Das Verhältnis des frühen Christentums zur Astrologie


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Anti-astrologische Polemik des frühen Christentums

2. Abseits der Dichotomie: Integration von Astrologie im frühen Christentum

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Christentum gilt vielen als vehementer Gegner der Astrologie. So wurde die Astrologie unter Kaiser Valens im 4. Jahrhundert n. Chr. per Gesetzgebung als error gebrandmarkt und jede Konsultation von Astrologinnen und Astrologen, ob bei Tag oder Nacht, ob öffentlich oder privat verboten und sowohl für den Astrologen als auch für den Klienten unter Strafe gestellt (vgl. Hegedus 2000: 14; Stuckrad 2000: 793 f.). Unter Kaiser Honorius und Theodosius (347 – 395 und 384 – 424) wurde die Astrologie schließlich als Häresie eingestuft. Astrologinnen und Astrologen sollten nicht nur aus Rom, sondern aus allen Städten und Gemeinden vertrieben werden,

„wenn sie nicht bereit sind, nachdem sie die Bücher des ihnen eigenen Irrtums unter den Augen der Bischöfe verbrannt haben, zum Glauben der katholischen Religion überzutreten und niemals zu ihrem früheren Irrtum zurückzukehren“1 (vgl. Hegedus 2000: 14 f.; Stuckrad 2000: 796).

Die fortschreitende Kriminalisierung der Astrologie unter christlicher Herrschaftspolitik ist zwar ein mitunter blutiger Beweis für die Ablehnung der Astrologie von christlicher Seite, jedoch ist damit bei Weitem nicht die gesamte Vielfalt antiker christlicher Reaktionen auf die Astrologie abgedeckt. Das pauschale Urteil, Christentum und auch Judentum seien von Beginn an Gegner jeder astrologischen Betätigung gewesen, bedarf einer differenzierten Untersuchung.

Daher wird das Verhältnis des frühen Christentums zur Astrologie Gegenstand dieser Hausarbeit sein. Hierbei werde ich vorrangig zwei umfassende Werke zur Thematik sichten, zum einen Kocku von Stuckrads „Das Ringen um die Astrologie. Jüdische und christliche Beiträge zum antiken Zeitverständnis“ (2000) und zum anderen die Studie von Timothy Michael Joseph Hegedus „Attitudes to Astrology in Early Christianity: A Study Based on Selected Sources” (2000).

Im ersten Kapitel werde ich die herkömmliche anti-astrologische Polemik des frühen Christentums skizzieren. Im darauffolgenden Kapitel widme ich mich dann der differen-zierteren Beschreibung verschiedener christlicher Gruppierungen, die der Astrologie keines-falls nur ablehnend gegenüberstanden. Dabei folge ich Stuckrads Herangehensweise, der in seinem ausgiebig recherchierten Werk versucht hat „das Kaleidoskop der möglichen Haltungen zur astrologischen Weltdeutung sichtbar werden zu lassen“ (Stuckrad 2000: 11). Im dritten und letzten Kapitel werde ich schließlich die Ergebnisse der Sichtung zusammenfassen und ein Fazit zum Verhältnis vom frühen Christentum zur Astrologie ziehen. Die Arbeit beansprucht keine Vollständigkeit. Es wird ganz im Gegenteil der Versuch unternommen möglichst präzise, aber dennoch differenziert die christlichen Positionen der Antike zur Astrologie darzustellen und verschiedene Forschungspositionen in der Wissen-schaftsgeschichte begründet gegeneinander abzuwägen.

1. Anti-astrologische Polemik des frühen Christentums

Die anti-astrologische Polemik des Christentums bediente sich verschiedener Argumenta-tionslinien, die sich sowohl aus theologischen Überlegungen als auch aus einem breiten Fundus von bereits existierenden philosophischen und methodologischen Gegenargumenten speisten (vgl. Dihle 2010: 104: Hegedus 2000: 20 f.). Dabei wurde die Astrologie meist mit dem Glauben an ein fatalistisches Schicksal in Verbindung gebracht oder sogar gleichgesetzt (vgl. Hegedus 2000: 20 f.), woraus eine radikale Ablehnung resultierte.

Nachfolgend werden die wichtigsten Argumente und ihre Vertreter jeweils kurz nach-gezeichnet und eingeordnet. Dabei werde ich thematisch vorgehen und jeweils Beispiele für das Vorkommen des Arguments beifügen.

Eines der häufigsten Argumente aus der griechisch-römischen astrologiekritischen Tradition nennt Hegedus „ Practical Impossibility “ (Hegedus 2000: 24). Die praktische Umsetzbarkeit astrologischer Lehren wurde dabei gravierend in Zweifel gezogen. So könne die Position der Himmelskörper zum Zeitpunkt der Befruchtung bzw. der Geburt durch den Astrologen nicht präzise festgestellt werden. Diese Kritik wurde in verschiedenen Variationen wiedergegeben und weiterentwickelt. Der jüngste der vier großen lateinischen Kirchenväter der Spätantike, Gregor der Große (540 – 604) beispielsweise führte dieses Argument zu seinem reductio ad absurdum, indem er darauf hinwies, dass die verschiedenen Teile eines Babys verschiedene Horoskope haben müssten, da die Geburt als langwieriger Vorgang während der Sukzession mehrerer Tierkreiszeichen vonstatten gehe2 (vgl. Hegedus 2000: 25). Der Bischof Gregor von Nyssa (335/340 – 394) bezog das Argument in Contra Fatum auf Artefakte wie Schiffe oder Städte, die in mehreren Schritten hergestellt würden oder sich über eine längere Zeit ent-wickelten, sodass nicht entscheidbar sei, ab wann das Horoskop bestimmt werden solle (vgl. ebd.).

Dass astrologische Methoden nicht gegen jeden Fehler gefeit sind, bemerkt bereits Ptolemaios (um 100 – 160) in seiner Tetrabiblos (1.2: 15 ff.), der allerdings in der Unvollkommenheit der Wissenschaft keinen Grund zur Ablehnung jener sieht.

Ein weiteres Argument, das wahrscheinlich auf Karneades zurückgeht, ist das der unter-schiedlichen Schicksale bei gleichem Horoskop bzw. der ähnlichen Schicksale trotz unter-schiedlichem Horoskop. Hippolyt von Rom (um 170 – 235) stellt in seiner Refutatio fest, dass es viele Menschen gibt, die zur gleichen Zeit geboren würden. Allerdings wäre keiner von den zur gleichen Zeit geborenen Personen etwa wie der Philosoph Platon geworden. (vgl. Hegedus 2000: 37) Dieses Argument ist ein passendes Beispiel dafür, dass die Polemik gegen die Astrologie meist unabhängig vom Stand der Wissenschaft funktionierte. So garantierte nämlich das komplexe System der Astrologie, dass jeder Mensch ein einzigartiges Geburtshoroskop besaß. (vgl. Hegedus 2000: 39)

Das Argument der ähnlichen Schicksale bezeichnet die Idee, dass Menschen trotz unterschiedlicher Horoskope ein ähnliches Schicksal treffen kann. Dieses Argument wurde meist durch kollektive Ereignisse wie etwa Kriege oder Krankheitswellen gestützt. In einer Variation des Arguments, das z.B. bei Bardesanes (154 – 222) auftaucht, stehen die Sitten und Gebräuche von Völkern und Nationen im Vordergrund. Origenes (185 – 254) rückt etwa die besonderen Traditionen des Judentums in den Mittelpunkt, die sich länderübergreifend wiederfinden ließen. (vgl. Hegedus 2000: 81 ff.) Letzteres Argument hebelte dadurch gleichzeitig die mögliche Erwiderung von Astrologen bezüglich der Lehre der astrologischen Geographie aus, nach der die Erde in sieben verschiedene geographische Zonen aufgeteilt sei, über die jeweils ein anderer Planet regiere, wodurch das Erscheinungsbild und die Sitten von Völkern erklärt würden (vgl. Hegedus 2000: 89). Jener Bardesanes, von dem eben die Rede war, wurde später als Häretiker eingestuft, da er nicht nur als Christ, sondern auch als Astrologe galt (zu der Problematik der Ketzerei siehe unten in diesem Kapitel).

Ein anderes Argument gegen die Astrologie stellt das Tier-Argument dar. Hegedus ordnet dieses Argument in den Kontext der unterschiedlichen Schicksale bei gleichem Horoskop ein. So erwähnt Augustinus von Hippo (354 – 430) im Zuge der Erörterung dieses Arguments Tiere und Pflanzen, die folgerichtig ebenso unter dem Einfluss der Planeten stehen müssten wie die Menschen. Allerdings, so führt er aus, würde die Saat, die zur selben Zeit gepflanzt wird, unterschiedlich gut gedeihen. Ein Teil der Ernte würde etwa durch Schädlinge oder Krankheiten zerstört, ein anderer Teil von Vögeln gefressen und wiederum ein anderer Teil von Menschen geerntet. Augustinus fragt, ob all diese Saatkörner unter verschiedenen Planetenkonstellationen stünden und daher von solch unterschiedlichen Schicksalen ereilt würden, obwohl sie an demselben Tag gepflanzt wurden.3 (vgl. Hegedus 2000: 40, 97) Neben diesen Argumente, die schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert unter Karneades (214/213 v. Chr. – 129/8 v. Chr.) oder Poseidonius (135 v. Chr. – 51 v. Chr.) kursiert hatten und die bereits von Cicero (106 v. Chr. – 43 v. Chr.) genutzt wurden, gab es auch einen reichen Bestand an rein moralisch-theologischen Argumenten gegen die Astrologie.

Eines dieser Argumente, das in der antiken Welt eine beträchtliche Wirkung entfaltete, verteidigte die Willensfreiheit gegen die fatalistische Astrologie. Von Philo von Alexandria (20/30 v. Chr. – 45 n. Chr.), der lange Zeit nicht als jüdischer Gelehrter sondern als Christ angesehen wurde und dessen Lehren daher vom Christentum tradiert wurden, über Origenes und Bardesanes zu Eusebius (ca. 260 – 339) wurde das Argument der Willensfreiheit gegen die Astrologie eingesetzt. Dabei wurden sowohl theologische als auch juristisch-moralische Gedanken ins Feld geführt. So schreibt Philo von Alexandria, die Schicksalsgläubigkeit der Menschen würde die Freiheit derselben abstreiten und jede Handlung, also auch jedes Vergehen dem Lauf der Sterne zuschreiben. Die Verbrecher müssten also „zwangsläufig durch die tyrannische Macht der Sterne auf die schiefe Bahn geraten“4 (Stuckrad 2000: 232). Damit jedoch würde jedes Gesetz und jeder richterliche Urteilsspruch obsolet. Auch der Begriff der Sünde oder der Sinn von Gebeten würde durch eine fatalistische Konzeption der astralen Mächte ad absurdum geführt (siehe Hegedus 2000: 108 f.). Außerdem müsste, wenn „schließlich auch alles böse Tun vom Schicksal vorausbestimmt wäre, [ ] Gott selbst der Urheber der Sünde sein, und der Sinn seiner ganzen Schöpfung wäre in Frage gestellt“ (Tinnefeld 1996: 27). Hier tritt eine Verflechtung verschiedener Argumentationen zutage, da nicht nur die Willensfreiheit bedroht scheint, sondern die göttliche Schöpfung insgesamt. Auf den Schöpfungskomplex werde ich weiter unten noch einmal eingehen.

Auch der Glaube, dass einige Planeten bösartig seien, läuft der Anschauung zuwider, dass Gott nichts geschaffen hat, das ein böses Werk verrichtet (vgl. Hegedus 2000: 117). Es gab Christen, die überzeugt waren, dass selbst ihr Übertritt zum christlichen Glauben vom Schicksal vorherbestimmt war. Dies steht im klaren Widerspruch zur Verteidigung der Willensfreiheit des Menschen. Wäre diese nicht gegeben, wären keine Entscheidungen möglich, also auch nicht die für oder gegen Gott.

Um die Willensfreiheit des Menschen und damit seine Fähigkeit zu moralischen Entscheidungen zu erhalten, sahen sich also viele christliche Autoren gezwungen die Astrologie zu verurteilen. Allerdings gab es auch Versuche, den alten Sternglauben in die göttliche Schöpfungsordnung zu integrieren, worauf ich im zweiten Kapitel ausführlicher eingehen werde. Die theologische Auseinandersetzung um Schicksal und Willensfreiheit führte teilweise zu ähnlichen Widersprüchen wie mit den astrologischen Lehren. Der Glaube an eine allumfassende göttliche Vorhersehung etwa lieferte Anschluss für eben jene fatalistischen Positionen, die einige christliche Autoren vehement ablehnten (vgl. Dihle 2010: 106).

Weiterhin schien die Astrologie vielen christlichen Autoren die göttliche Schöpfung in Frage zu stellen. Wenn die Planeten und Sterne über die irdischen Ereignisse entschieden, bedeutete dies eine Bedrohung von Gottes Macht. Um Gottes Erhabenheit über seine Schöpfung zu sichern, wurden die Planeten etwa von Clemens von Alexandria (150 – 215) als bloße Instrumente des göttlichen Willens, die unter anderem für den Wechsel der Jahreszeiten, aber auch für die göttliche Vergeltung zuständig waren (vgl. Hegedus 2000: 142). Die Zuständigkeit über die Planeten wurde noch häufiger gefallenen Engeln oder Dämonen zugeschrieben, die den Menschen zum Irrtum verführen sollten. Durch diese Vorstellung wurde die Macht der „Planetengötter“ depotenziert. Die Götter, die nach antikem Glauben von den Planeten repräsentiert wurden, wurden in Dämonen oder sündige Engel verwandelt, wodurch die Astrologie ebenso negativ als Sünde besetzt werden konnte. (vgl. Stuckrad 2000: 417, 591 f.; Hegedus 2000: 111-122) Stuckrad weist in diesem Zusammenhang korrekt darauf hin, dass man auf diese Weise zwar von streng fatalistischen Positionen Abstand nahm, dies jedoch „stets innerhalb astrologischer Weltdeutung“ (Stuckrad 2000: 771). Die Integration des astrologischen Denkens in das christliche Glaubenssystem wird im zweiten Kapitel vertieft erörtert.

Ein weiteres Argument, das erst mit Veränderung des machtpolitischen Gefüges Bedeut-samkeit erlangte, war, dass Astrologie von dem sich immer mehr normativ selbst-definierenden Christentum als Ketzerei verurteilt wurde. (vgl. Hegedus 2000: 136 ff.)

Es gilt jedoch zu beachten, dass es „das Christentum” in der Antike gar nicht als einheitliches Konstrukt gab. Die in diesem Kapitel versammelten Argumente und die zuletzt angeführte normative Sicht auf Häresie stellen keineswegs die einzige Umgangsweise mit der Astrologie im antiken Kontext dar. Vielmehr bilden sie nur einen kleinen Teil der vielfältigen christlichen Gruppen ab und zwar jenen, der sich später als „offizielle“ Kirche etablierte und rückwirkend die Wahrnehmung der Astrologie prägte. (vgl. Stuckrad 2000: 535 ff.) Doch um ein differenzierteres Bild des antiken Christentums skizzieren zu können, müssen gerade die Gruppen in den Blick genommen werden, die später aus dem normativen Christentum ausgeschlossen wurden. Daher wird im zweiten Kapitel die Studie von Kocku von Stuckrad in ihren wichtigsten Punkten geschildert und die bisher eindeutig astrologiefeindliche Position des antiken Christentums einer neuen Untersuchung unterzogen.

[...]


1 CTh. IX, 16, 12: Mathematicos, nisi parati sind codicibus erroris proprii sub oculis episcorum incendio concrematis catholicae religionis cultui fidem tradere numquam ad errorem praeteritum redituri [...] (zitiert nach Stuckrad 2000: 796)

2 Quibus e diverso nos dicimus quia magna est mora nativitatis. Si igitur in ictu puncti consteiiatio permutatur, necese iarn ent ut tot dicant fata, puot sunt membra nascentium (PL 76, 1112B), zitiert nach Hegedus 2000: 25

3 Nec illud voiunt advertere, quod electo ad seminandum agrum die tam multa grana in terram simu1 veniunt, simul genninant, exorta segete simul herbescunt pubescunt flavescunt, et tamen inde spicas ceteris coaevas atque, ut ita dixerim, congerminales alias robigo interimit, alias aves depopulantur, aiias homines avellunt. Quo modo istis alias consteUationes hisse dictun sunt, quas tam diversos exitus habere conspiciunt?" (CCL 47, 13 5.39-46) zitiert nach Hegedus 2000: 40.

4 [...] ex tyrannica astrorum potentia per vim ducti? (I, 87-88) zitiert nach Stuckrad 2000: 232

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Details

Titel
Das Verhältnis des frühen Christentums zur Astrologie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar "Wissenschaftsgeschichte: Antike Tierkreisastrologie"
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V491606
ISBN (eBook)
9783668983632
ISBN (Buch)
9783668983649
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christentum, Antike, Astrologie, Ketzerei, Magie, Wissenschaftsgeschichte, Kriminalisierung, Verfolgung, Judentum, Religion, Theologie, Politik, Herrschaft, Kirche, Horoskop, Schicksal, Schöpfung, Macht, Gott, Gnostiker, Mittelalter, Renaissance, Vielfalt
Arbeit zitieren
Henrike Vogel (Autor), 2017, Das Verhältnis des frühen Christentums zur Astrologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491606

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