Die vorliegende Hausarbeit stellt den Versuch dar, die progressive Frühromantik nicht nur zu rehabilitieren, sondern zugleich exemplarische Anknüpfungspunkte an Herbert Marcuses Werke "Der eindimensionale Mensch" (1967) sowie "Triebstruktur und Gesellschaft" (1957) herauszuarbeiten.
Die deutsche Romantik gilt vielen als idealistische Epoche des Kitschs, der Träumerei, der antimodernen Schwärmerei für eine ländliche Vergangenheit, sie gilt als Gegenentwurf zur gepriesenen Aufklärung, als irrational, phantastisch, esoterisch, religiös. Die Aufzählung ihrer Mängel könnte sich über diese Seite fortsetzen, jedoch breche ich sie an dieser Stelle ab, um ein gänzlich anderes Gesicht der Romantik zu zeichnen. Die von Kawerin hergeleitete ursprüngliche Bedeutung des Wortes Romantik als Mauerbrecher scheint auf eine andere Romantik zu deuten, auf einen utopischen Versuch das Leben zu revolutionieren, die Zwänge und Grenzen der Gesellschaft aufzubrechen.
So muss differenziert werden zwischen der Frühromantik, die sich als Aufklärung der Aufklärung versteht und moderne Tendenzen der Entfremdung in die Kritik nahm, emanzipative Modelle des Zusammenlebens entwarf und erprobte, fundamentale Religionskritik übte und kühn ein neues goldenes Zeitalter der durch Poesie und Einbildungskraft befreiten Menschheit ausrief, und einer Spätromantik, die zurückkehrte zum dogmatischen Katholizismus, idyllischen Bildern nationaler Heimatliebe und einer sich versenkten Innerlichkeit verfiel, die reaktionären Unternehmen einen nahtlosen Anschluss lieferten.
Die Frühromantik als Versuch einer Aufklärung der Aufklärung gab späteren progressiven Bewegungen zahlreiche Impulse, ohne dass der Ursprung dieser Ideen dezidiert reflektiert und gewürdigt wurde. Im Gegenteil wurde der Romantik insgesamt reaktionäre Tendenzen unterstellt, die geradewegs in den Faschismus mündeten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Frühromantik & die Dialektik der Aufklärung
2. Marcuse und die Kontinuität romantischer Ideen
2.1 Die Phantasie an die Macht
2.2 Narziss & Orpheus
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht ideengeschichtlich die Kontinuität frühromantischer Ideen im Werk von Herbert Marcuse, insbesondere in "Der eindimensionale Mensch" und "Triebstruktur und Gesellschaft", um zu klären, inwiefern Marcuse das progressive utopische Potenzial der Romantik aufgreift oder hinter romantische Positionen zurückfällt.
- Die Rehabilitierung der progressiven Frühromantik
- Die Analyse der Phantasie und Einbildungskraft als utopisches Potenzial
- Die Bedeutung der Mythen von Narziss und Orpheus bei Marcuse
- Die kritische Auseinandersetzung mit der "Aufklärung der Aufklärung"
- Die Gegenüberstellung von technologischem Realitätsprinzip und romantischer Ästhetik
Auszug aus dem Buch
2.2 Narziss & Orpheus
Damit die Phantasie nicht nur kindliche Träumerei bleibt, sucht Marcuse nach einem Begründungsrahmen für ihre Wirkungsmächtigkeit. Er sieht einzig in den Archetypen akzeptierte Symbole, die jedoch nicht wie bei Jung als überwundene Stufen der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, die sich ins kollektive Unterbewusstsein zurückverfolgen lassen, angesehen werden, sondern vielmehr als Leitbild einer noch zu erlangenden individuellen und kulturellen Reife. (vgl. Marcuse 1990: 159) Als zwei Archetypen in seinem Sinne erwählt er Narziss und Orpheus. Der Archetyp des jetzigen Realitätsprinzips entspricht dem Kulturheroen Prometheus. Dieser symbolisiere Produktivität, Mühsal und rastlose Anstrengung, indem er den Göttern das Feuer stiehlt, es den Menschen bringt und damit die Kultur schafft. Als weibliches Prinzip macht Marcuse Pandora aus, die im Mythos aus Rache für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus geschaffen wird. Sie erhält eine Büchse, in der sich alle Übel der Welt sowie die Hoffnung befinden. Pandora öffnet die Büchse und herauskommen alle Übel der Welt. Bevor die Hoffnung entweichen kann, wird die Büchse wieder verschlossen. Die allbeschenkte Pandora (so die Etymologie ihres Namens) repräsentiert also nicht nur Schönheit und Weiblichkeit, sondern auch Trostlosigkeit und Zerstörung.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die These auf, dass die Romantik zu Unrecht als rein reaktionär gilt, und skizziert das Ziel, deren progressive Aspekte in Marcuses Werken ideengeschichtlich zu analysieren.
1. Die Frühromantik & die Dialektik der Aufklärung: Dieses Kapitel erläutert die Frühromantik als "Aufklärung der Aufklärung", die ein utopisches Potenzial sowie eine Kritik an einer rein instrumentellen Vernunft formuliert.
2. Marcuse und die Kontinuität romantischer Ideen: Hier erfolgt die Verortung Marcuses in der romantischen Tradition und die Einleitung der Analyse seiner zentralen Kategorien.
2.1 Die Phantasie an die Macht: Dieser Abschnitt untersucht Marcuses Begriff der Einbildungskraft und seine Rückgriffe auf Kant und Schiller zur Begründung eines neuen Realitätsprinzips.
2.2 Narziss & Orpheus: Dieses Unterkapitel analysiert Marcuses Verwendung der Archetypen Narziss und Orpheus als Symbole einer "Großen Weigerung" gegen das herrschende Leistungsprinzip.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Marcuse zwar romantische Impulse produktiv aufgreift, dabei jedoch teilweise hinter die Komplexität romantischer Ansätze zurückfällt.
Schlüsselwörter
Frühromantik, Herbert Marcuse, Aufklärung, Einbildungskraft, Phantasie, Narziss, Orpheus, Neue Mythologie, Utopie, Kritische Theorie, Realitätsprinzip, Dialektik der Aufklärung, progressive Romantik, Triebstruktur, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die ideengeschichtliche Verbindung zwischen der deutschen Frühromantik und der Gesellschaftskritik Herbert Marcuses, insbesondere im Hinblick auf progressive Potenziale.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das utopische Potenzial der Romantik, die Rolle der Phantasie als schöpferische Kraft sowie die kritische Reflexion des gesellschaftlichen Leistungsprinzips durch mythologische Urbilder.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, Marcuses Romantik-Rezeption zu untersuchen und zu bewerten, ob seine Ansätze die progressive "Aufklärung der Aufklärung" der Romantiker fortsetzen oder hinter deren Reflexionstiefe zurückbleiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Untersuchung erfolgt primär ideengeschichtlich und durch eine vergleichende Analyse exemplarischer Textstellen aus Marcuses Werken sowie romantischer Primär- und Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Grundlagen der frühromantischen Gesellschaftskritik und deren Bezug zur Aufklärung erörtert, gefolgt von einer vertieften Analyse von Marcuses Phantasiebegriff und seiner Verwendung der Mythen von Narziss und Orpheus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Frühromantik, Marcuse, Phantasie, Utopie, Narziss, Orpheus, Gesellschaftskritik und Dialektik der Aufklärung charakterisieren.
Inwieweit nutzt Marcuse die Archetypen von Narziss und Orpheus?
Marcuse nutzt diese Figuren als Gegenbilder zum Kulturheroen Prometheus, um eine erotisch-ästhetische Lebenshaltung zu begründen, die Gewalt, Trennung und Leistungszwang durch Kontemplation und Frieden ersetzt.
Warum hält der Autor die Archetypen-Lehre bei Marcuse für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass Marcuses Versuch, seine Theorie durch die Archetypen-Lehre zu fundieren, eher abträglich ist, da diese Mythen in der westlichen Welt keine allgemeine Akzeptanz als Leitbilder finden und die Argumentation dadurch an Stringenz verliert.
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- Henrike Vogel (Autor), 2018, Herbert Marcuse und die Kontinuität romantischer Ideen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491582