Zur Redaktionsgeschichte von Gen 22,1-19

Der masoretische Text im Vergleich zur Septuaginta


Hausarbeit, 2018

10 Seiten, Note: 1, 3


Leseprobe

Inhalt

I. Textkritik

II. Textanalyse

III. Literarkritik

IV. Redaktionsgeschichte

V. Ausblick

VI. Literaturverzeichnis
VI. A Quellen und Textausgaben
VI. B Hilfsmittel
VI. C Sekundärliteratur

I. Textkritik

Im Folgenden sollen die drei wichtigsten Unterschiede von Gen 22,1-19 des masoretischen Textes und der Septuaginta festgestellt und erklärt werden. Zum einen unterscheidet sich Ortsangaben: zuerst im Befehl von Gott an Abraham, sodass in der LXX „hohe Land“1 (V. 2) steht und im MT es „das Land Morija“ (V. 2) heißt. Es ist auch in der Forschung2 fast unbestritten, dass es sich bei der MT Version des Ortsnamen, um eine nachträgliche Redaktion handelt, die auf 2Ch 3,1 verweist und somit Jerusalem für den Berg der Opferung in Anspruch nehmen will.3 Rein geographisch und zeitlich durch die textinterne Angabe von „drei Tagen“ (V. 4) Wanderung von Beerscheba aus, ist die Verortung durchaus mit Jerusalem möglich, da die Entfernung ca. 94 km beträgt und dies in etwa 20 Stunden (3 Tage à ca. 6 Stunden) zu Fuß zu erreichen ist.4 Auch hat der Ort am Ende der Erzählung zwei Bezeichnungen. In der Septuaginta geht die Truppe zum „Schwurbrunnen“ (V.19), wohingegen in dem masoretischen Text alle nach „Beerscheba“ (V.19) ziehen. Übersetzt bedeutet der Name Beerscheba „Brunnen der sieben Schafe“ oder „Schwurbrunnen“ (Gen 21,22-31)5, sodass hier der gleiche Ort gemeint ist und es vom Übersetzer*inentschieden wurde, ob die Ortsbezeichnung in ihrer wortwörtlichen Bedeutung (LXX) oder als hebräisches Wort (MT) widerzugeben ist.

Zum anderen verfängt sich der Widder laut der LXX im „Strauch Sabek 6 “ (V. 13) und laut des MT in einem „Gestrüpp“ (V. 13), sodass in der LXX eine Spezifizierung der Flora vorliegt.

Als dritten Unterschied sei noch die doppelte Namensnennung Abrahams in V. 1 („Abraham, Abraham“) der LXX und die einfache im MT (V. 1) angeführt. Gott spricht Abrahams Namen zwei mal aus in seiner Anrede der LXX an diesen, wobei in beiden Texten im V. 11 in der späteren Anrede Abrahams durch den Gottesboten der Name dessen zweimal genannt wird. Hier kann man von einer versehentlichen Doppelschreibung (Dittographie) in der LXX ausgehen oder eine absichtliche Doppelung annehmen -was unter die Literarkritik fallen würde-, durch die ein Parallelismus kreiert wird, der die Eindringlichkeit der Botschaft betont. Die ältere Version der Erzählung muss die singuläre Namensnennung in V. 1 sein, weil abgesehen von der grundsätzlichen Vorzugsstellung des MT erstens lectio brevior potior und zweitens somit die Eindringlichkeit in V. 11 erhöht wird und der Höhepunkt der Spannung erreicht ist, wie auch Westermann bemerkt: „Der doppelte Namensanruf ist das lauteste Wort in der Erzählung, er bildet den Wendepunkt. Die Wiederholung des Namens drückt die Dringlichkeit aus.“7 Der Satzparallelismus von V. 12, da beide Sätze das selbe aussagen, stellt stilistisch ein „Echo“ auf die zweifache Namensanrufung (V.11) dar.8

II. Textanalyse

Der Text steht in dem ersten Buch Mose der Bibel (Genesis), das von der Erschaffung der Welt und der ersten Genealogie des auserwählten Volkes Gottes erzählt. Die ausgewählte Perikope lässt sich von den angrenzenden Erzählungen gut abgrenzen, da die Erzählung mit einer zusammenfassenden Deutung, die das Thema voranstellt (V. 1), einsetzt9 und mit dem Abzug vom Berg und der Entscheidung Abrahams sich niederzulassen, endet. Zudem beginnt Gen 22, 20 mit der einleitenden Formel „Und es geschah, nach den Ereignissen“, die etwas abgewandelt auch Gen 22,1 aufweist: „Und es geschah nach den Begebenheiten“ und dessen Funktion es ist, ein „Einzelereignis einem größeren Geschehenszusammenhang einzufügen“10. Durch die Themaangabe in V.1 lässt sich die Gattung der Perikope bestimmen: sie ist eine theologische Erzählung.11 Gen 22,1-19 steht in dem Kontext der Abrahamerzählung, sodass unmittelbar vor dieser Perikope Abraham einen Bund schließt, der die Namensgebung für Beerscheba erzählt („denn dort haben geschworen, beide von ihnen, und geschnitten einen Vertrag“ Gen 21, 31f.) und unmittelbar nach der Perikope wird die Erweiterung der Genealogie Abrahams in erzählerischer Weise Kund gegeben. Die Perikope hat in diesem Kontext die Funktion zu verdeutlichen, warum Abrahams Stamm von Gott auserwählt wurde und weiterhin seinen Segen in die nächsten Generationen tragen wird. Darüber das Abraham in Gen 21 in Beerscheba lokalisiert werden kann und in Gen 22,19 dorthin zurückkehrt und zugleich eine weitere Ortsbenennung stattfand, wird ein Rahmen aufgespannt, der diese Perikope mit seinem literarischen Kontext verbindet. Die Tatsache, dass in der Erzählung immer nur von einem unbestimmten Ort, den Gott Abraham weist (V. 2, 3, 4, 9, 14), die Rede ist, lässt sich dadurch erklären, dass die Benennung des Ortes durch Abraham das Ergebnis seiner Prüfung impliziert und zeitlich gesehen, um Anachronie zu vermeiden, aber auch spannungstechnisch geschickt auf die Pointe hinauslaufend, vor diesem Akt nur der neutrale Begriff des Ortes gebraucht wird. Nach der Benennung des Ortes (V. 14) kommt das unbestimmte Wort Ort deshalb nicht mehr vor.

Als semantisches Feld kann das Auge und das Sehen festgestellt werden, so findet man: zwei Mal „Auge“ sowie zwei Mal „sah“ (jeweils V. 4 bzw. 13), drei Mal „ersieht“ (V. 8; 14). Durch das Sehen der Tat weiß Gott von Abrahams Gottesfurcht und Abraham dankt Gott in der Benennung des Ortes dafür, dass Gott alles sieht, d.h. weiß und weist.

Der Text hat eine konzentrische Struktur um die V. 9-12 herum, wie auch Ruppert mit seiner Gliederung verdeutlicht, die hier adaptiert wird12:

A Opferforderung Gottes an Abraham13 und Abrahams Aufbruch (V.1-3)

B Vater-Sohn-Dialog über das Opfertier

C Abraham unmittelbar vor dem Vollzug des Opfers und die Intervention des Gottesboten: Widerruf der Opferforderung (V. 9-12)

B‘ Das Ersatzopfer und die Benennung des Ortes14 (V.13-14) [Erneutes Gottesbotenwort: Bekräftigung der Verheißung an Abraham als Lohn für seinen Gehorsam (V.15-18]

A‘ Gemeinsame Rückkehr und Niederlassen in Beerscheba (V.19)

Typisch für Höhepunkte von Erzählungen des ATs hat auch hier die Sprache des Erzählens eine gedichtete Form durch die gehobene Sprache, den Satzparallelismus und die rhythmische Form der Sätze in dem Anruf des Engels.15

Wie auch Westermann feststellt16, lässt sich der Text in drei logische Teile gliedern, die jeweils einen Anruf Abrahams(V.1, 7, 11) als Einleitung haben: a) Gott stellt dem zu Prüfenden die Aufgabe in Form von drei Imperativen: Nimm-gehe- opfere(V.1f.), b) Ausführung des Gebotes (V. 3-10) sowie c) Widerruf des Gebotes (V. 11f.), Verkündung, dass die Prüfung bestanden ist (V.12) sowie Änderung des Gebots, indem das Opfer ausgetauscht und vollzogen wird (V. 13f.) Der Schluss ist die Rückkehr und Niederlassung der erfolgreich Geprüften. Hiermit erweisen sich die Verse 15-18 funktionslos und sprengen die chiastische Struktur. Sie sollen deshalb unter dem Punkt Literarkritik als Nachtrag angeführt werden. V. 15-18 umfassen die Verheißung und sind selbst vierteilig: Segens- und Mehrungsverheißung (V. 17a) sind verbunden mit der Auswirkung des Segens auf die Völker (V. 18) und einer Verheißung des Sieges (V. 17b). Auffällig ist, dass nur letztere Verheißung neu ist und deshalb vermutlich eine redaktionelle Ergänzung darstellt, die auf kriegerische Auseinandersetzungen proleptisch anspielen soll.

Auffällig ist die Spannung in V. 3 des MT, wo Abraham „sich auf machte […], Hölzer spaltete und er sich [erneut; Ergänzung der Verfasserin] auf machte“. Westermann verweist auf die Inversion des Verbs, sodass das Holzspalten an zweiter Stelle steht und der Gebrauch des Verbes aufmachen wie eine Dublette erscheint. Westermanns These sich anschließend, kann man davon ausgehen, dass hier zwei Erzähleingänge miteinander verbunden sind, von denen der eine nur das Holzspalten und das Aufbrechen, nicht aber das Satteln und das Mitnehmen der Jungknechte umfasste.17 Eine weitere Dublette findet sich in V. 6 und V. 8: „So gingen sie beide miteinander“, die entweder mit der eben ausgeführten Begründung erklärt werden kann oder eine stilvolle Rahmung des Dialogs darstellt, sodass der Kontrast zwischen Dialog und Schweigen hervorgehoben wird, weil das proleptische Gespräch offen bleiben muss. Die Wiederholung des nachgestellten Attributs „mein Sohn“ (V. 7, 8) legt den Fokus auf die Familienbeziehung der zwei Gesprächspartner und baut gleichzeitig eine Spannung auf, da „mein Sohn“ (V.8) das letzte Wort des Gesprächs ist.18

[...]


1 Ruppert übersetzt mit „in das gegenüber Beerscheba hochgelegene Land“. Ruppert: Isaaks, S. 509.

2 Vgl. Ruppert: Isaaks, S. 509.

3 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 437.

4 Vgl. geographische Angaben mit https://www.bibelwissenschaft.de/de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/beerscheba/ch/6e6b317e151b0c218783209340e8a434/#h18 (13.01.2019, 18 Uhr).

5 Vgl. https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/beerscheba/ch/6e6b317e151b0c218783209340e8a434/ (13.01.2018, 18 Uhr)

6 In einer typologischen auf das Neue Testament hin ausgelegten Interpretation wird die Übersetzung „Strauch der Vergebung“ für Sabek-Strauch angeboten. Inwiefern diese zutrifft, muss ein des Altgriechischen mächtiger Mensch beurteilen, da sonst keine weitern Erklärungen zu diesem Wort aufzufinden sind. (Hl. Gregor Palamas: Über das Kostbare und Lebenspendende Kreuz. Homilie zum 3. Sonntag der Großen Fastenzeit. Das Kreuz Christi im Alten Bund, S. 4 http://www.prodromos-verlag.de/Palamas_Kreuz.pdf ; 13.01.2018, 18 Uhr)

7 Claus Westermann: Abrahams Opfer (Gen 22,1-19). In: ders.: Genesis 12-50. Darmstadt 1992, S. 442.

8 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 442.

9 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 434.

10 Westermann: Abrahams, S. 435.

11 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 435.

12 Vgl. Ruppert: Isaaks, S. 514.

13 Gegen die These, dass Abraham Gott missverstanden habe und er Isaak nur hinaufbringen und nicht opfern sollte, (Vgl. Ruppert: Isaaks, S. 520.) ist hervorzubringen, dass der Gottesbote nicht bis zum letzten Moment gewartet hätte mit der Richtigstellung des Befehls.

14 Deswegen ist auch Westermanns zeitliche Einordnung falsch, da diese auf der Idee von einer „Wallfahrt zu einem besonderen Heiligtum“ beruht, welche anachronistisch ist: Erst durch Abrahams Tat und Benennung des Ortes wird dieser heilig. (Vgl. Westermann: Abrahams, S. 436.) Ebenfalls anachronistisch ist die Einschätzung des Erzählers als „barock[…]“. (ebd., S. 441.)

15 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 443. Dies wird bekräftigt durch Rupperts Befund, dass V. 3 unvermittelt ohne Waw copulativum beginnt und somit einen Einschnitt darstellt. (Vgl. Ruppert: Isaaks, S. 509.)

16 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 434.

17 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 438.

18 Vgl. Westermann: Abrahams, S. 440.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zur Redaktionsgeschichte von Gen 22,1-19
Untertitel
Der masoretische Text im Vergleich zur Septuaginta
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichte Israels in der altorientalischen Welt)
Veranstaltung
Proseminar Altes Testament ohne Hebräisch
Note
1, 3
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V490818
ISBN (eBook)
9783668982543
ISBN (Buch)
9783668982550
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genesis, Altes Testament, Redaktionsgeschichte, Theologie, Abraham, Isaak, Bibel, Bibelauslegung, Abrahams Opfer
Arbeit zitieren
Alexandra Priesterath (Autor), 2018, Zur Redaktionsgeschichte von Gen 22,1-19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490818

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