Die Dietrichepik im Spiegel ihres Helden. Dietrich – ein idealtypischer Held?


Hausarbeit, 2019
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heldendichtung
2.1 Held als Begriff
2.2 Mittelhochdeutsche Heldenepik

3. Dietrichepik
3.1 Heldenkonzeption im ‚Laurin‘
3.2 Heldenkonzeption in ‚Dietrichs Flucht‘

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärquellen
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der mittelhochdeutschen Dietrichepik und ihrer Konzeption eines Helden an den spezifischen Werken ‚Laurin‘ und ‚Dietrichs Flucht‘. Es soll untersucht werden, wie Dietrich konzipiert wurde und ob sich im Verlauf der Erzählungen mögliche Konzeptionsunterschiede intra- und intertextuell ausmachen lassen. Obwohl für die beiden Werke aus verschiedenen Gruppen (aventiurehaften und historische Dietrichepik) ein nicht „textübergreifend kohärenter Erzählzusammenhang um Dietrich angenommen“1 wird, werden beide Werke bewusst ausgewählt. In dem Literatur Konzepte von Helden und Modelle einer Kultur narrativ inszeniert, bietet sie als primärer Gegenstand dieser Arbeit hervorragende Anknüpfungspunkte zur Auseinandersetzung mit selbigen. Hinzu kommt die Zentrierung des Textkreises für den Personenkult um Dietrich von Bern und den stabilen assoziativen Umfeldern, die an einzelne, wiederkehrende Figuren geknüpft sind und so die Gattung besonders auszeichnen.2 Und es wird angenommen, dass Wechselwirkungen zwischen der historischen Forschung bzw. Überlieferung und den Werken der Dietrichepik bestehen, weshalb sich hieraus besondere Möglichkeiten für den Vergleich der Heldenkonstruktion ergeben.

Ausgangspunkt des ersten inhaltlichen Kapitels soll die Untersuchung der Heldendichtung sein, der Held als Begriff definiert werden können und genauer auf die mittelhochdeutsche Heldenepik eingegangen werden. Dafür greife ich auf verschiedene Ansätze von Lienert und Heinzle zurück, die die Grundlage für die darauffolgende Begriffsbestimmung der Dietrichepik bilden. Danach werden die Primärtexte ‚Laurin‘ und ‚Dietrichs Flucht‘ Untersuchungsgegenstand sein, einleitend die Dietrichepik präsentiert werden und herausgearbeitet werden, wie Dietrich als Held dargestellt wird.

2. Heldendichtung

Der Begriff der Heldendichtung „erzählt nach moderner Definition von Ereignissen, die stoffgeschichtlich auf (…) eine Heldenzeit verweisen“3, ist Teil heutiger Weltliteratur und wurde von der Literaturwissenschaft geprägt.4 Gegenstand dieser Gattung ist die Überlieferung historischer Ereignisse in abgewandelter, zumeist mündlicher Form, die später verschriftlicht wurde.5 Bekannte Werke dieser Gattung sind das mittelhochdeutsche ‚Nibelungenlied‘ (um 1200), das althochdeutsche ‚Hildebrandslied‘ (830/840) und Homers ‚Ilias‘ aus der Antike (8./7. Jahrhundert v. Chr.).6 Beachtenswert für die Listung geografisch und zeitlich different entstandener Werke ist, dass die englische Forschung den Begriff des „heroic age“ prägte und damit eine Epoche beschrieb, in der verschiedene Kulturen ein idealisiertes Menschenbild, in Form eines Helden, produzierten.7 Damit wird deutlich, dass die Gattung epochenübergreifend für eine literarische Form der Erzählung stand. Die angesprochene mündliche Form der Erzählung war bestimmend für die Überlieferung, wobei Unterschiede zwischen Heldensage und Heldendichtung festgestellt werden müssen: Die Heldensage beschreibt die Gesamtheit heroischer Überlieferung, während Heldendichtung als poetisch gestaltete Überlieferung gilt.8

2.1 Held als Begriff

Der „Held“ klingt bereits schillernd und weckt zahlreiche Vorstellungen von großen Taten und Tugenden, Gewalt, Ruhm und Ehre, Leid und Tod.9 Er wird abgeleitet aus dem altsächsisch/althochdeutschen ‚ helid ‘ und steht für Mann oder Krieger, wobei sich dieses sprachliche Zeichen nicht „durch einen definiten Inhalt ausfüllen lässt, andererseits aber als regulative Idee unentbehrlich ist.“10 Der Held stellt den Idealtypus einer Identifikationsfigur dar, vertritt die Werte einer Gemeinschaft in exzeptioneller Weise und ist in außerordentlicher Weise befähigt zu außergewöhnlichen Taten. Er setzt auf kriegerische Weise sein Leben aufs Spiel und avanciert gelegentlich zum Retter seiner Gemeinschaft oder zum bewunderten Leitbild. Jedoch sind seine Taten nicht immer von moralisch einwandfreier Natur, sodass „Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, Verrat und Mord“ zum üblichen Handlungsschemata gehören.11 Obwohl im mittelhochdeutschen dem Begriff eine positive Konnotation zugrunde liegt (‚ helt‘ bedeutet durch Tapferkeit und Kampfgewandheit hervorragender Krieger)12, kann man aber konstatieren, dass der Held sich keineswegs in die Gesellschaft eingliedern lässt. Es handelt sich hierbei also eher um einen Platzhalter für den politisch-gesellschaftlichen, sowie kulturellen und sozialen Diskurs einer Kultur, der gemeinschaftlicher Orientierungs- und Ausgangspunkt sein kann und auf den man sich verständigen und beziehen kann. Lienert beschreibt es folgendermaßen:

„Heroische Überlieferung ist das kollektive Gedächtnis einer schriftlosen Kriegeradels- gesellschaft. Es bewahrt Wissen und Ereignisse und Personen der Vorzeit, das für die jeweilige Rezipientengegenwart formative und normative Funktionen hat, d.h. Ursprünge erklärt, gültige Werte der Gemeinschaft etabliert und demonstriert und damit deren Identität sichert.“13

Diesen Überlegungen gegenüber steht die divergierende Frage, in welchem Maß das Verhaltens- und Denkmuster des Helden tatsächlich durch die Interessen der umgebenden Gemeinschaft beeinflusst wird oder der Held diese Interessen sogar den eigenen überordnet. Handelt er möglicherweise asozial, aus eher egoistischen Motiven und verweigert sich bewusst der Integration? Klaus von See spricht sich klar für das Modell des asozialen Helden aus und sagt:

„Überhaupt handelt der Held kaum jemals aus einem Pflichtgefühl heraus, das ihn an irgendwelche überpersönlichen Notwendigkeiten bindet. (…). Die Heldensage legitimiert (…) zum außergewöhnlichen Handeln; sie respektiert und bewundert es, ohne es deshalb als vorbildlich und nachahmenswert hinstellen zu wollen (…).“14

Für die Betrachtung des konstruierten Gegensatzes vorbildlichen versus asozialen Helden ist wichtig, dass hier ein Gegensatz entworfen worden ist, der möglicherweise gar nicht besteht. Beide Heldentypen sind auf der synchronen Ebene konzipiert, scheinen tatsächlich aber in der literaturgeschichtlichen Entwicklung in Phasen diachron aufeinander zu folgen und Ausdruck des jeweilig herrschenden Gesellschafts- und Weltbildes zu sein.15

Ausgehend von diesen konzeptionellen Theorien und Modellen des Helden in der Literatur, soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit herausgearbeitet werden, nach welchem Konzept Dietrich in den gewählten Werken beschrieben wurde oder ob die Konzeption Dietrichs überhaupt einem stringent zuordenbaren Muster unterliegt.

2.2 Mittelhochdeutsche Heldenepik

Die mittelhochdeutsche Heldenepik kann als Phänomen des Hoch- und Spätmittelalters angesehen werden, entstammt der Heldendichtung und unterscheidet sich von dieser durch buchliterarische Einflüsse sowie ihrer Entstehung für den Vortrag. Die deutschsprachige Verschriftlichung findet erst spät ab etwa 1200 statt und ist geprägt durch verschiedene Grundelemente anderer Gattungen wie der Heldenepik und dem Roman.16 Aus diesem Grund benennt Lienert diese Mischung als „gattungsmäßig hybride Heldendichtung“17 und stellt fest, dass eine Bestimmung des Heldenepischen in der mittelhochdeutschen Heldenepik schwer fällt, der Idealtypus des Heroischen jedoch Rückschlüsse auf gattungsspezifisches Wissen - wie Erzähltechnik, Handlungsstruktur, Themen und Motive - der Chronisten erlaubt. Die scharfe Trennung der Gattung und ihre Bestimmung fällt auch aufgrund der „hybrid, romanhaften Überformung“18 schwer, da die Bandbreite an Texten viele Überschneidungen mit anderen Gattungen aufweist. Durch diese Gegebenheit konstatiert Lienert jedoch, dass sich der Traditionszusammenhang über dynamische Merkmalsbündel - wie Hinweise auf andere Stoffe, strophische Form und Anonymität, Erzählmuster und Heldenkonzeption - dieser Texte konstruiert und so zu einer eigenen Gattung wird und sich beispielsweise vom höfischen Roman klar abgrenzt.19 Diese angesprochenen formalen Aspekte mittelhochdeutscher Heldenepik - strophische Form, Anonymität, die Heldenkonzeption und ihr Vorkommen in den Texten - sind die bestimmenden Faktoren für das Generieren einer eigenen Gattung. Lienert ordnet der Gattung ein Spannungsfeld mit drei Akteuren zu: der ursprünglichen Mündlichkeit und folgenden Verschriftlichung, dem Weiterführen eigener Traditionen und aneignen anderer Muster, sowie der Historizität, Literarisierung und Gegenwärtigkeit.20

[...]


1 Lienert, Elisabeth. Mittelhochdeutsche Heldenepik: Eine Einführung. Berlin: Schmidt, 2015, S. 96

2 Vgl. Lenschow, Sabine. Die Funktion Und Verwendung Der Propria in Der Mittelhochdeutschen Dietrich- Epik. Hildesheim [u.a.]: Olms, 1996. S. 54

3 Kragl, Florian. Heldenzeit: Interpretationen Zur Dietrichepik Des 13. Bis 16. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter, 2013. S. 1

4 Vgl. Lienert, 2015, S. 9

5 Vgl. ebd. S. 188

6 Vgl. Ebd. S. 9f

7 Vgl. Lenschow 1996, S. 51

8 Vgl. Lienert 2015, S. 10

9 Schinkel, Eckhard. Die Helden-Maschine: Zur Aktualität Und Tradition Von Heldenbildern ; [Beiträge Zur Tagung Im LWL-Industriemuseum 24.9.-26.9.2008]. 1. Aufl. Essen: Klartext- Verl, 2010. S. 8ff.

10 Koschorke, Albrecht. Wahrheit und Erfidnung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. 2. Auflage, Frankfurt am Main, 2012. S. 173

11 Vgl. Lienert 2015, S. 9

12 Nine, Miedema. Das Nibelungenlied, In: Honemann, Volker; Tomasek, Thomas (Hrsg.): Germanistische Mediävistik, Münster 2000, S. 152

13 Lienert 2015, S. 12

14 Von See, Klaus. Germanische Heldensage. Stoffe, Probleme, Methoden. Eine Einführung. Frankfurt a. Main: Athenäum, 1971 S. 171

15 Teichert, Matthias. Von Der Heldensage Zum Heroenmythos: Vergleichende Studien Zur Mythisierung Der Nordischen Nibelungensage Im 13. Und 19./20. Jahrhundert. Heidelberg: Univ.verl. Winter, 2008. S. 19f.

16 Vgl. Lienert 2015, S. 13

17 Ebd. S. 13

18 Ebd. S. 14

19 Vgl. ebd. S. 13f.

20 Vgl. ebd. S. 169

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Details

Titel
Die Dietrichepik im Spiegel ihres Helden. Dietrich – ein idealtypischer Held?
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V491266
ISBN (eBook)
9783668981140
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dietrichepik, spiegel, helden, dietrich, Held, Mediävistik, Laurin, Flucht, mittelhochdeutsch
Arbeit zitieren
Henri Behnecke (Autor), 2019, Die Dietrichepik im Spiegel ihres Helden. Dietrich – ein idealtypischer Held?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491266

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