Diese Doktorarbeit ist ein Beitrag zur Erforschung beziehungsweise Anwendung der Lernerautonomie in der schulischen DaF-Unterrichtspraxis. Die Berücksichtigung der Lernerautonomie im Unterricht ist unentbehrlich für ein modernes Fremdsprachenlernen. Die praktische Anwendung der Lernerautonomie in der Schulrealität fordert aber eine Gereimtheit der bestehenden Lernerautonomie Konzeptionen mit den curricularen und unterrichtlichen Faktoren. Dabei muss auf die absolute Autonomie verzichtet und die Verstricktheit der Autonomie und Heteronomie in Bezug auf die Lernaufgaben anerkannt werden. Die konkrete Einbettung einer mit den schulischen Lernsituationen kompatiblen Lernerautonomie steht zwischen den zwei Extremen, die entweder das Konzept Lernerautonomie durch Verabsolutierung trivialisieren oder das Konzept Lernen durch die Dominanz der Lehrerperson und der curricularen Vorgaben stark reduzieren.
In dieser Arbeit wird Lernerautonomie in den fremdsprachendidaktischen Ansätzen und im Unterricht begründet. Dazu wird sie in einen Zusammenhang mit der bestehenden Mehrsprachigkeit, der Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation gebracht. Außerdem wird Lernerautonomie durch Anschlussstellen, und zwar durch ergänzende Unterrichtsprinzipien, handlungsorientierte Lernaufgaben und Vermittlung der Lernstrategien, ans konkrete Unterrichtsgeschehen gekoppelt und einbezogen. Diese Forschungsarbeit leistet ein konkretes in der Praxis geprüftes autonomieförderndes Unterrichtsmodell, das den Individualitäten des einzelnen Schülers Rechnung trägt und ihn durch handlungsorientierte Lernaufgaben und bewusst machende Lernstrategien befähigt, die Verantwortung über seinen eigenen Lernprozess allmählich zu übernehmen und sich stufenweise von den heteronomen Fremdbestimmungen zu befreien. Dabei werden die Lernerautonomie Förderungsbereiche, nämlich Lerner-Individualitäten, Aufgabentypen und Lernstrategievermittlung in curriculare Vorgaben, unterrichtliche Faktoren und Unterrichtsgeschehen berücksichtigt und eingebettet.
Durch nomologisch-analytische, experimentelle, quantitative Methode werden die erhobenen Daten statistisch untersucht und analysiert. Dabei werden die Akzeptanz des Modells, die Lernqualität, die Lernmotivation und die Autonomieförderungsqualität im Unterrichtsmodell verifiziert. Im Fazit werden Ergebnisse des theoretischen, des praktischen und empirischen Teils mit Ausblick dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse und theoretische Verortung des Themas
1.2 Methodologisches Vorgehen
1.3 Problematik und Fragestellungen
1.4 Aufbau der Forschungsarbeit
2. Theoretische Hintergrundkenntnisse über Autonomie
2.1 Historischer Rückblick
2.1.1 Autonomie in der Antike (bei den Griechen)
2.1.2 Autonomie in der Aufklärungszeiten
2.1.3 (Lerner-) Autonomie in der Reformpädagogik
2.1.4 (Lerner-) Autonomie in den Nachkriegszeiten
2.1.5 Autonomie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
2.1.6 Von individueller zur sozialen (Lerner-) Autonomie
2.2 Verwandte Begriffe zu (Lerner-) Autonomie
2.3 Bestehende Definitionen und Definitions-Chaos der Lernerautonomie
2.4 Zusammenfassung des Kapitels
3. Lerner-Individualitäten als Faktoren der Lernerautonomie im Unterricht
3.1 Wirkungen der Lernstile und Persönlichkeitsmerkmale im Unterricht
3.1.1 Wirkung der Lernstile auf die interaktive Teilnahme an den Lernaufgaben
3.1.1.1 Reflexive versus impulsive Lernenden
3.1.1.2 Risikobereitschaft
3.1.2 Wirkung der Lernstile auf Informationsverarbeitung
3.1.2.1 Ambiguitätstolerante versus ambiguitätsintolerante Lernende
3.1.2.2 Feldabhängige versus feldunabhängige Lernende
3.1.3 Wirkung der Lernstile auf Kommunikation in der Lerngruppe
3.1.4 Implikationen für Lernerautonomie im Unterricht
3.2 Wirkung der Wahrnehmungsfaktoren und Lernertypen
3.2.1 Fakten aus der Wahrnehmungstheorie
3.2.2 Lernertypen
3.2.3 Implikationen für den schulischen Unterricht
3.3 Lernstrategien
3.3.1 Begriffserklärung
3.3.2 Lernstrategie-Forschung: ein kurzer Überblick
3.3.3 Klassifizierung von Strategien im Allgemeinen
3.3.4 Klassifizierung der Lernstrategien nach Wolff (1997)
3.3.4.1 Auf den Erwerb sprachlicher Mittel bezogene Strategien
3.3.4.2 Fertigkeitsbezogene Strategien
3.3.4.3 Auf die fremdsprachliche Kommunikation bezogene Strategien
3.3.4.4 Sprachreflexion bezogene Strategien
3.3.4.5 Auf das Lernen bezogene Strategien
3.3.5 Lernstrategien im schulischen Tertiärsprachen Lernen
3.4 Zusammenfassung des Kapitels
4. (Lerner-) Autonomiekonzeptionen und Kritik der reinen Autonomie
4.1 Autonomiekonzepte in der Fremdsprachendidaktik
4.1.1 Handlungstheoretische (Lerner-) Autonomiekonzeption
4.1.2 Die situativ-technizistische (Lerner-) Autonomiekonzeption
4.1.3 Technische und strategische (Lerner-) Autonomiekonzeption
4.1.4 (Radikal-) Konstruktivistische (Lerner-) Autonomiekonzeption
4.1.5 Autonomie als pädagogisch-fächerübergreifendes Konzept
4.1.6 Kognitionspsychologischbasierte (Lerner-) Autonomiekonzeption
4.1.6.1 Das soziale Lernen
4.1.6.2 Autonomieentwicklung durch den Interiorisierungs-Prozess
4.1.6.3 Förderung der Natürlichkeit des Lernens im Unterricht
4.1.6.4 Förderung der Lernbewusstheit
4.1.7 Die sechs Autonomiekonzeptionen im Vergleich
4.2 Kritik der reinen Autonomie
4.2.1 Logische versus physische Existenz
4.2.2 Relativität versus Absolutheit
4.2.3 Heteronomie versus Autonomie: Koexistenz und Verstricktheit
4.2.4 Abgrenzung der Lernerautonomie
4.3 Kompatible Autonomiekonzeption
4.4 Zusammenfassung des Kapitels
5. Lernerautonomie in der Didaktik des Fremdsprachenunterrichts
5.1 Forschungsüberblick
5.1.1 Beiträge in der deutschsprachigen Literatur
5.1.2 Beiträge in der englischsprachigen Literatur
5.2 Lernerautonomie in den didaktischen Ansätzen
5.2.1 Lernerautonomie im kommunikativen Ansatz
5.2.2 Lernerautonomie im handlungsorientierten Ansatz
5.2.3 Lernautonomie im prozessorientierten Ansatz
5.2.4 Lernautonomie im lernerzentrierten Ansatz
5.2.5 Didaktische Ansätze im Vergleich
5.3 Anknüpfungsmöglichkeiten und Anschlussstellen der Lernerautonomie im Fremdsprachenschulunterricht
5.3.1 Anknüpfung durch Unterrichtsprinzipien: Lernmodell von Wolff
5.3.1.1 Sprachbewusstheit und Sprachlernbewusstheit
5.3.1.2 Projekts- und Handlungsorientierung
5.3.1.3 Authentizität des Lernens
5.3.2 Anknüpfung durch Gradualität der Lernerautonomie: Spiralmodell von Sanchez
5.3.2.1 Allgemeine Phasen der Autonomie
5.3.2.2 Stadien der Autonomie im Fremdsprachenunterricht
5.3.2.3 Lernerautonomie und Niveaustufen in der Fremdsprache nach (GER)
5.3.3 Anschluss durch Lernaufgaben: Aufgabenorientierte Lernerautonomie von Schmenk
5.3.3.1 Soziale versus individuelle Lernerautonomie
5.3.3.2 Verwobenheit Autonomie und Heteronomie in Bezug auf Lernaufgaben
5.3.3.3 Autonomieprozess in Bezug auf die Steigerung Übung, Aufgabe, Projekt
5.4 Zusammenfassung des Kapitels
6. Förderung der Lernerautonomie im schulischen DaF-Unterricht
6.1 Gründe für die Förderung der Lernerautonomie
6.1.1 Schülerbezogene Gründe
6.1.1.1 Der Schüler als Urheber seines Lernens
6.1.1.2 Problematik der Fremdsteuerung des Lernprozesses
6.1.1.3 Die Authentizität der affektiven Vorgänge
6.1.1.4 Fremdsprachenlernen als Umorientierung des Denkens
6.1.2 Unterrichtsbezogene Gründe
6.1.2.1 Unbrauchbarkeit des Unterrichtswissens
6.1.2.2 Knappheit der Unterrichtszeit fürs authentische Lernen
6.1.3 Wissensbezogene Gründe
6.1.3.1 Veränderungsrhythmus der Wissensbestände
6.1.3.2 Die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens
6.2 Lernerautonomieförderung im Kontext der Mehrsprachigkeit
6.2.1 Forschungsstand der Mehrsprachigkeit ein kurzer Überblick
6.2.2 Mehrsprachigkeit im algerischen Schulsystem
6.2.3 Mehrsprachigkeit in der algerischen DaF-Klasse
6.2.4 Einfluss der Mehrsprachigkeit auf die Autonomie des DaF-Schülers
6.2.4.1 Auf der kognitiven Ebene
6.2.4.1.1 Entfaltung der Sprachbewusstheit
6.2.4.1.2 Aufbauen und Ausbauen der Sprachlernbewusstheit
6.2.4.1.3 Entfaltung der Denkstrategien und Erleichterung des Verstehens
6.2.4.1.4 Entfaltung der kulturellen Kompetenz des Schülers
6.2.4.2 Auf der affektiven und motivationalen Ebene
6.2.4.2.1 Entfaltung der affektiven Lernstrategien
6.2.4.2.2 Förderung des intentionalen Lernens
6.2.4.2.3 Förderung der Motivation
6.2.5 Einfluss der Mehrsprachigkeit auf die Aufgabentypen
6.3 Förderung durch Motivationssteigerung im schulischen Unterricht
6.3.1 Bedeutung der Motivation für Lernerautonomie
6.3.2 Steigerung der intrinsischen Motivation
6.3.3 Steigerung der extrinsischen Motivation
6.3.4 Steigerung der Lernmotivation
6.3.5 Steigerung der Leistungsmotivation
6.4 Zusammenfassung des Kapitels
7. Praktisches Teil: Unterrichtsmodell für Autonomieförderung
7.1 Forschungsdesign und Forschungsinstrumente
7.1.1 Unterrichtsangaben und Materialien
7.1.2 Erklärung des autonomiefördernden Unterrichtsmodells
7.1.2.1 Die implizite Förderung der Lernerautonomie
7.1.2.2 Die explizite Förderung der Lernerautonomie
7.1.2.3 Autonomiefördernde Aufgaben im schulischen Programm
7.1.2.3.1 Aufgaben in Bezug auf Orientierung der Lernenden
7.1.2.3.2 Aufgaben in Bezug auf Übertragung von Lernverantwortung
7.1.2.3.3 Aufgaben in Bezug auf Reflexion über Lernweisen
7.1.2.3.3.1 Erstellung von Lerntagebüchern
7.1.2.3.3.2 Festlegung der Lernertypen und Lernstile der Schüler
7.1.2.3.3.3 Fragen zur Kritik des Unterrichts bzw. des Lehrers
7.1.2.4 Steigerungsmöglichkeiten im Unterricht
7.1.2.5 Unterrichtsprinzipien
7.1.2.6 Klassengestaltung
7.1.2.7 Unterrichtsplan
7.2 Praktische Umsetzung des Unterrichtsmodells
7.2.1 Einstiegsphase (Einführungs-, Vorbereitungsphase)
7.2.1.1 Aufgaben zur Lernerautonomie
7.2.1.2 Wortigel zum Brainstorming
7.2.1.3 Wortigel zum Writestorming
7.2.1.4 Einstieg mit Bildkarteien
7.2.2 Präsentationsphase
7.2.2.1 Aufgabe zur Lernerautonomie
7.2.2.2 Assoziogramme mit Satzschnipseln
7.2.2.3 Aufgaben zu Strukturen und Redemitteln mit Substantiven
7.2.2.4 Aufgaben zu Strukturen und Redemitteln mit Verben
7.2.2.5 Fragen zum Textverständnis
7.2.2.6 Assoziogramme zum Text "Unser Klima"
7.2.3 Semantisierungsphase
7.2.3.1 Wortschatzarbeit mit Kugellagermethode
7.2.3.2 Kärtchen zur Wortschatzarbeit: Gegenteile
7.2.3.3 Übungen zum Lückenwort und zur Wortumformung
7.2.3.4 Wortbedeutung erschließen bzw. wiedererkennen
7.2.3.5 Satzschnipsel zum Textaufbau
7.2.4 Systematisierungsphase
7.2.5 Festigungsphase
7.2.6 Anwendungsphase
7.2.6.1 Gesteuerte Anwendung
7.2.6.2 Freie Anwendung im Projekt
7.2.7 Evaluationsphase (auch Lernkontrolle)
7.3 Förderung der Lernerautonomie in Bezug auf Sprachfertigkeiten, Grammatik und Wortschatzarbeit.
7.3.1 Förderung in der Sprachrezeption
7.3.1.1 Förderung der Lernerautonomie im Leseverstehen
7.3.1.1.1 Förderung durch Vermittlung der Lesestrategien
7.3.1.1.1.1 Absichtsorientierte Lesestrategien
7.3.1.1.1.2 Globale Strategien des Leseverstehens
7.3.1.1.1.3 Explizite Anwendung der Leseverstehens-Strategien. Ein Beispiel für die fremdsprachliche Unterrichtspraxis
7.3.1.1.2 Förderung durch prozess- und handlungsorientierte Aufgaben
7.3.1.2 Förderung der Lernerautonomie im Hörverstehen
7.3.1.2.1 Förderung durch Hörverstehensstrategien
7.3.1.2.2 Förderung durch prozess- und handlungsorientierte Aufgaben
7.3.2 Förderung in den produktiven Fertigkeiten
7.3.2.1 Lernerautonomie Förderung in der Schreibfertigkeit
7.3.2.1.1 Schreiben als Ziel und als Mittel
7.3.2.1.2 Produkt- und prozessorientiertes Schreiben
7.3.2.1.3 Förderung in der Schreibfertigkeit durch Strategien
7.3.2.1.4 Förderung durch prozessorientierte Aufgaben
7.3.2.2 Förderung der Lernerautonomie in der Sprechfertigkeit
7.3.2.2.1 Die Förderung im transaktionalen Sprechen
7.3.2.2.1.1 Die Förderung im interaktionalen Sprechen
7.3.3 Förderung der Lernerautonomie in der Grammatikvermittlung
7.3.3.1 Systematische Grammatik
7.3.3.1.1 Vermittlung durch Strategien
7.3.3.1.2 Prozessorientierte Aufgaben
7.3.3.2 Funktionale Grammatik
7.3.3.2.1 Strategievermittlung
7.3.3.2.2 Aufgaben zur funktionalen Grammatik
7.3.4 Förderung der Lernerautonomie bei der Wortschatzarbeit
7.3.4.1 Strategievermittlung und Strategietraining
7.3.4.2 Prozessorientierte und handlungsorientierte Aufgaben
7.3.4.3 Aufgaben zum kontrastiven Wortschatzlernen
8. Empirisches Teil: Untersuchung mit Fragebögen
8.1 Methodisches Vorgehen
8.1.1 Datenerhebungsdesign
8.1.2 Erklärung der Fragebögen
8.1.2.1 Fragebögen zur Festlegung der Schülereigenschaften im Unterricht
8.1.2.2 Fragebogen zur Lernqualität und Lernmotivation durch Lernerautonomie Anwendung
8.1.2.3 Fragebogen zur Autonomieförderungsqualität und Anwendungsakzeptanz des Unterrichtsmodells
8.1.3 Datenaufbereitung
8.2 Datenauswertung und Datenanalyse
8.2.1 Individuelle Eigenschaften der Schüler und Klassen
8.2.1.1 Heterogenität in Bezug auf Lernertypen und Folgerungen für den Unterricht
8.2.1.2 Heterogenität in Bezug auf Lernstile und Folgerungen für den Unterricht
8.2.1.3 Schülereigenschaften in Bezug auf Motivation und Folgerungen für den Unterricht
8.2.2 Lernmotivation und Lernqualität durch Lernerautonomie Förderung
8.2.3 Die Qualität des Lernerautonomie fördernden Unterrichtsmodells
8.2.4 Akzeptanzfaktoren der Anwendung des Lernerautonomie Unterrichtsmodells
9. Schlussfolgerungen und Forschungsergebnisse
9.1 Zielsetzung und methodisches Vorgehen
9.2 Theoretische und konzeptuelle Ergebnisse und Erkenntnisse
9.3 Empirische und praktische Ergebnisse
9.3.1 Ergebnisse des Unterrichtsmodells
9.3.2 Ergebnisse der Fragebögen
9.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
9.5 Fazit und Aussichten für die Unterrichtspraxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendungsmöglichkeiten der Lernerautonomie im DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache) an Gymnasien durch handlungsorientierte Lernaufgaben und eine gezielte Vermittlung von Lernstrategien. Ziel ist es, ein in der Praxis erprobtes Unterrichtsmodell zu entwickeln, das die Individualität der Lernenden berücksichtigt und ihre Autonomie innerhalb der curricularen Vorgaben fördert.
- Förderung der Lernerautonomie durch handlungsorientierte Lernaufgaben.
- Berücksichtigung von Schülerindividualitäten (Lernstile, Lerntypen, Motivation).
- Kritische Analyse bestehender Autonomiekonzeptionen in der Didaktik.
- Entwicklung und empirische Evaluation eines autonomiefördernden Unterrichtsmodells.
- Integration der Lernerautonomie in den Kontext der Mehrsprachigkeit.
Auszug aus dem Buch
Die situativ-technizistische (Lerner-) Autonomiekonzeption
Dieses Verständnis ist aus der Verwechslung des Begriffs Lernerautonomie mit dem des selbstgesteuerten Lernens entstanden (Schmenk 2008: 72). Dies ist die meist ausbreitete Auffassung der Lernerautonomie, welche mit dem technologisch gestützten Lernen verbunden ist. Das Lernen bedeutet hier, dass man total selbständig und allein d. h. ohne Lehrer und ohne Lernpartner lernt. Es wird hier als eine Summe von Tätigkeiten, die der Lernende im unmittelbaren Kontakt mit den technischen Materialien bzw. mit der künstlichen Intelligenz unterstützten Selbstlernprogrammen ausführt. Diese Art vom Lernen wird im computergestützten Unterricht und durch Computer Selbstlernprogramme gefördert. Diese Auffassung der Autonomie reduziert das Lernen und den Lernprozess auf eine Mausklick in einem Kästchen und eine Antwort in einem Programm zu geben (Schmenk 2008: 66, 2010: 14). Hier wird der Begriff Lernerautonomie mit dem Alleinlernen, selbstgesteuertes, Selbstlernen, Lehrwerkunabhängiges Lernen gleichgesetzt.
Lernerautonomie wird heute nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in einer eher technizistisch ausgerichteten Pädagogik als ein Unterrichtsprinzip verstanden, bei dem die Lerner-Lehrer- bzw. die Lerner-Lerner-Interaktion durch eine Lerner Computer-Interaktion ersetzt wird, d. h. der Computer in der Interaktion mit dem Lerner die Rolle des Lehrers übernehmen soll. Dadurch, dass der Lerner keinen Lehrer mehr braucht, sondern wann immer es ihm beliebt, am Computer lernen kann, wird er zu einem autonomen Lerner. Wir halten ein solches Verständnis von Autonomie für gefährlich (Rüschoff/Wolff, 1999, S. 64).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema Lernerautonomie im DaF-Unterricht theoretisch und erläutert die methodologischen Grundlagen der Forschungsarbeit.
2. Theoretische Hintergrundkenntnisse über Autonomie: Dieses Kapitel bietet einen geschichtlichen Überblick über den Autonomiebegriff und analysiert dessen verschiedene theoretische Wurzeln sowie die damit verbundenen Definitionsunsicherheiten.
3. Lerner-Individualitäten als Faktoren der Lernerautonomie im Unterricht: Der Fokus liegt hier auf den individuellen Faktoren der Lernenden wie Lernstile, Lernertypen und Lernstrategien, die für die Förderung der Lernerautonomie von zentraler Bedeutung sind.
4. (Lerner-) Autonomiekonzeptionen und Kritik der reinen Autonomie: Das Kapitel präsentiert verschiedene Autonomiekonzeptionen und übt Kritik an einer idealisierten und reinen Autonomievorstellung, indem es deren Relativität und Verwobenheit mit Heteronomie aufzeigt.
5. Lernerautonomie in der Didaktik des Fremdsprachenunterrichts: Hier werden die Implikationen verschiedener didaktischer Ansätze für die Lernerautonomieförderung untersucht und Anknüpfungspunkte für die Unterrichtspraxis identifiziert.
6. Förderung der Lernerautonomie im schulischen DaF-Unterricht: Dieses Kapitel beschreibt Gründe für die Förderung der Lernerautonomie, unter anderem im Kontext der Mehrsprachigkeit und Motivationssteigerung.
7. Praktisches Teil: Unterrichtsmodell für Autonomieförderung: Das Kapitel präsentiert das in der Praxis umgesetzte Unterrichtsmodell, das explizite und implizite autonomiefördernde Maßnahmen im DaF-Unterricht konkretisiert.
8. Empirisches Teil: Untersuchung mit Fragebögen: Die empirische Untersuchung mittels Fragebögen belegt die Akzeptanz und Wirkung des entwickelten Unterrichtsmodells auf die Lernqualität und Motivation der Schüler.
9. Schlussfolgerungen und Forschungsergebnisse: Das Kapitel zieht eine Bilanz der gesamten Studie und stellt die theoretischen und empirischen Ergebnisse zusammenfassend dar.
Schlüsselwörter
Lernerautonomie, DaF-Unterricht, Handlungsorientierung, Lernstrategien, Mehrsprachigkeit, Motivationssteigerung, Schülerindividualitäten, Unterrichtsmodell, Fremdsprachendidaktik, Sprachlernbewusstheit, Lernstile, Lerntypen, Selbststeuerung, Autonomiekonzeptionen, Unterrichtspraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der praktischen Anwendung von Lernerautonomie im DaF-Unterricht an Gymnasien, um Lernenden durch handlungsorientierte Aktivitäten und Strategievermittlung zu eigenverantwortlichem Lernen zu befähigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Dissertation?
Die zentralen Themen sind das Konzept der Lernerautonomie, die Individualität der Lernenden (Lernstile, -typen), didaktische Ansätze zur Autonomieförderung, der Einfluss von Mehrsprachigkeit sowie die praktische Modellierung und empirische Überprüfung dieser Ansätze.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, ein realistisches und mit dem schulischen Kontext kompatibles Unterrichtsmodell zu entwickeln, das Lernerautonomie effektiv umsetzt, und dessen Akzeptanz sowie Wirkung auf die Lernqualität empirisch zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Dissertation verwendet einen Mehrmethodenansatz, der nomologisch-analytische Verfahren zur theoretischen Fundierung mit quantitativen, empirischen Erhebungen (Fragebögen) zur Überprüfung des Unterrichtsmodells kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine kritische Auseinandersetzung mit Autonomiekonzeptionen, die didaktische Verortung, die praktische Ausarbeitung eines Unterrichtsmodells sowie dessen empirische Untersuchung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Lernerautonomie, Handlungsorientierung, Lernstrategien, Schülerindividualität und DaF-Didaktik charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die "reine Autonomie" von dem im Modell verfolgten Ansatz?
Das Modell kritisiert eine "reine" Autonomie als theoretische Illusion; stattdessen verfolgt es eine realistische Sicht, in der Autonomie und Heteronomie koexistieren und Autonomie graduell durch soziale Interaktion und professionelle Lehrbegleitung erworben wird.
Welche Rolle spielt die Mehrsprachigkeit in diesem Modell?
Mehrsprachigkeit wird als Ressource genutzt, um durch kontrastives Lernen und Sprachlernbewusstheit die individuelle Lernerautonomie der Schüler bei der Aneignung weiterer Sprachen (Tertiärsprachen) zu fördern.
- Quote paper
- Doktor Nourredine Bouchama (Author), 2019, Lernerautonomie in der Praxis des DaF-Unterrichts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491048