Die utilitaristischen Positionen bei Bentham und Mill - Kann das Nützlichkeitsprinzip als Handlungsdirektive für moralisches Handeln angewendet werden?


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der klassische Utilitarismus Jeremy Benthams
2.1. Die hedonistische Grundlage und das Prinzip der Nützlichkeit
2.2. Der hedonistische Kalkül
2.3. Das Sanktionsmodell Benthams

3. John Stewart Mills Utilitarismus
3.1. Gegenstand und Zweck des Nützlichkeitsprinzips
3.2. Die Einführung des qualitativen Aspekts
3.3. Die fundamentale Sanktion des Nützlichkeitsprinzips

4. Kritik und Schlussbetrachtung
4.1. Vorteile und Probleme in Benthams Ethik
4.2. Die Kritik an Mills Theorie
4.3. Resümee und Ausblicke

5. Quellen

1. Einleitung

Auch im aktuellen Kontext der Ethik hat der Utilitarismus (lat. utile = nützlich) nicht an Bedeutung verloren, obwohl seine Theorie mehr als 200 Jahre alt ist. Zur gleichen Zeit, als Kant seine „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) verfasste, erschien in England Jeremy Benthams Werk „An Introduction to the Principles of Moral and Legislation“ (1789). Hierin versucht Bentham ein Konzept einer Moralphilosophie zu entwerfen, indem er den Begriff „utilitarian“ (nützlich) einführt. Kants und Benthams Konzeptionen werden heutzutage als gegensätzlich betrachtet, prägen aber bis in die Gegenwart die Erörterungen darüber, wie moralische Problemstellungen und deren Lösungen ausgedrückt werden können.

Der große Unterschied beider Betrachtungsweisen besteht in den Kriterien darüber, ob eine Handlung als moralisch gut oder verwerflich betrachtet wird. Kants Ethik wird als deontologisch (griech. deon: Pflicht) bezeichnet. Hierbei werden ausschließlich Handlungen, die aus Pflicht und nicht aus Nutzen geschehen, als moralisch richtig und gut bewertet. Im Utilitarismus hingegen verfährt man teleologisch (griech. telos: Ziel), hier werden Ziele und Folgen einer Handlung ausschließlich von den zu erwartenden Konsequenzen her beurteilt. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich diese Folgen möglichst umfassend ermitteln und präzise vorhersagen lassen.[1]

Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu klären, ob und inwiefern das Nützlichkeitsprinzip beider Philosophen heutzutage als Handlungsgrundlage gelten kann. Ist es möglich, Handlungen als moralisch gut zu bewerten, die nach dem Prinzip vollzogen wurden? In den folgenden Ausführungen soll die utilitaristische Ethik anhand zweier Hauptvertreter, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, näher beleuchtet und miteinander verglichen werden.

Dafür werden im zweiten Punkt die utilitaristischen Thesen Benthams vorgestellt. Worauf baute seine Theorie auf, wie ist das Nützlichkeitsprinzip in seiner Lehre konzipiert und welche Rahmenbedingungen schafft er für das funktionieren seiner Ethik? Der dritte Punkt befasst sich mit den Positionen Mills. In welchen Punkten knüpft er modifiziert an seinen Vordenker Bentham an und was führt er zusätzlich ein, um den Kritiken an der ‚alten Theorie’ zu entgehen? Im zweiten und dritten Punkt soll zunächst rein objektiv die Ethik beider Utilitaristen beleuchtet werden. Der vierte Punkt wird sich dem folgend mit der meist geäußerten Kritik an beiden Positionen gesondert befassen und ihre Evidenz untersuchen, um in einem anschließenden Resümee die Leitfrage: „Kann das Nützlichkeitsprinzip als Handlungsdirektive für moralisches Handeln angewendet werden?“ zu erörtern.

2. Der klassische Utilitarismus Jeremy Benthams

Um die Ethik des Utilitarismus zu verdeutlichen, lassen sich einige Grundzüge beschreiben, die sich auch schon bei Bentham finden. Jedes Handeln ist hedonistisch geprägt und auf Folgen gerichtet. Es orientiert sich an einem Nützlichkeitskalkül und verbindet private mit gemeinschaftlichen Interessen. Das größte Glück der größten Zahl (Hutcheson-Prinzip) steht bei Bentham im Vordergrund.

Zum Teil adaptiert er die „Theorie of moral sentiments“ Adam Smiths, die besagt, dass eine nützliche Handlung gleichzeitig sittlich sei, verfremdet diese Idee aber stark.[2] Bentham lässt sich weiterhin als Vertreter des hedonistischen Utilitarismus einordnen. Er erkennt nur eine Form von positivem, nicht-ethischem Wert an, das Erreichen von Lust (pleasure). Hierbei identifiziert er das Erleben von Lust mit Glück und dieses wiederum mit Nutzen. Seine Philosophie korrigiert, erweitert und betrachtet diese Prinzipien differenziert. In welcher Weise dies geschieht und wie sein Utilitarismus im Detail konzipiert war, wird nachfolgend untersucht.

2.1. Die hedonistische Grundlage und das Prinzip der Nützlichkeit

„Die Natur hat die Menschen unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter - Leid und Freude - gestellt. Es ist an ihnen allein aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden. Sowohl der Maßstab für Richtig und Falsch als auch die Kette der Ursachen und Wirkungen sind an ihrem Thron fest gemacht.“ So beginnt Bentham seine „Einführung“ und beschreibt damit empirisch den Menschen.

Jedes Handeln wird von der Assoziation mit Schmerz und Lust geleitet. Unser Denken und Vorgehen vollzieht sich immer nach dieser Grundstruktur, wonach wir etwas meiden oder anstreben. Er meint, dass wir immer dieser Bestimmung unterworfen bleiben, auch wenn wir diese nicht akzeptieren wollen.[3] Hierin ist zu erkennen, dass Bentham ohne jegliche Prüfung die Grundtatsache annimmt, dass jeder Mensch zu jeder Zeit und ununterbrochen der Dominanz von Lust und Unlust unterworfen sei, was ihm viel Kritik einbrachte. Dazu aber Näheres im vierten Punkt.

In der schon erwähnten Schrift „Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung“ führt Bentham ein Kriterium zur Prüfung juristischer Regelungssysteme ein. Weder „das Naturgesetz“ noch ein „Urvertrag“ sollen als Handlungsrichtlinie sozialen oder politischen Handelns gelten, da diese vage und konfuse Vorstellungen seien. Allein das Nützlichkeitsprinzip soll zum Rechtfertigungsmaßstab werden, was Bentham in seiner Schrift zu verteidigen versucht.[4] Weiterhin ist „Unter dem Prinzip der Nützlichkeit [...] jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder mißbilligt, [...], das Glück der Gruppe, [...], zu vermehren oder zu vermindern, oder [...] dieses Glück zu befördern oder zu verhindern.“[5] Auf dieser Grundlage soll ein normatives Moralsystem begründet werden, „dessen Ziel es ist, das Gebäude der Glückseligkeit durch Vernunft und Recht zu errichten.“[6]

Das Nützlichkeitsprinzip erkennt also normativ die Tendenz jeder Handlung, Leid oder Freude zu schaffen und zu vermehren. Die Befriedung der Bedürfnisse, was das Vergrößern von Lust und das Vermindern von Leid beinhaltet, wird durch das Prinzip dahingehend gelenkt, das Glück des Individuums oder der Gruppe (Gemeinschaft) zu steigern.

„Unter Nützlichkeit ist jene Eigenschaft an einem Objekt zu verstehen, durch die es dazu neigt, Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück hervorzubringen [...] oder [...] die Gruppe [...] vor Unheil, Leid, Bösem oder Unglück zu bewahren [...].“[7] Bezüglich eines Individuums ist eine Handlung dann nützlich, wenn sie die „Gesamtsumme seiner Freuden vermehrt“, beziehungsweise die „Gesamtsumme seiner Leiden vermindert“. Auf eine Gemeinschaft bezogen sind Handlungen in dem Falle nützlich, sollten sie das Glück der Gemeinschaft eher vermehren als vermindern.[8] Das Glück des Individuums wird unter das des Kollektivs gestellt. Es ist von größtem Nutzen, wenn möglichst viele Menschen Lust empfinden. Dieses Nutzenprinzip wird im hedonistischen Kalkül ausgeführt.

2.2. Der hedonistische Kalkül

Der hedonistische Kalkül, oder auch Glückskalkül, ist ein methodisches Kalkulationsverfahren, um zu ermitteln, wie die Lust zu maximieren und das Leid zu minimieren ist. Hiermit entwirft Bentham einen rein quantitativen Hedonismuskalkül, der alle qualitativen Differenzen außer Acht lässt.[9] Höffe sagt hierzu „Gleichwohl ist sich Bentham der Mannigfaltigkeit von Freuden durchaus bewußt. Er unterscheidet - rein formal gesehen - einfache und komplexe, selbstbezügliche und fremdbezügliche, primäre und sekundäre Freuden und entwirft [...] eine reiche Palette von vierzehn Arten [...].“[10]

Bentham unterscheidet vier Quellen von Freude und Leid, eine physische, politische, moralische und eine religiöse.[11] Diese spielen im Folgenden für die Sanktionen eine Rolle. Des weiteren machen „Sieben Umstände“ den Wert einer Menge an Freude oder Leid an sich oder für einen Menschen homogen quantifiziert und messbar. Zum ersten die Intensität, weiterhin die Dauer, Gewissheit oder Ungewissheit, die Nähe oder Ferne, die Folgenträchtigkeit, die Reinheit einer Freude oder eines Leides und zuletzt das Ausmaß, also die Anzahl der Personen „[...] auf die Freude oder Leid sich erstrecken [...].“

Der fünfte und sechste Faktor ermittelt den Wert einer Freude, um die Tendenz für eine Handlung zu erkennen. Der letzte Punkt hat vor allem hinsichtlich der Gruppe die größte Bedeutung. Bentham stellt anhand der Addition des „Ausmaßes“ und des „Grades der guten Tendenzen“ eine Art Agitationsformel auf, die in einer „Bilanz“ des zu erwartenden Wohlbefindens Aussagen darüber trifft, ob allgemein gute oder schlechte Tendenzen entstehen. Wenn der Wert der Freude in überwiegendem Maße antizipiert wird, liegt in der Handlung eine potentielle gute Tendenz und so kann man sein Handeln danach ausrichten.[12] Dieses arithmetische Verfahren sollte bei jedem Beurteilungsmaßstab präsent sein, auch wenn es nicht bei jedem moralischen Urteil anwendbar ist. Es werde dann mit der Häufigkeit der Anwendung zur automatischen Praxis.[13]

Wie schon im vorherigen Punkt angedeutet, geht es Bentham besonders darum, vom individuellen auch auf den kollektiven Wert zu schließen, um so dem Vorwurf des Egoismus des Menschen zu entgehen. Ein glücklicher Mensch fügt sich in die Gesellschaft ein und wird somit auch für das Gesamtwohl nützlich. Zudem hat jedes Individuum darauf zu achten, dass sein Umfeld ebenfalls glücklich ist. Damit wird eine altruistische, also eine fast selbstlose, Position Benthams deutlich, auf die später Mill in seinen Schriften eingehen wird.

[...]


[1] Gebauer, Dietmar / Kres, Ludwig / Moisel, Joachim, Philosophische Ethik, Stark Verlag, Freising, 2002,

S. 107ff.

[2] Brück, Gerhard W., Philosophen und Denker, Panorama Verlag, Wiesbaden, 1988, S. 212.

[3] Gebauer, Philosophische Ethik, S. 109.

[4] Gil, Thomas, Ethik, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 1993, S. 95.

[5] Bentham, Jeremy, Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, in: Höffe, Otfried (Hrsg.), Einführung in die utilitaristische Ethik: Klassische und zeitgenössische Texte, Francke Verlag,

Tübingen, 2003, S. 55.

[6] Ebd., S. 55.

[7] Ebd., S. 56.

[8] Ebd., S. 57.

[9] Anzenbacher, Arno, Einführung in die Ethik, Patmos Verlag, Düsseldorf, 2001, S. 33.

[10] Höffe, Otfried, Ethik und Politik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1979, S. 125.

[11] Gil, Ethik, S. 96.

[12] Bentham, Jeremy, Utilitarismus, in: Höffe, Otfried (Hrsg.), Lesebuch zur Ethik, C. H. Beck Verlag, München, 1998, S. 237f.

[13] Gebauer, Philosophische Ethik, S. 110.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die utilitaristischen Positionen bei Bentham und Mill - Kann das Nützlichkeitsprinzip als Handlungsdirektive für moralisches Handeln angewendet werden?
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Praktische Philosophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V49051
ISBN (eBook)
9783638455954
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Positionen, Bentham, Mill, Kann, Nützlichkeitsprinzip, Handlungsdirektive, Handeln, Praktische, Philosophie
Arbeit zitieren
Jana Emkow (Autor:in), 2005, Die utilitaristischen Positionen bei Bentham und Mill - Kann das Nützlichkeitsprinzip als Handlungsdirektive für moralisches Handeln angewendet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49051

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