Schiller: Wilhelm Tell - Mordmonolog in der hohlen Gasse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
a.) erster Abschnitt
b.) zweiter Abschnitt
c.) dritter Abschnitt
d.) vierter Abschnitt
e.) fünfter Abschnitt
f.) sechster Abschnitt
g.) siebter Abschnitt
h.) achter Abschnitt

III. Schluss

IV. Bibliographie

I. Einleitung

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen, / Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht – Hier / Vollend ich’s – Die Gelegenheit ist günstig“[1].

Diese Worte gehören wohl mit zu den bekanntesten Sätzen Schillers und jeder kennt sie: sie sind aus dem Drama Wilhelm Tell entnommen, in dem sich der gleichnamige Held zum Zeitpunkt als er diese Wort sagt in einer Gasse befindet und dort auf seinen Feind Gessler wartet. Im Anschluss an sie beginnt sein bekannter Mordmonolog, in welchem er sein weiteres Vorhaben genau reflektiert. Wie dieser Monolog aufgebaut und zu verstehen ist, warum Tell schließlich so handelt und in welcher Weise er den Tyrannenmord vor sich selbst rechtfertigt, wird Bestandteil dieser Arbeit sein.

Des Weiteren wird diese Arbeit parallel zur Analyse des Monologs auch noch kurz und an den jeweiligen Stellen auf die Beziehung zwischen Tell und seinem Publikum eingehen und darstellen, welche Wirkung der Monolog auf dieses hat. Die Beziehung zwischen Tell und seinem Publikum ist jedoch nicht von derartiger Wichtigkeit wie die Analyse und Auslegungen des Monologs selbst, jedoch sind einige Überlegungen und Wirkungen die das Publikum betreffen teilweise notwendig, um den Monolog selbst besser nachvollziehen und um mehrere Möglichkeiten für die Auslegung des Monologs bieten zu können. Das Hauptaugenmerk wird aber wie bereits beschrieben auf Tell selbst und seinem Monolog liegen.

I. Hauptteil

Der Monolog Tells lässt sich in acht Abschnitte aufteilen, welche ich im folgenden kurz zusammenfassen möchte, um im Anschluss detaillierter auf sie eingehen und sie in einen genaueren Sinnzusammenhang stellen zu können. Tells Monolog beschreibt bereits im ersten Abschnitt sein Vorhaben und das, was gegen Ende des Monologs folgen soll. In seinem zweiten Abschnitt liefert er für dieses Vorhaben seine Gründe und berichtet im dritten Abschnitt über sein Schlüsselerlebnis mit Gessler beim Apfelschuss. Da bis zum vierten Abschnitt der Name des Feindes noch nicht genannt wurde, ist dieser Gessler und seiner Person gewidmet. Während also der vierte Abschnitt einer Person versprochen ist, geht der fünfte Abschnitt auf einen Gegenstand ein, welcher durch Tell personifiziert wird und daher ebenso nahezu menschliche Gestalt annimmt; die Rede ist von seinem Bogen. Im sechsten Abschnitt widmet sich Tell seiner Umwelt, beobachtet vorbeiziehende Menschen und beschreibt die Anonymität, in der sich jeder befindet. Der siebte Abschnitt bietet erneut einen kurzen Rückblick auf Vergangenes, Tells eigenes Leben, das seiner Mitmenschen und wird gegen Ende diesen Abschnittes und auch im folgenden achten Abschnitt wieder zurück geholt in die Realität und sich schließlich sicher ist, seine Tat auszuführen.

Bevor Tell jedoch anfängt zu sprechen, erhält der Leser bzw. das Publikum eine kurze Beschreibung der Örtlichkeit, in der sich Tell befindet:

„Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter und die Wanderer werden, ehe sie auf der Szene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Szene, auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen.“

Diese Worte haben in erster Linie nichts anderes zu leisten, als dem Zuschauer den Handlungsraum zu benennen und ihn einzuführen; einzuführen in einen Handlungsraum, der ihm auf der Bühne allerdings bereits sichtbar ist. Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass die Szene gänzlich auf die Beobachtungen des Zuschauers ausgelegt ist und ihm dadurch von Schiller gleich zu Beginn ein Überblick über das ganze Geschehen auf der Bühne gegeben wird. Noch ist die „ hohle Gasse“ (Z. 2561) jedoch menschenleer.

a.) erster Abschnitt

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen,

es führt kein andrer Weg nach Küßnacht – Hier

Vollend ich’s – Die Gelegenheit ist günstig.“ (Z. 2561ff)

Während die Szene aufgrund ihrer Beschreibung als Handlungsraum eröffnet und dies durch Tells erste Worte geradezu verstärkt wurde („Hier / Vollend ich’s“, Z. 2562f), geht der Zuschauer nun der Annahme geht, dass in dieser Szene sofort etwas passieren wird; er wird jedoch enttäuscht und muss lernen, dass in dieser Szene nicht sofort gehandelt, sondern erst einmal geredet wird. Dadurch erhalten Tells Eröffnungsworte eine „paradox pragmatische Wirkung“[2], da Tell die Szene rein rhetorisch gesehen zwar als Handlungsraum eröffnet, der Zuschauer jedoch bevor eine Handlung vollzogen wird, nicht Zeuge einer spannenden Handlung wird, sondern Zuhörer einer vernünftigen Rede.

Diese Tatsache allein ist wiederum paradox genug, da Tell bisher kaum geredet hat, sondern statt dessen ein Mann der Tat war, denn Rede „diente ihm [...] vor allem dazu, die Rede gegenüber dem Handeln abzuwerten“[3]. Bereits in seinen Anfangsworten zu Beginn des Dramas wird seine Haltung über Kommunikation deutlich, denn er sagt

„Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft,

Die Stunde dringt, dem Mann muss Hülfe werden“. (Z. 148f)

Die Annahme, dass Tells Monolog lediglich ein Selbstgespräch ist, ist jedoch falsch, denn die Funktion des Monologs liegt nicht darin, dass es sich um ein einsames Alltagsreden handelt, das man leicht als „psychische Krankheit abzuqualifizieren bereit ist“[4], sondern geht weitaus tiefer. In erster Linie geht es um die kommunikative Wirkung auf das Publikum und dient für Tell selbst dazu, seine Gedanken über seine bevorstehende Tat abzuwägen und genau darüber zu reflektieren. Bereits in seinen nächsten Worten wird deutlich, dass sein Monolog ein Monolog bleiben muss:

Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm,

von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen,

des Weges Enge wehret den Verfolgern (Z. 2565)

Die Tat, die er plant, muss geheim bleiben, weil sie alles andere als legal ist. Was in diesem ersten Abschnitt auffällt, ist die Tatsache, dass er die Tat selbst zwar anspricht, jedoch nicht direkt den Namen seines Opfers nennt. Dies sind mehr als nur „pragmatische Überlegungen eines Kriegsschützen“[5], denn Tell macht Gessler zum Gegenstand seiner Rede, ohne dass dieser wie bereits erwähnt namentlich genannt wird beziehungsweise auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt überhaupt anwesend ist. Statt dessen bleibt Gessler vorerst in der dritten Person („ ihm “, Z. 2564; „ ihn “, Z. 2565). Was das Publikum an dieser Stelle angeht, so kann man sagen, dass Tell zu seinem Publikum in diesem ersten Abschnitt eine kommunikative Beziehung aufbaut, da das Publikum weiß, über wen Tell redet. Ist diese Beziehung gesichert, ändert Tell Gesslers Rolle in seiner Rede und erwähnt ihn auch namentlich:

Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt,

Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen. (Z. 2568)

Gessler ist bereits gegen Ende des ersten Abschnitts als „ Du “ (Z. 2568) der Dialogpartner Tells. Auch wenn es sich dabei nach wie vor um einen fiktiven Dialog handelt, dessen einzige Zeugen die Zuschauer sind und auch bleiben, tut dies der Monologsituation keinen Abbruch; statt dessen verstärkt sie nur noch mehr Tells Einsamkeit in der hohlen Gasse. Utz geht der Annahme, dass sich durch die Abwesenheit Gesslers sogar „seine Grausamkeit für die Imagination des Publikums rhetorisch ins Ungeheuerliche steigern“[6] lässt und der Monolog durch den Wechsel von „sichtbarer und imaginärer Gegenwart“[7] zu einem Mittel negativer Heroisierung wird, wenn es im folgenden zweiten Abschnitt von Tells Monolog heißt:

b.) zweiter Abschnitt

„Du hast aus meinem Frieden mich heraus-

Geschreckt, in gärend Drachengift hast du

Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt,

Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –

Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,

Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.“ (Z. 2569 – 2577)

Diese negative Heroisierung setzt sich aus zwei Dingen zusammen: zum einen stellt man fest, dass Tell alles andere als wortkarg ist wie man bisher den Eindruck hatte. Zum anderen benutzt er in diesem Abschnitt aber auch Worte, die nicht seine eigenen sind. „ Die Milch der frommen Denkart “ (Z. 2571) sind Shakespeares Worte aus Macbeth[8]. Dieser Ausdruck war bereits in Macbeth eine Metapher. Analysiert man Shakespeares Metapher genauer, kann man sogar zu dem Schluss kommen, dass es starke Parallelen zu Schillers Gebrauch der Metapher gibt. Hierzu muss man allerdings zuerst auf die Bedeutung der Milch zu Shakespeares Zeiten eingehen.

Im späten 20. Jahrhundert war Milch ein Grundnahrungsmittel und hatte wenn überhaupt sehr wenig mit Molke zu tun. Dies war jedoch anders ein paar Jahrhunderte zuvor: im frühen 17. Jahrhundert nämlich war es sogar so, dass Milch nicht weit verbreitet war. Der Historiker G.E. Fussell sagt hierzu:

„It is probably safe to say that our Tudor ancestors did not drink much, if any milk... The demand for liquid milk as a commodity to be purchased cannot have been very large.“[9]

Milch war daher offensichtlich weniger bekannt als ein unabhängiges Produkt, sondern wurde wohl eher mit der Butter- und Käseherstellung in Verbindung gebracht, während Molke wiederum erst später hinzu kam. Um allerdings für die Käseherstellung den Quark von der Molke zu trennen,

„it is profitable that the whay should runne out, and separate it selfe from the curd“[10].

Diese Trennung war aufwändiger und mit mehr Kraft verbunden als man sich vorstellen kann. In der Übersetzung von Maison Rustique aus dem Jahre 1600 wird dieser Vorgang beschrieben und es heißt, dass

„it is very needefull you presse out the Whay with as muche speede as you can, and to seuer it from the curd.[11]

[...]


[1] Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell. Stuttgart: 2000, Z. 2561ff

Die Zitate dieser Arbeit wurden alle der Reclam-Ausgabe entnommen. Im folgenden werde ich für die Zitate aus dieser Ausgabe keine Fußzeilen mehr benutzen, sondern die Angaben direkt hinter dem jeweiligen Zitat machen, in Form von „Z. Nr.“.

[2] Utz, Peter, S. 2.

[3] Utz, Peter, S. 2.

[4] Von Matt, Peter, S. 73.

[5] Utz, Peter, S. 3.

[6] Utz, Peter, S. 3.

[7] Von Matt, Peter, S. 81.

[8] Macbeth: „the milk of human kindness“; Act 1, Scene 5, S. 33, Z. 15.

[9] www.jmucci.com/ER/articles/curds.htm

[10] www.jmucci.com/ER/articles/curds.htm

[11] www.jmucci.com/ER/articles/curds.htm

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Schiller: Wilhelm Tell - Mordmonolog in der hohlen Gasse
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V49132
ISBN (eBook)
9783638608459
ISBN (Buch)
9783638624633
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Wilhelm, Tell, Mordmonolog, Gasse
Arbeit zitieren
Manuela Kistner (Autor), 2005, Schiller: Wilhelm Tell - Mordmonolog in der hohlen Gasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49132

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