Auch im aktuellen Kontext der Ethik hat der Utilitarismus (lat. utile = nützlich) nicht an Bedeutung verloren, obwohl seine Theorie mehr als 200 Jahre alt ist. Zur gleichen Zeit, als Kant seine „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) verfasste, erschien in England Jeremy Benthams Werk „An Introduction to the Principles of Moral and Legislation“ (1789). Hierin versucht Bentham ein Konzept einer Moralphilosophie zu entwerfen, indem er den Begriff „utilitarian“ (nützlich) einführt. Kants und Benthams Konzeptionen werden heutzutage als gegensätzlich betrachtet, prägen aber bis in die Gegenwart die Erörterungen darüber, wie moralische Problemstellungen und deren Lösungen ausgedrückt werden können. Der große Unterschied beider Betrachtungsweisen besteht in den Kriterien darüber, ob eine Handlung als moralisch gut oder verwerflich betrachtet wird. Kants Ethik wird als deontologisch (griech. deon: Pflicht) bezeichnet. Hierbei werden ausschließlich Handlungen, die aus Pflicht und nicht aus Nutzen geschehen, als moralisch richtig und gut bewertet. Im Utilitarismus hingegen verfährt man teleologisch (griech. telos: Ziel), hier werden Ziele und Folgen einer Handlung ausschließlich von den zu erwartenden Konsequenzen her beurteilt. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich diese Folgen möglichst umfassend ermitteln und präzise vorhersagen lassen.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu klären, ob und inwiefern das Nützlichkeitsprinzip beider Philosophen heutzutage als Handlungsgrundlage gelten kann. Ist es möglich, Handlungen als moralisch gut zu bewerten, die nach dem Prinzip vollzogen wurden? In den folgenden Ausführungen soll die utilitaristische Ethik anhand zweier Hauptvertreter, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, näher beleuchtet und miteinander verglichen werden. Dafür werden im zweiten Punkt die utilitaristischen Thesen Benthams vorgestellt. Worauf baute seine Theorie auf, wie ist das Nützlichkeitsprinzip in seiner Lehre konzipiert und welche Rahmenbedingungen schafft er für das funktionieren seiner Ethik? Der dritte Punkt befasst sich mit den Positionen Mills. In welchen Punkten knüpft er modifiziert an seinen Vordenker Bentham an und was führt er zusätzlich ein, um den Kritiken an der ‚alten Theorie’ zu entgehen? Im zweiten und dritten Punkt soll zunächst rein objektiv die Ethik beider Utilitaristen beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der klassische Utilitarismus Jeremy Benthams
2.1. Die hedonistische Grundlage und das Prinzip der Nützlichkeit
2.2. Der hedonistische Kalkül
2.3. Das Sanktionsmodell Benthams
3. John Stewart Mills Utilitarismus
3.1. Gegenstand und Zweck des Nützlichkeitsprinzips
3.2. Die Einführung des qualitativen Aspekts
3.3. Die fundamentale Sanktion des Nützlichkeitsprinzips
4. Kritik und Schlussbetrachtung
4.1. Vorteile und Probleme in Benthams Ethik
4.2. Die Kritik an Mills Theorie
4.3. Resümee und Ausblicke
5. Quellen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die utilitaristischen Ansätze von Jeremy Bentham und John Stuart Mill mit dem Ziel zu klären, inwiefern das Nützlichkeitsprinzip heute noch als valide Handlungsgrundlage für moralisches Handeln dienen kann.
- Vergleich des klassischen Utilitarismus Benthams mit der weiterentwickelten Theorie Mills.
- Analyse des hedonistischen Kalküls und seiner praktischen Anwendbarkeit.
- Untersuchung der qualitativen Erweiterungen des Nutzenbegriffs bei Mill.
- Kritische Diskussion der moralphilosophischen Schwachstellen beider Konzeptionen.
- Beantwortung der Forschungsfrage zur Tauglichkeit des Prinzips als Handlungsdirektive.
Auszug aus dem Buch
3.1. Gegenstand und Zweck des Nützlichkeitsprinzips
Trotz Mills Versuch, Benthams Thesen zu verbessern, fundiert auch seine utilitaristische Ethik auf dem Nützlichkeitsprinzip. „Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, daß Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken. Unter ‚Glück’ [happiness] ist dabei Lust [pleasure] und das Freisein von Unlust [pain], unter ‚Unglück’ [unhappiness] Unlust und das Fehlen von Lust verstanden.“
In dieser Aussage lassen sich vier Grundprinzipien erkennen, von der Mills Ethik geleitet ist. Zunächst findet sich das Konsequenzenprinzip. Wie schon eingehend erwähnt wurde, besagt dies, dass Handlungen teleologisch, also nach ihren Folgen, beurteilt werden. Wird eine allgemeine Beförderung des Glücks des Individuums oder der Gemeinschaft erwartet, werden jene Handlungen als gut bewertet. Weiterhin ist der Nutzen ausschlaggebend für die Beurteilung der Konsequenzen, somit findet sich hier das Utilitätsprinzip. Die hedonistische Grundlage ist bei Mill ebenfalls der Aspekt des Lustgewinns und der Vermeidung von Unlust als Maßstab für die Nutzenkalkulation einer Handlung, was das hedonistische Prinzip genannt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Utilitarismus als teleologische Ethik und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
2. Der klassische Utilitarismus Jeremy Benthams: Darstellung der quantitativen hedonistischen Ethik, des Glückskalküls und des externalistischen Sanktionsmodells.
3. John Stewart Mills Utilitarismus: Analyse der Weiterentwicklung des Utilitarismus durch Mill, insbesondere durch die Einführung qualitativer Aspekte und innerer Sanktionen.
4. Kritik und Schlussbetrachtung: Kritische Würdigung beider Theorien hinsichtlich ihrer moralischen Belastbarkeit, Gerechtigkeitsaspekte und der praktischen Umsetzbarkeit des Nützlichkeitsprinzips.
5. Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetressourcen.
Schlüsselwörter
Utilitarismus, Nützlichkeitsprinzip, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, Hedonismus, Glückskalkül, Konsequenzialismus, Ethik, Teleologie, Moral, Sanktionen, Gemeinwohl, Handlungsdirektive, Sozialprinzip.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der utilitaristischen Moralphilosophie und prüft die beiden zentralen Ansätze von Jeremy Bentham und John Stuart Mill auf ihre Anwendbarkeit im heutigen moralischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der hedonistische Kalkül, die Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Lust sowie die Frage nach der ethischen Verbindlichkeit durch äußere und innere Sanktionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob das Nützlichkeitsprinzip als praktische Handlungsdirektive für moralisch richtiges Handeln dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive Darstellung der Grundtheorien sowie eine komparative und kritische Analyse unter Einbeziehung philosophischer Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung des klassischen Utilitarismus Benthams, die modifizierte Theorie von Mill sowie eine ausführliche kritische Reflexion beider Modelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Utilitarismus, Glückskalkül, Nützlichkeitsprinzip, Handlungsutilitarismus, Regelutilitarismus und die ethische Abwägung zwischen individuellem und kollektivem Glück.
Wie unterscheidet sich Mills Utilitarismus von dem Benthams?
Mill führt eine qualitative Unterscheidung von Freuden ein (geistige vs. sinnliche Lust) und erweitert das Sanktionsmodell durch das Konzept des Gewissens (innere Sanktion), um die Kritik der rein quantitativen "Schweine-Philosophie" zu entkräften.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Anwendbarkeit?
Der Autor verneint die Frage, ob das Nützlichkeitsprinzip als universelle Handlungsdirektive taugt, da zu viele subjektive Faktoren die präzise Berechnung von Konsequenzen in der Praxis unmöglich machen.
- Quote paper
- Jana Emkow (Author), 2005, Die utilitaristischen Positionen bei Bentham und Mill - Kann das Nützlichkeitsprinzip als Handlungsdirektive für moralisches Handeln angewendet werden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49051