“ mit seinem eigenen Buch „Anweisung zur Teutschen Orthographie“. In den 24 folgenden Jahren wird das Buch viermal aufgelegt und ist umfangreicher und klarer strukturiert als jedes vorangegangene Regelwerk, außerdem orientiert es sich an der meißnischen Aussprache. Im ersten Teil seines Buches stellt Freyer seine vier Hauptregeln vor: Pronuntation, Derivation, Analogie und Usus scribendi. Er formuliert auch eindeutig, dass die Interpunktion Teil der Orthographie ist und ersetzt das Virgel (Virgel = /) schlussendlich mit dem Komma. Freyers Anweisungen beziehen sich auch auf die graphische Worttrennung, bei der er das silbische Prinzip zugrunde legt, welches wir bei einer Vielzahl von Fällen noch heute verwenden.12

Ein weiterer nennenswerter Grammatiker aus dieser Zeit ist Johann Christoph Gottsched, welcher 1748 die „Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst“ veröffentlichte, und die bis 1777 in 13 weiteren Auflagen erschien. Der Unterschied zu Freyers Arbeit ist, dass Gottsched eher die soziale Oberschicht für seine Regel begeistern wollte und Hieronymus eher das Bildungsbürgertum fördern wollte. Gottscheds größte Errungenschaft war der Besuch bei Kaiserin Maria Theresia, die die deutsche Hochsprache in Österreich fördern wollte und wodurch Gottsched die Möglichkeit gegeben wurde die obersächsische Sprachform zu unterstützen und durchzusetzen. Gottscheds „Sprachkunst“ hatte großen Einfluss auf die dortige Orthographie und viele folgende Grammatiken können ihm zugeschrieben werden. Außerhalb Österreichs hielt sich Gottscheds Einfluss in Grenzen und seine sprachwissenschaftliche Wirkung nimmt schon zu seinen Lebzeiten stark ab.13

Ein weiterer großer Name, der bei der Normfindung mitgewirkt hat ist Johann Christoph Adelung (1732-1806). Adelung wollte mit seiner Arbeit den damaligen Wissensstand zusammenfassen und eine einheitliche Schriftsprache im ganzen deutschen Sprachraum schaffen. Adelung lässt sich in seinen Büchern auf keine Experimente ein, bzw. lässt auch keine Reformen zu und bewertet den aktuellen Schreibgebrauch so, dass er daraus Regeln festsetzen kann. Selbst Goethe bezieht sich in seinen Schriften auf diese vorgegebene Orthographie. Während dann im 19. Jahrhundert Gelehrte noch versuchen Reformen zu entwerfen, ist Adelungs Orthographie schon in den Schulen implementiert und reicht mit seinen Regeln und Prinzipien noch bis in die heutige Rechtschreibung.

[...]


1 Lewandowski S. 769f

2 Weisberger S. 22

3 Weisberger S. 19f

4 Scheuringer S. 9

5 Scheuringer S. 14ff

6 Scheuringer S.21f

7 Scheuringer S.22ff

8 Scheuringer S.34f

9 Scheuringer S.36 ff

10 Scheuringer S.40f

11 Scheuringer S.42f

12 Scheuringer S.47f

13 Scheuringer S.49ff

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Orthographie. Ihre Geschichte und die Prinzipien, die sie zur allgemeinen Norm machten
Hochschule
Universität Paderborn  (Kulturwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V490472
ISBN (eBook)
9783668967687
ISBN (Buch)
9783668967694
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orthographie Geschichte Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Oskar Cylkowski (Autor), 2017, Die deutsche Orthographie. Ihre Geschichte und die Prinzipien, die sie zur allgemeinen Norm machten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490472

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die deutsche Orthographie. Ihre Geschichte und die Prinzipien, die sie zur allgemeinen Norm machten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden