Das dichotome Weltbild Sayyid Qutbs und seine Konsequenzen


Hausarbeit, 2019
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Dichotomie der Welt im Denken Sayyid Qutbs

3. Jahiliyya
3.1 Jahiliyya im Koran
3.2 Jahiliyya bei Sayyid Qutb
3.3 Jahiliyya als Zustandsbeschreibung der Welt

4. Islam
4.1 Die Einzigartige Koranische Generation- ein Ideal
4.2 Die Kompromisslosigkeit und der universelle Anspruch des Islams

5. Der Dschihad als Konsequenz
5.1 Dschihad im Allgemeinen
5.2 Qutbs Konzept des Dschihads

6. Conclusio und Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Denken des ägyptischen Autors Sayyid Qutb und seinem Werk „Zeichen auf dem Weg“, welches in Gefangenschaft geschrieben und 1964 (zwei Jahre vor seiner Hinrichtung) veröffentlicht wurde. Qutb gilt als Vordenker des militanten Islam in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts1, sein „Zeichen auf dem Weg“ als sein radikalstes und folgenschwerstes Werk, es wird teilweise sogar als „Mao-Bibel der Islamischen Revolution“2 bezeichnet. Qutbs Intention ist eine Kulturrevolution, gerichtet gegen den zu seiner Zeit vorherrschenden Nationalismus des arabischen Raums. In einem radikalen Bruch mit der bestehenden Ordnung prägt er maßgeblich den modernen Islamismus als eine Utopie für viele Muslime.3 Er richtet den Fokus seiner Gedanken auf Gerechtigkeit und die Freiheit des Menschen, wobei sich seine Lesart dieser Ziele deutlich vom okzidentalen Konsens unterscheidet, wie später ersichtlich werden wird. Seine Antwort auf die Frage nach einer gerechten, harmonischen und menschlichen Gesellschaftsordnung ist der Islam als System. Diesem System steht die Jahiliyya im Weg, quasi als Antagonist.

Im Folgenden soll analysiert werden, wie Sayyid Qutb die Welt in Jahiliyya und Islam dichotomisiert, wobei vor allem seinem Konzept der Jahiliyya, einem Kern und roten Faden seines Werks, Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Weiterhin sollen potenzielle, dem qutbschen Denken immanente Konsequenzen der Dichotomisierung herausgearbeitet werden, der Schwerpunkt liegt hier auf der Radikalsten, dem militanten Dschihad.

2. Die Dichotomie der Welt im Denken Sayyid Qutbs

Eine Dichotomie bezeichnet im Allgemeinen eine Zweigliedrigkeit. Wendet man diese Zweigliedrigkeit auf die Welt an, so erhält man zwei Teile oder Sphären, zwischen denen keine Schnittmenge vorgesehen ist. Qutbs „Zeichen auf dem Weg“ verfolgen ein klares Ziel, nämlich die Etablierung eines islamischen Systems, und richten sich primär an eine bestimmte Gruppe von Adressaten, nämlich die Avantgarde, die dieses System errichten soll. Vor diesem Hintergrund muss das Ziel als alternativlos und richtig dargestellt werden, um kritisches Hinterfragen grundsätzlich auszuschließen und zu verhindern. Qutbs Denken und Schriften sind geprägt von klaren ideologischen Trennlinien und einem strengen Schwarz- Weiß- Denken, die Trennung zwischen „gut/ schlecht“, beziehungsweise vielmehr „gläubig/ ungläubig“ ist strikt und kompromisslos. Damit wird die eigentlich komplexe Welt heruntergebrochen auf die ungläubige Ordnung, die von der gläubigen Ordnung abgeschafft werden soll und muss. Dem Leser wird Orientierung und ontologische Rollensicherheit geboten, denn Qutb arbeitet sein propagiertes islamisches System als das einzig Richtige und Autorisierte aus und formuliert in der notwendigen Begründung dieses Systems einen klaren Handlungsimperativ.4

Im Folgenden sollen besagte Dichotomien nun erschlossen werden. Man könnte an dieser Stelle auch die Dichotomien zwischen „Gottes din / anderer din5 und „Gottes hakimiya/ hakimiya der Menschen“ anführen. Din meint übersetzt eigentlich Religion, Qutb verwendet den Begriff aber für einen „Weg des Lebens“6 und bezieht ihn auf politische und gesellschaftliche Systeme und Ordnungen, die damit eine religiöse Ebene erhalten7. Diese Systeme werden, insofern sie vom wahren din abweichen, allerdings immer auch in die Jahiliyya eingegliedert, der explizite Begriff des din soll hiermit also abgehandelt sein. Ähnlich verhält es sich mit der hakimiya, die als Souveränität definiert werden kann und in ihrer fehlerhaften Ausformung ebenfalls in der Doktrin der Jahiliyya inbegriffen ist.8 Aufgrund der Importanz, der Folgenschwere und dem generellen und umfassenden Charakter der Jahiliyya in „Zeichen auf dem Weg“ soll der klare Fokus also auf der Dichotomie zwischen ebendieser und dem Islam liegen.

3. Jahiliyya

Der Begriff ist keineswegs eine Neuschöpfung Qutbs, sondern taucht bereits im Koran und anderswo im islamischen Denken auf. Qutb legt den Begriff aber in einer Art und Weise aus, die die Jahiliyya zum Schlüsselbegriff seines Werkes macht. Zum besseren Verständnis soll zuerst der Begriff im Koran thematisiert werden, bevor sich der Auslegung Qutbs gewidmet wird.

3.1 Jahiliyya im Koran

Zunächst soll in aller Kürze dargelegt werden, wie die Jahiliyya im Koran dargestellt wird. Mangels Arabischkenntnissen muss hier auf eine gängige Übersetzung von Adel Theodor Khoury zurückgegriffen werden, eine kritische und philologisch vollkommen korrekte Herangehensweise ist ausdrücklich nicht vorgesehen, das Folgende soll lediglich bei der Erschließung und der Einordnung des Jahiliyya-Begriffs unterstützen. „Jahiliyya“ wird im Koran in 33:33, 48:26, 5:50 und 3:154 viermal wörtlich erwähnt.9 In 33:33 wird die Jahiliyya als „Zeit der früheren Unwissenheit“10 übersetzt und stellt damit eine historisch begrenzte Periode dar, die vor allem als Negativbeispiel, aus dem im nächsten Schritt davon abgegrenzte Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, gebraucht wird. Dieser Vers der 33. Sure bildet die Basis für die gängige Übersetzung der Jahiliyya als „age of ignorance“11, bezogen auf die arabische Gesellschaft vor dem Propheten Muhammad und der ersten Koranischen Generation. 48:26 vertieft die Dichotomie und überträgt die Jahiliyya nun auf einzelne Ungläubige, die den gottesfürchtigen Gläubigen entgegenstehen und handeln und glauben wie in der Zeit der Unwissenheit: „Als diejenigen, die ungläubig sind, in ihren Herzen den Verbandsgeist entfachten- den Verbandsgeist der Zeit der Unwissenheit […]“12. Shepard spricht der Jahiliyya in seiner Übersetzung sogar „fierce arrogance“13 zu. In 5:50 werden erste Konsequenzen für das Verhältnis von Gott und Mensch und für die Auswirkungen der Dichotomie zwischen Jahiliyya und Islam auf das praktische Leben deutlich. Urteile und Weisungen, die nicht von Gott stammen, sind abzulehnen: „Wünschen wir etwa die Urteilsnorm der Zeit der Unwissenheit? Wer hat denn eine bessere Urteilsnorm als Gott […]?“14 3:15415 unterstützt diese rein göttliche Autorität und trennt die Menschheit in zwei Gruppen auf. Die Gläubigen und die „Anderen“, die Allah in Frage stellen und sich eigene, menschliche Souveränität und Autonomie anmaßen.

3.2 Jahiliyya bei Sayyid Qutb

Zwar soll Qutbs Doktrin in dieser Arbeit aus seinem Werk „Zeichen auf dem Weg“ extrahiert werden, um direkten Anschluss an den Koran herzustellen wird zunächst aber das Kernkonzept der Jahiliyya aus einem Kommentar Qutbs zu bereits genanntem Koran Vers 5:50 analysiert.16

„Jahiliyya—as God describes it and His Qur´an defines it—is the rule of humans by humans because it involves making some humans servants of others, rebelling against service to God, rejecting God’s divinity […] and, in view of this rejection, ascribing divinity to some humans and serving them apart from God. Jahiliyya […] is not a period of time but a condition, a condition which existed yesterday, exists today, and will exist tomorrow. It takes the form of jahiliyya, which stands over against Islam and contradicts it. People—in any time and any place—are either governed by God’s sharia […] in which case they are following God’s religion, or they are governed by a sharia invented by humans.”

Alle zentralen Definitionsmerkmale der Qutbschen Doktrin sind bereits in diesem Kommentar deutlich ersichtlich und sollen kurz dargestellt werden, um die weiteren Ausführungen besser in das Gesamtkonzept einordnen und verorten zu können. Erstes elementares Merkmal der Jahiliyya ist die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Menschliche Souveränität ist strikt abzulehnen, da sie immer in einem Unterordnungsverhältnis und damit in Sklaverei und Unterjochung resultiert. Hier wird das bereits tangierte dichotome Verhältnis zwischen der Souveränität (hakimiyya) Gottes und der Souveränität des Menschen deutlich, das sich auch in der Praxis ausdrückt. Herrschafts- oder Rechtsordnungen, die durch menschliche Souveränität positiviert und legitimiert sind, widersprechen der Scharia und dem Islam und sind folglich illegal. Wer sich der Souveränität Gottes entzieht und damit gegen Allah rebelliert und sich einen Menschen zum Herrn macht, der ist in der Jahiliyya gefangen. Hierin ist nun auch das zweite Wesensmerkmal impliziert. Qutb verabschiedet sich von der Beschränkung der Jahiliyya auf eine Zeitperiode vor der Ersten Koranischen Generation, vielmehr ist die Jahiliyya eine Kondition, ein Zustand, ja sogar ein Leiden, weder beschränkt in Bezug auf Zeit noch auf Träger dieses Zustands. Die Jahiliyya kann jederzeit, in jeder Gesellschaft und in jedem einzelnen Menschen auftreten. Dabei sind in der dualen Trennung zwischen Jahiliyya und Islam keine Kompromisse oder Überschneidungen vorgesehen, eine Gesellschaft befindet sich entweder in der Jahiliyya oder im Islam. In Anbetracht dieser Prämissen soll nun analysiert werden, wie Qutb sein Konzept in „Zeichen auf dem Weg“ entwickelt.

3.3 Jahiliyya als Zustandsbeschreibung der Welt

Ausgangspunkt der „Zeichen auf dem Weg“ ist eine durchweg negative Auffassung der gegenwärtigen Situation, in der sich die gesamte Welt befindet. Unter der Ägide des Westens, der für Qutb nichts anderes als ein konstruierter Antagonist ist, ist ein globaler Werteverlust zu beobachten. Der liberale Materialismus und Kapitalismus schafft es nicht, Werte zu kreieren, die der menschlichen Natur entsprechen und den Menschen Mensch sein lassen.17 „Die Menschheit ist heute am Rande eines Abgrundes […].18 Die Gesamtheit dieses Negativen manifestiert sich in den Gesellschaften der Jahiliyya, der Schattenseite im dichotomen Weltbild Qutbs. „Die Jāhiliyya ist jede andere Gesellschaft als die muslimische Gesellschaft; und wenn wir eine speziellere Definition wollen, können wir sagen, dass jede Gesellschaft eine Jāhiliyya ist, die sich selbst in ihren Überzeugungen und Gedanken, in ihren Befolgungen der Gottesverehrenden Handlung und in ihren gesetzlichen Bestimmungen nicht der Anbetung an Allāh allein widmet.“19

Mit dieser dichotomen Definition inkludiert Qutb bereits die gesamte Welt in das System der Jahiliyya. In einem Rundumschlag gegen sämtliche Gesellschaften der Welt grenzt er selbige nun vom Islam ab und gliedert sie in die globale Jahiliyya ein. Der Dreh- und Angelpunkt ist hierbei immer- ungeachtet der völlig unterschiedlichen Ausformungen der Gesellschafts- und Herrschaftsformen- die Abkehr von Allah, die Rebellion gegen den wahren Glauben und die Unterwerfung unter menschliche Souveränität. Materialismus, wissenschaftlicher Fortschritt und Komfort der Menschheit werden zwar grundsätzlich nicht abgelehnt, können aber nicht von der Versklavung ablenken, die der Mensch eingeht, wenn er sich einer anderen Souveränität außer Allah hingibt. Der Mensch ist von sich selbst entfremdet, die gegenwärtige Welt entfernt sich von sich selbst, lehnt sich auf gegen die Natur des Menschen.20 Dabei grenzt sich diese Form der Jahiliyya von der früheren ab, sie birgt sogar noch größere Konsequenzen, schlägt „ihre Wurzeln sogar noch ein wenig tiefer.“21 Die heutige Jahiliyya überträgt dem Menschen die essentiellen „Domaine Réservé“ Allahs, also die Regelungs- und Ordnungsangelegenheiten, die unter die alleinige Zuständigkeit Allahs fallen. Sie spricht dem Menschen Souveränität zu und legitimiert ihn, kollektiv verbindliche Regelungen des Zusammenlebens und Verhaltens zu erlassen und Werte zu kreieren, die den Menschen von Allahs Weisung unabhängig machen und entfernen.22

Dies lässt sich nun in der Praxis auf alle bestehenden Systeme anwenden. Der Kommunismus lehnt sich gegen die alleinige Souveränität Allahs auf, indem er durch ein naturalistisches Weltbild die Existenz Allahs abstreitet und die Entstehung des Universums mit Hilfe der Naturwissenschaften begründet.23 Auch auf Ebene der menschlichen Interaktionen und Handlungen ist Allah im Kommunismus machtlos und nicht existent, hier wird er durch ökonomische Konstrukte der „Volkswirtschaft“ und „Produktionsmittel“ ersetzt.24 Den Gipfel des kommunistischen Jahiliyya-Charakters markiert jedoch die Untergrabung der Souveränität Allahs durch die menschliche Herrschaft, die in diesem Fall durch die kommunistische Partei verkörpert wird. Aus der Macht und Wirkkraft der kommunistischen Partei als Manifestierung menschlicher Souveränität- auch auf das Handeln der Menschen unter ihrer Herrschaft- resultiert konsequenterweise sogar eine Entmenschlichung der Beherrschten. Qutb greift hier auf eine klassische Definition des Menschseins zurück und macht dieses von geistigen Fähigkeiten und Bedürfnissen abhängig. Diese Bedürfnisse werden von der kommunistischen oder sozialistischen Ideologie ausgeblendet, zurück bleiben Hunger, Durst, Fortpflanzungstrieb und der Wunsch nach Behausung und -kleidung. Der Mensch wird ergo zum Tier. Auch weitere Wesensmerkmale, die dem Menschen eigen sind, werden ihm entzogen. Weder ist er nach Qutb individuell noch frei. Vor allem die Unfreiheit erscheint zunächst paradox, verspricht der Kommunismus doch Freiheit von konstruierten Ungleichheiten wie Rasse, Geschlecht oder Herkunft und soziale Gleichheit. Nach Qutb ist diese neue Art der Gesellschaft aber „nicht auf eine menschliche Beziehung gegründet, sondern auf ein Klassensystem.“25 Dieses Klassensystem erhöht nun eine Gruppe von Menschen über eine andere, Elemente der Unterdrückung und der menschlichen Herrschaft treten auch in diesem Zustand zutage. Auf der Ebene der Werte und Emotionen basiert diese Art der gesellschaftlichen Organisationen auf rein negativen Attributen wie Hass und Neid. Das gesamte Grundsystem des Kommunismus steht also auf dem Fundament einer entwürdigenden, negativen Werte- und Gesellschaftsgrundlage. Das Individuum wird demzufolge entmenschlicht, der Kommunismus fördert animalisches, entwertetes Verhalten. Der Mensch ist seiner Natur entfernt und muss seine gesamte Existenz dem Kampf um „Nahrung, Unterkunft und Existenz“ widmen.26 Seine Individualität wird dem Menschen geraubt, indem ihm Privateigentum und Verwirklichung in einer von ihm selbst gewählten Tätigkeit verwehrt werden, er wird im ökonomischen System nicht nur zum Tier, sondern sogar zur Maschine, dient der Volkswirtschaft und dem Erzeugen von Mehrwert.27 Zwar wird dem Marxismus als theoretischer Grundlage zugestanden, auf einem Glaubenssystem zu basieren, dieses Glaubenssystem sieht Qutb aber als gescheitert an, ebenso wie die praktische Umsetzung des selbigen. Aufgrund des inhärenten Konflikts des Systems mit der menschlichen Natur kann es in der Praxis ohne Forcierung nicht existieren, es muss durch Tyrannei und Diktatur durchgesetzt werden. Wenn ihm nun die materiale Unterfütterung als einzige Legitimationsquelle genommen wird, bricht es im Laufe der Zeit zwangsläufig zusammen. Diesen Prozess unterstellt Qutb Russland in Bezug auf das Versagen des kollektiven Wirtschaftssystems und insbesondere der Lebensmittelbeschaffung.28 Zusammenfassend: „Der Kommunismus ist zwar ein Glaubenssystem, aber eines, das den Menschen erniedrigt, gegen die Natur des Menschen rebelliert […]“29 und damit auch in der Praxis zum Scheitern verurteilt und der Jahiliyya hinzuzuzählen ist.

„Alle abgöttischen Gesellschaften sind auch unter der Jāhiliyya einzuordnen […]“30, dem qutbschen Denken folgend aus offenbar logischen Gründen. Diese Gesellschaften, zu finden in Indien, den Philippinen, Japan und Afrika, ignorieren den Universalismus Allahs und des Islams, indem sie polytheistisch sind und sich damit Götter neben Allah nehmen oder ihn gar ganz abtun. Außerdem werden Methoden zum Umgang mit den Göttern sowie Regeln und Bestimmungen für die Gläubigen konstruiert, wodurch diese in einem Verhältnis der Unterwürfigkeit, sowohl mit den falschen Göttern als auch mit den Quellen der Regeln, stehen. Die Konstruktion besagter Festlegungen erfolgt nämlich durch Aktoren, die keinen Bezug zu den einzigen wahren und zulässigen Quellen der Legitimation (Allah und seine göttliche Weisung in Form der Scharia) herstellen und diese völlig außer Acht lassen. Die absolute Souveränität, Autorität und Macht Allahs wird also ignoriert und aberkannt, die abgöttischen Gesellschaften sind Teil der Jahiliyya.

Weiterhin sind auch alle jüdischen und christlichen Gesellschaften Teil der Jahiliyya, differenziert wird zwischen den beiden Religionen nur wenig. Die Gründe sind zum Gros bereits bekannt und sollen aufgrund ihres repetitiven Charakters hier nur kurz analysiert werden. Der universale Anspruch Allahs wird untergraben, da in beiden Religionen der klassische Monotheismus durch „Hinzudichtungen“ wie der Dreifaltigkeit oder einem Sohn Gottes (ob Esra im Judentum oder Jesus Christus im Christentum spielt hier keine Rolle) verzerrt wird. Im Allgemeinen lehnt Qutb die Ansicht einer Vater- Sohn- Beziehung ab, egal ob zwischen Gott und seinem eigenen Sohn, der dann von den Gläubigen in eine gottesähnliche Position überhöht wird, oder ob zwischen Gott und seinen Gläubigen. Es darf immer nur einen Gott geben, der an nichts und niemanden gebunden ist, auch nicht an eine symbolische, verwandtschaftliche Beziehung, aus der eine gewisse Schutzpflicht resultieren würde.31 Auch die Legitimation menschlicher Herrschaft über Gesetze, Lebensweisen und andere Menschen kehrt hier als redundantes Element wieder. Allahs Weisungen sind in Christen- und Judentum nicht die einzige Quelle, aus der Regeln und Lebenskodex entnommen werden, zudem werden Menschen (beispielsweise in Form von Priestern und Rabbinern) in eine quasi-göttliche Position verklärt. Diesen Vorwurf fasst Qutb im Begriff „Shirk“32 zusammen, der als „Teilhaberschaft anderer - neben Allāh - zu Göttern erklärten Individuen, Dinge, Statuen, Ansichten, Gedanken, Systeme, Regierungen, Staaten, Herrscher, Gelehrte, Führer, Gerichte, Ideologien etc.“33 definiert wird. Interessant ist nun, dass ebendieser Begriff auch auf die moderne muslimische Gesellschaft angewandt wird (wobei Qutb den Begriff „muslimisch“ in diesem Kontext immer in Anführungsstriche setzt, er bezeichnet damit also nicht die wahre muslimische und islamische Gesellschaft, sondern die pervertierte Ausformung, die sich selbst lediglich den Namen muslimisch zuschreibt). Zwar existiert in diesen Gesellschaften neben Allah keine andere Gottheit, in der praktischen Umsetzung der islamischen Weisung setzen aber auch Muslime menschliche Autoritäten ein und richten ihr Leben danach aus. „Und wer nicht nach dem richtet, was Allāh herabgesandt hat - das sind die Ungläubigen“34 Shepard bringt die Verfehlungen der modernen muslimischen Gesellschaften in einem treffenden Satz auf den Punkt: „Some openly embrace ‚secularism’ in place of religion; some ‚respect’ religion but give it no authority in social life; some legislate as they choose and claim that they are following the sharia. Some give authority to ‚the people’ or ‚the party.’”35 Ergo ist alles, was im allgemeinen Sprachgebrauch und Konsens als „islamisch“ oder „muslimisch“ gilt, laut Qutb lediglich ein Produkt der Jahiliyya und keineswegs islamisch im wahren Sinne. Nach dieser vernichtenden Diagnose fasst er das Verhältnis des Islams zu der ins Negative verkehrten Welt in folgendem Satz zusammen: „Er betrachtet all diese Gesellschaften für unislamisch und illegal.“36

[...]


1 Vgl. Mustafa 2013, S. 38

2 Meier 1994, S. 195

3 Vgl. Kepel 2002, S. 39ff.

4 Vgl. Damir-Geilsdorf 2003, S. 76

5 bestimmte Begriffe werden hier und im Folgenden aus Gründen der Verständlichkeit phonetisch „eingedeutscht“

6 Qutb 2005, S. 76

7 Vgl. Damir-Geilsdorf 2003, S. 77

8 Vgl ebd., S. 80

9 Vgl. Shepard 2003, S. 522

10 Khoury 1999, S. 448

11 Shepard 2003, S. 522

12 Koury 2000, S. 394

13 Shepard 2003, S. 522

14 Khoury 1995, S. 97

15 Khoury 1993, S. 254

16 Hier wird auf eine Übersetzung Shepards aus „Im Schatten des Koran“ 2:904 zurückgegriffen; Shepard 2003, S. 524

17 Vgl. zur Rolle des Westens Zehnpfennig 2013, S. 339f.

18 Qutb 2005, S. 12

19 Ebd., S. 103

20 Vgl. Qutb 2005, S. 12

21 Ebd. S. 27

22 Ebd. S. 17

23 Ebd. S. 103

24 Ebd.

25 Ebd. S. 62f.

26 Qutb 2005, S. 63

27 Vgl. ebd., S. 103

28 Vgl. ebd. S. 12f.

29 Zehnpfennig 2013, S. 339

30 Qutb 2005, S. 103

31 Vgl. Qutb 2005, S. 105

32 Ebd., S. 107

33 Ebd.

34 Ebd., S. 106

35 Shepard 2003, S. 528

36 Qutb 2005, S. 108

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das dichotome Weltbild Sayyid Qutbs und seine Konsequenzen
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V491212
ISBN (eBook)
9783668972445
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Qutb Sayyid Muslimbruderschaft Islamismus Dschihad Jihad Dichotomie Jahiliyya Islam Ägypten
Arbeit zitieren
Sebastian Obermüller (Autor), 2019, Das dichotome Weltbild Sayyid Qutbs und seine Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491212

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