Der Film LILI MARLEEN stellt im Werk des Rainer Werner Fassbinder in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit dar. Er ist vor allem der Fassbinderfilm mit dem größten Budget. Fassbinder hatte hier die Möglichkeit mit einem 10 Millionen D-Mark-Etat zu arbeiten und damit auch, wie ihm von Seiten seiner Kritiker vorgeworfen wurde, die Chance, sich bei den großen Filmstudios in Hollywood zu „bewerben“ , oder gar anzubiedern. Fassbinder war durch einen Zufall zu dem Projekt gekommen, nachdem Luggi Waldleitner, ein eher konservativer Produzent, sich die Rechte an dem Drehbuch von Manfred Purzer gesichert hatte. Purzer wiederum, selbst ein politisch eher konservativer Regisseur und Drehbuchautor, hatte das Drehbuch nach dem autobiografischen Roman Der Himmel hat viele Farben von Lale Andersen, der Sängerin des Liedes LILI MARLEEN geschrieben und sollte nach den Plänen Waldleitners auch die Regie übernehmen. Gleichzeitig wollte Waldleitner Hanna Schygulla, die er nach dem Erfolg von DIE EHE DER MARIA BRAUN für den weiblichen deutschen Filmstar mit internationalem Potential hielt, für die Hauptrolle gewinnen. Schygulla weigerte sich allerdings, unter Purzers Regie zu arbeiten und forderte von Waldleitner, Rainer W. Fassbinder zu engagieren. Für Fassbinder war es nun also einerseits eine großartige Möglichkeit einen teuren Film mit einem höchst professionellen Umfeld zu realisieren, der die Chance hatte ein breites Publikum zu erreichen, auf der anderen Seite bestand durchaus die Gefahr, die Sympathien alter Wegbegleiter und eines Teils seines eigenen Publikums zu verlieren. Fassbinder entschied sich, seiner Vorliebe für Auseinandersetzungen entsprechend, für den Weg des größten Widerstandes und damit für die Realisierung des Films. „Als Fassbinder auf das Angebot den Film zu drehen, einging, schloss er den Pakt nicht nur mit einem Teufel, sondern gleich mit zweien: mit ‚Papas Kino’ und der Kitsch-Glamour-Hitler-Nostalgie-Welle. Dass die anspruchsvollen Zeitungen daraufhin ein Protestgeheul anstimmten, konnte niemanden verwundern: Es wurde über Parallelen zur Nazizeit, über die Rache der Väter an den Söhnen spekuliert, und mit kaum verhohlener Schadenfreude hat man das einstige Enfant terrible des Ausverkaufs bezichtigt.“ Die Geschichte der Verbreitung und Rezeption des Liedes LILI MARLEEN, die im Film unter anderem erzählt wird, ist filmimmanent, genauso wie auch historisch eng mit dem Medium Radio verbunden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung sowie strukturelle Grundlagen
3. Figurenkonstellation/-entwicklung
4. Überblick: Radio- und Medientheorien
5. Thesen zur Inszenierung und Codierung des Radios im Film
5.1 Das Radio als Produktionsmaschine einer „Volksgemeinschaft“
5.2 Die subversive Kraft des Radios
5.3 Chronologisch/historische Einordnung der Handlung durch das Radio
5.4 Das Radio als Verbindungsmedium der getrennten Liebenden
5. Schlussbetrachtung/Fazit
Daten
Liedtext
Sequenzprotokoll
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die funktionale und narrative Rolle des Mediums Radio im Film „Lili Marleen“ von Rainer Werner Fassbinder. Dabei wird insbesondere analysiert, wie das Medium als Instrument der nationalsozialistischen Propaganda und gleichzeitig als ambivalent wirkendes Verbindungsglied in einer melodramatischen Liebesgeschichte inszeniert wird, wobei die Forschungsfrage der Wirksamkeit medienkritischer Ansätze im filmischen Kontext nachgeht.
- Inszenierung des Radios als zentrales Propagandainstrument des NS-Regimes
- Narrative Einordnung der Filmhandlung durch mediale Vermittlung
- Die ambivalente Rolle des Radios als Verbindungsmedium für getrennte Liebende
- Analyse der subversiven Wirkung des Liedes „Lili Marleen“
- Diskussion medientheoretischer Positionen (Brecht, Enzensberger, Baudrillard) im Filmkontext
Auszug aus dem Buch
5.1 Das Radio als Produktionsmaschine einer „Volksgemeinschaft“
In der Konstellation der beiden konkurrierenden Sphären ist die Rolle des Radios, die eines Mittels der Machterhaltung und der verschiedenen Marketingstrategien. Das NS-Regime setzt im Film auf die Macht des Spektakels um das Volk zu immer größeren Anstrengungen für die Kriegsmaschinerie zu treiben: „/.../ wobei militärische und logistische Macht durch drei Aspekte in erotischen Glamour überführt werden: die Mobilisierung der Massen, die Produktivität der Kriegsmaschinerie und die Konsumtion des Spektakels. Nicht körperlicher Zwang oder die Furcht vor Verhaftung, Folterung und Tod (die zentralen Erfahrungen der Nicht-Deutschen mit dem Hitler-Regime), sondern die Kriegsmaschinerie im weitesten Sinn, Seite an Seite mit der Technologie der audiovisuellen Reproduktion, erscheint als Droge, die die Bevölkerung vital und produktiv hält.“11
Diese Inszenierungen der „Freizeitmacht“ Nationalsozialismus werden im Film durch aufwändige Szenen im Sportpalast Berlin verdeutlicht. Hier ist das Mise-en-scene von besonderem Interesse: Die Bühne des Sportpalastes besteht in diesen Szenen aus einem riesenhaften Volksempfänger, aus dessen runder Lautsprecheröffnung eine Showtreppe hinunter zur Hauptbühne führt. Die Öffnung ist beim ersten Auftritt der Willie erst von einem Vorhang verschlossen, der beiseite geschoben wird und den Blick auf die Städtenamen Prag, Rom, Belgrad, Paris und Tripolis freigibt, um die angeschlossenen Funkhäuser in den überfallenen Gebieten zu symbolisieren. Der inszenierte Riesenvolksempfänger ist von einem Strahlenkranz umgeben, was den Eindruck der Strahlkraft des Radios noch verstärkt. Dieses überwältigende Bühnenbild kann durchaus als Symbol für die oben erwähnte Strategie der Mobilisierung durch Spektakel gesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte des Films im Werk Fassbinders ein und umreißt die narrative sowie mediale Bedeutung des Radios als zentralen Forschungsgegenstand.
2. Zusammenfassung sowie strukturelle Grundlagen: Dieses Kapitel gibt einen Abriss der Filmhandlung und erläutert die Gliederung des Werkes in vier Akte.
3. Figurenkonstellation/-entwicklung: Hier werden die diametralen figuralen Sphären des NS-Regimes und des jüdischen Widerstands analysiert, wobei die Sonderrolle der Protagonistin Willie hervorgehoben wird.
4. Überblick: Radio- und Medientheorien: Das Kapitel reflektiert medientheoretische Positionen von Bertolt Brecht, Hans Magnus Enzensberger und Jean Baudrillard hinsichtlich des emanzipatorischen bzw. manipulativen Charakters von Medien.
5. Thesen zur Inszenierung und Codierung des Radios im Film: Dieser Hauptteil untersucht detailliert die verschiedenen Funktionen des Radios als Propagandainstrument, historischer Taktgeber, subversives Element und verbindendes Medium im Film.
5.1 Das Radio als Produktionsmaschine einer „Volksgemeinschaft“: Analyse des Radios als Mittel der Machterhaltung und zur Schaffung imaginärer Räume durch Spektakel und Übertragungen.
5.2 Die subversive Kraft des Radios: Untersuchung der ambivalenten Wirkung des Liedes „Lili Marleen“ auf Soldaten und die Brechung militärischer Disziplin.
5.3 Chronologisch/historische Einordnung der Handlung durch das Radio: Darstellung, wie Radiodurchsagen als Strukturierungselemente der erzählten Zeit und historischer Kontextualisierung dienen.
5.4 Das Radio als Verbindungsmedium der getrennten Liebenden: Analyse des Topos der unerreichbaren Liebe und der funktionalen Rolle des Mediums als (einseitige) Verbindung.
5. Schlussbetrachtung/Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Radio-Inszenierung als Mittel zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dritten Reiches.
Schlüsselwörter
Rainer Werner Fassbinder, Lili Marleen, Radio, NS-Regime, Medientheorie, Volksgemeinschaft, Melodram, Propaganda, Subversion, Wunschkonzert, Hans Magnus Enzensberger, Jean Baudrillard, Bertolt Brecht, Medialisierung, Filmgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifische Inszenierung und Funktion des Mediums Radio im Spielfilm „Lili Marleen“ von Rainer Werner Fassbinder.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Medialisierung des Dritten Reiches, die Ambivalenz des Radios zwischen Propaganda und individueller Sehnsucht sowie die filmische Strukturierung durch mediale Signale.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die narrative, formale und ideologische Bedeutung des Radios im Film sowie dessen Rolle bei der Dekonstruktion nationalsozialistischer Mythen zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine film- und medientheoretische Analyse durchgeführt, die den Film in Bezug zu zeitgenössischen Medientheorien (u.a. von Brecht, Enzensberger und Baudrillard) setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Funktionen des Radios als „Volksgemeinschafts“-Instrument, als subversives Element, als historischer Ankerpunkt sowie als Verbindungsmedium der Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Fassbinder, Lili Marleen, Radio-Inszenierung, Propaganda, Volksgemeinschaft und mediale Subversion.
Inwiefern unterscheidet sich das Radio in Fassbinders Film von anderen zeitgenössischen Darstellungen?
Fassbinder nutzt das Radio nicht als nahtloses Verbindungselement, sondern dekonstruiert den medialen Raum, indem er die manipulative Form des Mediums gegen das NS-Regime selbst wendet.
Welche Bedeutung kommt dem Lied „Lili Marleen“ im Kontext der Radio-Analyse zu?
Das Lied fungiert als ambivalenter „floating Signifier“, der sowohl der emotionalen Gleichschaltung durch das Regime als auch der subversiven Entfremdung der Soldaten dient.
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- Jan Gerhard (Author), 2005, Radio als medialer Raum in Rainer W. Fassbinders 'Lili Marleen'. Inszenierung und Motivierung des Mediums, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49177