Im Kontext deutscher Auswanderung nach Übersee, ausgehend vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Weimarer Zeit, möchte ich mit dieser Hausarbeit speziell den deutsch-brasilianischen Auswanderungsprozess und dessen Steuerung und Beeinflussung durch Auswanderungsvereine und -agenturen untersuchen. Zentrale Fragen betreffen dabei die Praktiken der Anwerbung: Wer waren die Akteure und inwiefern hat sich deren Interaktion zum Wohl oder Übel der Auswanderer ausgewirkt? Welche Motivation trieb die Vereine und Agenten an? Wurde ein spezielles Brasilienbild durch die Auswanderungswerbung vermittelt? Und welche Rückwirkungen ergaben sich durch die Vermittlung von Auswanderungswilligen? Zwei Fallbeispiele geben Auskunft über Erfolg und Misserfolg: Ida und Ottokar Dörffel aus Glauchau, die sich 1854 in Dona Francisca (später Joinville) im Bundesstaat Santa Catarina niederlassen und die Gründungsphase der Stadt nachhaltig prägen, und Max Schulte, der 1924 in Brasilien nur Elend erfährt und resigniert nach Hause zurückkehrt. Ebenso aufschlussreich ist die staatliche Einflussnahme auf deutscher aber auch auf brasilianischer Seite in Bezug auf Werbung für,- bzw. Warnung vor Auswanderung und entsprechender Gesetzgebung. Hier wird eine starke Wechselwirkung mit der Arbeit der Auswanderungsvereine erkennbar.
Der Untersuchungszeitraum 1822 - 1925 umfasst mehrere auswanderungsstarke Phasen, die entsprechend den sozio-ökonomischen Veränderungen in deutschen Gebieten, sowie den wirtschaftspolitischen Maßnahmen Brasiliens folgen. Nach der Öffnung Brasiliens für den Handel aller Nationen 1808 waren die Deutschen die erste Einwanderungsgruppe. Sie prägten nachhaltig besonders den damals kaum besiedelten Süden des Landes.
Die neuere Migrationsforschung geht davon aus, dass Auswanderung als ganzheitlicher Prozess verstanden werden muss, indem verschiedene Einzelfaktoren sich gegenseitig bedingen. Agenten, Auswanderervereine und Werber spielten dabei eine wichtige Rolle beim ‚Push -und Pull‘-Wanderungssystem. Die Geschichte dieser Akteure gewährt aufschlussreiche Einblicke in die deutsche Sozialgeschichte und macht deutlich, wie sehr dieser Auswanderungsprozess nach Brasilien von einem Geflecht aus Erwartungen, ideellen Konzeptionen und wirtschaftlichen Interessen geprägt war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Kontext
2.1 Der deutsche Exodus 1822 - 1925
2.2 Brasilien: Vom Kaiserreich zur Republik
3. Auswandererschicksale
3.1 Ida und Ottokar Dörffel – von Glauchau nach Brasilien
3.2 Max Schultes mißglückte Auswanderung nach Brasilien
4. Akteure in der Auswandererfürsorge und -werbung
4.1 Die Agentenorganisation
4.2 Auswanderervereine
4.3 Die Rolle der Expedienten
Hamburg und Bremen konkurrieren um die 'Ware Mensch'
5. Praktiken in der Auswandererwerbung
5.1 Flugblätter
5.2 Anzeigen, Artikel und Auswandererbriefe
6. Staatliche Einflussnahme
6.1 Die Stellung der deutschen Regierung zur Auswanderung
6.2 Die Rolle Brasiliens im Auswanderungsprozess
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den deutsch-brasilianischen Auswanderungsprozess zwischen 1822 und 1925 mit einem speziellen Fokus auf die steuernde und beeinflussende Rolle von Auswanderervereinen und -agenturen. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie diese Akteure durch Anwerbepraktiken, Informationsvermittlung und politische Interessen das Schicksal der Auswanderer sowie das Bild Brasiliens in Deutschland prägten.
- Anwerbepraktiken und Motivationen von Auswandereragenten und -vereinen
- Die Rolle staatlicher Einflussnahme auf deutscher und brasilianischer Seite
- Wechselwirkungen zwischen Werbung, Auswanderung und nationalpolitischen Zielen
- Fallbeispiele zu Erfolg und Misserfolg individueller Auswandererschicksale
- Bedeutung der Presse und publizistischer Medien in der Auswandererwerbung
Auszug aus dem Buch
3.1 Ida und Ottokar Dörffel – von Glauchau nach Brasilien
Ottokar Dörffel (36 J.) und seine Frau Ida (32 J.) aus Glauchau in Sachsen entschließen sich 1854 nach Brasilien auszuwandern. Der ehemalige Bürgermeister und Jurist sieht keine berufliche Perspektive mehr in der Heimat, nachdem er fünf Jahre zuvor, wegen seiner Verwicklung im Dresdner Maiaufstand 1849, suspendiert wurde.35 Mit 33 weiteren Personen aus dem Ort kommen sie am 20. November 1854, nach achtwöchiger Überfahrt, in der Kolonie36 Dona Francisca im Bundesstaat Santa Catarina an. Der Hamburger Kolonisationsverein von 1849 hatte diese Ländereien bereits 1850 vom Prinzen von Joinville gekauft, um dort deutsche Auswanderer anzusiedeln (s. Kap. 4.2). Dörffels früherer Dienstherr, Otto Victor I., ist der zweitgrößte Aktionär und mit Abstand der größte Grundeigentümer der Kolonie. Es ist anzunehmen, dass die Dörffels durch diese Verbindung von Dona Francisca wußten.37
Dass es ein Abschied für immer sein wird, ist dem Ehepaar damals noch nicht klar. Jahrelang hoffen sie, noch weitere Familienmitglieder nachzuholen. Der rege Briefwechsel zwischen Ida, Ottokar und ihrer Familie zeugt von einem entbehrungsreichen, aber auch spannenden und erfüllten Leben.
Doch am Anfang müssen sie ganz bei Null anfangen. Er schreibt im Brief vom 1. Dez. 1854: an seine Mutter: "Wir mussten uns daher mit [anderen in] eins der allgemeinen Empfangshäuser einquartieren lassen und erhielten daselbst [eine] etwa 6 Ellen im Quadrat haltende Localität angewiesen, mit welcher in Deutschland keine Kuh zufrieden sein würde."38
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der deutsch-brasilianischen Auswanderung ein und umreißt die zentrale Forschungsfrage zur Rolle von Auswanderervereinen und -agenturen.
2. Historischer Kontext: Das Kapitel beleuchtet die Phasen der deutschen Auswanderung nach Lateinamerika sowie die politische und wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens vom Kaiserreich zur Republik.
3. Auswandererschicksale: Anhand der Biografien von Ida und Ottokar Dörffel sowie Max Schulte werden exemplarisch Erfolg und Scheitern einer Auswanderung nach Brasilien gegenübergestellt.
4. Akteure in der Auswandererfürsorge und -werbung: Dieses Kapitel analysiert die Strukturen und Tätigkeiten von Agenten, Vereinen und Expedienten bei der Steuerung der Auswandererströme.
5. Praktiken in der Auswandererwerbung: Hier werden die Methoden der Anwerbung durch Flugblätter, Anzeigen und Auswandererbriefe detailliert dargelegt.
6. Staatliche Einflussnahme: Dieses Kapitel untersucht, wie sowohl die deutschen Staaten als auch die brasilianische Regierung versuchten, den Auswanderungsprozess politisch zu lenken oder zu regulieren.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die ambivalente Rolle der Akteure sowie deren Einfluss auf den deutsch-brasilianischen Austausch.
Schlüsselwörter
Auswanderung, Brasilien, Auswanderervereine, Auswandereragenturen, Siedlungspolitik, Migrationsgeschichte, Push-und-Pull-Faktoren, Dona Francisca, Joinville, Werbung, Kolonisation, Sozialgeschichte, Auswandererbriefe, Deutschland, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den deutsch-brasilianischen Auswanderungsprozess zwischen 1822 und 1925 und analysiert, wie private Vereine und Agenturen diesen Prozess steuerten und beeinflussten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf den Anwerbepraktiken, der Rolle staatlicher Institutionen, den medialen Werbestrategien und den individuellen Schicksalen der Auswanderer.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, welche Motivationen die Vereine und Agenten antrieben, wer die Akteure waren und wie sich deren Interaktion auf das Wohl der Auswanderer und das öffentliche Bild Brasiliens auswirkte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer historischen Analyse, die Primärquellen wie Auswandererbriefe, Tagebücher und historische Zeitungsanzeigen mit der bestehenden Fachliteratur zur Migrationsgeschichte verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Hintergründe, konkrete Fallbeispiele, die detaillierte Analyse der Akteure (Agenten und Vereine), deren Werbepraktiken sowie die staatlichen Einflussnahmen auf beiden Seiten des Atlantiks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Migrationsgeschichte, Auswandererwerbung, Brasilien-Auswanderung, private Siedlungsvereine und deutsche Sozialgeschichte beschreiben.
Warum spielt die Kolonie Dona Francisca eine so wichtige Rolle in der Untersuchung?
Dona Francisca (heute Joinville) dient als zentrales Fallbeispiel, da sich hier sowohl die unternehmerischen als auch die sozialen und politischen Interessen des Hamburger Kolonisationsvereins und der Auswanderer exemplarisch nachvollziehen lassen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Rolle der Agenten?
Trotz ihrer teils eigennützigen und gewinnorientierten Motive konstatiert die Autorin, dass Agenten für das Gelingen der Auswanderung und die Organisation der Reise aufgrund ihres Know-hows und ihrer Vermittlerrolle unverzichtbar waren.
- Citar trabajo
- Claudia Spoden (Autor), 2019, Die Bedeutung der Auswanderervereine und -agenturen im deutsch-brasilianischen Auswanderungsprozess 1822 -1925, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491164