“... Die Proteste gegen die rot-grünen Reformen nehmen zu - auch an Radikalität. Bei einem Besuch im brandenburgischen Wittenberge wurde Kanzler Gerhard Schröder am Dienstag mit einem Ei beworfen, aber nicht getroffen. An einem Bahnübergang prallte ein Stein gegen eine Regierungslimousine. Bei einer Wahlveranstaltung der sächsischern SPD in Leipzig ging die Rede des Kanzlers stellenweise im Pfeifkonzert der Reformgegner unter. ...“
Die aktuelle innenpolitische Debatte in Deutschland wird von den arbeits- und sozialpolitischen Reformen der rot- grünen Regierung dominiert, in der Öffentlichkeit zumeist unter dem Schlagwort „Hartz IV“ diskutiert. Hierbei wird auch immer wieder auf die divergenten Reaktionen auf die gesetzgeberischen Veränderungen in Ost- und Westdeutschland hingewiesen. Der sich formierende Protest in Form von Demonstrationen und Kundgebungen konzentriert sich auf den Osten der Republik. Zum einen hängt dies sicherlich mit der spezifischen wirtschaftlichen Situation der ostdeutschen Bundesländer und der damit verbundenen stärkeren Betroffenheit von Änderungen hinsichtlich staatlicher Transferleistungen zusammen. Zum anderen offenbart sich hier für viele Kommentatoren aber auch abermals der immer noch zu Tage tretende mentale Unterschied zwischen der Bevölkerung in Ost und West bezüglich der Verhaltensweisen und Einstellungen zum politischen System.
Die Folgen des Wiedervereinigungsprozesses waren für den wirtschaftlichen und politischen Prozess in Deutschland in den 1990er Jahren die bestimmenden Einflussgrößen. Auch 14 Jahre nach der vollzogenen staatlichen Einheit sind der Aufbau Ost und die bestehenden Unterschiede zwischen den östlichen und westlichen Ländern - mentaler wie ökonomischer Natur - immer noch sowohl politisches Modethema als auch reales Problem auf der politischen Agenda. Die emotionale Intensität mit der die Debatten beispielsweise um das Thesenpapier von Wolfgang Thierse zum Aufbau Ost von 2001 oder die Äußerungen von Klaus von Dohnanyi zum Stand der Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland in diesem Jahr geführt wurden, zeigt wie präsent die vorgeblichen oder tatsächlichen Unterschiede zwischen dem Osten und Westen sind.
Inhaltsverzeichnis
I.) Einleitung
II.) Das Problemfeld der „Inneren Einheit“ Deutschlands
1. Die Diskussion um die „Mauer in den Köpfen“
2. Die Frage nach der Kongruenz von Struktur und Kultur
III.) Politische Kultur als Forschungskonzept
1. Begriff und Theorie der Politischen Kultur
2. Die Forschung zur Politischen Kultur: Ursprünge und Entwicklungen
3. Kontroversen: Sozialisationshypothese Vs. Situationshypothese
IV.) Integration von verschiedenen Politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland
1. Politische Integration als Ziel
2. Politische Institutionen als integrierende Variable
V.) Entwicklungslinien der Politischen Kultur in Deutschland bis zur Wiedervereinigung
1. Die Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung
2. Die DDR bis zur Wiedervereinigung
3. Vergleich
VI.) Elemente Politischer Kultur nach der deutschen Einheit im Ost-West Vergleich
1. Demokratie als Staatsform
2. Sozialstaat und Gerechtigkeit
3. Einstellungen zu einzelnen politischen Institutionen
VII.) Der Kenntnisstand über politische Institutionen als Einflussfaktor für die Politische Kultur
VIII.) Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Unterschiede in der politischen Kultur zwischen Ost- und Westdeutschland nach der Wiedervereinigung, um zu klären, inwieweit eine "innere Einheit" besteht. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Rolle politischer Institutionen als integrierende Variablen und analysiert, ob divergierende politische Orientierungen primär durch unterschiedliche Sozialisationserfahrungen oder durch gegenwärtige situative Bedingungen geprägt sind.
- Analyse des Forschungskonzepts "Politische Kultur"
- Vergleich der historischen Entwicklungslinien in DDR und Bundesrepublik
- Untersuchung der Inkongruenz von politischer Struktur und Kultur
- Diskussion der Sozialisations- versus Situationshypothese
- Evaluierung der Akzeptanz politischer Institutionen und demokratischer Normen
Auszug aus dem Buch
1. Begriff und Theorie der Politischen Kultur
Bereits 1987 bemerkte Dirk Berg-Schlosser zutreffend, dass die Verwendung des Begriffs „Politische Kultur“ eigentümlich inflationäre Ausmaße angenommen hat. Auch heute scheint die Benutzung des Ausdruckes bei Politikern, Journalisten und Kommentatoren gleichermaßen beliebt. Die Konnotation macht allerdings deutlich, dass es hierbei um eine Wertung, meist im negativen Sinne, geht. Denn dort wo ein Mangel an Politischer Kultur beklagt wird, wird auf einen Sinn des Kulturbegriffs rekurriert, der an die deutschen Kulturtraditionen anknüpft, die sich deutlich von denjenigen amerikanischer Prägung absetzen. Dem politikwissenschaftlichen Begriff von Politischer Kultur entspricht es nicht, einen Verfall politischer Sitten oder des politischen Stils – beides normativ-moralische Kategorien – mit der Ausprägung der Politischen Kultur gleichzusetzen. Vielmehr versucht der politikwissenschaftliche Gebrauch des Terminus ihm einen analytischen Gewinn zu entnehmen und ihn nicht a priori wertbesetzt zu benutzen.
Der Begriff und das Konzept der Politischen Kultur gehen auf Gabriel Almond zurück. Der Definition der Politik von Max Weber folgend ging er dabei davon aus, dass die Fähigkeit zu autoritativen Entscheidungen das spezifische politische Moment sei. Da jedes (politisches) System in ein Set von möglichen Zielen und Absichten eingebettet ist und nicht rein mechanisch funktioniert, ist demzufolge jede Form von politischem Handeln und Verhalten auch das Ergebnis bestimmter Orientierungen. Almond differenzierte diese Orientierungen nach Parsons in Wahrnehmungsmuster, Affekte und Wertvorstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
I.) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende innenpolitische Debatte über die "innere Einheit" und begründet die Relevanz der Politischen Kultur als Forschungsfeld für den Transformationsprozess nach 1990.
II.) Das Problemfeld der „Inneren Einheit“ Deutschlands: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen formeller staatlicher Einheit und der realen Übereinstimmung von Mentalitäten sowie die Inkongruenz von politischen Strukturen und kulturellen Werten.
III.) Politische Kultur als Forschungskonzept: Hier werden theoretische Grundlagen und die Entwicklung der Politischen-Kultur-Forschung sowie die Kontroverse zwischen Sozialisations- und Situationshypothese dargelegt.
IV.) Integration von verschiedenen Politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland: Das Kapitel definiert den Begriff der politischen Integration und untersucht, inwiefern politische Institutionen als integrierende Variable fungieren können.
V.) Entwicklungslinien der Politischen Kultur in Deutschland bis zur Wiedervereinigung: Es wird die historische Genese der politischen Kulturen in der Bundesrepublik und der DDR unter dem Einfluss der jeweiligen Besatzungsmächte verglichen.
VI.) Elemente Politischer Kultur nach der deutschen Einheit im Ost-West Vergleich: Hier erfolgt eine empirische Analyse von Einstellungsunterschieden hinsichtlich Demokratie, Sozialstaatlichkeit und Vertrauen in Institutionen.
VII.) Der Kenntnisstand über politische Institutionen als Einflussfaktor für die Politische Kultur: Das Kapitel reflektiert, wie der Kenntnisstand der Bürger über politische Funktionsweisen deren politische Kultur und die Performanz der Demokratie beeinflusst.
VIII.) Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die komplexen Ursachen der bestehenden Differenzen unter Berücksichtigung sowohl sozialisatorischer als auch situativer Erklärungsansätze.
Schlüsselwörter
Politische Kultur, Innere Einheit, Transformation, Sozialisationshypothese, Situationshypothese, Politische Institutionen, Demokratie, Ostdeutschland, Westdeutschland, Integration, Politikverdrossenheit, Wertewandel, DDR, Bundesrepublik, Institutionenvertrauen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Unterschieden in der politischen Kultur zwischen Ost- und Westdeutschland mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung und analysiert, warum trotz formaler politischer Einheit mentale und einstellungsbezogene Differenzen fortbestehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Transformation ostdeutscher Gesellschaftsstrukturen, der Vergleich der historischen Sozialisationsbedingungen, die Rolle von Vertrauen in politische Institutionen sowie die Debatte um Gerechtigkeitsansprüche und Demokratievorstellungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit die politische Kultur in Ost- und Westdeutschland nach der Vereinigung divergiert und welche Ursachen – insbesondere in Bezug auf die Sozialisation und die aktuelle wirtschaftliche Situation – diesen Differenzen zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen einen komparativen Ansatz, der theoretische Definitionen der Politischen Kultur mit einer Analyse vorhandener empirischer Daten (Datenreport, Umfragen) verbindet, um die Entwicklung der politischen Einstellungen beider Landesteile zu kontrastieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Konzepts Politische Kultur, eine historische Analyse der Nachkriegsentwicklungen in der DDR und BRD sowie eine empirische Untersuchung aktueller Einstellungsmuster zu Demokratie, Institutionen und sozialen Werten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Politische Kultur, Innere Einheit, Transformation, Sozialisation, Institutionenvertrauen und Ost-West-Vergleich geprägt.
Inwiefern beeinflusst der "Kenntnisstand" die Ergebnisse?
Die Autoren argumentieren, dass mangelndes Wissen über politische Funktionsweisen zur Politikverdrossenheit beiträgt. Bürger machen das politische System pauschal für ihre Lage verantwortlich, ohne komplexe parlamentarische Abläufe zu durchdringen, was die politische Kultur negativ beeinflusst.
Warum überzeugt die Situationshypothese laut den Autoren nicht vollständig?
Obwohl die materielle Lage in Ostdeutschland ökonomisch eine wichtige Rolle spielt, erklären wirtschaftliche Faktoren allein nicht die tief sitzenden Unterschiede im Anspruchsdenken an den Staat, das seine Wurzeln auch in spezifischen DDR-Sozialisationsmustern hat.
Welche Rolle spielt die "Sozialisation" bei den Unterschieden?
Die Autoren betrachten die Sozialisation als wesentlichen Faktor, weisen aber darauf hin, dass sie nicht als deterministisches Erklärungsmodell für alle Ostdeutschen dienen darf, da die Gesellschaft in Ostdeutschland keineswegs homogen ist.
- Quote paper
- Timo Rahmann (Author), Johannes Hagedorn (Author), 2004, Politische Integration durch Institutionen - Politische Kultur in Ost- und Westdeutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49095