Schiller schrieb am 28. Juni 1796 an Goethe: „Aus der Masse der Eindrücke, die ich empfangen, ragt mir in diesem Augenblick Mignons Bild am stärksten hervor. Ob die so stark interessierte Empfindung hier noch mehr fordert, als ihr gegeben worden, weiß ich jetzt noch nicht zu sagen. Es könnte auch zufällig sein, denn beim Aufschlagen des Manuscripts fiel mein Blick zuerst auf das Lied, und dieß bewegte mich so tief, daß ich den Eindruck nachher nicht mehr auslöschen konnte“1. Und am 23. Oktober 1796 ergänzte er: „Mignon wird wahrscheinlich bei jedem ersten und auch zweiten Lesen die tiefste Furche zurücklassen“2. Dieser Eindruck wurde von vielen zeitgenössischen und auch späteren Kritikern des „Wilhelm Meister“ geteilt.
Wie kann diese tiefe Furche in Worte gefasst werden? Worin liegt der Zauber, den Mignon auf Schiller und unzählige weitere Leser ausübte? Mignon wirbelt durch den Roman und ist tatsächlich schwer zu fassen. Dennoch ist es sicherlich möglich, sich über Attributzuschreibungen der Figur Mignon zu nähern und eine Interpretation auf die wesentlichen Eigenschaften der Mignon zu stützen. Nach der Attributzuschreibung wird sich die Möglichkeit ergeben, Mignon als Symbol des „Sturm und Drang“ zu deuten, bzw. in ihr nicht nur wichtige romantische Wesenszüge zu erkennen - wie es bereits viele Interpreten behaupteten -, sondern sie eindeutig als Relikt des „Sturm und Drang“ zu sehen. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass eine solche Analyse in einer langen Tradition steht. Über Mignon ist viel geschrieben worden, und die Interpretationen der letzten einhundert Jahre könnten unterschiedlicher kaum sein. Viele widmeten sich einzelnen Merkmalen der Mignon und konnten für das Ganze wenig bewirken. Die vorliegende Arbeit nimmt stets auf die lange Tradition der Mignon-Forschung Bezug, die für die Zielsetzung dieser Arbeit interessanten Aspekte der verschiedenen Aufsätze und Bücher werden zusammengetragen und der hier zu Grunde liegenden Fragestellung zugeordnet.
Zum Schluss soll die Frage beantwortet werden, ob Mignon als Teil des „Sturm und Drang“ in den „Lehrjahren“ direkten Bezug auf die „Leiden des jungen Werther“ nimmt. Die Frage ist, ob Mignon die Werther-Thematik nicht nur aufnimmt, sondern sie sogar weiterentwickelt. Die These ist, dass in Mignon der Erlösungswunsch von Werther noch einmal Gestalt annimmt. An Mignon erfüllt sich, was für Werther Verheißung bleibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mignon – das geheimnisvolle Wesen
3. Mignon – Attributzuschreibung
3.1 Hermaphroditismus
3.2 Animalisierung
3.3 Zitherspiel und Gesang
3.4 Epiphanie und Liebesreligion
4. Mignon – Symbol einer unüberwindbaren Lebensstufe
Leidenschaft ohne Ende
5. Mignon – Geschöpf des `Sturm und Drang´
5.1 Das Herz als bestimmende Instanz
5.2 Erfüllung von Werthers Erlösungswunsch
5.3 Abschied von der Naturpoesie
6. Résumé
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figur Mignon aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ unter der Fragestellung, ob sie als Relikt der „Sturm und Drang“-Epoche zu verstehen ist und ob sie eine Weiterentwicklung der Werther-Thematik darstellt.
- Analyse der Mignon-Figur mittels systematischer Attributzuschreibung
- Untersuchung von Mignon als Symbol für Unschuld, Poesie, Liebe und Sehnsucht
- Einordnung der Figur in die Lebensstufen-Konzeption nach Rausch
- Vergleichende Betrachtung von Mignons Schicksal und Werthers Erlösungswunsch
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Naturpoesie und Moderne
Auszug aus dem Buch
3.1. Hermaphroditismus
Das am deutlichsten hervortretende Merkmal Mignons ist ihr Geschlecht. Mignon entzieht sich der Einordnung nicht nur im Hinblick auf ihre Ausdrucksweise, sondern auch im Hinblick auf die Muster und Normen des Geschlechts. Der Name Mignon ist bekanntlich männlich, und es ist wohl nicht unbedeutend, dass Goethe in seinem Manuskript und noch in der ersten Ausgabe von 1795 Mignon als Knaben darstellt. In der „Theatralischen Sendung“ wechselt Goethe häufig zwischen „er“ und „sie“, wenn er von Mignon spricht. Auch in der endgültigen Fassung von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ behält Goethe an zwei Stellen das männliche Geschlecht bei.
Wilhelm Meister ist sich bei seiner ersten Begegnung mit Mignon nicht sicher, ob er ein Mädchen oder einen Jungen erblickt: „[Wilhelm Meister; d.V.] [...] konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für einen Knaben oder ein Mädchen erklären sollte“. Wilhelm Meister entscheidet sich schließlich für das letztere. Auch für die anderen Figuren des Romans erscheint sie als Mädchen: Aurelie möchte Mignon weiblich kleiden, aber Mignon selbst erklärt, als Melina Wilhelm den gleichen Vorschlag macht: „Ich bin ein Knabe, ich will kein Mädchen sein“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Faszination der Leser und Kritiker für Mignon dar und formuliert die zentrale These, dass Mignon ein „Sturm und Drang“-Relikt ist, welches Werthers Erlösungswunsch weiterentwickelt.
2. Mignon – das geheimnisvolle Wesen: Dieses Kapitel zeichnet die Herkunft und das äußere Erscheinungsbild Mignons nach und beleuchtet die langjährige, kontroverse Forschungsgeschichte ihrer Deutung.
3. Mignon – Attributzuschreibung: Hier werden zentrale Attribute wie Geschlecht, Tierhaftigkeit und musische Begabung systematisiert, um die Figur jenseits widersprüchlicher Interpretationen fassbar zu machen.
4. Mignon – Symbol einer unüberwindbaren Lebensstufe: Das Kapitel verortet Mignon im Kontext eines Bildungsromans als Repräsentantin der ersten Lebensstufe, die durch reine Leidenschaft charakterisiert ist.
5. Mignon – Geschöpf des `Sturm und Drang´: Dieser Hauptteil verknüpft das Motiv des „Herzens“ mit der Sturm-und-Drang-Ästhetik und setzt Mignons Schicksal in direkten Bezug zur Werther-Thematik.
6. Résumé: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt Mignon als prometheisches Symbol, das die Spannungen zwischen individueller Hingabe und vernunftbasierter Moderne verkörpert.
Schlüsselwörter
Mignon, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Johann Wolfgang von Goethe, Sturm und Drang, Werther, Hermaphroditismus, Naturpoesie, Lebensstufen, Herz, Poesie, Sehnsucht, Bildungsroman, Identität, Geniekonzept, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Figur der Mignon in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ hinsichtlich ihrer Bedeutung und ihrer literarischen Herkunft.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Attributzuschreibung der Figur, ihr Status als Symbol der Lebensstufenlehre sowie ihre Verbindung zur „Sturm und Drang“-Periode.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Mignon ein „Geschöpf des Sturm und Drang“ ist und eine direkte Weiterführung des Erlösungswunsches von Werther darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Autorin/der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf einer systematischen Attributzuschreibung und dem Vergleich mit älteren Forschungsergebnissen sowie zeitgenössischen Texten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Mignons Wesensmerkmalen, ihre Rolle als Lebensstufensymbol und die tiefergehende Verknüpfung mit der „Sturm und Drang“-Ästhetik und der Werther-Thematik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mignon, Sturm und Drang, Herz, Naturpoesie und Werther-Thematik maßgeblich geprägt.
Warum wird Mignon als „zwitterhaftes Geschöpf“ bezeichnet?
Dies bezieht sich auf ihre androgyne Darstellung im Text, durch die sie sich der eindeutigen geschlechtlichen Zuordnung entzieht und zwischen den Geschlechtern steht.
Welche Rolle spielt der „Eiertanz“ im Hinblick auf Mignons Ende?
Der Eiertanz unterstreicht Mignons Mechanik und Marionettenhaftigkeit, was im Kontext der Moderne als Abschied von der Naturpoesie gedeutet wird.
Wie unterscheidet sich Mignon von einem normalen Kind?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Mignon durch ihre Fremdheit, ihre fehlende Sprachfähigkeit im herkömmlichen Sinn und ihr rein impulsives, herzgesteuertes Handeln eine „ideelle“ Gestalt darstellt.
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- Thorsten Schulte (Author), 2004, Mignon - Geschöpf des 'Sturm und Drang' - Erfüllung von Werthers Erlösungswunsch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49102