Die Figur des erhabenen Verbrechers in Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" von 1784 und der Trilogie "Wallenstein" von 1799


Bachelorarbeit, 2015

38 Seiten, Note: 3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Typus des literarischen Verbrechers in Verbindung mit dem Prinzip des Erhabenennach Schiller
2.1 Fiesco als politischer Einzelkämpfer und erhabener Verbrecher nach dem Prinzip des Erhabenen nach Pseudo-Longinus und nach Schiller
2.2 Der Untergang Fiescos in Zusammenhang mit Schillers politischen Eindrücken im Jahrhundert in Anlehnung an die Französische Revolution

3. Der Typus des erhabenen Verbrechers in Schillers „Wallenstein“
3.1 Wallenstein als ambivalenter Charakter in Zusammenhang mit dem Prinzip des Erhabenen nach Schiller
3.2 Der Versuch der Überwindung vom geschichtlichem Handeln durch Wallenstein im Konflikt mit dem erhabenen Prinzip nach Schiller

4. Kurzes Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Figur des Verbrechers ist aus der heutigen Literatur nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche Kriminalromane erobern seit Jahren den Markt, die sich um den sogenannten „typischen Verbrecher“ drehen. Dieser wird im Roman meist von Gesetzeshütern verfolgt, die der Autor, aufgrund ihrer detektivischen Fähigkeiten, auswählt. Aber es existieren mittlerweile auch Romane, die sich darum bemühen, das bisher strikte negative Bild des Verbrechers umzudrehen. Der Leser verfolgt das Geschehen dann direkt aus der Perspektive des Verbrechers und bekommt so einen Einblick in den spannenden, undurchschaubaren Charakter. Die literarische Gestalt des Verbrechers, war bereits seit der Antike ein spannendes Phänomen, beispielsweise zu erkennen in der griechischen Göttermythologie. Die griechischen Götter hatten ihre Pflicht nicht nur darin, Gesetze festzulegen und über die Menschen zu herrschen, sondern auch Strafen gegen diejenigen zu verhängen, die sich nicht an die geltenden Gesetze hielten. Hierzu zählt beispielsweise Tantalus, der als König von Lydien mit den Göttern speiste und sie dabei auf die Probe stellte. Er tötete seinen Sohn Pelops, um ihn den Göttern als Mahl zu servieren. Die Götter erkannten die grausame Tat und bestraften Tantalus mit ewigen Qualen im Tartaros, sowie einem Fluch, der sein gesamtes Geschlecht betreffen sollte.1 Die Frage, die bis heute bleibt, ist aber: Was reizt einen Menschen zu solch‘ einem Vorgehen, das gegen geltende gesellschaftliche Normen verstößt? Worin liegen seine Handlungsmotive? Dies lässt sich nur anhand der subjektiven Abwägung des einzelnen Rezipienten herausfinden. Was kann den negativen Status des Verbrechers verändern? Bringt man die Gestalt des literarischen Verbrechers in Verbindung mit dem Wort „erhaben“, wird aus dem negativ konnotierten Typus des Verbrechers ein erhabener Verbrecher, der sich allein durch den Begriff bereits im positiven Sinn aufwertet. Doch inwiefern kann es erhabene Verbrecher geben und worin liegen ihre Funktion? Es lohnt sich für die Beantwortung der Frage, erneut einen Rückschritt in die Antike anzutreten, um zunächst das Begriffsfeld des Erhabenen genauer nachvollziehen zu können. Betrachtet man die Schrift „Vom Erhabenen“ des griechischen, unbekannten Autors, genannt Pseudo-Longinus“, lässt sich folgendes finden:

„Die demosthenische Erhabenheit und Hochspannung kommt am besten zur Geltung bei leidenschaftlicher Sprache, heftiger Erregung und dort, wo es gilt, den Hörer zutiefst zu erschüttern, während breiter Redestrom ratsam ist, wo man ihn überfluten muß; […]“2

Pseudo-Longinus geht es in erster Linie um das Erhabene als ein nicht zu fassendes Gefühl an den Rezipienten vom Autor. Es geht naturgemäß vom jeweiligen Autor aus und zeigt dessen kunstvolle Darstellung eines literarischen Moments. Doch wie passt die „heftige Erregung“ des erhabenen Prinzips nach Pseudo-Longinus, mit der Figur des erhabenen Verbrechers zusammen? Geht man einen Schritt weiter, in die Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts, lässt sich im Wörterbuch der Gebrüder Grimm folgende Definition des Wortes „erhaben“ finden:

„noch im 16. und bei einzelnen schriftstellern des 17.jh. unverkümmerte form des part. praet. von3 erheben.“4

Erhaben galt also lange, bis in das 17. Jahrhundert hinein, als das grammatikalische Partizip Präteritum des Verbs „erheben“ und steht damit zunächst außerhalb des poetischen Zusammenhangs, den Pseudo-Longinus in seiner Schrift benennt. Mit Beginn der Aufklärung im 18. Jahrhundert, kann man schließlich eine deutliche Veränderung des Begriffs erkennen, der nun mehr philosophisch betrachtet zu werden scheint:

„Kant gibt folgende bestimmungen5 : […] erhaben ist, was auch nur denken zu können ein vermögen des geistes beweist, das jeden maszstab der sinne übertrifft.“6

Besonders durch den Philosophen Immanuel Kant, sowie den Schriftsteller, Historiker und Philosophen Friedrich Schiller, erfährt der Begriff des Erhabenen im 18. Jahrhundert eine literarisch philosophische Bedeutung, die wiederum stark auf das Pseudo-Longinische Prinzip vom Erhabenen zurückgreift. Die philosophische Interpretation lehrt das Erhabene als ein Gefühl im Menschen, das zu denken nicht beschreibbar ist. Es ist ein Augenblick der Erschütterung, wie es Pseudo-Longinus bezeichnet, als auch ein Moment, der den Geist übersteigt, im philosophischen Sinne Kants. Kann sich das Erhabene nun nahtlos an die Figur des Verbrechers anfügen, ohne, dass es sich dabei in seinem kunstvollen Inhalt allzu sehr verändert? Besonders gut erkennen lässt sich diese paradoxe Verbindung des Begriffs des Erhabenen zu der Verbrecher-Figur in dem politisch-historischen Drama von Schiller „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua7 “ von 1784 sowie in dessen 1799 fertig gestellte Trilogie „Wallenstein8 “. In beiden Dramen geht es um zwei hohe politische Figuren, namens Fiesco und Wallenstein, welche auf ihre Art und Weise versuchen in ihrer jeweiligen politischen Position weiter aufzusteigen. Während die Protagonisten dafür auch mit unfairen Mitteln kämpfen, bemerken sie nicht, wie sie immer mehr ihrem physischen Ende endgegensteuern und am Ende durch ihre einstigen Verbündeten, zu Fall kommen. Der Trieb nach Macht und Gier richtet beide zugrunde, auch wenn sie für die Personen, die ihnen am nächsten stehen, eine imposante Persönlichkeit gewesen sind. Für ihre Gegenspieler sind sie dagegen reine Verbrecher, ohne guten Willen. Eine ambivalente Sichtweise der Charaktere lässt sich daher nicht ausschließen. Wallenstein schafft es im Gegensatz zu Fiesco nahezu moralische Freiheit zu erlangen, da er sich freiwillig den notwendigen Begebenheiten beugt. Fiesco dagegen durchläuft keinen Moment der individuell notwendigen Beugung nach Schillers ästhetischem Prinzip, was ihn auf moralischer Ebene nicht befreit. Er bleibt seinem Vorhaben treu, bis ihm diese starre Haltung sein Leben kostet. Betrachtet man das Erhabene also als eine Bewegung, die uns die Figur des Verbrechers aus einer positiven Perspektive betrachten lässt, wertet es die Charakterzüge des Verbrechers auf und rückt die Handlungsmotivationen der Figur in ein besseres Licht. Kann man nach einer ausgiebigen Analyse über den erhabenen Verbrecher möglicherweise eine Entwicklung Schillers und seiner Vorstellung vom Erhabenen anhand der beiden Dramen erkennen? Zudem stellt sich die Frage, wie er den Konflikt der Figur des erhabenen Verbrechers in den zu analysierenden Dramen löst, ihn möglicherweise sogar positiv darstellt. In der folgenden Arbeit werde ich den Konflikt des Prinzips des Erhabenen nach Schiller in Zusammenhang mit der literarischen Gestalt des Verbrechers anhand der beiden genannten Figuren, Fiesco und Wallenstein, analysieren und die kunstvoll gesetzte Wirkung auf den Rezipienten aufzeigen, indem ich das erhabene Prinzip nach Pseudo-Longinus mit berücksichtigen werde.

2. Der Typus des literarischen Verbrechers in Verbindung mit dem Begriff des Erhabenen nach Schiller

2.1 Fiesco als politischer Einzelkämpfer und Verbrecher nach dem Prinzip des Erhabenen nach Pseudo-Longinus und nach Schiller

In erster Linie liegt die Funktion des literarischen Verbrechers darin, innere menschliche Charakterzüge nach außen hin zu verdeutlichen und somit die Neugier des Lesers zu wecken.9 Ein Charakter, der als Verbrecher gilt, wird dabei immer aus der subjektiven Sichtweise der Personen in diese negative Rolle gedrängt, die sich ihrerseits an die gesellschaftlichen Regeln und Gesetze halten. Somit würde die Umsetzung des Erhabenen in der Figur des Verbrechers selbst eine differente Sichtweise erzeugen, die ihn in ein positives Licht rückt. Ein Beispiel für die Figur des erhabenen Verbrechers kann in der literarischen Figur Robin Hood gesehen werden. Robin Hood ist wohl eine der bekanntesten Heldenfiguren der Literaturgeschichte, der in Verbindung mit dem Verbrechen steht, da er das gestohlene Hab und Gut, das er den reichen Bürgern entwendet, an die Armen spendet.10 Eine edle Tat, die ihn nach Schillers ästhetischem Prinzip erhaben wirken lässt:

„Diejenige Stimmung, des Gemüts, welcher gleichgültig ist, ob das Schöne und Gute und Vollkommene existiere, aber mit rigoristischer Strenge verlangt, daß das Existierende gut und schön und vollkommen sei, heißt vorzugsweise groß und erhaben, weil sie alle Realitäten des schönen Charakters enthält, ohne seine Schwanken zu teilen.“11

Robin Hood setzt sich, trotz der öffentlichen Jagd auf ihn selbst, der Gefahr des Todes aus, um anderen in ihrer Existenz zu helfen. Somit ist er für die Adligen ein Verbrecher, für die Armen, die von seinem Handeln profitieren ist er allerdings ein Held. Dasselbe gilt für die Rezipienten, die die gute Tat in dem Handeln Robin Hoods erkennen und ihn deshalb nicht zwingend als Verbrecher ansehen. Kann es bestimmte Merkmale geben, die einen Verbrecher definieren oder kann tatsächlich jeder beliebige Mensch zu einem Verbrecher werden? Hier ziehe ich Schillers Ansicht auf die literarische Gestalt des Verbrechers heran, in der er der Meinung ist, dass an der Figur des Verbrechers das allgemein Menschliche besonders deutlich wird:12

„Er [Schiller]13 will vielmehr zeigen, daß jemand durch ungünstige und ungerechte natürliche und gesellschaftliche Umstände zum Verbrecher werden kann – was aber nicht heißt, daß er es muß.“14

Für Schiller kann im Prinzip jeder Mensch zum Verbrecher werden, ein gutes Beispiel hierfür ist seine Schrift der „Verbrecher aus verlorener Ehre“ von 1786, in der deutlich wird, dass gewisse soziale Umstände, die moralische Bildung und das Bewusstsein über Gut und Böse, jeden beliebigen Menschen zu einem Verbrecher machen können.15 Dabei ist der Verbrecher aber, laut Schiller, immer noch verantwortlich für seine Taten und kann sich stets für die Einhaltung der geltenden moralisch-gesellschaftlichen Regeln entscheiden. In Schillers republikanischem Trauerspiel „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ kann der Rezipient die Hauptfigur Fiesco zunächst nicht als typischen Verbrecher einstufen. Er wird zu Beginn des Dramas als „Junger, schlanker blühendschöner Mann von 23 Jahren – stolz mit Anstand – freundlich mit Majestät – höfisch – geschmeidig und ebenso tückisch.“ charakterisiert.16 Allerdings kann der Rezipient bei dem gewählten Adjektiv „tückisch“ bereits erahnen, dass in Fiesco eine Veranlagung zur Arglist liegen könnte. Die Spannung, wann das tückische Gesicht Fiescos zum Vorschein kommt, wird bis zum Ende des zweiten Aktes von Schiller aufrechterhalten. Fiesco besitzt, nach Schiller, die Eigenschaft des Schönen, welche den Schein des guten Charakters wahren soll. Doch welche Attribute könnten den erhabenen Verbrecher in Fiesco zeigen? Dies lässt sich erst im genaueren Verlauf der Handlung beleuchten. Der Zuschauer lernt Fiesco als einen redegewandten und scheinbar großzügigen Menschen kennen. Seine Frau Leonore kann es auch nach der Hochzeit noch nicht fassen, dass sich Fiesco, der von allen Frauen begehrt wird, für sie entschieden hat:

„Und nun mein17 ihn zu nennen! Verwegenes entsetzliches Glück! Mein Genuas18 größten Mann! […] - als ich am Altar stand neben Fiesco – seine Hand in meine Hand gelegt – hatt‘ ich den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten19 ist: - dieser Fiesco – aber still! daß kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner Fürtrefflichkeit brüsten – dieser dein Fiesco – Weh euch! Wenn das Gefühl euch nicht höher wirft! - wird – muß Genua von seinen Tyrannen erlösen20 !“21 (Vers 37-12)

Hier setzt Schiller das Erhabene Prinzip, im Sinne der Pseudo-Longinischen Schrift „Vom Erhabenen“, um. Die Verwendung des Satzes „Wenn das Gefühl euch nicht höher wirft“ soll die Erhabenheit als Gefühl des höchst möglich Fühlbaren im Menschen beschreiben. Schiller lässt Leonore die Unfassbarkeit, mit Fiesco, als ihrem „größten Mann zu Genua“, verheiratet zu sein, deutlich machen. Leonore nimmt den Zuschauer mit zu ihrem individuell glücklichsten Moment, der Hochzeit mit Fiesco. Hierbei wird dieser indirekt durch Leonore charakterisiert, was den Rezipienten wiederum neugierig auf Fiesco macht. Der Zuschauer ist also bereits stark beeindruckt von ihm, obwohl dieser selbst im Drama noch nicht aufgetreten ist. Dies gelingt Schiller zudem durch den gezielten Gebrauch des Superlativs „größten Mann“ und die Wiederholung des Possessivartikels „mein“ in dem ausgewählten Zitat Leonores.22 Doch als Verbrecher wird Fiesco in Leonores Zitat nicht betitelt. Als Fiesco schließlich zum ersten Mal auftritt, findet man ihn in einem Gespräch mit der Schwester des politischen Tyrannen Gianettino Dorias, Julia. Er umschwärmt sie mit schmeichelnden Worten, um möglicherweise etwas in der Hinterhand zu haben, sollte es zu einer politischen Ablöse des Republikführers Andreas durch Gianettino bei den bevorstehenden Neuwahlen Genuas, kommen: „Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen Gott.“23 (Vers 10). Hier deutet sich ein „privater Fiesco“ an, der für den Zuschauer allerdings nur ins Private zu schwenken scheint, um die Umwerbung Julias für seine politischen Zwecke nutzen zu können. Sollte es zu einer politischen Neuordnung durch Gianettino Doria kommen, hat Fiesco auf diese Weise persönliche Beziehungen zum regierenden Adelsgeschlecht. Das Zitat Fiescos zeigt aber auch dessen Gleichsetzung mit einem Gott. Er fühlt sich bereits gottähnlich, da er denselben nicht einmal mehr beneidet. Greift man zurück auf die Definition des Erhabenen nach den Gebrüdern Grimm aus dem 19. Jahrhundert, lässt sich das Verb erhaben besonders in Verbindung mit dem religiösen Raum erklären: „der herr ist erhaben, denn er wonet in der höhe“.24 Fiesco, der sich nun selbst als Gott betrachtet, muss sich somit selbst ebenfalls als erhaben ansehen, da kein anderes Individuum die Größe Gottes übersteigen kann. Eine Steigerung seines wachsenden Triebes nach Macht findet sich am Ende des zweiten Aktes in Fiescos berühmten Monolog:

„[…] Daß sie mein25 sind, die Herzen von Genua? […] Engel fingst du mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.) Ein Diadem erkämpfen ist groß26. Es wegwerfen ist göttlich27. (Entschlossen.) Geh unter, Tyrann. Sei frei, Genua, und ich (sanft geschmolzen) dein glücklichster28 Bürger!“29 (Vers 19-31)

Fiesco ist stolz darauf, das Diadem wegzuwerfen, da es ihn vergöttlicht. Göttlich zu sein macht ihn um ein Vielfaches größer und „erhabener“ in seiner Person, als sich „nur“ eine Krone auf das Haupt zu setzen, wie ein irdischer Herrscher.30 Damit ist die Erhabenheit nach Schiller in seiner Figur aber nicht begründet. Nur die reine Selbstwahrnehmung Fiescos deutet auf ihn, als erhabenen Charakter hin. Der Wunsch nach mehr Größe und Macht zeigt sich in der Figur Fiesco immer deutlicher und wird von ihm selbst als erhaben wahrgenommen. Schillers Vergleich mit Gott lässt den Rezipienten die Überheblichkeit Fiescos erahnen. Eine nahezu blasphemische Übertreibung, die Schiller hier bewusst einsetzt, um dessen wahres Gesicht zum Vorschein zu bringen und dies dem Zuschauer zu offenbaren. Die Verbindung mit dem Republikaner Verrino, Calcagno, Sacco und Bourgognino zu einer Verschwörung gegen Gianettino Doria und schließlich auch gegen den Dogen Andreas Doria, nutzt Fiesco, um seine eigenen Pläne in der Verschwörung zu verwirklichen. Hier deutet sich die Figur des Verbrechers an. Da Fiesco persönliche Ziele im Geheimen verfolgt und seine „Mittäter“ nicht einweiht, kann in ihm der Verbrecher gesehen werden, vor allem aus der Sicht seines Mitverschwörers Verrina, einem treuen Gefolgsmann der Republik. Er sieht in dem tückischen Fiesco eine drohende Gefahr für die Republik Genua und ist entschlossen, im entscheidenden Moment gegen ihn zu handeln. Fiesco entscheidet sich bewusst für einen Komplott des Komplotts, um eigene Vorteile aus der Situation ziehen zu können, ahnt aber seinerseits nichts von der Vorahnung Verrinas gegen ihn. Verrina fasst daraufhin den Plan, Fiesco nach dem gemeinsamen, politischen Umsturz, zu töten, da er die Republik vor einem möglichen, neuen Tyrannen schützen will: „Wann Genua frei ist, stirbt Fiesco!“31 (Vers 29). Somit treten Fiesco und Verrina, ähnlich wie später Wallenstein und Octavio, in einen Wettstreit gegeneinander.32 Ein zentrales Thema der demokratischen Politik, das auch in der Pseudo-Longinischen Schrift über das Erhabene benannt wird:

„Denn die Freiheit, heißt es, vermag den Stolz hochgemuter Männer zu nähren und zu ermutigen, und zugleich verbreite sie den Ehrgeiz, miteinander zu wetteifern und um den ersten Preis zu ringen.“33

Von der Antike bis in das heutige Zeitalter gibt es politische Wettstreitereien, die einer besonderen Rhetorik bedurft haben, bzw. bedürfen. Könnte man den erhabenen Verbrecher möglicherweise in der Figur eines Politikers erkennen? Politiker müssen sich in einem demokratischen Staat durch ihre hohe Redegunst besonders beweisen und ihre moralischen Werte mit den gesellschaftlichen vereinen können, um nach Schiller moralische Freiheit zu erlangen.34 Eine Tatsache, die oft nicht einfach umzusetzen ist. In der „Verschwörung des Fiesco zu Genua“ findet ein Wettstreit statt, der, durch Schiller als Vermittler an den Rezipienten, auf rhetorischer Ebene ausgeführt wird und der die Gefahr des Scheiterns birgt, wie auch im realen politischen Geschehen. Fiesco verbündet sich heimlich mit dem schurkenhaften Mohren und benutzt ihn zur Umsetzung seines Ziels, die Republik zu stürzen. Verrina verbündet sich zeitgleich mit den Mitverschwörern heimlich gegen Fiesco. Beide Figuren tragen somit verbrecherische Eigenschaften in sich, doch gerade Fiesco wird dem Zuschauer immer mehr als selbstsüchtiger und herrschsüchtiger Graf von Lavagna gezeigt. Wie lässt sich nun das Erhabene in seiner Figur feststellen? Die sorgfältig ausgewählte Sprache von Fiesco, mit der es ihm erneut gelingt, das Volk von Genua zu manipulieren, zeugt von der Eigenschaft des Erhabenen, nach der Definition des Pseudo-Longinus, die sich wohl auch Schiller zu Eigen gemacht hat:

„Erhabenheit und Pathos sind deshalb Mittel gegen den Argwohn beim Gebrauch von Redefiguren und eine wunderbare Hilfe, und ein geschickt herangezogener Kunstbegriff bleibt ansonsten durch Schönheit und Größe verborgen und entgeht jedem Verdacht.“35

Fiescos Macht liegt gerade darin, dass er mit seinen Worten sehr manipulativ umgeht, allerdings wenig pathetisch agiert. Die Erhabenheit, nach dem Pseudo-Longinus, liegt in den Redefiguren, die dem Rezipient augenscheinlich nicht auffallen. Sie wirken, durch ihre Anpassung an die Figur und durch den Autor, als natürlicher Vermittler an den Rezipienten. Mithilfe der ästhetischen Stilmittel kreiert Schiller in Fiesco eine Figur, die das Erhabene an den Rezipienten überträgt. Schiller legt großen Wert darauf, in Fiescos Charakter einen hochnäsigen und gebildeten Politiker darzustellen, somit muss auch die Rhetorik in das Bild eines hohen Politikers passen, der auf eine Verwirklichung seiner eigenen Interessen hinzielt. Es ist eine trügerische Rhetorik, die Fiescos Schein des adligen Herzogs, wie auch sein Selbstbild als Gottheit, wahrt. Fiesco spielt auf diese Weise mit den moralischen Werten der anderen Figuren. Er ist sich des Spiels bewusst, während die anderen zu Figuren in seinem Spiel werden, da sie nicht hinter Fiescos Aussagen blicken. Als dieser dem Volk anhand einer Tierfabel verdeutlicht, dass die Monarchie, als beste aller Staatsformen, die bestehende Republik ablösen soll, gipfelt seine Rhetorik im Höhepunkt der Unfassbarkeit. Als wäre das Volk eine Schaar von Kindern, erklärt ihnen Fiesco, der als „erhabene Gottheit“ über ihnen zu stehen scheint, die Vorzüge einer Monarchie nach seinem Prinzip:

„[…] Die Tiere empörten sich. Laßt uns einen Monarchen36 wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur einen37 Magen hat – und einem38 Oberhaupt huldigten alle – einem39, Genueser – aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Löwe.“40

Dieser rhetorische Vergleich Schillers, kann den Moment des Erhabenen nach Schillers ästhetischem Prinzip beim Rezipienten auslösen.41 Durch den stichelnden Vergleich Fiescos und die Regieanweisung Schillers, gleicht Fiescos Auftreten einem königlichen Erscheinen. Mit einer Provokation wie dieser, ist erneut der intellektuelle Zuschauer gefragt, der hinter diesen Moment sieht und somit die wahre Absicht des scheinbar erhabenen Fiesco erkennt. Ein Moment der Täuschung des Fiesco der zu einer negativen Erregung bei den Zuschauern führen und erneut auf Fiescos falsche Interpretation der Erhabenheit hinweisen soll. Fiesco vergleicht die Genueser mit Tieren, die einen Anführer brauchen, da sie aufgrund ihrer ungenügenden Bildung, nicht selbstständig leben und entscheiden können. Eine Beleidigung höchsten Grades, die von dem Volk allerdings nicht als diese erkannt wird, da sie rhetorisch so geschickt ausgeführt wird, dass die Genueser nicht hinter Fiescos wahres Vorhaben kommen. Selbst der Rezipient kann nun erkennen, wie manipulativ der Graf agiert. Die Tatsache, dass er sich im dritten Akt anschließend selbst als erhaben bezeichnet, ist schließlich der deutliche Hinweis auf seine subjektiv festgestellte Erhabenheit, als eine moralische Überhebung aller Werte und Gesetze:

„Tugend? – der erhabene Kopf hat andre Versuchungen als der gemeine – Sollt‘ er Tugend mit ihm zu teilen haben?“42

Fiesco zeigt sich als gottgleicher Bürger Genuas, der sich von allen anderen Figuren der Handlung abhebt und somit nach seinem Bilde erhaben ist. Er stellt sich auf eine Höhe mit Gott, der allmächtig und allwissend ist. Gerade die Selbstreflexion Fiescos deutet eben darauf hin, dass sich das Erhabene Prinzip Schillers in seiner Figur nicht zeigt. Der Schein ist hier größer, als das Sein. Ebenfalls eine provokante Aussage, bei der der Rezipient stutzig werden muss. Nach dem Pseudo-Longinus ist Fiescos Selbstreflexion eine zu auffällige Redewendung, die nicht erhaben auf diesen selbst wirken kann. Zieht man die Definition Schillers vom erhabenen Prinzip heran, kann man erkennen, dass die Figur Fiesco definitiv in einem Widerspruch zu seinem erhabenen Prinzip steht:

„Beim Erhabenen stimmen Vernunft und Sinnlichkeit nicht43 zusammen, […] Der physische und der moralische Mensch werden hier aufs schärfste voneinander geschieden; denn gerade bei solchen Gegenständen, wo der erste nur seine Schranken empfindet, macht der andere die Erfahrung seiner Kraft44 und wird durch eben das unendlich erhoben, was den andern zu Boden drückt.“45

[...]


1 Vgl.: Herbert Hunger: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie

2 Pseudo-Longinus: Vom Erhabenen, S. 39

3 Bei den Gebrüdern Grimm kursiv hervorgehoben

4 Jakob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch (3), S. 832

5 Von den Gebrüdern Grimm kursiv hervorgehoben

6 Jakob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch (3), S. 833

7 Vgl., Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

8 Vgl., Friedrich Schiller: Wallensteins Lager/Die Piccolomini/Wallensteins Tod

9 Vgl., Kirstin Breitenfellner: Lavaters Schatten, S. 181

10 Vgl., Howard Pyle: The merry adventures of Robin Hood

11 Friedrich Schiller: Vom Pathetischen und Erhabenen, S. 86

12 Vgl., Kirstin Breitenfellner: Lavaters Schatten, S. 184

13 Von mir hinzugefügt

14 Kirstin Breitenfellner: Lavaters Schatten, S. 184

15 Vgl. Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus Verlorener Ehre

16 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 5

17 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

18 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

19 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

20 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

21 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 8/9

22 S.o.

23 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 14

24 Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch (3), S. 833

25 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

26 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

27 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

28 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

29 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 60

30 Vgl., Stephanie Kufner: Schiller – Ethik, Politik und Nemesis im Drama, S. 25/26

31 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 83

32 Stephanie Kufner: Schiller. Ethik, Politik und Nemesis im Drama, S. 14

33 Pseudo-Longinus: Vom Erhabenen, S. 105

34 Friedrich Schiller: Vom Pathetischen und Erhabenen, S. 84

35 Pseudo-Longinus: Vom Erhabenen, S. 55

36 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

37 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

38 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

39 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

40 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, S. 45

41 Vgl., Friedrich Schiller: Vom Pathetischen und Erhabenen, S. 100

42 Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua S. 63

43 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

44 Bei Schiller kursiv hervorgehoben

45 Friedrich Schiller: Vom Pathetischen und Erhabenen, S. 89

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Figur des erhabenen Verbrechers in Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" von 1784 und der Trilogie "Wallenstein" von 1799
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
3
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V491207
ISBN (eBook)
9783668970120
ISBN (Buch)
9783668970137
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wallenstein, Fiesco zu Genua, Verschwörung, Vergleich, NDL, Hausarbeit, Bachelorarbeit, Figur, erhaben, Verbrecher, Schiller, Drama
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Figur des erhabenen Verbrechers in Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" von 1784 und der Trilogie "Wallenstein" von 1799, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491207

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