Auch die Frage nach einer Entwicklungspolitik der Europäischen Union ist nicht einfach zu beantworten, da neben der eigentlichen EU-gesteuerten Entwicklungspolitik, wie sie etwa von der Generaldirektion der Europäischen Kommission für Nord-Süd-Beziehungen initiiert wird, Schwerpunktsetzungen der einzelnen Mitgliedsstaaten sowie die Beteiligung an internationalen Regimen wie dem Internationalen Währungsfond, die transnationale Zusammenarbeit im Rahmen der Weltbank, der OECD, der Welthandelsorganisation, des G8-Gipfels oder den Vereinten Nationen einen Einblick erschweren. Da es den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde, wollte sie diese mannigfaltige Einbettung europäischer Entwicklungspolitik detaillierter untersuchen, will sie zuvorderst nur die Grundzüge herausarbeiten, die die Entwicklungspolitik der EU charakterisieren. Stellt man sich die Frage, was den Kern von Entwicklungspolitik ausmacht, so sind nach wie vor die Auswirkungen des internationalen Handels – und Währungssystems auf die Entwicklungschancen armer Länder weitaus bedeutender einzuschätzen, als jeder Versuch mit entwicklungspolitischen Ressourcentransfers (finanzielle, technische und personelle Hilfsmaßnahme) Korrekturen von Ungleichgewichten und Linderungen von Härtefällen zu erreichen. Eine Entwicklungspolitik, die nicht wirkungslos bleiben will, indem sie Ressourcentransfers gleichsam auf heiße Steine tröpfelt – das zeigen vielfältige Erfahrungen der letzten Jahrzehnte -, muss also immer auch versuchen Einfluss auf die Regelungen des Weltwirtschaftsystems zu nehmen. In diesem Sinne wird in der vorliegenden Arbeit ein Entwicklungspolitik- Begriff verwendet, der das weite Feld der Entwicklungspolitik auf die beiden angeführten Kernbereiche reduziert: Ressourcentransfers (als Entwicklungshilfe im klassischen Sinne) und Einflussnahme auf die internationale wirtschaftliche Ordnung (als unverzichtbares Supplement). Inwiefern sich die europäische Entwicklungspolitik in den Jahren seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahre 1957 im Sinne dieser beiden Handlungsfelder engagierte bzw. heute noch engagiert, soll als Frage meinen weiteren Ausführungen zu Grunde liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Legitimierung von Entwicklungspolitik im Spannungsfeld anderer Politiken
3. Die entwicklungspolitische Ausrichtung der EG/EU seit 1957
4. Grundprobleme der EU-Entwicklungspolitik
4.1 Strukturen des Welthandels: „Sät Europa den Hunger“?
4.2 Ressourcentransfers: „Schokolade für Zuckerkranke“?
5. Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges
6. Gegenwärtige Trends der EU-Entwicklungspolitik
6.1 Politisierung der Entwicklungszusammenarbeit
6.2 Einbindung von Entwicklungsländer in den Prozess der Globalisierung
6.3 Pluralisierung der Akteure
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklungspolitik der Europäischen Union seit 1957, indem sie den Fokus auf die zentralen Handlungsfelder der Ressourcentransfers und die Einflussnahme auf die internationale wirtschaftliche Ordnung legt. Dabei wird analysiert, inwiefern die EU ihre entwicklungspolitischen Ziele in diesen Bereichen verfolgt und welchen strukturellen sowie politischen Herausforderungen sie sich gegenübersieht.
- Strukturen des Welthandels und deren Auswirkungen auf Entwicklungschancen.
- Die Problematik von Ressourcentransfers und klassischer Entwicklungshilfe.
- Einfluss des Endes des Kalten Krieges auf die Ausrichtung der Entwicklungspolitik.
- Politisierung der Entwicklungszusammenarbeit und Konzepte wie „good governance“.
- Integration der AKP-Staaten in die Weltwirtschaft im Kontext der Globalisierung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Strukturen des Welthandels: Sät Europa den Hunger?
Der Brite Adam Smith, Begründer der klassischen Ökonomie, prägte im 18. Jahrhundert das Bild der „unsichtbaren Hand“. Diese wirke dahingehend, dass wenn jeder Einzelne auch nur nach seinem eigenen Vorteil trachte, letztlich der gesamtgesellschaftliche Nutzen maximiert werde. David Ricardo, ebenfalls auf den Grundzügen der Klassik fußend, formulierte sodann zu Beginn des 19. Jahrhundert das einflussreiche und auch heute noch viel zitierte Theorem der komparativen Kostenvorteile, welches besagt, dass der Warenaustausch zwischen zwei Ländern sich selbst dann lohnt, wenn ein Land alle Produkte günstiger herstellen kann.
Damit die unsichtbare Hand international wirken kann und komparative Kostenvorteile letztlich zur Geltung kommen, bedürfte es allerdings eines weltweiten Freihandels. Zölle, Subventionen und Importquoten legen der Smithschen Hand Fesseln an und setzen den von Ricardo aufgezeigten Mechanismus außer Kraft. Gerade im Hinblick auf agrarische Rohstoffe, bei denen sie häufig potentielle komparative Kostenvorteile hätten, werden den Entwicklungsländern von den Industrieländern Handelsschranken gesetzt und damit Vorteile aus der internationalen Arbeitsteilung verwehrt.
Oftmals haben die Produzenten der Entwicklungsländer selbst Probleme, die nicht-tarifären Handelsschranken zu überwinden. So verhindern etwa die von der Europäischen Union geforderten „Normen, Verpackungs- und Kennzeichnungsvorschriften, Ursprungszeugnisse, Verbraucherschutzvorschriften und Kontrollen“ die Ausfuhr von Produkten der Entwicklungsländer in die Staaten der Europäischen Union.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen ab, indem sie die Komplexität der europäischen Entwicklungspolitik beschreibt und die beiden Kernbereiche der Arbeit – Ressourcentransfers und internationale Wirtschaftsordnung – definiert.
2. Legitimierung von Entwicklungspolitik im Spannungsfeld anderer Politiken: Dieses Kapitel thematisiert die Schwierigkeiten, entwicklungspolitisches Engagement in den Geberländern zu legitimieren, und beleuchtet strategische Eigeninteressen wie Migrationskontrolle und Sicherheitspolitik.
3. Die entwicklungspolitische Ausrichtung der EG/EU seit 1957: Hier wird die historische Entwicklung der EU-Entwicklungspolitik von den ersten Abkommen über Jaundé und Lomé bis hin zum Cotonou-Abkommen nachgezeichnet.
4. Grundprobleme der EU-Entwicklungspolitik: Das Kapitel analysiert die negativen Auswirkungen von Welthandelsstrukturen und klassischen Ressourcentransfers auf Entwicklungsländer.
5. Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges: Es wird untersucht, wie sich der Wegfall des Ost-West-Konflikts auf die Prioritäten der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern auswirkte.
6. Gegenwärtige Trends der EU-Entwicklungspolitik: Dieses Kapitel widmet sich der Politisierung der Zusammenarbeit, der Integration in die Globalisierung sowie der Einbindung neuer nichtstaatlicher Akteure.
7. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz verbindlicher Stufenpläne zur Erhöhung der Entwicklungshilfegelder eine echte Kohärenz zwischen der europäischen Entwicklungspolitik und den Bedürfnissen der Entwicklungsländer noch nicht erreicht ist.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Entwicklungspolitik, Welthandel, Ressourcentransfers, Globalisierung, Cotonou-Abkommen, AKP-Staaten, good governance, Protektionismus, Agrarsubventionen, Entwicklungshilfe, Nord-Süd-Konflikt, Menschenrechte, Handelsschranken.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entwicklungspolitik der Europäischen Union seit ihrer Gründung und hinterfragt, ob die gewählten Instrumente den entwicklungspolitischen Ansprüchen gerecht werden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themenfelder sind die Effektivität von Ressourcentransfers, der Einfluss der europäischen Handelspolitik auf Entwicklungsländer sowie die strategischen Interessen, die die EU-Politik leiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Grundzüge der EU-Entwicklungspolitik herauszuarbeiten und zu prüfen, inwieweit die europäische Politik tatsächlich zur Verbesserung der Bedingungen in ärmeren Ländern beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse der bestehenden Verträge, Abkommen und institutionellen Rahmenbedingungen der EU, ergänzt durch die Auswertung aktueller Berichte und Fachliteratur.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Handelsstrukturen, die kritische Betrachtung von Entwicklungshilfe, die historischen Zäsuren nach dem Kalten Krieg und moderne Trends wie die Politisierung der Zusammenarbeit.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie EU-Entwicklungspolitik, Welthandel, Cotonou-Abkommen, good governance und nord-süd-orientierte Interessenpolitik charakterisieren.
Inwiefern hat das Ende des Kalten Krieges die Entwicklungspolitik der EU verändert?
Durch das Ende des Ost-West-Konflikts verloren die Entwicklungsländer an strategischer Bedeutung als „Pokerkarte“, was zu einer stärkeren Fokussierung der Industrieländer auf Transformationsprozesse in Osteuropa führte.
Welche Rolle spielen die im Vertrag von Cotonou verankerten „good governance“-Klauseln?
Diese Klauseln legitimieren die EU dazu, verstärkt Einfluss auf die politischen Bedingungen und die demokratische Staatsführung in den AKP-Staaten zu nehmen, wobei die Souveränität der Länder durch spezifische Kompromisse gewahrt bleiben soll.
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- Timo Blaser (Author), 2005, Die Entwicklungspolitik der Europäischen Union, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49058