1. Einleitung
Jean de La Fontaine gilt als einer der großen französischen Dichter und Lyriker des siècle classique. Neben bedeutenden Werken wie Contes et nouvelles en vers (e. 1663/74) sorgte die 16681 erschienene Sammlung Fables für seinen internationalen Durchbruch und bis heute andauernden Ruhm. In dieser Sammlung bringt La Fontaine antike Fabeln in eine poetische Form und reichert sie mit burlesken Anspielungen auf zeitgenössische Missstände, insbesondere im politischen Bereich, an. Oft wurde La Fontaine wegen der Gattungswahl ‚Fabel’ als Kinderautor2 verkannt. Doch das Werk La Fontaines ist weit mehr, als eine Kinderbelustigung. Und auch wenn sich die Romanisten und Literaturkritiker bis heute streiten, ob La Fontaine mit seinen Fabeln eine politische, philosophische oder moralische Richtung vertrat und sein Motto „plaire et instuire“ lautete, so ist jedoch sicher, dass er auf verschiedenste Missstände in seinem Umfeld aufmerksam machte und oft die Fabel, als Sprachrohr nutzte. Ein wichtiges Thema seiner Fabeln ist die Philosophie und ihre Anwendung. Ein besonders interessanter Aspekt ist dabei die Betrachtung von La Fontaines persönlicher philosophischer Entwicklung. In der folgenden Arbeit soll dieser Aspekt seiner Fabeln in Zusammenhang mit seiner Vitae genauer beleuchtet werden.
Dabei wird zunächst die aktuelle Situation zu La Fontaines Zeit geschildert, in der es verschiedenste philosophische Strömungen gegeben hat. Besondere Beachtung wird dabei der Epikureismus finden, zu dem sich La Fontaine lange Zeit hingezogen fühlte. Auch der Weg La Fontaines zu dieser philosophischen Strömung wird skizziert. Im darauf folgenden Abschnitt soll eine kurze Definition von Menschenfabeln gegeben werden und ihr Zusammenhang mit der philosophischen Prägung des Autors erläutert werden. Abschließend dient eine vergleichende Analyse der Doppelfabel La mort et le malheureux & La mort et le bûcheron (Buch I, Fabeln 15&16) mit der Fabel La mort et le mourant (Buch VIII, Fabel 1) der Verdeutlichung von La Fontaines epikureischer Prägung und seiner Übertragung in den Fabeln.
1 1668 erschienen die Bücher 1-6, 1678 Bücher 7-11 und 1694 das zwölfte Buch (nach Naumann, 1987)
2 Vgl.: Voßler, Karl: La Fontaine und sein Fabelwerk , Heidelberg 1919.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die philosophische Situation im siècle classique
3. Der Epikureismus
4. La Fontaine und der Epikureismus
5. Definition „Menschenfabeln“
6. Analyse der Fabeln mit Hinblick auf die philosophische Orientierung
6. 1. „La mort et le malheureux“ und „La mort et le bûcheron“
6.2 „La mort et le mourant“
7. Abschließende Betrachtung
8. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Prägung von Jean de La Fontaines Fabelwerk, insbesondere unter dem Einfluss des Epikureismus, und analysiert, wie diese in seinen sogenannten „Menschenfabeln“ zum Ausdruck kommt.
- Philosophische Strömungen im Frankreich des 17. Jahrhunderts
- Kernkonzepte des Epikureismus und deren Rezeption durch La Fontaine
- Funktion und Definition der Gattung „Menschenfabel“
- Vergleichende Analyse der Fabeln „La mort et le malheureux“, „La mort et le bûcheron“ und „La mort et le mourant“
- Kritische Auseinandersetzung mit stoischen versus epikureischen Weltanschauungen
Auszug aus dem Buch
6. 1. „La mort et le malheureux“ und „La mort et le bûcheron“ (Buch 1, Fabeln 15&16)
Die beiden Fabeln sind eine so genannte „Doppelfabel“, wobei das Prinzip „darin besteht, dass eine Fabel die andere häufig ergänzt, vertieft und/oder kommentiert, indem jetzt nicht mehr Tiere oder Pflanzen, sondern Menschen die Protagonisten sind“15. Das Konzept der Doppelfabel ist also nach Grimm mit der Menschenfabel eng verbunden, weshalb die Betrachtung im Zusammenhang wichtig ist.
Die erste Fabel teilt sich in einen Hauptteil und einen Prosakommentar. Ein Unglücklicher fleht jeden Tag den Tod an, ihn endlich von seinem grausamen Schicksal zu befreien. Als der Tod schließlich kommt, erschrickt sich der Mann und schickt den Tod weg. Das Resümée findet sich in einem Zitat von Mäzena, welches lautet: „Qu’on me rend impotent, / Cul-de-jatte, gouteux, manchot, pourvu qu’en somme / Je vive, c’est assez, je suis plus content“16. Der Autor selbst fügt hinzu : „ Ne viens jamais, ô mort; / on t’en dit tout autant.“17, was später für die philosophische Interpretation noch von Bedeutung sein wird.
Das Zitat von Mäzena (Vers 12-14) ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil, auf den La Fontaine auch noch einmal im Kommentar eingeht. Er erklärt dort, dass man ihn nach der Rezeption der ersten Fabel darauf aufmerksam gemacht habe, dass er sich besser an Aesop gehalten hätte. Er aber wollte auf das ‚bonmot’ des Mäzenas nicht verzichten und würde deshalb die an Aesop gelehnte Fabel ‚nachreichen’.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in La Fontaines Wirken als Fabeldichter und die zentrale Fragestellung seiner philosophischen Entwicklung.
2. Die philosophische Situation im siècle classique: Überblick über die zeitgenössischen Strömungen und den Gegensatz zwischen Descartes und Gassendi.
3. Der Epikureismus: Darstellung der Lehre Epikurs, ihrer Ziele wie der Ataraxie und ihrer Relevanz für das Verständnis des Todes.
4. La Fontaine und der Epikureismus: Aufarbeitung der persönlichen Kontakte La Fontaines zu epikureischen Denkern wie Bernier.
5. Definition „Menschenfabeln“: Analyse, warum La Fontaine Menschen statt Tiere als Protagonisten wählte und welchen kritischen Zweck diese erfüllten.
6. Analyse der Fabeln mit Hinblick auf die philosophische Orientierung: Detaillierte Untersuchung der ausgewählten Todesfabeln hinsichtlich ihrer epikureischen und anti-stoischen Aussagen.
7. Abschließende Betrachtung: Zusammenfassendes Fazit über die philosophische Mehrdeutigkeit und die epikureische Grundhaltung La Fontaines.
8. Literaturangaben: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Jean de La Fontaine, Fabeln, Epikureismus, Menschenfabel, Siècle classique, Philosophie, Tod, Ataraxie, Gassendi, Descartes, Doppelfabel, Sozialkritik, Moralistik, Literaturanalyse, Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Ausrichtung des französischen Dichters Jean de La Fontaine und analysiert, wie er seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Epikureismus in seinen Fabeln verarbeitet hat.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideengeschichte des 17. Jahrhunderts, der Lehre Epikurs, der Gattungsdefinition der Menschenfabel sowie der literarischen Umsetzung philosophischer Konzepte zum Thema Tod.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass La Fontaines Fabeln nicht nur Unterhaltung sind, sondern ein gezieltes Sprachrohr für seine philosophische, insbesondere epikureisch geprägte Weltsicht darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch historische Kontextualisierung und vergleichende Textinterpretation (Doppelfabel-Prinzip) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Einordnung der Epoche, eine theoretische Grundlegung zum Epikureismus und eine tiefgehende Analyse von drei ausgewählten Fabeln, die das Thema Tod behandeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Epikureismus, Menschenfabel, La Fontaine, Philosophie, Vernunft (raison) und Tod bestimmt.
Warum spielt der Begriff „Menschenfabel“ eine so zentrale Rolle?
Menschenfabeln dienten La Fontaine dazu, soziale Missstände und menschliche Irrationalität direkter zu kritisieren, als es in der klassischen Tierfabel möglich gewesen wäre.
Wie positioniert sich der Autor zur stoischen Philosophie?
Die Arbeit zeigt auf, dass La Fontaine in seinen Fabeln – etwa in der Doppelfabel über den Tod – ironische Spitzen gegen die als unmenschlich empfundene stoische Lehre richtet.
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- Catharina Niedermeier (Author), 2004, Menschenfabeln: Der philosophische La Fontaine anhand einer Fabelanalyse ('La mort et le malheureux', 'La mort et le bûcheron' und 'La mort et le mourant'), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49159