Ernst Cassirer und Susanne K. Langers System der symbolischen Formen

Eine Untersuchung zum Verhältnis der symbolischen Formen


Hausarbeit, 2018
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ernst Cassirer

2. Susanne K. Langer

3. Das Verhältnis der symbolischen Formen – ein Vergleich

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im fundamentalen Begriff der Symbolisierung – gleichviel ob mystischer, praktischer oder mathematischer Art – liegt der Schlüssel zu aller menschlichen Existenz. (Langer 1979: 33)

Wir finden niemals die „nackte“ Empfindung als materia nuda, zu der dann irgendeine Formgebung hinzutritt-: sondern was uns fassbar und zugänglich ist, ist immer nur die konkrete Bestimmtheit, die lebendige Vielgestalt einer Wahrnehmungswelt, die von bestimmten Weisen der Formung durch und durch beherrscht und von ihnen völlig durchdrungen ist.“ (Cassirer 1954: 18)

Ob in den Neurowissenschaften, der Entwicklungspsychologie, in der Psychoanalyse, der modernen Physik oder in der Philosophie – überall haben der Begriff des Symbols und der Symbolisierung Einzug gehalten. (vgl. Cassirer 1954: 25, 559f. ; Langer 1979: 35)

Sowohl Ernst Cassirer als auch Susanne K. Langer sehen in der Symbolisierung „die wesentliche Tätigkeit des Geistes“ (Langer 1979: 49) und, wie im Eingangszitat eindrücklich pointiert, den „Schlüssel zu aller menschlichen Existenz“. Nicht mehr die Dinge an sich stehen im Zentrum einer philosophischen Erkenntnistheorie, sondern der Akt der Welterschließung selbst. (vgl. Cassirer 1954: 8) „Wie funktionieren Wahrnehmung und Weltverstehen?“, lautet die zentrale Frage. Wurde der gemeine Wahrnehmungsmodus lange Zeit als passives Geschehen konzipiert, baut Cassirer dem entgegengesetzt eine Wahrnehmungstheorie auf, die auf der Konstruktivität des menschlichen Bewusstseins fußt. Verstehen sei „kein bloßes Aufnehmen, keine Wiederholung eines gegebenen Gefüges der Wirklichkeit“, sondern „eine freie Aktivität des Geistes“. (Cassirer 1954: 16f.) Weltverständnis beruhe auf der geistigen Formung durch den Menschen (vgl. ebd.), der Symbolisierung. Jeder Prozess des Verstehens schließt einen Prozess der Gestaltung mit ein – wir nehmen nicht die Materie, das „nackte“ Ding an sich wahr, sondern bilden eine Vorstellung, eine Idee von diesem. Diese symbolische Transformation geschieht unablässig und unbewusst und durchdringt nicht erst den komplexen Bereich der Wissenschaften, sondern alle Bereiche des menschlichen Lebens. (vgl. Cassirer 1954: 57, Langer 1979: 50f.) Die Philosophie der symbolischen Formen nimmt die Art und Weisen, die Richtungen des Weltverstehens in den Blick. Es sei hierbei ausdrücklich auf den Plural hingewiesen, denn die geistige Welt ist durch eine „Mehrdimensionalität“ gekennzeichnet. (vgl. Cassirer 1954: 64) So zählt Cassirer u.a. folgende symbolische Formen auf: Mythos, Religion, Sprache, Wissenschaft, Kunst, aber auch Technik, Wirtschaft usw.. Dieses System der symbolischen Formen soll Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit sein. Es steht die Frage im Raum, in welchem Verhältnis die verschiedenen symbolischen Formen zueinander stehen. Hierzu soll im ersten Kapitel eine Rekonstruktion Ernst Cassirers vorgenommen werden. Im zweiten Kapitel wird dann der Ansatz der Philosophin Susanne K. Langers skizziert, um im dritten Kapitel einen Vergleich der beiden Positionen durchzuführen. Neben der Frage zum Verhältnis der symbolischen Formen, d.h. ihrer möglichen hierarchischen Anordnung, Entstehungsgeschichte und ihrer Wirkmächtigkeit, soll zudem beleuchtet werden, ob Susanne K. Langer eine mögliche Weiterentwicklung der Cassirer’schen Symboltheorie vorlegt oder sie vielmehr als eine originelle Interpretin derselben auftritt. Die Ergebnisse der Untersuchung werden schließlich im vierten Kapitel zusammenfassend dargelegt.

1. Ernst Cassirer

Der Mensch lebt in einer symbolischen Welt. Was ihn gegenüber den Tieren auszeichnet ist eben dies: seine Fähigkeit zur Symbolisierung. So tauft Cassirer den Menschen das „animal symbolicum“. (Cassirer 2006: 31, zitiert nach Hamada 2016: 27) Was genau sind nun jene symbolischen Formen?

Unter einer >symbolischen Form< soll jede Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird. (Cassirer 2003: 79, zitiert nach Hamada 2016: 28)

Diese geistigen Energien knüpfen also geistige Bedeutungsgehalte an sinnliche Zeichen, etwa Wörter, Bilder, Dinge, Gebärden usw., und laden diese mit Sinn auf. Dabei entspricht jede symbolische Form – Mythos, Religion, Sprache, Wissenschaft, Kunst u.a. – einer anderen Gestaltung der Welt. Die symbolischen Formen sind dabei universell und variabel auf jedes Objekt anwendbar. (vgl. Hamada 2016: 36) Jedes sinnliche Erlebnis ist Träger eines Sinnes, doch die Blickrichtung entscheidet über die bestimmte Art der Sinnmodalität, was Cassirer am bekannten Beispiel des Linienzugs verdeutlicht: Eine einfache Linie kann etwa als rein optisches Gebilde betrachtet werden.

Doch das Auf und Ab der Linie im Raum kann gleichermaßen eine „Stimmung“ ausdrücken, eine innere Bewegtheit etwa, wie sie im menschlichen Seelen- bzw. Gefühlsleben zu finden ist. Erscheint die Linie indes in einem mathematischen Kontext, etwa in einer Aufgabe aus dem Mathematik-Lehrbuch, verstehen wir die Linie als mathematisches Gebilde, als geometrische Figur oder als Abbildung einer Funktionsgleichung. (vgl. Cassirer 1954: 232f.) Jeder Wahrnehmungsmoment folgt einer anderen Gesetzlichkeit, anderen Bedingungen, die keineswegs willkürlich ist. So gehorcht die mathematische Perspektive Gesetzmäßigkeiten, die der symbolischen Form der Wissenschaft zu eigen sind. Wird die Linie als mythisches Symbol gedeutet, erhält sie eine magisch-abstoßende Macht oder vielleicht eine heilende Wirkung, und folgt darin mythischer Gesetzlichkeit. (vgl. Cassirer 1954: 19, 66)

Diese spezifischen Strukturen und Funktionen der symbolischen Formen sucht Cassirer herauszuarbeiten. Das System der symbolischen Formen wird dabei als offenes, erweiterbares System gedacht. Dies liegt u.a. an der Mehrdimensionalität der geistigen Welt, deren Bereiche bisher nicht als völlig erschlossen gelten können. Zudem liegen die symbolischen Formen in der alltäglichen, empirischen Wahrnehmung nie in Reinform vor. Vielmehr verflechten sich die verschiedensten symbolischen Formen. Um jedoch ihre jeweiligen Besonderheiten bestimmen zu können, müssen sie in der Theorie analytisch getrennt betrachtet werden. (vgl. Hamada 2016: 32f.)

Die rein sinnliche Wahrnehmung, Anschauung und die vorwissenschaftliche und wissenschaftliche Begriffsbildung durch den Verstand bilden keineswegs „bloß sukzessive Phasen der Erkenntnis, die in ihrem einfachen Nacheinander zu ergreifen sind, sondern sie stellen sich als ein strenges In-Einander, als ihre konstitutiven Momente, dar.“ (Cassirer 1954: 12) Um das hier ausgedrückte Verhältnis der symbolischen Formen zueinander präziser zu begreifen, müssen zuerst die von Cassirer angenommene triadische Struktur der symbolischen Funktionen sowie die jeweiligen Eigentümlichkeiten der symbolischen Formen näher erläutert werden. Da diese beiden Komplexe eng zusammenhängen, werden sie auch in ihrer Beziehung zueinander geschildert.

Cassirer unterscheidet drei Grundfunktionen: die Ausdrucksfunktion, die Darstellungsfunktion und die Bedeutungsfunktion. Diese Dimensionen der Symbolisierung werden dann wiederum auf die verschiedenen symbolischen Formen angewandt.

So bezeichnet Cassirer die Ausdrucksfunktion als „echtes Urphänomen“ (Cassirer 1954: 102). Ausdruckserlebnisse werden als Ganzheit erlebt, sie bestehen nicht aus einzelnen gesonderten Qualitäten, wie hell oder dunkel, kalt oder warm, sondern „haben den Charakter des Lockenden oder Drohenden, des Vertrauten oder Unheimlichen, des Besänftigenden oder Furchterregenden“. (Cassirer 1954: 78) Diese unmittelbaren Ausdruckscharaktere formen die Grundschicht menschlichen Sinnverstehens. Zeichen und bezeichnete Sache sind in der Ausdrucksfunktion nicht strikt voneinander geschieden. (vgl. Paetzold 2002: 45) Die Ausdrucksmomente sind dabei kein „subjektives Anhängsel“, das der Wahrnehmung gewissermaßen durch ein Subjekt nachträglich beigefügt wird, sondern eben jene Ausdrucksmomente sind integraler Bestandteil der Wahrnehmung und setzen kein entwickeltes Ich-Bewusstsein voraus. Wirklichkeit ist für uns primär keine Dingwelt, sondern eine Ausdruckswelt, die wir über ihre Wirksamkeit auf uns erfahren. (vgl. Cassirer 1954: 86) Ausdruck bezeichnet zuallererst eine Form von „Erleiden“, weswegen die Ausdrucksfunktion auch im Tierreich obwaltet. (vgl. ebd. S. 88) Eng verbunden mit der Ausdrucksfunktion ist laut Cassirer die symbolische Form des Mythos. Im mythischen Denken findet noch keine Trennung von Ursache-Wirkung, Leben und Tod, Wachen und Traum statt – die Welt des Mythos weist eine „Flüssigkeit“ auf, in der diese Grenzen verwischen. (vgl. Cassirer 1954: 71, 80; Cassirer 1961 : 40) Ein Ereignis im Traum kann auf den Wachzustand übertragen werden, ein Zauberer kann sich der Haare oder Fingernägel oder gar des Bildes eines Menschen bedienen, um seine Magie auszuführen, da in jedem Teil das Ganze gesehen wird. Das Bild gilt nicht nur als Vertreter desjenigen, sondern Symbol und Sache sind nicht voneinander getrennt, sie sind eins. (vgl. Sandkühler/Paetzold 2003: 180) Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Mythos keine Struktur kennt. Die „primitive“ Wahrnehmung ist keineswegs verschwommen und chaotisch, sondern wird durch andere Differenzen und Grenzlinien gegliedert. (vgl. Cassirer 1954: 72) Die Logik des Mythos beruft sich auf „Sympathie“, der Dämon des Regens ist in jedem einzelnen Wassertropfen lebendig, weil überall das Ganze waltet. (vgl. ebd. S. 79) An dieser Stelle muss herausgestellt werden, dass die Wahrnehmung im Mythos nicht mit der Ausdrucksfunktion gleichzusetzen ist. Auch wenn sich im Mythos vornehmlich Grundzüge der Ausdrucksfunktion wiederfinden lassen, so ist die Ausdrucksfunktion selbst „eine noch vor-mythische, vor-logische und vor-ästhetische“ Funktion. (ebd. S. 95) Die Ausdrucksfunktion ist „eine wahrhaft allgemeine und gewissermaßen weltumspannende Funktion“, die aller Differenzierung vorausliegt. (ebd.) Cassirer geht davon aus, dass die Ausdrucksfunktion ursprünglich eine organische Basis hat. (vgl. Hamada 2016: 65) Auch wenn der Mythos tief in der Ausdrucksfunktion wurzelt, ist er keinesfalls als vor-kulturell einzustufen. Zudem sieht Cassirer im Mythos den Mutterboden für die Entwicklung weiterer symbolischer Formen, u.a. der Religion, der Sprache und der Kunst. (vgl. Paetzold 2002: 43) Wie genau diese Entwicklung angelegt ist, wird uns im dritten Kapitel ausführlich beschäftigen.

Die zweite Funktion nennt Cassirer die Darstellungsfunktion. Am Beispiel des Götterbildnisses sollen die Grundzüge der Darstellungsfunktion kurz skizziert werden. So ist das Götterbildnis als Darstellung eines Gottes nicht nur ein Abbild desselben, sondern eine Art Verkörperung, in der Gott wirksam werden kann. Doch ist mit dieser Gegenwart nicht das reine Ausdruckserlebnis des Mythos gemeint, in dem das Bild und Gott eins sind, sondern das Bild stellt zugleich eine Vergegenwärtigung dar, es ist eine Repräsentation. (vgl. Cassirer 1954: 127) Schon der Mythos gleitet nicht nur „im Strom des Gefühls und der affektiven Erregung“ dahin (ebd. S. 126), sondern sammelt die Lebenseindrücke in einem geistigen Brennpunkt. Doch erst mit der Darstellungsfunktion der Sprache oder der Kunst erhalten die Bilder eine Festigkeit. Sie werden durch eine referentielle Beziehung fixiert und dem Wiedererkennen zugänglich gemacht. (vgl. ebd.)

So ist es mir mithilfe der Sprache möglich, mich nicht nur auf ein „Hier“ und „Jetzt“ zu beziehen. Vielmehr entspringt nun die Fähigkeit mir ein „Nicht-Hier“ und „Nicht-Jetzt“ zu vergegenwärtigen. (vgl. ebd. S. 133) Zwar weist die symbolische Form der Sprache auch eine Ausdrucksfunktion auf, etwa in Schmerzenslauten oder lautmalerischen Äußerungen, allerdings besteht ihre Hauptfunktion in der Darstellung. (vgl. ebd. S. 128f.)

Zuletzt postuliert Cassirer die Bedeutungsfunktion. Diese finde sich in der symbolischen Form der Wissenschaft. Diese Funktion beruht auf dem höchsten Grad der Abstraktion, Symbolsysteme werden durch den Geist selbst in Freiheit und Selbsttätigkeit geschaffen. (vgl. ebd. S. 332f.) Es findet eine Distanzierung von Ausdrucks- und Darstellungsfunktion statt. Während die alltägliche Sprache verbunden ist mit der Anschauung und sich aus ihr logische Verknüpfungen aufbaut, die u.a. Ähnlichkeitsbeziehungen sind, löst sich die reine Bedeutungsfunktion von jeder Anschauung und baut konstruktiv andere mögliche Relationen auf. (vgl. ebd. S. 338, 354) So sind logische symbolische Begriffe, wie etwa die Null in der Mathematik, völlig losgelöst von extensionalen Dingen. (vgl. ebd. S. 355) Sie sind Teil eines reinen Bedeutungssystems. Der Übergang von der Darstellungsfunktion zur Bedeutungsfunktion setzt andere Maßstäbe der Begriffsbildung voraus. Nenne ich einen Schmetterling einen Vogel, so ist diese Form der Begriffsbildung nicht sinnlos, da die Fähigkeit zu fliegen beide Entitäten eint, aber sie ist ebenso wenig wissenschaftlich. (vgl. ebd. S. 365) Auch hier durchdringen sich die verschiedenen Funktionen und symbolischen Formen. So scheint die Sprache der wissenschaftlichen Begriffsbildung aber auch den vorwissenschaftlichen Sphären unentbehrlich. Bereits aus diesen Schilderungen ist die entwicklungsgeschichtliche Verfasstheit der symbolischen Funktionen und Formen abzulesen. Wie genau Cassirer die Entwicklung entwirft und ob die symbolische Form der Sprache eine Sonderstellung einnimmt, wird Bestandteil des dritten Kapitels sein. Um die Grundlage für den Vergleich zu legen, werden im nächsten Kapitel Langers Positionen beschrieben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ernst Cassirer und Susanne K. Langers System der symbolischen Formen
Untertitel
Eine Untersuchung zum Verhältnis der symbolischen Formen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V491583
ISBN (eBook)
9783668983311
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Cassirer, Langer, Susanne K., Symbolische Formen, Symbolisierung, Anthropologie, Wahrnehmung, Kunst, Musik, Erkenntnistheorie, Bedeutung, Vergleich
Arbeit zitieren
Henrike Vogel (Autor), 2018, Ernst Cassirer und Susanne K. Langers System der symbolischen Formen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491583

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