Die Rolle von Affekten. Inwiefern definiert Spinoza eine Moral?


Hausarbeit, 2018
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Spinozas Ethik
2.1 Spinozistische Grundbegriff der Metaphysik
2.2 Die Freiheit des Denkens
2.3 Rationale und intuitive Erkenntnis: Von der Theorie zur Ethik

3 Affekte und Ethik
3.1 Das Streben nach Selbsterhaltung
3.2 „Laetitia“ und „Trisitia“
3.3 Vollkommenheit durch Handeln
3.4 Begierde und Tugend
3.5 Die Gottesliebe

4 Moralbegriff oder ethischer Egoismus?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Moral und Ethik scheinen zwei Begriffe zu sein, welche unmittelbar miteinander und auch mit dem menschlichen Handeln verbunden sind. Es könne nahezu scheinen, dass alle weltlichen Geschehnisse, sofern diese sich auf die Menschheit beziehen, moralisch beurteilt werde könnten. Wenn man die Historie des Menschen zusammenfasst, lässt diese allerdings durchaus einen Blick in die menschlichen Abgründe zu. Polemisch lassen sich viele historische Ereignisse als „gottlos“ beschreiben: Die Versklavung gesamter Völker, die Entstehung der Nationalstaaten durch gewaltsame Revolutionen, der nationalsozialistische Holocaust, Glaubenskriege und die Verarmung der dritten Welt – diese allseits bekannten Beispiele für die menschliche Grausamkeit stellen nicht einmal einen Bruchteil der destruktiven Menschengeschichte dar. Eines stehe dann wohl fest: Ethik und Sittlichkeit sowie Moral scheinen dem Menschen ein Fremdwort zu sein. Ohne einen konkreten Blick auf die Relevanz des historischen Kräftemessens der verschiedenen menschlichen Parteien zu werfen, lässt sich durchaus hinterfragen, ob all diese „unethischen“ Ereignisse eine gewisse Notwendigkeit hatten, um unsere heutige Ordnung des Zusammenlebens zu gestalten. Während viele Geschichtsforscher und Philosophen kaum einen historischen Handgriff dieser bekannten Menschentaten unerforscht ließen, beschäftigten sich einige Denker mit grundsätzlichem Ursprung von Kausalität. Besonders religiös fundierte Schriften beinhalten viele interessante Aspekte zum menschlichen handeln. So verhöhnt und überinterpretiert die Religionsfrage auch sein mag, lassen sich einige Grundzüge dieser nicht einfach zurückweisen. Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza übte bereits im Jahre 1675 eine erkenntnistheoretische Religionskritik in seinem bekannten Traktat „Die Ethik“. Interessant ist dabei, dass Baruch de Spinoza schon damals erkannt hat, dass der Mensch zu einem ethischen Handeln und einem glückseligem Leben in der Lage sein müssten. Anhand des gedanklichen Gerüstes Spinozas möchte ich in der folgenden Arbeit erklären, wie der Mensch zu vernünftigen Handlungen fähig wäre und ob Spinoza eine eigene und neue Moral beschreibt. Dazu werde ich zunächst Spinozas metaphysisches Konzept darstellen und dabei Gedanken des deutschen Philosophen Wolfgang Röd verwenden. Anschließend werde ich mich dem ethischen Aspekt seiner Lehre anhand der Auslegungen von Wolfgang Bartuschat und William Frankena nähern.

2. Spinozas Ethik

Um erst einmal verstehen zu können, wie Spinozas vormoderne ontologische Sicht entstanden ist, möchte ich die Grundzüge aus Spinozas Traktat „Die Ethik“ darstellen. Das besagte Werk ist in fünf verschiedene Teile gegliedert und axiomatisch aufgebaut. Dazu verwendet er sein eigenes philosophisches Lexikon. Spinoza versucht dem Leser deutlich zu machen, was es bedürfe um ein vernünftiges und glückseliges Leben zu führen. Ethisches Handeln ist nach Spinoza durchaus möglich. Der Mensch sei sogar vernunftbegabt, aber um erst einmal Vernunft und somit intellektuelle Liebe zu Gott zu erlangen, bedürfe es einem großen Schritt der Selbstabstraktion (Schewe 1990, S. 11). Ethisches handeln sei an den Menschen geknüpft. Die Existenz des Menschen sei aber von zwei vorausgehenden Faktoren abhängig: Der Metaphysik und der Physik. Beide Aspekte möchte Spinoza zunächst dem Leser erläutern, bevor auf den ethischen Aspekt zurückkomme (vgl. Specht 1990, S. 38). Im Folgenden werde ich zunächst die für meine Arbeit wichtigsten Begriffe nach Spinozas Auslegung erklären und deuten.

2.1 Spinozistische Grundbegriffe der Metaphysik

Spinozas Metaphysik ist von Grund auf monistisch. Dieser setzt die Erkenntnisse, welche er in seiner Metaphysik erläutert, mit der Allgemeingültigkeit des Universums gleich. Seine Gesetze seien demnach universal (vgl. Walther 1990, S. 15). Unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung und aller menschlichen Taten, existiert eine unabdingbare Substanz, welche aller Dinge immanent ist. Diese Substanz ist auch gleichzusetzen mit der Natur im Allgemeinen (vgl. Schewe 1990, S. 11). Deduktiv erklärt dieser dann, dass die Welt aus zwei wesentlichen Attributen besteht, welche ausschließlich eine gewisse Verwirklichung der Natur (Substanz) seien. Diese Substanz sei laut Spinoza Ursache ihrer selbst (causa sui) und somit durch keine andere physische oder metaphysische Kraft hervorgebracht als durch Gott. Spinoza schließt hierbei die Ergründung des Ursprung Gottes aus, was seine deduktive Erläuterung von den weltlichen Geschehnissen deutlich erleichtert. Der Mensch sei grundsätzlich dazu determiniert, die Kausalitäten wahrzunehmen und wäre somit auf seine Sinnlichkeit beschränkt. Spinoza beschreibt eben die benannte Substanz als nicht kausal wahrnehmbare Notwendigkeit. Gott (oder auch die Substanz und die Natur) zeigt sich als wahre Beschaffung der Dinge in den Attributen „Geist“ und „Ausdehnung“. Der Mensch weiß über diese beiden Attribute durch deren verschiedene Modi Bescheid (vgl. Spinoza 1972, S. 94-95). Spinoza erklärt demnach, dass der Mensch an sich durch seinen Geist „ein Teil des unendlichen Verstandes Gottes ist“ (Spinoza 1952, S. 95). Die besagten Modifikationen der Attribute sind wahrnehmbar, da diese affizierbar sind und andere Modifikationen wiederum affizieren können. Die Affektionen sind somit im Allgemeinen alle weltlich wahrnehmbaren interpendenten Geschehnisse. Jene seien immer auf die gleiche Ursache – nämlich die Substanz – zurückzuführen (vgl. Spinoza 1972, S. 108).

2.2 Die Freiheit des Denkens

Nach der Einführung der spinozistischen Grundbegriffe, lässt sich die Frage stellen, ob der Mensch denn überhaupt Verantwortung für seine Handlungen übernehmen kann und ob dieser in der Lage sei, Moral selber zu bestimmen. Schließlich könne man den Menschen (das Subjekt) als gänzlich unfrei und schuldlos für seine Handlungen und alle durch ihn erzeugten Weltgeschehnisse erklären. Jedes menschliche Wesen habe allerdings laut Spinoza den Anspruch auf Vernunft. Wie bereits erklärt, lassen sich die beiden Attribute „Ausdehnung“ und „Geist“ (welche unmittelbar aus der Substanz entspringen) in dem menschlichen Dasein widerfinden. Wir sprechen dabei von adäquaten und inadäquaten Ideen (vgl. Spinoza, 1972 S. 81). Die inadäquaten Ideen entsprechen nämlich dabei unseren sinnlichen Wahrnehmungen, weil diese eben nicht dazu prädestiniert sind, die wahre Beschaffenheit der Dinge zu erschließen. Die adäquaten Ideen sind demzufolge jene, welche dabei entstehen, wenn das menschliche Wesen seine Determinierung (Inkompatibilismus) erkannt hat und somit auch zur Vernunft (ratio) gelangt. Die Frage nach der Freiheit des Menschen lässt sich nach Spinozas Schriften durchaus auf politische und ökonomische Fragen beziehen, jedoch sollte man zunächst festhalten, dass der Mensch nach Spinoza gar nicht frei als solches sein kann. Alle Kausalitäten hängen voneinander ab und entspringen einer Affektion der Modifikation eines Attributes der Substanz, welche Ursache ihrer selbst sei. Diese Negation des Menschen entsteht dadurch, dass Gott eben eine natürliche Gegebenheit ist und nicht transzendent. Denken als Attribut der Substanz könne schließlich dem Menschen in dem Glauben lassen, seine Handlungen wären frei, obwohl diese es nicht sein können (vgl. Spinoza 1972, S. 163). Inadäquate Ideen lassen den Menschen im Sein verharren und er sei somit anfällig für Erregungen aller Art. Der menschliche Geist muss also den Menschen als einen ungelösten Teil der Substanz betrachten und somit seine Unfreiheit akzeptieren (vgl. Spinoza 1972, S. 165).

2.3 Rationale und intuitive Erkenntnis: Von der Theorie zur Ethik

Es wurde bis hierhin gezeigt, warum der Mensch unfrei sein muss und somit lediglich dazu determiniert sei, in der Regel im Sein zu verharren. Im Folgenden werde ich mich langsam dem ethischen Ansatz Spinozas nähern. Dass der Mensch überhaupt in der Lage sein kann, sich selbst zu reflektieren und sich seiner Unfreiheit bewusst zu werden, benötige laut Spinoza einen gewissen Schritt der Erkenntnis. Laut Spinoza gibt es einige bekannte wesentliche Arten von Erkenntnis, welche der Mensch erlangen kann. Die beiden meist diskutierten sind: Die intuitive Erkenntnis („scientia intuitiva“) und die rationale Erkenntnis „ratio“ (vgl. Röd 1977, S. 136). Der Philosoph Wolfgang Röd erklärt in seiner Auslegung von Spinozas mehr als umfangreichem theoretischem Konzept, dass die sogenannte „scientia intuitiva“ nichts anderes als die „gewöhnliche deduktive Erkenntnis“ sei (Röd 1977, S. 135). Spinoza verstehe darunter eine Erkenntnis Gottes, welche ohne große Überlegungen und somit intuitiv affiziert erfolgen kann. Menschen erhalten intuitive Erkenntnis, sobald diese Wissen von der Notwendigkeit des absoluten Ganzen haben. An dieser Stelle erkennt Wolfgang Röd, dass es durchaus mehrere Varianten der Erkenntnis von Spinoza gebe, die seine Theorie allerdings nur erschweren. Daher ist dieser der Auffassung, dass diese intuitive Erkenntnis aus der rationalen Erkenntnis folge (vgl. Röd 1977, S. 138). Der Mensch erkenne seine Umwelt und abstrahiert daher „rational“, dass die Welt durch etwas Ganzes zusammengehalten werden muss. Aus der sogenannten „ratio“ entspringe ein vernünftiges Abbild der weltlichen Modifikationen der göttlichen Attribute. Der Mensch verarbeite nach Spinoza somit universales Wissen und ist in diesem Momentum das erste Mal in der Lage, adäquate Ideen zu entwickeln (vgl. Röd 1977, S. 141). Als Beispiel führt Röd an, dass der Mensch die Endlichkeit des Lebens darin erkennt, dass jeder Mensch nur immer eine bestimmte Altersgrenze erreicht (vgl. Röd 1977, S. 139). Somit leitet der Mensch rational ab, dass dieser nur ein endliches Dasein hat. Die rationale Erkenntnis ist also das Ergebnis der Wahrnehmung von logisch kausalen Zusammenhängen („notiones communes“ [Röd 1977, S. 143]). Um hierbei auf die Rolle der Affekte zurückzukommen kann man festhalten, dass das Erkennen an sich durch normale Affekte eingeleitet wird. Dieser rationale Schritt ist allerdings nicht „intuitiv“ oder vernünftig, noch hat dieser etwas mit Ethik zu tun. Er ist lediglich notwendig, dass der Mensch nun zu einer zu der besagten intuitiven Erkenntnis in der Lage ist und die „Totalität als Einheit ihrer Momente“ (Röd 1977, S. 142) wahrzunehmen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Affekten. Inwiefern definiert Spinoza eine Moral?
Hochschule
Universität Potsdam  (Lehrstuhl für Politische Philosophie/Philosophische Anthropologie)
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V491489
ISBN (eBook)
9783668981829
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, affekten, inwiefern, spinoza, moral
Arbeit zitieren
Florian Gartenschläger (Autor), 2018, Die Rolle von Affekten. Inwiefern definiert Spinoza eine Moral?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491489

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