Das Kino und die neue Psychologie von Maurice Merlau-Ponty. Eine Anwendung des Textes auf den Film "Barfly" von Barbet Schroeder


Seminararbeit, 2002
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Das Kino und die neue Psychologie“ von Maurice Merlau-Ponty.

Eine Anwendung des Textes auf den Film „Barfly“ von Barbet Schroeder

1 Einleitung

Wahrnehmung ist mehr als die Summe der Reize. Sie ist mehr als die digitale Wiedergabe des Empfundenen. Wahrnehmung ist die Abbildung der Umwelt in unserem Denken.

Unsere Wahrnehmungsorgane kommunizieren mit dem Gehirn in 0 und 1, ähnlich der Bits und Bytes eines Computers. Das Gehirn setzt diese schwachen elektrischen Impulse in ein Gesamtbild zusammen. Doch wie Merlau-Ponty in seinem Artikel zeigt, reicht diese Erklärung nicht für die Dinge aus, die wir letztendlich wahrnehmen. In seinem Beitrag „Das Kino und die neue Psychologie“ stellt er die klassische Betrachtungsweise der Wahrnehmung den neuen Erkenntnissen der Psychologie gegenüber.

2 Die klassische und die neuere Betrachtungsweise der Wahrnehmung

2.1 Die klassische Psychologie

Dem Menschen werden fünf Sinne zugesprochen. Das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und das Riechen. In der klassischen Psychologie wurden alle Funktionen die zu diesen Sinnen gehören von ihrem rein biologischen Ablauf betrachtet. Diese Ansicht kritisiert Merlau-Ponty zu Recht. In dem hier zu Grunde liegenden Artikel nutzt er die Beispiele des Sehens und Hörens für die Widerlegung der Behauptung, dass sich die Wahrnehmung nur durch die Summierung der Reize und deren Interpretation durch die eigene Intelligenz erklären ließe.

In klassischen Psychologie wurde der Mensch als funktionierendes Wesen, ähnlich einer Maschine, begriffen. Man versuchte, alles Verhalten durch wissenschaftliche Analyse zu erklären. Wo die Wissenschaft und Medizin versagte, wurde die Intelligenz herangezogen. Dies war umso nützlicher, da die Intelligenz eines Individuums nicht direkt gemessen werden kann. Auch in heutiger Zeit bedient man sich noch indirekter Anzeichen und Leistungen, um diesen Wert festzulegen. Meines Erachtens war die Argumentation mit der Intelligenz ein gelungener Versuch, das Unerklärbare erklärbar zu machen. Dies wird in der Ausführung Descartes (1637, 1641) deutlich. Descartes sieht nur die Oberfläche der Dinge seines Gesichtsfeldes. Die Interpretation des Gesehenen überlässt er seiner Intelligenz. Merlau-Ponty geht in seinem Text noch einen Schritt weiter und diskutiert diesen Ansatz mit perspektivisch verzogenen Gegenständen und verdeckten Flächen. Wenn wir einen Würfel auf einem Tisch sehen, ist dieser durch seine räumliche Ausdehnung in die 3. Dimension verzerrt. In der klassischen Psychologie sehen wir aber nicht sofort einen Würfel. Unsere Rezeptoren im Auge, bestehend aus Zapfen und Stäbchen, nehmen das vom Würfel reflektierte Licht auf. Dabei werden einige Rezeptoren stärker, andere schwächer gereizt. Da unser Nervensystem aber nur Reiz und Nichtreiz unterscheiden kann, senden auch nur die Rezeptoren Signale an das Gehirn, die ausreichend mit ihrem Schlüsselreiz (hell, dunkel, Farbe) belichtet wurden. Haben diese Signale den Kortex erreicht, werden sie zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Natürlich kann das Gehirn nur das real Wahrgenommene erkennen. Daher ist eine weiter entfernte Kante des Würfels bei gleicher Länge scheinbar kürzer als eine näher liegende. Hier schaltet sich aber nach Merlau-Pontys Beschreibung die Intelligenz ein. Sie erkennt, dass es sich um einen Würfel handelt und informiert das Bewusstsein darüber. Ebenso verhält es sich mit einer verdeckten Fläche. Die Intelligenz erkennt, dass der Würfel auf der Tischplatte liegt und macht uns diesen Umstand bewusst. So entsteht aus 13 unterschiedlich langen Linien in unserem Bewusstsein das Wissen, dass dort ein Würfel mit 12 Kanten auf einer durchgehenden Fläche mit 4 Rändern liegt.

Auch wenn Merlau-Ponty diesen Vergleich nicht nennt, so denke ich doch, dass diese Ansichten der klassischen Psychologie mit der modernen Informatik vergleichbar sind. Eine Kamera wäre in diesem Fall das Auge, der Computer das Gehirn und der Monitor zeigt uns den Inhalt des Bewusstseins. Die Funktion der Intelligenz wird von der Software übernommen. Da die Software fehlerhaft oder von unterschiedlicher Qualität sein kann, simuliert sie unterschiedliche Intelligenzquotienten.

2.2 Die neue Psychologie

Auch die neue Psychologie nutzt die Funktionen des biologischen Systems für die Erklärung der Wahrnehmung. Im Gegensatz zur klassischen Psychologie gründet sie „die Einheit des Wahrnehmungsfeldes allerdings nicht auf eine Operation der Intelligenz“ (Merlau-Ponty, S. 31). Merlau-Ponty zeigt die Notwendigkeit dieses Umdenkens an der Theorie der Form auf. Diese lehrt uns, dass kein Gegenstand nur durch die Zuschreibung bestimmter Zeichen beschrieben werden kann. Die Dinge müssen in einem Kontext erkannt werden, um eine eigenständige Bedeutung zu erhalten. Als Beispiel werden hier Gegenstände unter verschiedener Beleuchtung genannt. Betrachtet man den o. g. Würfel bei Tages- oder Kerzenlicht, ändert sich seine optische Erscheinung entsprechend. Wenn die Intelligenz das Mosaik der Reize zu einem Ganzen zusammenfügt, sollte sie auch in der Lage sein, uns den Würfel in einer einzigen, nämlich seiner wahren, Farbe zu zeigen. Dies gelingt uns aber nicht. Vielmehr bilden die Lichtverhältnisse und die Eigenschaften des Würfels ein System, das „zu einem gewissen stabilen Niveau tendiert, und zwar nicht durch die Intelligenz, sondern durch die Konfiguration des Feldes selbst. Wenn ich wahrnehme, denke ich nicht die Welt, sie organisiert sich vor mir.“ (Merlau-Ponty, S. 232 f.). Wir erkennen den Würfel nicht nach einer intellektuellen Verarbeitung und Entzerrung der Reize. Ebenso ist es keine Leistung der Intelligenz, dass wir die verdeckte Standfläche des Würfels als Fläche und nicht als Fläche mit einer sechseckigen Öffnung sehen. Nach Merlau-Ponty werden die Verzerrungen bemerkt, bevor die Intelligenz sie korrigieren kann. Aber der Würfel bleibt für uns immer ein Würfel, egal aus welcher Perspektive. Seine Form ist durch die Intelligenz nicht zu beeinflussen. Er ist uns so gegeben. Zudem stellt sich die Frage, wie kleine Kinder ohne Vorbildung diese Verzerrung entwirren können, oder wie Menschen geringerer Leistungsfähigkeit ihre Welt erleben. Ohne eine Mindestleistung könnte deren Welt nur impressionistisch, ähnlich des „Cabinett des Dr. Caligari“ (Wiene, 1919) wirken.

Mit dem Beispiel der Bewegung unterstützt Merlau-Ponty die Widerlegung der Ansicht, die Intelligenz sei das zentrale Wesen beim Erkennen der Umwelt. Betrachten wir einen Gegenstand, so ist dieser Fixpunkt für uns stabil. Das Umfeld des Fixpunktes bewegt sich in Bezug zu diesem. Diese Wahrnehmung der Bewegung kann aber nicht beliebig verändert werden. Hier kann uns die Intelligenz nicht helfen. Selbst wenn wir den Himmel betrachten, kann der Baum am Horizont nicht fixiert werden. Dieser scheint sich so lange zu bewegen, bis wir den Baum fixieren und sich der Himmel um diesen herum bewegt. Wenn nun aber die Intelligenz nicht für das richtige Erkennen der Welt zuständig ist, müssen wir etwas anderes finden: Eine Fähigkeit, die sich vor der Intelligenz entwickelt hat und uns angeboren ist. Schenkt man den Beschreibungen von Drogenerfahrungen glauben, sollte diese Fähigkeit manipulierbar sein. Diese Manipulierbarkeit erfolgt aber nicht bewusst durch die Intelligenz, sondern ist die Hemmung bzw. Überaktivierung einiger Nervenzellen durch Gifte wie LSD oder Meskalin.

Die neue Psychologie lehrt außerdem eine andere Betrachtungsweise von Personen unseres Umfeldes. In der klassischen Psychologie erkennt der Mensch die gezeigten Reaktionen des Anderen und sucht vergleichbare Emotionen bei sich selbst. Sehen wir jemanden mit der Faust drohen, so wissen wir, dass er zornig ist. Darauf folgend suchen wir in unserem Selbst die biologischen Funktionen unseres eigenen Zorns und wissen nun, wie sich der Andere fühlt. Durch diese Innenschau wird aber das wahre Wesen von Zorn nicht enthüllt, denn wir können nur einen beschleunigten Herzschlag oder schnelleren Atem spüren. Nun stellt sich aber die Frage, warum schon kleine Kinder Emotionen ihrer Eltern verstehen, ohne diese selbst bereits hervorbringen zu können. Wenn ein kleines Kind noch keinen Zorn kennt, wie kann es dann den Zorn seines Gegenübers erkennen und selber Angst bekommen? Merlau-Ponty beschreibt Gefühle nicht als „...psychische Tatsachen, die in der tiefsten Bewußtseinstiefe des Anderen verborgen sind...“, sondern als „...von außen sichtbare Betragensweisen und Verhaltensstile.“ (S. 235). Emotionen wie Zorn sind Erleichterungsreaktionen, wenn man in eine Sackgasse geraten ist. Durch diese imaginären Handlungen verschaffen sich Menschen eine symbolische Befriedigung. Wir verändern damit unsere Beziehung zum Anderen. Eine Person, die uns gegenüber Liebe oder Hass zeigt, kann sich einer weiteren Person gegenüber ganz anders verhalten. Die Bewertung anderer Menschen beruht auf kulturellen Normen. In diesen muss eine Kongruenz zwischen allem Wahrnehmbaren bestehen. Ein Riese mit Engelsstimme, der Drohungen ausspricht und dabei einnehmend lächelt, wirkt grotesk. Eine Person ist uns gegeben. Demzufolge ist uns eine Person mit ihrer Aussprache, Gestik, Handlung und äußerer Erscheinung gegeben und Teil unserer Wirklichkeit. Es ist uns aber nicht möglich, die Gefühle eines Anderen identisch nachzuempfinden.

Die neue Psychologie sieht im Menschen also ein Sein, das in der Welt existiert und mit ihr verwoben ist. Andere Individuen sind Teil der Umwelt und befinden sich entsprechend ihres Verhaltens in einer bestimmten Position um das Individuum herum. Die klassische Psychologie reduzierte die Wahrnehmung eines Menschen auf das, was seine Intelligenz konstruieren konnte.

3 Die neuere Psychologie und der Film

Merlau-Ponty beginnt mit der Beschreibung eines Experimentes von Pudowkin. Darin wird die Aufnahme eines Gesichtes mit verschiedenen Bildern kombiniert. Je nach den zuvor gezeigten Bildern werden dem unveränderten Gesicht verschiedenen Ausdrucksweisen zugesprochen. Damit konnte eindrucksvoll nachgewiesen werden, dass der Sinn eines Bildes im Film von dem Vorangegangenen abhängt. Ein Film ist also mehr als die Summe der Einzelbilder. Er schafft durch das Spiel mit Bildkombinationen und Zeit eine neue Realität. Eindrücke werden auch durch die Dauer einer Darbietung verstärkt. Eine kurze Darbietung sorgt für einen lustigen Eindruck, eine sehr lange für einen schmerzerfüllten. Ist eine Einstellung zu kurz oder lang, wird ihre Wirkung vermindert. Ein Regisseur muss also mit der Dauer der Einstellungen und der Darstellung der Inhalte jonglieren, um keinen langweiligen oder grotesken Film zu schaffen. Ein guter Regisseur handelt in diesen Normen, ohne sie näher benennen zu können. Oft genug sind ihm dabei die Grundlagen dieser komplexen Filmstruktur nur ansatzweise bewusst. Wären diese Strukturen für jeden anderen offensichtlich und universell einsetzbar, könnte auch jeder einen guten Film drehen. Die gleichen Regeln gelten für den begleitenden Ton. Auch er wird nicht wahllos aufgezeichnet und dem Publikum präsentiert. Vielmehr ist der Ton eine Komposition zu den Bildern. Er unterstützt die neu geschaffene Realität und ermöglicht, sich unbewusst von Zeit und Raum zu trennen. Mit dem Ton gelingt es zum Beispiel, dass eine im Film dargestellte schnelle Autofahrt von etwa 10 Sekunden über 3 min dauern kann, ohne den echten Eindruck der 3 min zu spüren. Verändert sich aber der Ton oder die Einstellung wird zu lang, wird diese Autofahrt dem Zuschauer wie 6 min vorkommen. Ebenso ist es möglich, durch den Ton Ereignisse im Film erahnen zu lassen, bevor diese wirklich eintreten. Merlau-Ponty drückt dies sehr treffend aus: „So wie der visuelle Film nicht die simple, in Bewegung geratene Photographie eines Dramas ist, und so wie die Auswahl und Zusammenstellung der Bilder für das Kino ein originales Ausdrucksmittel bilden, so ist auch der Ton im Kino nicht die simple phonographische Reproduktion von Geräuschen und Worten, sondern weist eine gewisse Organisation auf, die der Schöpfer des Films erfinden muß. Der wahre Vorläufer des kinematographischen Tons ist nicht das Grammophon, sondern die Radiomontage.“

Bild und Ton bilden eine Einheit, die eine völlig neue und gemeinsame Realität schaffen. Aber auch hier gelten die Gesetzte der neuen Psychologie. Wie oben erwähnt, muss sich eine Erscheinung unserer Umwelt an Normen halten, um nicht grotesk und unglaubwürdig zu erscheinen. Bild und Ton dürfen sich deshalb inhaltlich nicht zu weit von einander entfernen. Andererseits bieten sich gerade dadurch neue Möglichkeiten für Komödien und Persiflagen.

[...]

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Details

Titel
Das Kino und die neue Psychologie von Maurice Merlau-Ponty. Eine Anwendung des Textes auf den Film "Barfly" von Barbet Schroeder
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Medienwissenschaften)
Veranstaltung
TPS: Einführung in die Phänomenologie des Films
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V4919
ISBN (eBook)
9783638130011
ISBN (Buch)
9783638746038
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kino, Psychologie, Maurice, Merlau-Ponty, Eine, Anwendung, Textes, Film, Barfly, Barbet, Schroeder, Einführung, Phänomenologie, Films
Arbeit zitieren
Daniel Pagels (Autor), 2002, Das Kino und die neue Psychologie von Maurice Merlau-Ponty. Eine Anwendung des Textes auf den Film "Barfly" von Barbet Schroeder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4919

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