Die grammatische Paradigmatisierung von "brauchen" als Modalverb

Auf welchen Ursachen beruht dieser Sprachwandelprozess?


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Verwendung von brauchen als Modalverb aus diachroner Perspektive

2. Die grammatische Paradigmatisierung von brauchen als Modalverb aus gebrauchstheoretischer Perspektive

3. Qualitative Korpusanalyse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

Wenn ein Schüler heute sagt Er braucht morgen nicht kommen, so wird ihn ein Lehrer möglicherweise korrigieren, indem er sagt: „Brauchen“ ist kein Modalverb und muss deshalb mit „zu“ verwendet werden, es muss also heißen „Er braucht morgen nicht zu kommen“. In einem gewissen Sinne hat der Lehrer damit Recht; aber der Schüler könnte darauf wie folgt antworten: Aus der Tatsache, dass „brauchen“ so oft ohne „zu“ mit dem reinen Infinitiv verwendet wird, lässt sich erkennen, dass „brauchen“ im Begriff ist, ein Modalverb zu werden. Alle Modalverben waren ehedem ganz normale Vollverben. (Keller/Kirschbaum 2003: 9)

Einleitung

Die im Zitat geschilderte Situation bildet nicht nur ein Dilemma des Deutschunterrichts ab, sondern auch eines der Sprachwissenschaft. Der Status des Verbs brauchen und die damit verbundenen syntaktischen Formen desselben sind umstritten. Während es in der Bedeutung von etwas nötig haben, etwas benötigen den Vollverben zugerechnet wird, tritt es vermehrt auch in modaler Lesart auf. Für die modale Verwendung von brauchen gibt der Duden folgende Regeln an: brauchen müsse mit Infinitiv mit zu sowie verneint oder eingeschränkt gebraucht werden. Nicht brauchen sei gleichbedeutend mit nicht müssen. Das Perfekt wird mit er hat es nicht zu tun brauchen angegeben. Der Tatsache, dass nicht brauchen häufig ohne zu gebraucht wird, begegnet der Duden mit dem Hinweis, dass umgangsprachlich eine Verwendung ohne zu möglich sei. (vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/brauchen) Die Formenvielfalt des Verbs brauchen dürfte bereits an dieser Stelle erkennbar geworden sein. So ist das Partizip Perfekt laut Duden bereits der Perfektbildung von Modalverben angeglichen (er hat es nicht zu tun brauchen statt *er hat es nicht zu tun gebraucht), wenngleich der Infinitiv mit zu als standardsprachlich korrekte Version bestehen bleibt. Wie die Ausführungen des Dudens zu deuten sind, wird uns zu einem späteren Zeitpunkt dieser Hausarbeit beschäftigen.

Wenn wir einen Blick in den Atlas zur deutschen Alltagssprache werfen, finden wir auf Grundlage der subjektiven Einschätzung der Befragten einen deutlichen Beweis für den Gebrauch von brauchen als Modalverb mit Infinitiv ohne zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Die Karte zeigt eine Zweiteilung des Sprachgebiets. So gaben die Befragten im österreichischen und deutschen Sprachraum südlich der Mainlinie einhellig die Verwendung von brauchen mit Infinitiv ohne die Partikel zu an, während in Norddeutschland, Mitteldeutschland sowie Südtirol die Verwendung mit zu präferiert wurde. Ob dies ein Anzeichen dafür ist, dass die Angleichung von brauchen an die Modalverben, die ebenfalls mit dem reinen Infinitiv verwendet werden, in jenen Gebieten am weitesten fortgeschritten ist, kann auf dieser Datengrundlage nicht geklärt werden. Der Atlas zur deutschen Alltagssprache weist zudem darauf hin, dass sich im „Berliner Wendecorpus“ fast doppelt so viele Konstruktionen von nicht brauchen ohne zu wie mit zu finden lassen. (vgl. http://www.atlas- alltagssprache.de/runde-7/f06a/) Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit der Fragestellung auseinandersetzen, wie die grammatische Paradigmatisierung von brauchen als Modalverb verläuft und auf welchen Ursachen dieser Sprachwandelprozess beruht. Im ersten Kapitel wird der traditionelle, diachrone Ansatz der Sprachwissenschaften gewählt und ein Erklärungsansatz für die Integration von brauchen ins Modalverbsystem des Deutschen vorgestellt.

Im zweiten Kapitel wird der diachrone Ansatz mit einer gebrauchstheoretischen Perspektive nach Sascha Bechmann (2013) kontrastiert. Dieser zieht gängige Erklärungsmuster zur modalen Verwendung von brauchen in Zweifel und entwirft eine pragmasemantische Gebrauchstheorie, welche die Entwicklung von brauchen unter zweckrationalen Gesichtspunkten zu erklären versucht. Im dritten Kapitel werden die Ergebnisse einer eigenen Korpusrecherche skizziert und qualitativ analysiert. Die konkurrierenden Erklärungsansätze werden gegeneinander abgewogen, um schließlich im vierten und letzten Kapitel eine Zusammenschau der Erarbeitung vorzunehmen.

1. Die Verwendung vonbrauchen als Modalverb aus diachroner Perspektive

In ihrem Aufsatz „Wie brauchen ins deutsche Modalverb-System geriet und welche Rolle es darin spielt“ (1996) erörtert Barbara Lenz die diachrone Entwicklung von brauchen als Modalverb.

Lenz merkt an, dass die modale Verwendung von brauchen ein sprachgeschichtlich recht junges Phänomen ist. Sie datiert das allmähliche Erscheinen von brauchen im Modalverbsystem auf das 16. Jahrhundert. (vgl. Lenz 1996: 393) Anders als der Duden schreibt Lenz der modalen Form brauchen die Funktion zu, sowohl sollen als auch müssen zu verneinen. (vgl. ebd.) Ich werde zunächst kurz die für diese Hausarbeit relevanten Eckpunkte der diachronen Entwicklung des Verbs brauchen schildern, um dann Lenz’ Ansatz zur Erklärung der synchronen Verwendung von brauchen skizzieren zu können. Brauchen hat seinen Ursprung im Gotischen und wurde zuerst ausschließlich als Vollverb verwendet. (vgl. ebd. S. 394) Das Vollverb brauchen durchlief syntaktisch verschiedene Entwicklungsstufen und wurde über die Zeit hinweg mit unterschiedlichen Kasus konstruiert. Die für Lenz entscheidende Wende lässt sich im Spätalthochdeutschen und Frühmittelhochdeutschen nachweisen. So wird das Verb brûchen erstmals mit Präpositionalergänzungen konstruiert, darunter auch zu-Ergänzungen. (vgl. ebd. S. 395) Im Frühneuhochdeutschen schließlich werden zu-Ergänzungen häufiger bis ins 19. Jahrhundert hinein (I).

(I) und brauche meinen Namen nicht zum Dolche gegen mich

(Hölderlin, >Hyperion<, I, S. 38 [Scaffidi-Abbate 1973, S. 19], zitiert nach Lenz 1996: 395)

Die zu-Ergänzung findet sich im synchronen Sprachgebrauch nicht mehr. Jedoch stellt Lenz die These auf, dass sich aus der Konstruktion mit zu-Objekt die modale Variante von brauchen entwickelte. (vgl. Lenz 1996: 396) Wie sich der kausale Wirkungszusammenhang gestaltet, lässt Lenz offen:

Ob allerdings die syntaktische Konstruktion mit zu-Infinitiv zum >modalen Sinn< von brauchen führte oder ob die modale Verwendung von brauchen eine syntaktische Konstruktion in Anlehnung an die klassischen Modalverben, nämlich mit Infinitiv, erforderlich machte, sei dahingestellt. (ebd.)

Woher stammt nun aber der „modale Sinn“ von brauchen? Lenz sieht die Ursache dafür in weitreichenden Verschiebungen im Modalverbsystem. So trat brauchen an die Stelle des alten dürfen. Das Vollverb dürfen trat schon im Gotischen mit der Bedeutung von brauchen, benötigen auf, wovon wir heute noch Spuren im Verb bedürfen finden. In der modalen Verwendung lässt sich dürfen vom Althochdeutschen bis ins Frühneuhochdeutsche in der Bedeutung von nicht müssen, nicht sollen nachweisen. (vgl. Lenz 1996: 397) Eben dieses alte dürfen war ein negatives Polaritäts-Element, d.h. es trat vorwiegend in Negationen auf. (vgl. ebd. S. 399) Im Alt- und Mittelhochdeutschen hatte das Verb mögen verschiedene Bedeutungen, u.a. fähig sein, aber auch die Erlaubnis haben. Im Neuhochdeutschen verlor mögen beide Bedeutungen, in vermögen ist erstere noch erhalten und wurde ansonsten von können übernommen, während letztere von dürfen übernommen wurde. Durch diese Verschiebungen entstand eine Leerstelle. An die Position von dürfen im Sinne von brauchen, benötigen bzw. als Modalverb in der Bedeutung von nicht müssen, nicht sollen rückte das Verb brauchen. (vgl. ebd. S. 398)

Um diese Verwendungsweise zu illustrieren sollen kurz zwei Beispiele für nicht sollen besprochen werden. Nicht brauchen kann sowohl als Negation von sollen als auch von müssen dienen, jedoch unter unterschiedlichen Voraussetzungen und mit unterschiedlichen Funktionen. Dabei spielt vor allem der Negationsskopus eine Rolle. In der Bedeutung von nicht sollen kann nicht brauchen synchron eher selten verwendet werden. Dies liegt daran, dass sollen fast gänzlich mit einem engen Negationsskopus verwendet wird. Brauchen kann als Negatives Polaritäts-Element allerdings nur innerhalb des Negationsskopus befinden. Dies entspricht einem weiten Negationsskopus. (vgl. Lenz 1996: 404 f.) Syntaktisch ist der Negationsskopus bei nicht müssen und nicht sollen nicht ablesbar, er kann jedoch durch Ersetzungstests mit nicht dürfen und nicht brauchen als Testkriterium geprüft werden. (vgl. ebd. 407 f.)

(a) Du sollst nicht töten.
(b) Du darfst nicht töten.
(c) ?Du brauchst nicht töten.

Anhand der Beispielsätze (a)-(c) lässt sich leicht feststellen, dass ein enger Negationsskopus vorliegt. Die Bedeutung von nicht sollen entspricht nicht derjenigen von nicht brauchen. Eine Ersetzung ist demnach nicht möglich.

(d) Er soll den Kuchen ja nicht aufessen, er soll ihn nur mal probieren.
(e) ?Er darf den Kuchen ja nicht aufessen, er soll ihn nur mal probieren.
(f) Er braucht den Kuchen ja nicht aufessen, er soll ihn nur mal probieren.
(Beispiel übernommen von Lenz 1996: 408 f.)

Die Beispielsätze (d)-(f) zeigen deutlich, dass eine Ersetzung mit nicht brauchen möglich ist, während eine Ersetzung mit nicht dürfen nicht plausibel erscheint. Er liegt demnach ein weiter Negationsskopus vor.

Für nicht müssen lässt sich dieser Test ebenfalls anwenden, worauf an dieser Stelle verzichtet wird. Für müssen kann man festhalten, dass im synchronen Gebrauch meist ein weiter Negationsskopus vorliegt. Daher kann nicht müssen nahezu immer mit nicht brauchen ersetzt werden. Vor allem in der Schriftsprache dominiere die Realisierung der Negation durch nicht brauchen. (vgl. Lenz 1996: 410)

Als wie plausibel der Ansatz von Lenz sich erweist, wird in der Kontrastierung mit einer völlig anderen Perspektive deutlich werden.

2. Die grammatische Paradigmatisierung vonbrauchen als Modalverb aus gebrauchstheoretischer Perspektive

Auch Bechmann beschäftigt sich mit dem bisher einzigartigen Phänomen der grammatischen Paradigmatisierung von brauchen als Modalverb. Da es sich um eine moderne, noch nicht abgeschlossene Entwicklung handelt, gäbe es bisher keine systematischen Untersuchungen zum Phänomen. (vgl. Bechmann 2013: 301) Bechmann will eben diese systematische Untersuchung leisten und nähert sich dem Themenkomplex dabei aus semantischer Richtung. Der grammatischen Paradigmatisierung von brauchen als Modalverb liege eine „funktionale[ ] Parameterkongruenz“ zugrunde (Bechmann 2013: 299). Diese beschreibt „die Tendenz, ein Wort aufgrund von Ähnlichkeiten in der Parameterstruktur der Gebrauchsregel einem grammatischen Paradigma zuzuschreiben, zu dem es ursprünglich nicht gerechnet werden konnte“. (ebd. S. 300) Dieser Prozess sei semantisch begründet, womit syntaktische Veränderungen als Nebeneffekt dieser Entwicklung bezeichnet werden können. (vgl. Bechmann 2013: 300; 317) Um diesen Argumentationsgang näher beleuchten zu können, muss zunächst auf die Grundannahmen Bechmanns zu Sprach- und Bedeutungswandel eingegangen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die grammatische Paradigmatisierung von "brauchen" als Modalverb
Untertitel
Auf welchen Ursachen beruht dieser Sprachwandelprozess?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar: „Syntaktische (Rand-)Phänomene des Deutschen“
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V491602
ISBN (eBook)
9783668978072
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Syntax, Modalverben, brauchen, Infinitiv, Gebrauchstheorie, Pragmatik, Grammatik, Sprachwandel, Korpus, Korpusanalyse, Analyse, Deutschunterricht
Arbeit zitieren
Henrike Vogel (Autor), 2018, Die grammatische Paradigmatisierung von "brauchen" als Modalverb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491602

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